Eugen Eberle (* 1. September 1908 in Stuttgart; † 29. Mai 1996 ebenda) war ein deutscher Werkzeugmacher, Gewerkschafter und Politiker (KPD, DL). Eberle war von 1945 bis 1952 Betriebsratsvorsitzender der Robert Bosch GmbH und gehörte von 1948 bis 1984 dem Stuttgarter Stadtrat an, zuletzt für das Parteifreie Bündnis Eugen Eberle (PFB).

Leben Der Sohn eines Schreinermeisters wuchs in Stuttgart-West auf.Zur Biografie Eberles siehe: Thomas Borgmann: Er lebte für die Politik – nicht von der Politik. Zum Tode von Altstadtrat Eugen Eberle. In: Stuttgarter Zeitung, 124/1996 (31. Mai 1996), S. 19. Eberle, Nächte, passim. Nach dem Besuch der Volksschule von 1915 bis 1923 absolvierte Eberle eine Mechanikerlehre, zuletzt bei den Contessa-Fotowerken. Kurzzeitig bei Siemens & Halske in Berlin tätig, kehrte er Ende 1929 während der Weltwirtschaftskrise nach Stuttgart zurück und wurde arbeitslos. Eberle war verheiratet; aus der Ehe ging eine Tochter hervor.

1927 trat Eberle in den Deutschen Metallarbeiter-Verband ein; 1928 wurde er Mitglied der KPD. Während seiner Arbeitslosigkeit organisierte er im Auftrag der KPD in der Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur (IfA) die Vorführung sowjetischer Filme und Dichterlesungen, unter anderem mit Sergei Michailowitsch Tretjakow. Eberle war am Aufbau der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) in Stuttgart beteiligt und hielt dort Vorträge. Zudem arbeitete er in einer Buchhandlung der KPD. Im Juni 1932 wurde Eberle bei den Stuttgarter Kodak-Werken eingestellt. Im November 1932 wurde er zum Betriebsrat der Firma mit circa 500 Mitarbeitern, darunter viele ehemalige Beschäftigte der Contessa-Fotowerke, gewählt.

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurde Eberle am 11. März 1933 in „Schutzhaft“ genommen und im KZ Heuberg gefangen gehalten. Nach einem Schwächeanfall wurde er in das Arbeitshaus im Schloss Kaltenstein bei Vaihingen/Enz verlegt und Ende Mai 1933 freigelassen.Haftzeiten siehe Ausweis, ausgestellt am 28. Mai 1933, im Faksimile bei Eberle, Nächte, S. 259. Während der KZ-Haft von Kodak entlassen,Kündigungsschreiben im Faksimile bei Eberle, Nächte, S. 258. fand Eberle im Juni 1933 erneut Arbeit; im Januar 1934 wechselte er zur Firma Robert Bosch in die Kühlschrankfertigung. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges beteiligte er sich ab 1940 am Bau von Luftschutzstollen.

Ein einschneidendes Erlebnis war im Herbst 1940 das Schicksal der Schwiegereltern seines Bruders Rudolf Eberle. Der jüdische Arzt Jakob Holzinger und seine Ehefrau Selma geb. Oettinger suchten am 8.Chronik der Stadt Stuttgart 1933–1945. Klett-Cotta, Stuttgart 1982, S. 711. oder am 9. November 1940Maria Zelzer: Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden. Ein Gedenkbuch. Hrsg. von der Stadt Stuttgart. Klett, Stuttgart 1964, S. 460. den Freitod, denn der Offizier und Landwehrhauptmann des Ersten Weltkriegs hatte nach seiner Verhaftung in den Novemberpogromen 1938 den Terror im KZ Dachau erlebt und wollte weitere Schikanen nicht mehr erdulden. Vier Jahrzehnte später erinnerte sich Eberle an die Trauerfeier im Krematorium auf dem Pragfriedhof: „Ein Gefühl von Trauer überkam mich, als ich in die Gesichter der wenigen Menschen sah, die von der einstmals großen jüdischen Gemeinde in Stuttgart übriggeblieben waren. Unvergeßlich, wie sie die beiden rohen Särge von der jüdischen Leichenhalle ins Krematorium trugen. Die Beerdigung fand im jüdischen Ritus statt, obwohl Holzingers ‚Freigeister‘ waren.“Eberle, Nächte, S. 113.

Anfang 1945 verbarg Eberle einen politisch Verfolgten in seinem Zimmer und brachte ihn später bei seinen Eltern unter, ehe dem Regimegegner die Flucht in die Schweiz gelang.Paul Sauer: Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Meinrad Schaab, Hansmartin Schwarzmaier (Hrsg.) u. a.: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte. Band 4: Die Länder seit 1918. Hrsg. im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-91468-4, S. 231–320, hier S. 312. Bei Kriegsende wechselte er häufig den Wohnort, um einer Einberufung zum Volkssturm zu entgehen.

Betriebsratsvorsitzender von Bosch 1945–1952 Kurz nach der Befreiung vom Nationalsozialismus bildeten am 11. Mai 1945 frühere Mitglieder von KPD, KPO und SPD bei Bosch einen vorläufigen Betriebsausschuß, aus dem der Betriebsrat unter Vorsitz von Eberle entstand.Michael Fichter: Aufbau und Neuordnung: Betriebsräte zwischen Klassensolidarität und Betriebsloyalität. In: Martin Broszat, Klaus-Dietmar Henke, Hans Woller (Hrsg.): Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland. Oldenbourg, München 1988, ISBN 3-486-54131-5, S. 469–550, S. 485. Laut Einschätzung des Betriebsrats stand eine desorganisierte Arbeiterschaft einer im Wesentlichen handlungsfähig gebliebenen Unternehmerschaft gegenüber.Fichter, Aufbau, S. 495. Eberle selbst nannte späterEugen Eberle: Sieben Jahre offensiver Widerstand. In: Tilmann Fichter, Eugen Eberle: Kampf um Bosch. Wagenbach, Berlin 1974, ISBN 3-8031-1050-5, S. 138–191, hier S. 140. die Entnazifizierung, die Verhinderung von Demontagen sowie die Versorgung der Bevölkerung als die wichtigsten Aufgaben des Betriebsrats.

Im Mai 1945 plante der Betriebsrat unter Eberle eine „restlose Ausrottung des Nationalsozialismus“ und eine umfassende „Säuberung der Betriebs- und Personalleitung“.Tilman Fichter: Betriebspolitik der KPD nach 1945: Am Beispiel der Firma Bosch. In: Tilmann Fichter, Eugen Eberle: Kampf um Bosch. Wagenbach, Berlin 1974, ISBN 3-8031-1050-5, S. 5–137, hier S. 89. Der Betriebsrat schlug der alliierten Militärregierung vor, alle ehemaligen Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen zu kündigen. Nach einer Fragebogenaktion des Betriebsrats wären hiervon 20 % der Gesamtbelegschaft und 73 % der leitenden Angestellten betroffen gewesen. Eberle erhob schwere Vorwürfe gegen die Geschäftsleitung und bezeichnete die Beziehungen der Firma zu Carl Friedrich Goerdeler, der als führender Kopf des Widerstandes nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet wurde, als rein geschäftlicher Natur. Die Geschäftsleitung stellte hingegen die Bedeutung der Beziehungen zu Goerdeler für den Widerstand heraus, in deren Folge auch Albrecht Fischer, wie Goerdeler ein Berater Boschs, verhaftet worden war.Fichter, Aufbau, S. 507. Auf Grund der Erfahrungen mit entlastenden Aussagen forderte Eberle erfolglos, dass jedes NSDAP-Mitglied als Aktivist betrachtet werden müsse, auch die „Konjunkturritter“ und „ewigen Staatsbejaher“.Fichter, Aufbau, S. 515. Kündigungen während der Entnazifizierung betrafen insbesondere mittlere und untere Stellen, weitergehenden Forderungen des Betriebsrats wurden nach Kontakten Boschs durch die amerikanischen Militärregierung klare Grenzen gesetzt. Im September 1947 kam es zu einem Streik, nachdem die Unternehmensleitung sechs ehemalige, als Mitläufer Eingestufte wieder in führenden Positionen einstellen wollte. Dabei konnte sich der Betriebsrat um Eberle teilweise durchsetzen.Fichter, Aufbau, S. 520. Im Frühjahr 1947 hatte ein eintägiger Proteststreik gegen die schlechte Versorgungslage erhöhte Zulagen für Bosch-Mitarbeiter zur Folge.Fichter, Aufbau, S. 543. Eine von Bosch gewollte Kürzung der Gehälter war vom Betriebsrat um Eberle weitgehend verhindert worden.Fichter, Aufbau, S. 527f. Überwiegend erfolglos blieb der Kampf des Betriebsrates gegen den Abtransport von Maschinen zu einer neugegründeten Bosch-Tochterfirma im Saarland, das damals an Frankreich angegliedert war.Fichter, Betriebspolitik, S. 100ff.

Als Mitglied der IG Metall nahm Eberle im Oktober 1949 am Gründungskongress des DGB teil; seit 1950 gehörte er dem IG Metall-Vorstand an. Im Oktober 1951 wurde er aus dem IG Metall-Vorstand ausgeschlossen.Gewerkschaftsbeschluß gegen Eugen Eberle. Bosch-Betriebsratsvorsitzender aus dem Vorstand der IG Metall entfernt. In: Stuttgarter Nachrichten, 24. Oktober 1951, im Faksimile bei Eberle, Nächte, S. 276. Zuvor hatte sich Eberle geweigert, einen Revers zu unterschreiben, in dem er sich von der „These 37“ des KPD-Parteitags vom März 1951 distanzieren sollte. In der „These 37“ hatte die KPD von ihren Anhängern gefordert, „Kampfhandlungen auszulösen auch gegen den Willen rechter Gewerkschaftsführer“, da diese die Gewerkschaften „in den Dienst der Kriegsvorbereitungen“ stellen wollten.Hermann Weber: Kommunisten und Gewerkschaften in Deutschland - zu einigen historischen Aspekten kommunistischer Gewerkschaftspolitik. S. 516 (PDF, 66 kB, abgerufen am 8. Mai 2011). Nach eigenen Angaben war Eberle „trotz Unbehagen von der Richtigkeit“Eberle, Sieben Jahre, S. 186. der „These 37“ überzeugt; 1982 bezeichnete er seine Weigerung, einen weniger scharf formulierten Revers des Stuttgarter IG Metall-Bezirks zu unterschreiben, als „große[n] politischen Fehler“.Eberle, Nächte, S. 232.

Am 15. Februar 1952 entließ Bosch Eberle und zwei weitere Betriebsräte fristlos.Wolfgang Kraushaar: Die Protest-Chronik 1949–1959. (Band 1: 1949–1952) Rogner und Bernhard, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-8077-0338-1, S. 560. Laut Kündigungsschreiben hatte Eberle das Ziel verfolgt, „das Vertrauen zwischen Geschäftsführung und Belegschaft fortgesetzt zu stören, ständig Unruhe in den Betrieb hineinzutragen und den Betrieb zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen zu machen.“zitiert bei Eberle, Sieben Jahre, S. 189. Drei Tage zuvor hatte Eberle eine Entschließung gegen die Wiederaufrüstung in einer Betriebsversammlung vorgelegt. Eberle blieb arbeitslos, bis er 1957 eine Versicherungsagentur gründete.

Gemeinderat in Stuttgart 1948–1984 Zusammen mit drei weiteren KPD-Mitgliedern war Eberle im Januar 1948 in den Stuttgarter Stadtrat gewählt worden. Eberle hatte auf Platz sieben der KPD-Liste kandidiert; durch kumulierte und panaschierte Stimmen erhielt er die meisten Stimmen aller KPD-Kandidaten.Nach 30 Jahren noch kein bißchen leise. Stuttgarter Nachrichten, 29. Dezember 1977. Im Faksimile bei Grohmann, Eberle, S. 47–49. Seine Nebensitzerin war die Zentrumspolitikerin Charlotte Armbruster. Nach dem KPD-Verbot im August 1956 behielt er sein Mandat als Parteiloser. Bei der Kommunalwahl 1959 lehnte Eberle es nach eigenen AngabenEberle, Nächte, S. 244. ab, auf der von der illegalen KPD favorisierten Liste der Rüstungsgegner zu kandidieren. Eberle konnte mit einer eigenen Liste sein Mandat verteidigen, während die Liste der Rüstungsgegner ohne Mandat blieb. Bei der Oberbürgermeisterwahl 1966 trat Eberle gegen den Amtsinhaber Arnulf Klett an und erzielte 27.840 Stimmen (15,8 %).Grohmann, Wort und Tat, S. 18.

Im November 1967 war Eberle Mitgründer der Demokratischen Linken und wurde zum Vorsitzenden der Wahlpartei gewählt, in der sich ehemalige Mitglieder der verbotenen KPD und linke Kritiker der seit 1966 regierenden Großen Koalition zusammenschlossen.Herbert Lazar: Man kann wieder links wählen. In: Die Zeit 47/1967 (22. November 1967) Die fast ausschließlich in Baden-Württemberg aktive Partei scheiterte bei der Landtagswahl 1968 mit 2,3 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde und löste sich gegen Eberles Willen im Juni 1970 auf.Grohmann, Wort und Tat, S. 30.