Das typologische Modell der Erzählsituationen von Franz Karl Stanzel ist ein gebräuchliches Schema zur Analyse von Prosatexten, das seit den 1950er Jahren – trotz häufiger Kritik – weite Verbreitung in der Literaturwissenschaft gefunden hat. Innerhalb der Erzähltheorie ist es eines von mehreren gebräuchlichen Modellen zur Unterscheidung von Erzählperspektiven.

Erzählsituationen Vorarbeiten Für Stanzel ist der Begriff der „Mittelbarkeit“ die weitere Grundlage für die Analyse der Erzählsituation (Es).Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens. (= UTB 904), 6. unveränderte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-8252-0904-0, S. 16. Für Stanzel, der durch binäre Oppositionen ein Ordnungssystem in die Erzähltheorie einführt, zeigt der Begriff auf, dass eine Erzählung die Welt nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar, durch das Medium der Sprache (textuell), darstelle. Die typische Erzählsituation wird durch die Triade Modus, Person und Perspektive konstituiert.Grafik zu Stanzels Typenkreis Für die drei Konstituenten und die ihnen entsprechenden Formenkontinua können die binären Oppositionen dargestellt werden: Konstituenten Binäre Opposition BedeutungFormenkontinuum: ModusOpposition: Erzähler – NichterzählerReflektorFormenkontinuum: PersonOpposition: Identität – NichtidentitätSeinsbereiche des Erzählers und der FigurenFormenkontinuum: PerspektiveOpposition: Innenperspektive – AußenperspektivePerspektivismus – AperspektivismusFranz K. Stanzel: Theorie des Erzählens. (= UTB 904), 6. unveränderte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-8252-0904-0, S. 76.

Der Erzähler ist eine „Stimme“, die dem Leser die Geschichte erzählt. Ein Erzähler kann verschiedene Einstellungen einnehmen, um zu erzählen. Diese Einstellungen kennzeichnen ein literarisches Werk. Es wird in vier verschiedene Erzählperspektiven (auktoriale, personale, neutrale sowie die spezielle Form der Ich-Erzählung) unterschieden:

Der auktoriale Erzähler hat eine allwissende Einstellung zur fiktiven Welt und eine absolute durchsichtige Draufsicht auf das erzählte Geschehen. In seiner auktorialen Einstellung weiß er alles über die handelnden Figuren, Orte und Zeitzusammenhänge in einem literarischen Werk. Hierdurch kann der auktoriale Erzähler werten, akzentuieren und kommentieren, er weiß mehr als die Figuren, die in der Geschichte handeln, und er kann versprachlichen, was sie denken und fühlen. Ferner kann er Geschehnisse vorwegnehmen oder in Rückblenden den Hintergrund der Handlung erläutern und Zusammenhänge erklären.

Der personale Erzähler hingegen weiß nicht alles. Der personale Erzähler beschreibt das Ganze der Geschichte aus der Sicht einer einzelnen oder mehrerer Figuren des Textes, aber er kommentiert und interpretiert das Geschehen nicht direkt.

Der neutrale ErzählerMit der neutralen Erzählsituation hob Stanzel eine besondere Variante der personalen Erzählsituation hervor. So führte er es in seiner frühen Ausarbeitung, Die typischen Erzählsituationen im Roman (1955) aus, später gab er diese „Es“ auf. hingegen erzählt eine Geschichte nicht aus der Sicht einer Figur oder kommentiert das Geschehen, vielmehr beschreibt er nur, was äußerlich wahrnehmbar ist.

Der Ich-Erzähler hat eine Sonderstellung, so berichtet er über das Geschehen aus der Ich-Form. Diese Einstellung kann durchaus Merkmale der anderen Erzählperspektiven aufweisen.

mini|400px|Darstellung von Franz K. Stanzels kleinem Typenkreis, modifiziert aus Theorie des Erzählens. (1995)Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens. (= UTB 904), 6. unveränderte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-8252-0904-0, S. 81. Die Konstituenten sind die kräftigeren Linien, welche die Kreissehnen bilden. „Es“ entspricht abgekürzt der „Erzählsituation“.

Der Typenkreis Stanzel sieht im Typenkreis ein konstruiertes Schema, das dem besseren Verständnis der erzähltheoretischen Erscheinungen dient. Drei Grundpositionen, die konstitutiv sind, bilden die Basis der typischen Erzählsituation: Person, Perspektive und Modus und ihre Zuordnung im System der Erzählformen. In der Darstellung der drei Oppositionen als Endpunkte der drei Hauptachsen im Typenkreis wird angezeigt, welches Element der Erzählsituation dominant und welches subdominant ist.Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens. (= UTB 904), 6. unveränderte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-8252-0904-0, S. 240 f. Stanzel ordnet die drei Typen von Erzählsituationen in einem Typenkreis an, so dass alle drei aneinander angrenzen und sich überlappen. Es handelt sich dabei um komplexe Idealtypen,im Sinne Max Webers die verschiedene Einzelmerkmale miteinander verknüpfen.

Jeder Typus ist durch eine bestimmte Kombination folgender Merkmale gekennzeichnet: Erzählmodus Es gibt entweder eine Erzählerfigur, die dem Leser die Handlung selbst vermittelt (auktorial/Ich), oder eine Reflektorfigur, die dem Leser als handelnde Person nahe ist, aber vom Erzähler getrennt ist (personal). Person Die Seinsbereiche (Erlebniswelten) von Erzähler und Figuren sind identisch (Ich), oder sie sind voneinander getrennt, das heißt, der Erzähler bewegt sich nicht in derselben Welt wie seine Figuren (auktorial/personal). Perspektive Entweder Außenperspektive (auktorial), Innenperspektive (Ich) oder eine Mischung aus beidem (personal).

Die Typen sind als deskriptiv (beschreibend) und analytisch zu verstehen, nicht als normativ oder vorschreibend, das heißt, nicht wie ein Ideal, dem einzelne Texte mehr oder weniger genügen, sondern als Werkzeug zur Analyse von Texten. Individuelle Erzählungen können von den Idealtypen mehr oder weniger abweichen und durchaus auch Abwandlungen und Mischformen von Typen aufweisen. Die Abweichung ist also nicht negativ zu bewerten, sondern zeigt die Vielfalt von Erzählsituationen auf.

Auktoriale Erzählsituation In der auktorialen Erzählsituation gehört der Erzähler (auktorialer Erzähler) selbst nicht zu der Geschichte, die er erzählt, sondern tritt deutlich als Urheber und Vermittler der Geschichte in Erscheinung. Der Erzähler tritt gewissermaßen in eine „Er/Es-Perspektive“: Jemand erzählt allwissend die Geschichte einer oder mehrerer Figuren. Der Erzähler ist also selbst nicht Teil der dargestellten Welt, sondern schildert sie „allwissend“ von außen, weswegen er auch oft als allwissender Erzähler bezeichnet wird. So kann er etwa Zusammenhänge mit zukünftigen und vergangenen Ereignissen herstellen, diese kommentieren und Wertungen (Erzählerrede) abgeben, Handlungen verschiedener Figuren zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten schildern usw. Generell weiß er mehr als seine Figuren, er kennt deren Gedanken- und Gefühlswelt und sieht die Situation aus einer anderen Perspektive.

Grundlegend ist dabei, dass Erzähler, Figuren und Leser – im Gegensatz zur antiauktorialen Erzählsituation – ein Wertesystem teilen, so dass die Identifikation des Lesers mit der Hauptfigur leicht erreicht wird. Die Aussagen des auktorialen Erzählers sind also immer wahr, glaubhaft und entsprechen dem gesellschaftlichen Konsens der Entstehungszeit.

Zwar tritt auch manchmal in der Figurenrede in Dialogenz. B. in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten oder Theodor Fontanes Romanen ein personales Moment auf, doch bleibt trotz dieses Kunstgriffs der Gestus auktorial. Die Figurenrede kann in Form von indirekter und direkter Rede erfolgen.Vgl. die Beispiele bei Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens (= UTB für Wissenschaft. Uni-Taschenbücher 904). 6. unveränderte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-525-03208-0, S. 248–251.

Auch kann der Erzähler behaupten, nicht mehr zu wissen als der Leser. In dieser Erzählsituation treten dann häufig selbstreflexive Wendungen auf, in denen der Erzähler das Geschichtenerzählen selbst thematisiert, den Leser narrt, belehrt usw. In den erzählten Textstellen ist die 3. Person („er“ / „sie“) vorherrschend. Die Grundform der auktorialen Erzählsituation ist die berichtende Erzählweise. Dieser gegenüber tritt die szenische Darstellung, die in derartigen Romanen auch genutzt werden kann, zurück.

Der Begriff leitet sich vom her.Siehe Eintrag im Fremdwörterlexikon bei wissen.de.

Personale Erzählsituation Dieser Gestus tritt eigentlich erst im Roman der Moderne, z. B. bei Kafka, zutage. Die Anwesenheit des Erzählers wird dem Leser nicht bewusst. Die Erzählung erfolgt in der dritten Person, jedoch aus der subjektiven Sicht erzählter Personen. Der Leser nimmt die Erzählung aus Sicht einer bestimmten Figur, der so genannten Reflektorfigur (oder auch persona), wahr. Die Seinsbereiche von Erzähler und Figur sind jedoch nicht identisch. In den erzählten Passagen ist die dritte Person („er“/„sie“) vorherrschend, es wird aber vorwiegend aus der Innenperspektive der Reflektorfigur erzählt. Daher sind Voraussagen oder Wissen darüber, was andernorts geschieht, eher nicht zu erwarten bzw. den Aussagen des Erzählers ist nicht zu trauen. Der Leser erhält nur eingeschränkten Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Figuren: Gefühle und Gedanken einer bestimmten Figur der Erzählung (der Reflektorfigur) werden bekannt.

Dadurch wird entgegen dem auktorialen Gestus die Identifikation verhindert und der Leser ist gezwungen, statt die Position des Erzählers zu übernehmen, diese in Frage zu stellen und selbst ein Urteil zu fällen. Es herrscht also kein Wertekonsens mehr zwischen Erzähler, Figur und Leser.

Im modernen Roman werden dem Literaturwissenschaftler Stanzel zufolge mit der stärkeren Differenzierung von Erzähler- und Figurensprache die Zitate aus der Figurensprache deutlicher vom auktorialen Bericht abgehoben und treten stärker in den Vordergrund, d. h. die personalen Erzählelemente nehmen auf Kosten der auktorialen zu. Je häufiger derartige „Zitate“ der Figurensprache auftreten und je stärker sie als figurale Rede gekennzeichnet werden, desto ausgeprägter tritt das personale Element in der Erzählung hervor.Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens (= UTB für Wissenschaft. Uni-Taschenbücher 904). 6. unveränderte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-525-03208-0, S. 250f.

Weitere bedeutende Beispiele Charles Dickens: Oliver Twist (1837–1839) Gustave Flaubert: Madame Bovary (1856) James Joyce: Ulysses (1922; nur der erste Teil dieses Romans ist personal geschrieben), Finnegans Wake (1939) Arthur Schnitzler: Traumnovelle (1925) Virginia Woolf: Mrs. Dalloway (1925)Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens. (=UTB 904), 6. unveränderte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-8252-0904-0, S. 196 Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz (1929) D. H. Lawrence: Lady Chatterley (1929) Paul Bowles: Himmel über der Wüste (1949) Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer (1952) Patricia Highsmith: Salz und sein Preis (1952) Boris Pasternak: Doktor Schiwago (1957) Patrick Süskind: Das Parfum (1985) Joanne K. Rowling: Harry-Potter-Serie (1997 ff.) William Faulkner: Absalom, Absalom (1936); Licht im August (1932)

Ich-Erzählsituation In der Ich-Erzählsituation ist der Erzähler mit einer Figur der Erzählung meist identisch, er tritt also mit in die Handlung ein. Man spricht hier von der Identität der Seinsbereiche von Erzähler und Figuren. Das „erzählende Ich“ ist jedoch oftmals die erfahrenere und reifere Version des „erlebenden Ichs“ oder „erzählten Ichs“.Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018593-8, S. 86 Allerdings ist zu beachten, dass ein Ich-Erzähler unterschiedlich stark am erzählten Geschehen beteiligt sein kann, z. B. in der Rolle eines mehr oder minder beteiligten Beobachters eines Geschehens bzw. als Nebenfigur.

Direkte Rede, auch ohne Kennzeichnung durch besondere Satzzeichen oder redeeinleitende Sätze, Darstellung subjektiver Gefühlszustände, Meinungen und Sichtweisen, all dies sind recht typische, zu erwartende Merkmale einer Ich-Erzählung. Der Ich-Erzähler hat dagegen oft keine kritische Distanz zu seiner Erzählung.