Die Hethiter waren ein kleinasiatisches Volk des Altertums, das im 2. Jahrtausend v. Chr. bis in die Region Palästina politischen und militärischen Einfluss hatte, nämlich bis „Syrien“ und „Kanaan“. (Die Region entspricht etwa dem heutigen Libanon und Israel.) Ihre Hauptstadt war die meiste Zeit Ḫattuša in der heutigen nördlichen Zentraltürkei. Der heutige Ort Boğazkale liegt unmittelbar bei der antiken Stelle. Die Hethiter sprachen Hethitisch, eine indoeuropäische Sprache, und verwendeten dafür die Keilschrift.
Von den Hethitern sind die Hattier zu unterscheiden, die eine nicht-indoeuropäische Sprache verwendeten. Allerdings nannten die Hethiter selbst ihr Reich Ḫatti.
Die Entdeckung der Hethiter Die Existenz der Hethiter war mit Ausnahme einiger verstreuter Bibelstellen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts unbekannt. Schon in der klassischen Antike gab es keine Erinnerung mehr an sie; die Überreste ihrer Kultur wurden für ägyptisch gehalten. Herodot hielt das hethitische Felsrelief von Karabel für eine Darstellung des ägyptischen Pharaos Sesostris III. Nach aktuellem Wissensstand stellt es Tarkasnawa von Mira dar.hierzu ausführlich John David Hawkins: Tarkasnawa, King of Mira: 'Tarkondemos', Boğazköy sealings and Karabel. Anatolian Studies 48, 1998, S. 1–31. Der erste archäologische Hinweis auf die Hethiter stammt von den assyrischen Handelskolonien in Kaneš (dem heutigen Kültepe), in dem Aufzeichnungen einen Handel zwischen den Assyrern und einem gewissen „Land Hatti“ belegten. Einige Namen in den Aufzeichnungen waren weder hattisch (altanatolisch) noch assyrisch, sondern eindeutig indoeuropäisch.
William Wright stellte fest, dass die Inschrift auf 1884 von Archibald Henry Sayce bei Boğazköy gefundenen Denkmälern (vermutlich Yazılıkaya) zu eigenartigen hieroglyphischen Inschriften in Aleppo und Hamath (Nordsyrien) zu passen schien. 1887 wurden die Archive von Tell-el-Amarna gefunden, die die diplomatischen Korrespondenzen von Amenophis III. und seinem Sohn Echnaton enthielten. Zwei der Briefe aus einem Königreich Arzawa waren in gängiger akkadischer Keilschrift, aber einer unbekannten Sprache geschrieben. Das Hethitische konnte von den Wissenschaftlern gelesen, aber nicht verstanden werden. Kurz danach schlug Archibald Sayce eine Identifizierung des Ḫatti-Lands mit dem aus der Bibel bekannten Volksstamm der Hethiter vor. Dies konnte sich im frühen 20. Jahrhundert durchsetzen, so dass der biblische Name Hethiter auf die in Boğazköy gefundene Zivilisation überging.
Bei den 1905 begonnenen sporadischen Ausgrabungen in Boğazköy fand der Archäologe Hugo Winckler (1863–1913) ein königliches Archiv mit 10.000 Tafeln, die in Keilschrift und derselben unbekannten Sprache abgefasst waren wie die ägyptischen Briefe aus Arzawa. Er bewies, dass die Ruinen bei Boğazköy die Überreste der Hauptstadt eines mächtigen Reichs sind, das zeitweilig auch das nördliche Syrien beherrschte.
Schließlich wurde die Sprache dieser Tafeln vom tschechischen Linguisten Bedřich Hrozný (1879–1952) entschlüsselt, der seine Resultate bei einem Vortrag am 24. November 1915 vorstellte. Seine Publikation Die Sprache der Hethiter; Ihre Struktur und ihre Zugehörigkeit zur indogermanischen Sprachfamilie erschien 1917 in Leipzig. In diesem Buch konnte er zeigen, dass die bislang geheimnisvolle Sprache der Hethiter zu den indoeuropäischen Sprachen zählt und somit deren älteste schriftlich festgehaltene Vertreterin ist.
Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts graben Ḫattuša seit 1932 (mit kriegsbedingten Unterbrechungen) systematisch aus.
Geschichtliche Übersicht
Datierung Eine gesicherte Datierung der Regierungsdauer hethitischer Könige/Herrscher ist nicht möglich, da hethitische Quellen bislang keine sicheren Nachweise liefern. Briefwechsel mit anderen Königen und Inschriften erlauben deshalb nur punktuelle Datierungsmöglichkeiten, die sich zusätzlich an die „kurze“ oder „mittlere“ Chronologie anlehnen (siehe dazu Chronologien der Altorientalischen Geschichtsschreibung). Außerdem erwähnt Muršili II. für sein zehntes Regierungsjahr eine mögliche Sonnenfinsternis. In seiner Regierungszeit traten in kurzen Abständen aber mehrere Sonnenfinsternisse auf, die verschiedene Datierungen ermöglichen, wobei eine totale Sonnenfinsternis im Jahre 1312 v. Chr. derzeit von der Forschung bevorzugt wird (siehe auch Sonnenfinsternis des Muršilis).
Vorgeschichte Mögliche Einwanderungswege und die Herkunft (die Anatolien-Hypothese geht z. B. davon aus, dass die Hethiter nicht eingewandert, sondern weitgehend in ihrer ursprünglichen Heimat verblieben sind) indoeuropäischer Anatolier können bisher nicht eindeutig belegt werden. Im 3. Jahrtausend v. Chr. lebten in Zentral-Anatolien die sprachlich isolierten Hattier. Indoeuropäisch-anatolische Sprachen dagegen sind erst seit der frühen Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. in Anatolien belegt (einzelne Namen und Lehnwörter finden sich in altassyrischen Texten allerdings schon im frühen 2. Jahrtausend). Sie sind damit die ältesten belegten indoeuropäischen Sprachen. Nahezu gleichzeitig sind das Palaische im Norden und das Luwische im Südwesten belegt; erst im 1. Jahrtausend v. Chr. das Lydische, ein weiterer Zweig der anatolischen Sprachen. Das Lykische, Sidetische und Karische, die ebenfalls erst im 1. Jahrtausend v. Chr. belegt sind, zeigen starke Verwandtschaft mit dem Luwischen auf und werden von diesem hergeleitet.
Die Hethiter übernahmen von den Hattiern die Bezeichnung Ḫatti für das Land. Ihre Sprache nannten sie nešili, nach der Stadt Kaneš/Neša. Der erste hethitische Großkönig, der in Ḫattuša/Boğazköy residierte, stammte wie Anitta ursprünglich aus Kuššara, einer Stadt, die noch nicht identifiziert werden konnte.
Die folgenden Angaben von Sprachwissenschaftlern beruhen auf individuellen Schätzungen: Beispielsweise nimmt Oettinger (2002) „indogermanische Sprachträger“ im 3. Jahrtausend v. Chr. an, deren Einwanderung spätestens 2300 v. Chr. erfolgte;Norbert Oettinger: Indogermanische Sprachträger lebten schon im 3. Jahrtausend v. Chr. in Kleinasien. Die Ausbildung der anatolischen Sprachen. In: Helga Willinghöfer (Red.): Die Hethiter und ihr Reich. Das Volk der tausend Götter. Theiss-Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1676-2. Melchert (2003) nimmt eine Einwanderung im 4. Jahrtausend v. Chr. an.Harold C. Melchert: The Luwians. Brill, Leiden 2003, ISBN 90-04-13009-8.
Der US-amerikanische Archäologe David Anthony (2007, passim) plädiert aus archäologischen Gründen für eine Einwanderung über den Balkan etwa 4000 v. Chr.Anthony, David W. (2007). The Horse, the Wheel, and Language: how Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes shaped the Modern World. Princeton NY: Princeton Univ. Press.; Atkinson-Gray (korrigiert 2013) nehmen die indoeuropäischen Anatolier gar als Keimzelle der indoeuropäischen Sprachen um etwa 7579 „BP“ (undefiniert, entspricht etwa 6580 v. Chr.) anUnsigned correction www.sciencemag.org SCIENCE VOL 342 20 DECEMBER 2013 to R. Bouckaert et al., “Mapping the origins and expansion of the Indo-European language family” Science, 2012: 957 und stimmen zeitlich grob mit Renfrews ursprünglicher Anatolien-Hypothese überein. Mit derselben Methodik, jedoch einem verbesserten Datensatz, berechnete Holm (2017) eine Ausgliederung der Hethiter auf etwa 3000 v. Chr., womit eine Einwanderung in den folgenden tausend Jahren impliziert wird.Holm, Hans J. (2017): Steppe Homeland of Indo–Europeans Favored by a Bayesian Approach with Revised Data and Processing - Updated Bayesian approach, with archeological and linguistic parallels. Glottometrics 37: 54-81. Bochum: RAM-Verlag 2017.
Das hethitische Großreich mini|hochkant=2|Das Hethiterreich und seine Nachbarn um 1230/20 v. Chr. Zu diesem Reich zählten weite Teile Anatoliens und zeitweise auch die nördliche Hälfte des heutigen Syrien. Hauptstadt des Reiches war Ḫattuša im Norden von Zentralanatolien, etwa 150 Kilometer östlich von Ankara.
Ḫattuša wurde vor allem durch ca. 30.000 Texttafeln berühmt, die hier Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden. Bis dahin kannte man die Hethiter nur aus altorientalischen und ägyptischen Texten, die entsprechenden Sprachen/Schriften waren bereits Anfang des 19. Jahrhunderts entziffert worden. Der tschechische Orientalist Bedřich Hrozný entzifferte ab 1915 auch die hethitischen Texte, die seitdem als Quellen zu Geschichte, Religion und Kultur dieses Volkes zur Verfügung stehen.
Die Herrscher Ägyptens, Babyloniens und Assyriens betrachteten den hethitischen Großkönig weitgehend als gleichrangigen Partner, mit dem sie diplomatische Kontakte und Handelsbeziehungen unterhielten, aber auch Kriege führten. Ein Beispiel für dieses Spiel der Mächte ist die Schlacht bei Kadesch (1274 v. Chr.) und der nachfolgende Friedensvertrag zwischen Ramses II. und Ḫattušili III. Hierbei handelt es sich um den ältesten bekannten Friedensvertrag der Welt, von dem – als ein Symbol für den Frieden – eine Kopie im UNO-Gebäude in New York City zu sehen ist.
Das hethitische Großreich umfasste eine ganze Reihe von Vasallen- und Nachbarstaaten wie Tarḫuntašša oder Karkemiš. Von besonderem Interesse in der Forschung der letzten Jahre ist der mögliche hethitische Einfluss auf die Troas (Troja) sowie die Kontakte mit mykenischen Stadtstaaten, insbesondere an der kleinasiatischen Westküste (vor allem mit dem Land Arzawa und der Stadt Milet/Millawanda). Zu den seltenen Belegen dieser Kontakte gehören die mykenischen Importgefäße in der hethitischen Provinzstadt Kuşaklı (heth. Šarišša) in Ostkappadokien.
Der Untergang des hethitischen Großreichs ist auf das frühe 12. Jahrhundert v. Chr. datiert. Die städtischen Zentren Zentralanatoliens östlich des Halysbogens wurden durch Brände zerstört oder aufgelassen. Die Ursachen für den Zusammenbruch sind ungeklärt. Neuere dendrochronologische Daten deuten auf eine verheerende Dürrekatastrophe in den Jahren 1198–1196 (±3) v. Chr. hin.S. W. Manning, C. Kocik, B. Lorentzen, et al.: Severe multi-year drought coincident with Hittite collapse around 1198–1196 bc. In: Nature 8. 02. 23. doi:10.1038/s41586-022-05693-y Hungersnöte und Angriffe der „Seevölker“ sowie ein Angriff der Kaškäer sind als Teilursachen zu werten. Zunehmend werden auch innere Konflikte und ein Krieg gegen Tarḫuntašša diskutiert. Missernten, Kupfermangel und Kriege an mehreren Fronten könnten den Untergang des Großreichs beschleunigt haben. Die Hauptstadt Ḫattuša wurde aufgegeben, eventuell an einen unbekannten Ort verlegt.Trevor R. Bryce: The World of the Neo-Hittite Kingdoms. A Political and Military History. Oxford University Press, 2021, ISBN 978-0-19-921872-1, S. 10 ff.
Späthethitische Kleinkönigtümer Nach dem Ende des Großreichs hielten sich späthethitische Reiche im Osten (Karkemiš und Tabal), im Süden Tarḫuntašša sowie im Südosten Meliddu noch mehrere Jahrhunderte, ebenso (Klein-)Fürstentümer wie Karatepe und Zincirli. Sie wurden zum Teil zunehmend aramäisiert und fielen schließlich unter assyrische Herrschaft.
Die Struktur des Hethiterreichs mini|Lage der Teilbereiche und der umliegenden Reiche