Kusterdingen ist eine Gemeinde im Landkreis Tübingen, oberhalb des Neckartals zwischen Tübingen und Reutlingen gelegen. Sie gehört zur Region Neckar-Alb und zur europäischen Metropolregion Stuttgart.
Geographie Geographische Lage
Kusterdingen liegt auf den Härten, unmittelbar südöstlich von Tübingen.
Landschaft
Die Härten bilden eine Hochebene zwischen Steinlach-, Neckar- und Echaztal, die von einem Buchenmischwald umringt wird. Typisch sind die intensiv genutzten Ackerflächen sowie Streuobstwiesen. Der höchste Punkt des Gemeindegebiets mit 455 m ü. NHN liegt auf einer waldfreien Hochfläche westlich der Wankheimer Aspenhau-Siedlung.
Im Norden des Gemeindegebiets befindet sich das Naturschutzgebiet Blaulach. Es handelt sich hierbei um einen Nebenfluss des Neckars.
Westlich von Immenhausen erstreckt sich das Landschaftsschutzgebiet Ehrenbachtal mit Kaltem Brunnen.UNEP World Conservation Monitoring Centre World Database on Protected Areas Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg 4.16.003 Ehrenbachtal mit Kaltem Brunnen
Nachbargemeinden Folgende Städte und Gemeinden grenzen an die Gemeinde Kusterdingen, sie werden im Uhrzeigersinn beginnend im Norden genannt und gehören zum Landkreis Tübingen beziehungsweise zum Landkreis Reutlingen ¹
Kirchentellinsfurt, Wannweil ¹, Reutlingen ¹, Gomaringen und Tübingen
Gemeindegliederung mini|Rathaus in Immenhausen (2024) Die Gemeinde Kusterdingen besteht aus den Ortsteilen Immenhausen (712 Einwohner am 31. Dezember 2018), Jettenburg (1144), Kusterdingen (3623), Mähringen (1442) und Wankheim (1667). Die offizielle Benennung der Ortsteile erfolgt in der Form „Kusterdingen-…“, sie sind räumlich mit den früheren Gemeinden gleichen Namens identisch. Die Gemeinderatswahl erfolgt in Kusterdingen nach dem System der Unechten Teilortswahl, dementsprechend bilden die Ortsteile als Wohnbezirke bezeichnete Wahlkreise. Mit Ausnahme des Ortsteils Kusterdingen sind alle Ortsteile Ortschaften im Sinne der baden-württembergischen Gemeindeordnung mit eigenem Ortschaftsrat und einem Ortsvorsteher als dessen Vorsitzenden. (PDF; 98 kB) abgerufen am 25. Juni 2010
Zu den Ortsteilen Immenhausen, Jettenburg und Kusterdingen gehören jeweils nur die gleichnamigen Dörfer. Zum Ortsteil Mähringen gehören das Dorf Mähringen und die Häuser Bahnhof Mähringen. Zum Ortsteil Wankheim gehören das Dorf Wankheim, die Aspenhau-Siedlung und das Gehöft Bläsikelter.
Im Osten des Ortsteils Mähringen lag die abgegangene, heute nicht mehr bestehende Ortschaft Weiler. Weiler wurde 1522 als an dem wyler erstmals erwähnt. Auf eine frühe Besiedlung weist der Fund eines Keramikfragments hin, das durch das Landesdenkmalamt in das 8. Jh. n. Chr. datiert und dokumentiert wurde. An gleicher Stelle bestand im 15. Jahrhundert eine Schwaige, die 1562 genannt wird (im schwaig priel).Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band VII: Regierungsbezirk Tübingen. Kohlhammer, Stuttgart 1978, ISBN 3-17-004807-4. S. 129–131
Schutzgebiete
Kusterdingen hat Anteil am Naturschutzgebiet Blaulach, welches gleichzeitig zum FFH-Gebiet Schönbuch gehört, und an den Landschaftsschutzgebieten Härten, Streuobstgebiet westlich Immenhausen, Mittleres Neckartal und Ehrenbachtal mit Kaltem Brunnen.Daten- und Kartendienst der LUBW
Geschichte Mittelalter Der Ort Kusterdingen entstand als Siedlung in der Zeit der alemannischen Landnahme. Während der im Hochmittelalter bestehenden Stammesherzogtümer lag der Ort im Herzogtum Schwaben. Für das 12. und 13. Jahrhundert wurden Edelfreie von Kusterdingen genannt. Bereits zu Anfang des 12. Jahrhunderts vermachte ein Herr namens Marquart dem Kloster Blaubeuren einen Hof in Kusterdingen. Das Jahr dieses Ereignisses war in der Urkunde nicht angegeben, wurde jedoch in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts durch einen Abgleich verschiedener Dokumente seitens des Pfarrers Casper auf das Jahr 1108 eingegrenzt, was somit als Jahr der Erstnennung von Kusterdingen angenommen wird. Der Ortsname setzt sich aus dem althochdeutschen Namen Custhard mit -ingen-Suffix zusammen. Eine sicher datierte urkundliche Erwähnung ist aus dem Jahr 1142 als Custordingen.
Nach dem Aussterben der Edelfreien von Kusterdingen übernahmen die Grafen von Aichelberg-Merkenberg, das Kloster Bebenhausen sowie die Herren von Stoffeln Herrschaftsrechte am Ort.
Im Spätmittelalter hatte das niederadlige Geschlecht der Pflumen seit 1270 bis ins späte 15. Jahrhundert seinen Sitz in Kusterdingen und übte dort die Ortsherrschaft aus. Seit 1484 gehörte Kusterdingen zur Grafschaft (bzw. seit 1495 zum Herzogtum) Württemberg. Der Ort wurde dem Amt Tübingen zugeordnet.
Neuzeit Herzog Ulrich von Württemberg setzte 1534 in Württemberg die Reformation durch, so dass auch die Gemeinde Kusterdingen evangelisch wurde. Seit 1758 gehörte Kusterdingen zum Oberamt Tübingen, bei dem der Ort auch nach der Gründung des Königreichs Württemberg verblieb. Bei der Verwaltungsreform während der NS-Zeit in Württemberg gelangte Kusterdingen 1938 zum erweiterten Landkreis Tübingen. 1945 wurde der Ort Teil der Französischen Besatzungszone und erfuhr somit die Zuordnung zum neu gegründeten Land Württemberg-Hohenzollern, welches 1952 als Regierungsbezirk Südwürttemberg-Hohenzollern im Land Baden-Württemberg aufging.
Im Zuge der Gemeindereform in den 1970er Jahren mussten die früher eigenständigen Gemeinden eine Verbindung mit Kusterdingen eingehen. So wurde gegen den Willen Immenhausens, Mähringens und Wankheims der Zusammenschluss erzwungen. Eine Klage dieser Gemeinden beim Staatsgerichtshof war erfolglos. Jettenburg, das damals schon freiwillig mit Kusterdingen zusammenarbeitete, hatte nichts gegen den Zusammenschluss einzuwenden.
2008 feierte der Ortsteil Kusterdingen sein 900-jähriges Bestehen.900 Jahre Kusterdingen
Religion 54 % der Einwohner von Kusterdingen sind evangelisch, 16 % katholisch.
Im 18. und 19. Jahrhundert gab es im heutigen Ortsteil Wankheim eine jüdische Gemeinde, zu der ein heute noch existierender Friedhof gehörte.
Politik Gemeinderat In Kusterdingen wird der Gemeinderat nach dem Verfahren der unechten Teilortswahl gewählt. Dabei kann sich die Zahl der Gemeinderäte durch Überhangmandate verändern. Der Gemeinderat besteht aus den 18 gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten und dem Bürgermeister als Vorsitzendem. Der Bürgermeister ist im Gemeinderat stimmberechtigt. Die Kommunalwahl am 9. Juni 2024 führte zu folgendem Ergebnis.Wahlinformationen des Kommunalen Rechenzentrums Stuttgart
Parteien und Wählergemeinschaften %2024 Sitze2024 %2019 Sitze2019FWVFreie Wählervereinigung38,9745,68HUDHärtenliste Umweltschutz und Demokratie e. V.33,7632,46SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands5,418,51FDPFreie Demokratische Partei4,214,61NLNeue Liste7,518,92CDUChristlich Demokratische Union Deutschlands10,42––gesamt100,018100,018Wahlbeteiligung72,9 %69,2 %
Bürgermeister Der Bürgermeister wird für eine Amtszeit von acht Jahren gewählt.
1958–1978: Gerhard Kindler 1978–2002: Günter Müller 2002–2026: Jürgen Soltau seit 2026: Marc Roth
Wappen Die Gemeinde Kusterdingen führt weder ein Wappen noch eine Flagge. Die fünf Ortsteile verwenden die Wappen der ehemaligen Gemeinden weiter. Da die heutige Gemeinde bei der Gebietsreform neu gegründet wurde und nie ein Wappen erhielt, ist sie eine von nur drei Gemeinden in Baden-Württemberg, die noch ohne Wappen sind.
Gemeindepartnerschaften Kusterdingen unterhält seit 2022 eine Partnerschaft mit der französischen Gemeinde Venansault im Departement Vendée.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Bauwerke mini|Blick über Kusterdingen, Kirche und Wasserturm mini|Bürger- und Kulturhaus beim Klosterhof Die Kusterdinger MarienkircheEv. Marienkirche auf der offiziellen Website der Kirchengemeinde, abgerufen am 1. September 2018 Funkturm auf der Hohen Mark (Geografische Koordinaten: ) Das alte Rathaus, ein renoviertes Gebäude, in dem sich das Standesamt und weitere Ämter befinden Der Wasserturm am Sportheim (Geografische Koordinaten: ) Der renovierte Klosterhof dient als Kulturgebäude, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfinden. Das Kino METROPOL der Filmfreunde Kusterdingen e. V., ein Kleinkino mit 32 Sitzplätzen in einer Scheune aus dem Jahr 1773. Die Mähringer Stephanskirche Burg Mähringen (abgegangen)
Natur und Landschaft Der Eduard-Lucas-Musterobstgarten des Pomologen Eduard Lucas mit dem Lehrpfad, ausgehend vom Friedhof Mähringen Das Heilbrünnele im Landschaftsschutzgebiet Ehrenbachtal mit Kaltem Brunnen Das Naturdenkmal Linde am Friedhof in Mähringen
Wirtschaft und Infrastruktur Verkehr Die Bundesstraße 28 durchquert das Gemeindegebiet und verbindet es mit Reutlingen und Tübingen.
Der Öffentliche Nahverkehr wird durch den Verkehrsverbund Neckar-Alb-Donau (NALDO) gewährleistet. Die Gemeinde befindet sich in der Wabe 111.Wabenplan auf www.naldo.de
Seit Dezember 2009 befindet sich je ein Kreisverkehr am Ortseingang Kusterdingens und Wankheims.Artikel im Gea: Am Kreisel läufts jetzt rund
Der Ortsteil Mähringen lag von 1902 bis 1982 an der Gönninger Bahn von Reutlingen. Der dortige Bahnhof steht heute noch. Auch der frühere Bahndamm ist heute noch erkennbar.
Bildung Härtenschule Mähringen (Grundschule) für Schüler aus den Teilorten Mähringen, Wankheim und Immenhausen Astrid-Lindgren-Schule Kusterdingen (Grundschule) für Schüler aus Kusterdingen und Jettenburg Evangelisches Blaulach-Gymnasium Kusterdingen, 2011 als Außenstelle des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums Mössingen gegründet, seit 2019 selbstständig und seit 2022 nach dem Naturschutzgebiet Blaulach benannt.
Persönlichkeiten
Söhne und Töchter der Gemeinde
Johann Ulrich Pregizer I., auch der Ältere genannt (1577–1656), evangelischer Theologe, Hochschullehrer und Kanzler der Universität Tübingen Georg Alfred Stockburger (1907–1986), Arzt und Maler des Expressionismus
Mit Kusterdingen verbundene Personen Anke Laufer (* 1965), Schriftstellerin Christian Kühn (* 1979), Politiker (Bündnis 90/Die Grünen), lebt in Immenhausen
Trivia Die am 8. April 2016 ausgestrahlte SWR-Dokumentation mit dem Titel "Landleben 4.0 in Kusterdingen" zeigt am Beispiel Kusterdingens beispielhaft das moderne Dorfleben.
Literatur
Harald Bauer: Bilanz einer Gemeindefusion. Strukturen, Prozesse und Perspektiven am Beispiel der neuen Gemeinde Kusterdingen (= Geschichtsspuren, Bd. 1). Geschichtsverein Härten, Kusterdingen 2003, ISBN 3-933916-09-7.
Herbert Raisch u. a.: 900 Jahre Kusterdingen, Gemeinde Kusterdingen 2008.
Weblinks
Wikisource: Kusterdingen in der Beschreibung des Oberamts Tübingen von 1867 Offizielle Internetseite der Gemeinde Internetseite der Härtenliste Umweltschutz und Demokratie e. V.
Einzelnachweise
Kategorie:Ort im Landkreis Tübingen Kategorie:Ersterwähnung 1142