Rheinheim ist ein Ortsteil der baden-württembergischen Gemeinde Küssaberg im Klettgau im Landkreis Waldshut. Im Ort befinden sich Rathaus und Verwaltungszentrum der Gemeinde. Der Ortsteil hatte 2022 1467 Einwohner.
Rheinheim Ort mini|Flussebene, nördlich Bad Zurzach, südlich Rheinheim
Rheinheim am nördlichen Ufer des Hochrhein liegt in einer halbkreisförmigen Ebene, die durch das bogenförmige Zurücktreten des ufernahen Ausläufers einer Hügelkette des Randen gebildet wird. Diese Niederung beginnt östlich bei Reckingen und endet westlich bei Ettikon. Das Gebiet wird heute von der Gemeinde Küssaberg eingenommen und bot in der Historie ausreichend Raum, um einen Flussübergang nach Süden in die heutige Nordschweiz auszubilden und zu besiedeln. Auf der Gegenseite liegt in einer ähnlich ausgebildeten Rheinuferebene Bad Zurzach.
Die geografischen Gegebenheiten waren so günstig, dass die Römer nach einem vorbereitenden Flussübergang bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. hier eine feste Brücke bauten und eine Heeresstraße aus dem Voralpenland nach Germanien führten.
Lage und Bedeutung mini|Rathaus und Verwaltungszentrum Küssabergs bei Rheinheim
Weitere Orte in der Gemeinde Küssaberg sind neben Reckingen noch Dangstetten, Küßnach und Bechtersbohl sowie Kadelburg, das in frühen Zeiten schon Gewerbezentrum war und es auch heute ist. Hier schließt auch das Gewerbegebiet Küssabergs mit dem Großbetrieb Hago an. Zu Rheinheim/Dangstetten zählt das Kieswerk Tröndle. Rheinheim war über 900 Jahre lang Verwaltungszentrum des Klosters Rheinau und ist heute Sitz der Gemeindeverwaltung Küssaberg mit Schulzentrum (Grundschule sowie Gemeinschaftsschule, diese zusammen mit Hohentengen). Dazu kommt in Rheinheim der Kindergarten „Regenbogen“.
mini|Einfahrt zum Ortszentrum, rechts oben die Küssaburg Das alte Ortszentrum direkt an der Rheinbrücke Zurzach–Rheinheim, das vermutlich im 6. Jahrhundert als Stützpunkt des Frankenreichs auf den Trümmern des vorhergegangenen römischen Brückenkopfs errichtet wurde, war im 16. Jahrhundert wieder neu ausgebaut worden. Durchquert von der stark befahrenen Landesstraße 162 als Abzweig von der L 161 am Rheinheimer Kreisel in die Schweiz, finden sich westlich entlang des Flussufers ruhig gelegene Sport- und Freizeiteinrichtungen.
Dorfleben Beim Gemeindezentrums wurde auch die Zentrale der Freiwilligen Feuerwehr Küssaberg zusammen mit dem DRK-Ortsverband und der DLRG-Ortsgruppe Reckingen eingerichtet.
Im Zentrum befindet sich ein Lebensmittelgeschäft und außerhalb ein Discounter. Neben einer ortstypischen Kneipe, einem Café und einem Bistro am Rheinheimer Kreisel sowie zwei asiatischen Restaurants gibt es den Traditionsgasthof „Der Engel“ mit einem Biergarten. Gegenüber, in der ehemaligen Zehntscheuer, hat die Gemeindebücherei ihr Domizil.
Vielerlei Bürgeraktivitäten und -veranstaltungen der ganzen Gemeinde finden in der Freizeiteinrichtung „Im Bädle“ statt. Inzwischen gibt es auch Initiativgruppen, die in Sachen Klimawandel und Ressourcenschonung agieren, doch die sich ebenso wie eine Reihe von Vereinen mit Sitz und Anlagen in Rheinheim auf den Bereich Küssaberg beziehen. Darunter der Sportverein SV Rheintal mit Fußballfeldern in Ortsnähe.
Originär Rheinheimer Vereine sind der Musik- und Turnverein sowie der 1971 gegründete und 2007 wiederbelebte Narrenverein „Rebesäck“.
Kirchengemeinde Die St. Christophorus-Seelsorgeeinheit umfasst Küssaberg und Hohentengen. Gedenktag des Heiligen ist der 24. Juli. Das Küssaberger Pfarrbüro befindet sich in Rheinheim. Ebenso im Ort das Gemeindezentrum „Brücke“ im alten Rheinauer Amtshaus.
Kirche Die Pfarrkirche in Rheinheim ist seit 1682 dem hl. Michael geweiht (29.9.): „‚Schon der Name des Patrons‘, sagt Kraus, (Kunstdenkmäler Badens), dürfte darauf hinweisen, daß an dieser Stelle eine römische Kultstätte (des Merkur) sich befand.‘ […] Ihr Hochaltar kann als Muster von gutem Barock gelten.‘ Ein Kunstwerk ist die Kanzel. Sie stammt aus der Rheinauer Klosterkirche. Sie hat reichen Figurenschmuck und zeigt von schwebenden Engeln gehalten das Rheinauer Wappen. Auch das Geläute der Kirche ist sehr alt; es stammt aus dem Jahre 1476.“Zitat: Kraus bei H. W. Mayer (Hrsg.): Heimatbuch für den Amtsbezirk Waldshut. Verlag R. Philipp, Waldshut 1926, S. 204. (Quelle in der Folge mit „Mayer“ bezeichnet).
Eine evangelische Kirche befindet sich in Kadelburg als Zentrum der Evangelischen Gemeinde Küssabergs.
Geschichte Alte Geschichte Die Geschichte von Rheinheim beginnt mit dem ersten Zugriff der Römer bereits kurz vor der Jahrtausendwende 15 v. Chr. auf den heute süddeutschen Raum mit einer Flussüberquerung zwischen Zurzach und dem heutigen Kernort. Durch den römischen Historiker Strabon ist lediglich überliefert, dass die Spitzen zweier Armeen nach der Besetzung der Alpenregion durch eine Zangenoperation sich an den „Donauquellen“ vereinigten. Archäologisch nachgewiesen ist die Belegung mit einem großen Militärlager auf der Gemarkung von Dangstetten, dem Römerlager Dangstetten. (Ausgrabung ab 1967). Eine offensive Fortsetzung des Unternehmens nach Germanien wurde vorerst durch die römische Niederlage in der Schlacht im Teutoburger Wald verzögert, doch entscheidend war der Ausbau des alten (keltischen?) Handelsweges über den Pass von Bechtersbohl zur Wutachlinie und bald darauf (um 40 n. Chr.) in die Baar zur Donau (Kastell Hüfingen).
In den 400 Jahren bis zum Rückzug der Römer während der Völkerwanderung unter dem Druck der Alamannen kam es zu verschiedenen Brückenbauten zwischen Zurzach und Rheinheim mit entsprechenden ‚logistischen‘ Einrichtungen, die vorwiegend durch archäologische Befunde und Übermittlungen der Heimatforschung seit dem 19. Jahrhundert bekannt sind.
Frühgeschichte Gewann „Neuwiesen: Auf der Niederterrasse nördlich des Ortes liegt ein stark verflachter Grabhügel am Ende einer seichten, flachbodigen Rinne etwa 70 m einwärts der Terrassenkante. Er ist aus kiesigem Material aufgeschüttet, stark überackert und deshalb wohl in N-S-Richtung verzogen. Sein Dm. beträgt 22,5 x 18 m, in der Höhe mißt er noch ca. 0,40 m. Die Hügelmitte wurde offenbar gekesselt, wie eine deutliche Einsattelung vermuten läßt. Näheres ist darüber nicht bekannt. [Das Gewann ließ sich gegenwärtig nicht feststellen] Lit.: Bad. Fundber. 17, 1941–1947, 361.“Egon Gersbach: Urgeschichte des Hochrheins, Badische Fundberichte. Sonderheft 11, Hrsg.: Staatliches Amt Für Ur- und Frühgeschichte Freiburg, 1969, S. 194.
Römer (Brückenbau) mini|hochkant|Pfeilermodell der Römerbrücke im Rathaus Rheinheim (W. Pabst)
„Zwischen Rheinheim und Zurzach war einst der wichtigste Rheinübergang der römischen Reichsstraße. Auf Schweizer Seite sind zwei römische Kastelle nachgewiesen. Rheinheim steht auf dem Brückenkopf. Dem Übergang über den Strom dienten hier einstmals 3 Brücken, die heute einwandfrei nachgewiesen sind. Die östliche befand sich ungefähr in der Mitte zwischen Rheinheim und Reckingen beim Mühlacker. Die zweite begann schweizerseits beim Schlösschen Mandach und führte diesseits auf die Stelle östlich vom Pfarrhaus Rheinheim. Das soll sogar eine Doppelbrücke gewesen sein; eine aus Holz und eine aus Stein. Die dritte befand sich ungefähr 100 m weiter stromabwärts.“Die „Doppelbrücke“ aus Holz existierte nicht gleichzeitig mit der Römerbrücke, wie Mayer noch annehmen musste (Mayer, 204 f.): Es war eine mittelalterliche Brücke. Das Schloss Mandach fiel 1906 dem Bau der Rheintalbahn zum Opfer.
Zur ersten Brücke siehe auch die Angabe unter Reckingen, die ‚drite Brugg‘ war die historisch erste, die noch während oder nach der Einrichtung des Römerlagers 15 v. Chr. westlich der späteren gebaut wurde und die Insel gegenüber dem heutigen Gemeindezentrum Küssaberg als ‚Zwischenstation‘ nutzte. Der neu angelegte Asphaltweg östlich entlang des Gemeindezentrums (Feuerwehrzentrale) nimmt die Trasse des Erstverlaufs der Römerstraße. Auf Zurzacher Seite kamen bei Ausgrabungen 1982–1987 „im Gebiet ‚Himmelrych‘ / ‚Auf Rainen‘ Reste militärischer Anlagen aus der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. zum Vorschein. […] Ausserhalb des Kastellbereichs lagen verschiedene Werkstätten und ein Badgebäude.“Alfred Hitber: Bezirksmuseum „Höfli“ Zurzach. Sammlung der Historischen Vereinigung des Bezirks Zurzach. Zurzach 1993, S. 77. Auf dieser ersten Kastellfläche befindet sich heute das Schloss Zurzach („Villa Himmelrych“).
Bereits diese Feststellungen machen klar, dass nach der Aufgabe des Römerlagers Dangstetten 9 v. Chr. die Truppen nicht wieder aus dem Gebiet abgezogen wurden – zweifellos jedoch die dort eingerückte 19. Legion –, denn sie ging in der Schlacht im Teutoburger Wald 9. n. Chr. unter. Nach der Jahrtausendwende blieben Truppen zumindest rückwärts auf der Zurzacher Rheinseite stationiert.
Zum Historischen Horizont der Römerzeit der Region siehe: Iuliomagus
mini|Hölzerne Römerbrücke im 1. Jh. Das massive Kastell in Zurzach eher aus dem 4. Jh. (Zeichnung W. Pabst) Überliefert sind zudem eng nebeneinander unmittelbar flussaufwärts neben der modernen Brücke zwei weitere Bauten: „1985 konnten mehrere Pfähle aus dem Flussbett herausgezogen und dendrochronologisch (Jahresring-Messmethode) untersucht werden. Dabei stellte sich heraus, dass […] das Holz für die Pfähle der oberen (Brücke) in den Jahren 368 und 376 geschlagen wurde. In diese Zeit fällt der unter [Kaiser] Valentinian I. verstärkte Ausbau der Grenzbefestigung. 368 erfolgte der Bau der Brücke, 376 musste der zweite Pfeiler erneuert werden.“ Pfähle mit Eisenschuhen der Pfeilergründung befinden sich im Museum Küssaberg und im Museum Höfli in Bad Zurzach. Im Zeitraum der Brückenerneuerung wurde auch das Zurzacher Doppelkastell auf dem heutigen „Kirchlibuck“ massiv ausgebaut.
Brückenbau im Mittelalter 1985 wurde auch festgestellt, dass sich noch näher an der heutigen Brücke eine weitere befand und diese „untere Brücke aus dem 13. Jahrhundert stammt.“ Mitte des 13. Jahrhunderts, um 1250, liegt der Übergang der Herrschaft vom letzten Küssenberger Grafen an das Bistum Konstanz. Es ist wahrscheinlich, dass damals unter diesem mächtigen Bistum die mittelalterliche Brücke neu erbaut wurde. Daraus lässt sich auch schließen, dass die römische Steinbrücke entweder zerstört wurde oder im Lauf der Jahrhunderte auch infolge der zahlreichen Hochwasser zerfallen war.
mini|Markttreiben auf der Messe (Holzschnitt Stumpf-Chronik, Froschauer Zürich 1549) Die mittelalterliche Brücke begründete die Bedeutung von Zurzach als Messeplatz „im grossen wirtschaftlichen Aufschwung, den Zentraleuropa im 14. und 15. Jahrhundert erlebte“, zumal der spätere der beiden großen Markttage im September zusammen mit der Wallfahrtstag zur hl. Verena abgehalten wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die Flüsse „Rhein, Aare, Limmat und Reuss“ zur Schifffahrt benutzt, sodass Tausende Besucher zu den Messen (im Frühjahr im Mai) kamen. Auch in Rheinheim herrschte zu dieses Zeiten ein reges Markttreiben. Der Brückenbau im 13. Jahrhundert begünstigte auch den Weg der Pilger nach Santiago de Compostela. Damit erhielt auch die vermutlich schon römische Straßenstation anstelle des heutigen Gasthaus Der Engel als Herberge neuen Aufschwung.
Jedoch war die mittelalterliche Brücke nicht von großer Dauer: „Nach dem Abgang der Rheinbrücke (Hochwasser 1343?) besorgten Fähren bis 1907 den Verkehr über den Rhein.“ (A. Hitber, Bezirksmuseum „Höfli“, S. 42 und 46).
mini|Erhaltenes Teilstück der Römerstraße von Bechtersbohl in den Klettgau mini|Römerstraßen Hochrhein-Donau-Neckar
Römerstraße nach Mayer (1926)