Guangdong (, meist kurz ), früher auch Kwangtung oder Kanton-Provinz, ist eine Provinz im Süden der Volksrepublik China mit dem Delta des Perlflusses als Zentrum. Guangdong ist mit 126,01 Millionen Einwohnern (Stand 2020) die bevölkerungsreichste Provinz Chinas. Ihr Name bedeutet Weiter Osten und stammt aus der Zeit, als Guangdong gerade von Han-Chinesen besiedelt wurde und noch ein weites, unbewohntes Gebiet war. Die von diesem Namen abgeleitete Bezeichnung Kanton wurde vor allem in der Vergangenheit im Westen für die Hauptstadt Guangzhou gebraucht, seltener für die Provinz selbst. Weitere wichtige Städte in Guangdong sind Shantou, Shenzhen, Foshan, Dongguan, Zhanjiang und Zhuhai. Der Kurzname für Guangdong ist „Yue“ ().

Geographie Guangdong ist mit einer Fläche von 179.643 km² ungefähr halb so groß wie Deutschland. Die Provinz liegt an der Küste des Südchinesischen Meeres und wird im Norden durch die Nanling-Berge begrenzt. Am Westende liegt die Leizhou-Halbinsel und vor deren Südspitze die Insel Hainan, die noch bis 1988 zu Guangdong gehörte. Die Nachbarprovinzen sind Fujian, Guangxi, Hainan (seit 1988 eigene Provinz), Hunan, Jiangxi sowie die Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau. Letztere Städte zählen zum historischen Kulturraum Guangdong, haben jedoch aufgrund des Kolonialismus eine Sonderentwicklung genommen. Die stark zerklüftete und buchtenreiche Küste Guangdongs hat eine Länge von 4.084,48 Kilometern. Zur Provinz gehören 1.963 Inseln, von denen mehr als 90 Prozent unbewohnt sind und über 50 Prozent weniger als 500 Quadratmeter umfassen. Nach offizieller Sicht der Volksrepublik China gehören dazu auch die Dongsha-Inseln, die sich de facto aber unter der Kontrolle der Republik China (Taiwan) befinden.

Südchinesisches Meer Die Volksrepublik China beansprucht außerdem 419.300 Quadratkilometer Meeresfläche als Teil des Hoheitsgebiets von Guangdong. Dieser Anspruch richtet sich zu Teilen auf internationales Seegebiet oder gegen Gebiete und Inseln, die auch umliegende Länder wie die Philippinen, Vietnam, Malaysia, Brunei und Indonesien für sich beanspruchen oder aber als Internationale Gewässer erhalten sehen wollen. Der Konflikt um die Spratly-Inseln ist Teil hiervon.

Physiogeografie Etwa zwei Drittel der Provinzfläche sind Berg- und Hügelland und der Rest Ebenen und Tafelland. Die durchschnittliche Höhe nimmt von Norden nach Süden hin ab. Die höchste Erhebung der Provinz ist der 1902 Meter hohe Shikengkong (, ) an der Grenze zu Hunan.

mini|Guangji-Brücke in Chaozhou

Physiogeographisch kann Guangdong in mehrere Großlandschaften unterteilt werden. Das Perlflussdelta besteht aus den Mündungsregionen der Flüsse Xijiang (Westfluss), Beijiang (Nordfluss) und Dongjiang (Ostfluss), sowie den benachbarten Inseln. Die riesige Schwemmebene, die der Perlfluss um seine Mündung gebildet hat, ist eine wichtige landwirtschaftliche Region und seit den 1980er Jahren ein Brennpunkt des Wirtschaftswachstums. Im Berg- und Hügelland von Nordost- und Südost-Guangdong finden sich mehrere Gebirge bzw. Bergketten, die bis 1000 Meter Höhe erreichen. Hierzu zählen Qingyunshan, Jiulianshan, Luofushan, Lianhuashan und Hai’anshan. Die dazwischenliegenden Tälern bilden mehrere Becken, von den die von Xingning und Meizhou die größten sind. In Südost-Guangdong gibt es einige schmale Küstenebenen, von denen die Chaoshan-Ebene am Unterlauf des Hanjiang die größte ist. Im Bergland von Nord-Guangdong finden sich die Nanling-Berge bzw. deren Teilgebirge Dayuling und Qitianling mit Höhen bis zwischen 1000 und 1500 Metern. Die Berge bilden die Wasserscheide zum Einzugsgebiet des Jangtsekiang. West-Guangdong ist durch Berg- und Tafelland geprägt. Hier finden sich die etwa 1000 Meter hohen Bergmassive Yunkai Dashan und Yunwushan.

Die wichtigsten Flüsse Guangdongs sind der Perlfluss, zu dessen Einzugsgebiet etwa die Hälfte Guangdongs gehört und der in Bezug auf die transportierte Wassermenge etwa achtmal so groß wie der Gelbe Fluss und der nach dem Jangtse zweitwasserreichste Fluss Chinas ist. Die Hochwasserperiode des Perlflusses dauert von April bis September. Der zweitgrößte Fluss Guangdongs ist der in der Nachbarprovinz Fujian entspringende Hanjiang.

Klima mini|Yannanfei-Teegarten in Meizhou Das Klima Guangdongs ist feucht bei subtropischen bis tropischen Temperaturen. Im bergigen Norden herrscht eine Jahresdurchschnittstemperatur von 19 °C, im Süden von 23 °C. Der kälteste Monat in Guangzhou ist der Februar mit durchschnittlich 14 °C, während es in den Sommermonaten durchschnittlich 29 °C warm ist. Die Niederschläge sind sehr ungleich verteilt, im Norden gibt es Regionen, die auf weniger als 1200 mm Jahresniederschlag kommen. Die feuchtesten Regionen bringen es hingegen auf mehr als 2800 mm im Jahr. Zeitlich sind die Niederschläge ebenfalls unregelmäßig verteilt. Die Wintermonate sind relativ trocken, dafür hört es im Frühling fast nicht mehr auf zu regnen (Pflaumenregen, ). Im Sommer besteht regelmäßig Taifungefahr, wobei August und September weitere zwei Monate mit hohen Niederschlagsmengen sind.

Bedeutung Guangdongs für Chinas Kontakte zur Außenwelt Guangdong war historisch von besonderer Bedeutung für die Kontakte Chinas zur Außenwelt. Bedingt durch die Abschottungspolitik () zur Zeit der Ming- und Qing-Dynastie waren die Kontakte Chinas zur Außenwelt sehr stark reglementiert. Jahrhundertelang wurde der Seehandel Chinas fast ausschließlich über Guangdong (in geringerem Maße auch über die benachbarte Küstenprovinz Fujian) abgewickelt. Dies änderte sich erst mit der durch die westlichen Mächte und Russland erzwungenen wirtschaftlichen Öffnung Chinas ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Sonderstellung Guangdongs hatte mehrere weitreichende Folgen: zum einen wurde dadurch das Bild Chinas im Westen jahrhundertelang stark von den Verhältnissen in Guangdong geprägt, während die Binnenprovinzen Chinas und der Norden (mit einer gewissen Ausnahme der Kaiserresidenz Peking) lange Zeit weitgehend außerhalb des westlichen Blickfeldes blieben. „Kanton“ (der historische Name Guangdongs im Westen) war gewissermaßen ein Synonym für China. Zum anderen gab es im Zuge der Auslandskontakte eine bedeutende chinesische Emigration aus Guangdong nach Übersee, insbesondere nach Südostasien, aber auch andere Länder. Die Gemeinschaft der Auslandschinesen mit Wurzeln in Guangdong wird auf etwa 30 Millionen Personen geschätzt. Fast alle Chinatowns in den Vereinigten Staaten, in denen zumindest historisch ganz überwiegend Kantonesisch und nicht Mandarin gesprochen wurde, gehen auf Auswanderer aus der Stadt Taishan in Guangdong zurück.

Geschichte Einer der ältesten Hominidenfunde im Gebiet Guangdongs wurde in der Großgemeinde Maba im Stadtbezirk Qujiang in der Stadt Shaoguan gemacht, wo 1958 ein Schädelfragment eines Hominiden in einer Karsthöhle entdeckt wurde. Dieser Überrest des sogenannten Maba-Menschen wurde auf ein Alter von mindestens 120.000 Jahren datiert. Historisch war Guangdong zunächst von austroasiatischen Yue-Stämmen besiedelt. Im Jahr 214 v. Chr. wurde die Region durch die Qin-Dynastie erobert und anschließend als „Südsee-Provinz“ () organisiert. Danach begann eine allmähliche Sinisierung durch Zuwanderung von Han-Chinesen aus dem Norden. Letztlich blieb die chinesische Kontrolle über die Region jedoch zunächst unvollständig bzw. temporär, und es bildeten sich in den folgenden Jahrzehnten lokale Teilreiche, unter anderem das südliche Yue (Nan-Yue)-Reich unter dem lokalen Qin-Machthaber Zhao Tuo (). Unter König Wu dehnte sich das Nan-Yue-Reich, dessen Hauptstadt Panyu () im Gebiet des heutigen Guangzhou lag, bis ins nördliche Vietnam aus. 111 v. Chr. wurde das Nan-Yue-Reich durch die Han-Dynastie erobert und in das chinesische Reich eingegliedert. Im Jahr 218, zur Zeit der westlichen Jin-Dynastie wurde eine Provinz Guangzhou () aus den ungefähren Gebieten der heutigen Provinzen Guangxi und Guangdong gebildet, die über die folgenden Jahrhunderte, teilweise unter anderen Benennungen, Bestand hatte. Ab dem 12. Jahrhundert begann eine zweite Migrationswelle vor allem in den Osten der Provinz, wo sich Hakka („Gastfamilien“) ansiedelten. Zur Zeit der Ming-Dynastie wurde im Jahr 1369 eine Provinz unter dem Namen Guangdong mit Verwaltungssitz im Bezirk Guangzhou eingerichtet. mini|Kanton im Jahr 1800 Die Stadt Guangzhou entwickelte sich frühzeitig zu Chinas Tor zur Außenwelt, in der Kaufleute und Handelsschiffe aus Indien, Arabien und Persien sowie möglicherweise auch aus dem Spätrömischen Reich (Daqin) zu finden waren. Ab etwa dem Jahr 620 traten muslimische Kaufleute aus Arabien in Erscheinung, die unter anderem erstmals das Opium nach Südchina einführten. Beginnend mit dem 10. Jahrhundert wurde der chinesische Außenhandel durch die Autoritäten immer mehr zentral reglementiert, so dass dieser im 12. Jahrhundert nur noch über die Häfen von Guangzhou und Quanzhou (Fujian) möglich war. Im Gefolge der europäischen Entdeckungsreisen tauchten kurz nach 1500 erstmals die Portugiesen im Südchinesischen Meer auf. Seit dieser Zeit ist der Name Kanton, der sich vom portugiesischen Cantão ableitet, für Guangzhou in Gebrauch. Die Kontakte mit den portugiesischen und später auch anderen europäischen Händlern verliefen im Allgemeinen friedlich, waren jedoch nicht frei von Konflikten, da sich die Fremden manchmal an Plünderungen beteiligten, oder beispielsweise Chinesen in die Sklaverei verschleppten. Die Portugiesen waren die ersten Europäer, auf die das Epitheton angewandt wurde. Mit Genehmigung der chinesischen Autoritäten hielten sich zwischen 1583 und 1592 die italienischen Jesuiten Michele Ruggieri und Matteo Ricci in Guangdong und China auf. Ihre Berichte erweiterten die europäischen Kenntnisse von China. Während der Qing-Dynastie wurde Guangzhou/Kanton 1757 zum ausschließlichen Handelshafen für nicht-russische europäische Kaufleute bestimmt („Kanton-System“). mini|Karte von Kanton/Guangzhou 1860 1839 bis 1842 kam es über den illegalen Opiumhandel in Kanton zum Ersten Opiumkrieg mit dem Vereinigten Königreich. Die Niederlage Chinas in diesem Krieg, der zur Verpachtung Hongkongs an die Briten führte, offenbarte die große innere Schwäche des Qing-Reiches. In den folgenden Jahrzehnten schlossen auch andere europäische Nationen ungleiche Verträge mit China ab, und Russland annektierte riesige Gebiete im Norden Chinas. Zwischen 1851 und 1864 tobte im Süden und Osten Chinas der Taiping-Aufstand, der weite Gebiete verwüstet und entvölkert zurückließ. In Guangdong gab es parallel dazu andere Konflikte. 1854 bis 1856 spielte sich hier der Aufstand der Roten Turbane ab, bei dem sich Angehörige der Tiandihui-Gesellschaft gegen die Qing-Autoritäten erhoben. In den Jahren 1855 bis 1868 gab es eine zum Teil ethnisch motivierte gewaltsame Auseinandersetzung zwischen einheimischen Kantonesen und Angehörigen der Hakka-Minderheit (Punti–Hakka-Klankriege), die hauptsächlich in der Taishan- und Siyi-Region virulent wurde und geschätzt etwa eine Million Tote forderte. Infolge der andauernden politischen und wirtschaftlichen Instabilität nahm die Emigration nach Übersee zu. Hauptziele der Emigranten aus Guangdong waren Süd(ost)asien und die Vereinigten Staaten, wo sich große Gemeinschaften aus Auslandschinesen bildeten. Die Emigranten wanderten oft gruppenweise aus derselben Region aus und hielten weiter Kontakt zu ihren Herkunftsregionen. Nach der wirtschaftlichen Öffnung Chinas ab den 1980ern waren sie wichtige Investoren und Kreditgeber beim wirtschaftlichen Aufbau Guangdongs.

mini|Guangdong im Jahre 1946, noch einschließlich der Insel Hainan und der später an Guangxi abgetretenen Küstenregion