mini|Hayden V. White Hayden Virgil White (* 12. Juli 1928 in Martin (Tennessee); † 5. März 2018 in Santa Cruz (Kalifornien)) war ein amerikanischer Historiker und Literaturwissenschaftler. Bekannt wurde er durch seinen Ansatz, Geschichtsschreibung literaturtheoretisch zu analysieren.

Leben White lebte in seiner Jugend in Tennessee und Detroit, wo sein Vater in der Automobilindustrie arbeitete.Neil Genzlinger: Hayden White, Who Explored How History Is Made, Dies at 89. New York Times, March 9, 2018 Er trat gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in die United States Navy ein. Nach dem Krieg studierte er an der Wayne State University (1951 B.A.) und der University of Michigan, 1952 seinen M.A., wo er dann im Jahre 1956 mit Promotion abschloss.Scott Rappaport: Influential historian Hayden White dies at 89. University of California at Santa Cruz, 12. März 2018. Abgerufen am 15. September 2026

White war Professor für „Geschichte des Bewusstseins“ an der University of California, Santa Cruz. Später lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University. In Deutschland wurde White mit dem Buch Metahistory (1973) bekannt, das in der Geschichtswissenschaft hohe Wellen schlug. Darüber hinaus kooperierte er mit dem deutschen Historiker Reinhart Koselleck. Im Jahr 1991 wurde White in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Seit 2000 war er gewähltes Mitglied der American Philosophical Society.

Er war mit Margaret Brose verheiratet. Das Paar hatte eine Tochter und zwei Söhne.Hayden V. White.1928 - 2018. Nachruf auf dem Santa Cruz Sentinel

Theorie Indem White die Geschichtsschreibung erstmals mit Kategorien der Literaturtheorie analysierte, kommt ihm das Verdienst zu, die Debatte um postmoderne bzw. poststrukturalistische Ansätze in der Geschichtswissenschaft angestoßen zu haben. Von Kritikern wurde ihm deswegen „the most damaging undertaking ever performed by a historian of his profession“ vorgeworfen.Geoffrey Elton, zitiert nach Hans-Jürgen Goertz: Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität. Stuttgart 2001, S. 11.

Seine Theorie der Poetik der Geschichte, die er in Metahistory ausgearbeitet hat, besagt, dass jegliche Darstellung von historischen Zusammenhängen poetologischen Kategorien unterliegt. Geschichtsschreibung, sagt White, ist notwendig narrativ, auch wo sie vorgibt, es nicht zu sein. Diese Erkenntnis kondensiert sich in der Formulierung „Auch Klio dichtet“ im Titel der deutschen Übersetzung zu Tropics of Discourse: Essays in Cultural Criticism.

Um in seiner Darstellung „den Anschein von Erklärung“ (White) zu erzeugen, kann sich der Historiker dreier verschiedener Strategien bedienen, von denen es wiederum jeweils vier Formen gibt:

Narrative Modellierung (Emplotment) Mithilfe der narrativen Modellierung stattet der Historiker die Geschichte mit einer Erklärung aus. In Anlehnung an Northrop Frye unterscheidet Hayden White vier Erzählweisen: Romanze, Tragödie, Komödie und Satire.

Die Romanze betont das ständige Fortschreiten der Gesellschaft zum Besseren und den „ewigen Sieg des Guten über das Böse“. Die Tragödie beschreibt das Scheitern der Menschheit, die Gesellschaft weiterzuentwickeln, und die schlussendliche Kapitulation vor der Unveränderlichkeit der Dinge. Die Komödie beschreibt ein partielles Scheitern der Menschheit, an deren Ende eine Versöhnung mit der Gesellschaft steht, aus der diese verbessert hervorgeht. Die Satire ist der absolute Gegensatz zum romantischen Erlösungsdrama. Sie beginnt ebenso mit dem Versuch der Weiterentwicklung und endet in einem Scheitern, welches dem Menschen sein Unvermögen, die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte zu deuten, vor Augen führt.Hayden White: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt am Main 1991, S. 21–25.

Formale Schlussfolgerungen Formativismus Die formativistische Theorie der Wahrheit (The formist theory of truth) zielt auf die Identifikation der einzigartigen Eigenschaften der Gegenstände in einem historischen Feld ab und erklärt damit das historische Feld als solches. Im Zentrum der Untersuchung steht also die Einzigartigkeit der Handelnden, der Handlung und des Wirkens, die die Ereignisse ausmachen und nicht der Hintergrund, vor dem sie entstehen. Die Erläuterung eines historischen Feldes ist dann abgeschlossen, wenn die vorhandenen Gegenstände vollständig identifiziert sind (hinsichtlich ihrer Klasse, Gattung, der ihnen zugeschriebenen speziellen Merkmale und der ihnen anhaftenden Etiketten).

Zu den Gegenständen zählen nach White Individuen ebenso wie Kollektive, Einzelnes wie Universelles, konkrete Dinge genauso wie Abstraktionen. Beispiele für die formativistische Art der Erklärung sind zu finden bei Herder, Carlyle, Michelet, bei den romantischen Historikern wie auch den großen historischen Erzählern wie Niebuhr, Mommsen und Trevelyan.

Die formativistische Erklärungsform ist White zufolge eher eine „zerstreuende“ (dispersive) als eine integrierende. Sie neige zu fehlender Präzision in ihren Konzepten und tendiere dazu, Generalisierungen über das gesamte historische Feld zu erstellen, die so weit gefasst seien, dass sie kaum durch empirische Daten bestätigt oder widerlegt werden könnten.Hayden White: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt am Main 1991, S. 29–30.

Organizismus Nach White sind organizistische Welthypothesen integrativ, d. h., dass ihre Verfahren auf die Vereinfachung von Sachverhalten abzielen. Der Organizist sieht einzelne Ereignisse der Vergangenheit als Momente eines synthetischen Geschehens. Er begreift individuelle Phänomene als Bestandteile von größeren Prozessen, die sich wiederum in Einheiten aufgliedern. Diese Einheiten sind nach White jeweils anders beschaffen als die Summe ihrer Teile. Historiker, die eine organizistische Erzählstruktur anwenden, verdichten eine Reihe zerstreuter Elemente zu einem großen Gebilde, dessen Bedeutung die einzelnen beschriebenen Sachverhalte übertrifft. White unterstellt die organizistische Geschichtsdarstellung vor allem den Historikern des 19. Jahrhunderts und erkennt diese Erzählstruktur insbesondere bei Leopold von Ranke, Theodor Mommsen, Heinrich von Treitschke, Heinrich von Sybel, Frederic William Maitland und William Stubbs. Nach White sind organizistische Historiker nicht so sehr an einer Beschreibung individueller Elemente interessiert, sondern an der Charakterisierung des Integrationsprozesses insgesamt. Diese historistische Geschichtsschreibung tendiert zu einer Teleologie der Geschichte insgesamt. Sie schreibt dem Geschichtsverlauf ein Ziel zu, auf das alle Bewegungen im historischen Feld hinweisen. Gleichzeitig identifiziert White unter den organizistischen Historikern die Tendenz, die Suche nach historischen Gesetzmäßigkeiten zu vermeiden. Der Organizist spreche lieber von „Prinzipien“ und „Ideen“, die den historischen Einzelfall einerseits und die Entwicklung in ihrer Gesamtheit andererseits prägen. In diesen Prinzipien und Ideen ist nach White bei den Organizisten das Ziel, auf das sich der ganze historische Prozess ihrer Meinung nach zubewegt, vorgezeichnet.Hayden White: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt am Main 1991, S. 30f.

Mechanismus Mechanistische Annahmen über die Welt sind integrativ. Sie sind eher für eine reduktive als für eine synthetische Anschauungsweise. White erwähnt außergeschichtliche Triebkräfte von Kenneth Burke.Hayden White: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt am Main 1991, S. 31. Dieser redet von „Akteuren“ und „Handlungen“ im historischen Feld. Der Ursprung dafür liegt in der „Szenerie“, wo sich die genannte Handlung abspielt.

Die mechanistische Erklärungstheorie legt ihre Aufmerksamkeit auf die „Kausalgesetze“,Hayden White: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt am Main 1991, S. 32. welche die Ergebnisse der im historischen Feld entdeckten Geschehnisse determiniert. Historische Objekte werden als Gegenstände angesehen. Die historischen Gegenstände stehen in einer Teil-Teil-Beziehung zueinander und ihre spezifischen Konfigurationen werden von Gesetzen gelenkt, die ihren Austausch reguliert. Anhänger für die mechanistischen Auffassungen sind Buckle, Taine oder Marx, selbst Tocqueville gehört zu ihnen. Um der Bewegung der Geschichte auf die Spur zu kommen, schreiben sie in narrativer Form, auch um deren Wirkung zu erläutern.

Auf der Suche nach Gesetzmäßigkeiten ist die mechanistische Tendenz von der Abstraktion bedroht: Individuelle Gebilde sind ihm weniger wichtig als Phänomenklassen. Und Phänomenklassen sind wiederum weniger bedeutungsvoll als Gesetze. In der mechanistischen Geschichtsauffassung werden nur Gesetze als wichtig angesehen, wenn sie den Gesetzen der Physik über die Natur ähneln. Diese historischen Gesetze wendet man dann auf Daten an, damit die Konfiguration der Gesetze als Funktion verständlich werden. Auch sind Typisierungen, welche von Tocqueville benutzt werden, weniger bedeutsam als geschichtsmächtige Gesetze. Der Vorteil der mechanistischen Auffassungen ist die begriffliche Präzision. Der jedoch größere Nachteil ist der zu enge Blickwinkel und die Neigung zur Abstraktion.

Kontextualismus Die Vorannahme der kontextualistischen Erklärungsform ist, dass Ereignisse erklärt werden können, indem man sie in ihren Kontext einordnet. Warum sie sich so ereigneten und nicht anders, wird erklärt, indem man die spezifischen Beziehungen zu anderen Ereignissen in ihrem geschichtlichen Umfeld zu einer gegebenen Zeit innerhalb des untersuchten historischen Feldes aufdeckt. Das Verfahren, das angewandt wird, haben moderne Philosophen wie Walsh und Berlin „colligation“ (Verknüpfung) genannt. Hierbei werden die „threads“ (Fäden) ausfindig gemacht, „die das untersuchte Individuum oder die Institution mit der äußeren soziokulturellen ‚Gegenwart‘ verbinden.“ Die im historischen Feld erkannten Phänomene werden in Teilbereiche integriert („relative Integration“). Das historische Feld wird in Bezirke wichtiger Ereignisse gegliedert. Sie dienen als Grundlage für die Unterscheidung von Perioden und Epochen. Beispiele findet man hierfür bei den meisten Historikern, besonders aber im 19. Jahrhundert bei Burckhardt.Hayden White: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt am Main 1991, S. 33–35.

Ideologische Implikationen

Hayden White unterscheidet vier ideologische Begriffe, die die Interpretation der Geschichte beeinflussen. Diese sind:

Anarchismus Konservatismus Radikalismus Liberalismus

Diesen ideologischen Grundpositionen ist gemeinsam, dass sie sich auf „Vernunft, Wissenschaft und Realismus“ beziehen, welche sie zum kritischen Diskurs mit den anderen Grundpositionen verpflichten. Alle sind sich über die Unvermeidlichkeit des sozialen Wandels einig, unterscheiden sich allerdings über die Wünschbarkeit und das Tempo des Selbigen.

Um die Unterschiede der Ideologien und deren Einfluss auf die Geschichtsschreibung herauszuarbeiten, nutzt Hayden White fünf verschiedenen Kategorien:

Einstellung zum Wandel der Gesellschaft Ideal des Wandels Tempo des Wandels Zeitorientierung (zeitlicher Abstand zur Utopie) soziale Kongruenz und Transzendenz (Verträglichkeit mit dem gesellschaftlichen Ist-Zustand)

Noch grundlegender als diese Erklärungsmodi sind die rhetorischen Figuren (Tropen), die einer Geschichtsdarstellung (wie überhaupt jedem Text) immer zugrunde liegen:

Metapher