Kadelburg ist ein Ortsteil der baden-württembergischen Gemeinde Küssaberg im Klettgau im Landkreis Waldshut. Die 1832 gebaute Bergkirche ist die Kirche „der ältesten evangelischen Gemeinde im badischen Oberland.“Hans Matt-Willmatt, Hrsg.: Landkreis Waldshut: Die Chronik des Kreises Waldshut. Vocke-Verlag, Waldshut 1957, S. 56. Der Ortsteil hatte 2022 2015 Einwohner.

Lage und Bedeutung mini|Im Ortskern nahe dem Hochrhein

Kadelburg am nördlichen Ufer des Hochrheins liegt in einer halbkreisförmigen Ebene, die durch das bogenförmige Zurücktreten des ufernahen Ausläufers einer Hügelkette des Randen gebildet wird. Diese Niederung beginnt östlich bei Reckingen und endet wieder bei Ettikon. Das Gebiet wird heute von der Gemeinde Küssaberg eingenommen.

Kadelburg liegt im westlichen Bereich der Niederung und war eine „im Geschehen der Jahrhunderte bedeutende Siedlung.“Hans Matt-Willmatt, Chronik des Kreises Waldshut, 1957, S. 56. Die Namensgebung als ursprünglicher Hinweis auf Bedeutung wurde in der Heimatforschung konträr diskutiert, doch spricht viel dafür, dass der Ort mit der günstigen Fährverbindung über den Hochrhein (durch die nachfolgende Aufstauung durch den Laufen) schon in keltischer Zeit mit einer Wallburg abgesichert war. Unter den Römern verlagerte sich die Hauptverbindung durch den Brückenbau von Zurzach zum Rheinheimer Brückenkopf mit der Heeresstraße über Bechtersbohl, doch nach dem Andrängen der Alamannen könnten diese wieder ein eigenes Zentrum auf dem Burgberg „Bürglen“ in Opposition zur römischen Rheinlinie eingerichtet haben.Neuere Forschungen am Oberrhein plädieren für diese Zentrumsbildung gegenüber römischen Schwerpunkten ab dem 3. Jahrhundert, eine dann anderthalb Jahrhunderte, lange Zeiten auch friedliche Grenzlage. Siehe: G. Fingerlin: Brisigavi im Vorfeld von Breisach. Archäologische Spuren der Völkerwanderungszeit zwischen Rhein und Schwarzwald. In: Archäologische Nachrichten aus Baden, Heft 34, Freiburg 1985.

Da die römischen Brücken ab dem 5. Jahrhundert vermutlich zerstört oder verfallen waren, gewann die Fähre wieder an Bedeutung und auch in den späteren Jahrhunderten sprechen die Überlieferungen von einer wirtschaftlich und politisch dominierenden Ortschaft, insbesondere durch die engen Beziehungen zu Zurzach. Erst die völlige Zerstörung im Schwabenkrieg 1499 und mit dem Aufschwung, den Rheinheim als Verwaltungszentrum des Klosters Rheinau nahm, werden die Orte auch im Rahmen ihrer religiösen Gegensätzlichkeiten in ein Gleichgewicht geraten sein. Dies wurde auch in der Gemeindefusion 1973 noch berücksichtigt, indem das moderne Verwaltungszentrum zwar auf Rheinheimer Gemarkung erbaut, doch nach Kadelburg ausgerichtet wurde.

Im Detail siehe: Frühgeschichte von Kadelburg

Dorfleben Die Gemeinderäte von Kadelburg mit Ettikon sowie die der anderen Küssaberg-Orte (mit Ausnahme von Bechtersbohl) stimmten am 4. und 5. Dezember 1972 der Fusion zur Gesamtgemeinde Küssaberg zu, die am 1. Januar 1973 in Kraft trat. In Anbetracht seiner Größe erhielt Kadelburg/Ettikon mit 6 Gemeinderäten doppelt bzw. dreifach so viele Sitze wie die anderen Orte.Paul Stoll: Küssaberg heute. In: Emil Müller-Ettikon: Kurzer Überblick über die Geschichte Küssabergs, Hrsg.: Gemeinde Küssaberg, Verlag H. Zimmermann, Waldshut 1981, S. 7 ff.

In Kadelburg gibt es mehrere Gaststätten, zwei Musiklokale, einen türkischen Imbiss, auch noch Einzelhandel, einen Bauernladen, drei Discounter an der Peripherie und die Filiale einer Handelskette in der Ortsmitte. Dazu Volksbank und Sparkasse. Die Ortsmitte befindet sich in der Planung zur Neugestaltung. Bis 1980 befand sich noch ein Bauernhof mit Großviehhaltung mitten im Dorf.

mini|Die Trotte erinnert an die ehemals reiche Weinbaugegend Die Gemeinde Küssaberg investiert 2020 „für das laufende Landessanierungsprogramm, das im Ortsteil Kadelburg greift, 1,7 Millionen Euro. […] Weitere 1,5 Millionen Euro gehen zugunsten der Planung und Gestaltung für die neue Ortsmitte Kadelburg.“

Vereine und Aktivitäten Gemeinschaftseinrichtung für Vereine und Veranstaltungen ist die ehemalige „Trotte“. Ortsbezogene Vereine sind der Musikverein, der Turnverein und der Narrenverein „Kadelburger Fergen“. Zum Gewerbegebiet hin befindet sich ein Polo-Platz.

Die Ortschaft ist auch Standort des Bürgerschaftsprojektes „Wohnen im Alter“, das die Gemeinde zusammen mit der Bürgergemeinschaft in Kadelburg umsetzt. Dafür sind insgesamt 4,4 Millionen Euro geplant, eine Million wurde bereits verbaut, 2,2 Millionen kosten Planungen und Verbauungen 2020.Tina Prause: Küssaberg investiert kräftig. Alb-Bote, 5. Dezember 2019.

In Kadelburg befindet sich die zentrale Grundschule der Gemeinde Küssaberg, der Kindergarten „Wirbelwind“ sowie der Evangelische Natur- und Waldkindergarten. Eine Aktivität der Evangelischen Gemeinde ist auch das Kinderbistro, für das drei Küchenteams jeden Dienstag für mittlerweile gut 50 Kinder und oft einige weitere Besucher ein Mittagessen im Dietrich-Bonhoeffer-Haus kochen.

Kultur und Bildung Die Bücherei befindet sich im ersten Stock des alten Rathauses (dienstags von 17 bis 18.30 Uhr).

Zur Zeit erstellt der Heimat- und Familienforscher Friedrich Mensing ein Ortsfamilienbuch mit Informationen über die Geschehnisse im Ort. Erfasst hat Mensing über 15.000 Personen, die zwischen 1550 und 1950 in Kadelburg gelebt haben.

mini|Neubaugebiet Neunschwanz Silvia Carmen Baumgartner aus Kadelburg veröffentlichte im Dezember 2019 das Buch „Die ausgeklammerten Jahre“ über den Zeitraum 1933 bis 1935. „Es soll noch Fortsetzungen bis 1945 geben.“Tina Prause: Wie Kadelburg das Dritte Reich erlebte. Alb-Bote, 17. Dezember 2019.

Am westlichen Dorfrand entstand das Wohngebiet „Neunschwanz“ mit so genannten ‚Stadthäusern‘. „Im Urbar von 1752 steht: ... der Nüschwantz, antea genannt Müsschwantz […] der Neunschwanz wird also zu Mäuseschwanz. […] Schwanz ist auch eine langgestreckte Flur.“Emil Müller-Ettikon: Kurzer Überblick über die Geschichte Küssabergs. H. Zimmermann Verlag, Waldshut 1981, S. 152.

Wirtschaft und Verkehr Kadelburg liegt an der Landstraße 161 Süd, eine viel befahrene West-Ost-Verbindung. Vom ersten Kreisverkehr westlich zweigt die Landstraße 162 nach Lauchringen ab. Auf der Ortsdurchfahrt wird „täglich mit bis zu 12.000 Fahrzeugen“ gerechnet. Anfang Dezember 2019 sprach sich der Gemeinderat „für die Aufstellung eines qualifizierten Lärmaktionsplanes“ mit dem Ziel eines Tempolimits aus.Tina Prause: Tempolimit soll Anwohner entlasten. Alb-Bote, 9. Dezember 2019.

mini|Blick nach Westen mit Gewerbegebiet. Im Hintergrund das Kernkraftwerk Leibstadt Zum Jahresende 2019 wurde auf dem neuen Kreisel der L 161 am Ortsausgang Richtung Gewerbegebiet von Küssaberger Kunstschmieden und Metallbauern ein Weidling aus dem witterungsbeständigen Cortenstahl aufgestellt. Ein Weidling ist ein flaches Boot mit zwei stehenden Ruderern, mit dem auch schwere Lasten transportiert werden können. Er wurde schon von den Kelten benutzt. „Das Kunstwerk soll an die jahrhundertelangen Fährbeziehungen zwischen Kadelburg und Barz-Zurzach erinnern.“Tina Prause: Ein Weidling für Kadelburg. Alb-Bote, 21. Dezember 2019.

Westlich in Richtung der Ortschaft Homburg, die zur Gemarkung von Waldshut-Tiengen zählt, liegen der Recyclinghof des Landkreises und das Küssaberger Gewerbegebiet „Unter Greut“, das von der Feinwerktechnik Hago GmbH, einem Unternehmen der Maschinenbaubranche dominiert wird. Hier befinden sich noch zahlreiche, kleinere Betriebe und Werkstätten.

In Kadelburg besteht ein Campingplatz. Auf der Schweizer Rheinseite befindet sich die Barzmühle, die mit der Fähre Zurzach–Kadelburg erreicht werden kann.

Alte Geschichte Bronzezeitliche Grabhügel befinden sich nach E. Gersbach im Umfeld von Ettikon und Homburg.Egon Gersbach:’’Urgeschichte des Hochrheins’’, Badische Fundberichte, Sonderheft 11 (Katalogband), Staatliches Amt für Ur- und Frühgeschichte Freiburg, 1969, S. 148 und 191. Keltische Vorgeschichte? Nach Angaben des Küssaberger Heimatforschers Emil Müller-Ettikon, der vom keltischen Ursprung des Ortes ausgeht, befand sich das eigentliche Festungswerk östlich des Wohngebiets Rheinhöhe im Gewann Eckhau und war in den 1960er Jahren noch eindeutig als von Menschenhand gemacht erkennbar, wurde aber durch den Bau der Straße nach Dangstetten und landwirtschaftliche Nutzung stark verändert. In einer LIDAR-Aufnahme des Landesdenkmalamtes ist die Anlage noch ansatzweise erkennbar:

Aktuell sollen an der östlichen Seite des „Eckhau“ (heutige Schreibweise), am „schluchtartigen Einschnitt“, „acht Mehrfamilienhäuser mit 26 Wohneinheiten entstehen.“ Gegen den Plan haben Anwohner eine „Interessengemeinschaft“ gegründet.Tina Prause: Bauprojekt wird kontrovers diskutiert. Alb-Bote, 30. Januar 2020. suedkurier.de. Artikel online. Abruf am 4. Februar 2020.

„Die Südwestecke der Burg ist durch den Bau der Straße nach Dangstetten zerstört.Damit ist die heute nicht mehr als Fahrstraße erlaubte Direktverbindung unterhalb des Berges gemeint. Und nun wird der Egg-Graben als Schuttabladeplatz benützt. Man will die scharfe Straßenkurve beseitigen, und abermals muß das alte Erdwerk leiden. […] Steht man an der Südostecke der alten Festung, so erkennt man, daß kein besserer Ort gewählt werden konnte, um den Rheinlauf von Zurzach her im Auge zu haben.“

Müller-Ettikon weist die alten Kadelburger dem Stamm der Latobriger zu, die als Teilverband der keltischen Helvetier unter dem Druck von Germanen („dem Suebenkönig Ariovist“) 52 v. Chr. die gemeinsame Auswanderung nach Gallien versuchten. Sie wurden von Caesar in der Schlacht bei Bibracte geschlagen und mussten zurückkehren.E. Müller-Ettikon: Kadelburg. Hrsg.: Gemeinde Kadelburg, Verlag Zimmermann Waldshut, 2. Auflage, 1964, S. 16. Im weiteren Verlauf werden Zitate aus der häufig gebrauchten Literatur Kadelburg mit ‚EME‘ bezeichnet.

Namensgebung Emil Müller-Ettikon ging bei Kadelburg als keltischer Gründung von der Silbe „Cad“ aus, das so viel wie Gefäß bedeute und „die Angelsachsen […] gebrauchten für Schiff. Im alten Niederdeutschen wurde eine Verkleinerungssilbe angehängt und Wort kedel ebenfalls für Schiff verwendet. […] Der erste englische Dichter heißt Cadmon, was nichts anderes als Fährmann besagt. Demnach bedeutet Kadelburg nichts anderes als ‚Fährburg‘.“E. Müller-Ettikon: Was die Namen über die Entstehung von Siedlungen verraten. In: Der Klettgau, Hrsg.: Bürgermeister Franz Schmidt, im Auftrag der Stadt Tiengen/Hochrhein, 1971, S. 60. und in Kadelburg. S. 15. In der Forschung findet sich jedoch kein Hinweis, der die Annahme von Emil Müller-Ettikon bestätigt, siehe: Cadmon.

Etwa im gleichen Zeitraum, 1969, befasste sich der Frühzeit-Forscher Egon Gersbach ebenfalls mit der Namensgebung:

mini|Rest des Walles der frühgeschichtlichen Anlage Er geht jedoch nicht von einer ausgedehnten Anlage („Egghau“) wie Müller-Ettikon aus, sondern nur von der „kleinräumigen Abschnittsbefestigung in Winkellage auf einem Hochplateau über Kadelburg“, auf dem „hier am ehesten der befestigte Hof eines (alamannischen?) Edelherren gestanden haben (könnte), der von den Merowinger- oder Karolingerkönigen konfisziert worden ist.“Egon Gersbach:’’Urgeschichte des Hochrheins’’, 1969, S. 208 f., verweist dabei auf H. Maurer, 1965, der hier von einem Königsgut ausgeht.

Zur Topographie und den Befunden zur einstigen Befestigung siehe: Wallburg Kadelburg

Die in der Literatur anzutreffende Darstellung, der Name würde sich von „Kadoltesburg“ ableiten, wird von Gersbach zurückgewiesen: „Für die Schreibweise Kadoltesburg, die seit 876 in Schenkungen an das Kloster Rheinau vorkommen soll, konnte ich sowenig einen Beleg finden wie für die Schenkungen selbst.“Gersbach führt dazu an: „Vergleiche Das Großherzogtum Baden, (1865), 863, Spalte Kadelburg. [Katalogband]. Auch H. Maurer: Das Land zwischen Schwarzwald und Rande. S. 61 ff., kennt keinen Rheinauer Besitz in Kadelburg.“