mini|hochkant|Paul Kuhn (2005) Paul Kuhn (* 12. März 1928 in Wiesbaden; † 23. September 2013 in Bad Wildungen) war ein deutsch-schweizerischer Pianist, Bandleader, Sänger und Komponist.
Leben
Paul Kuhn wurde in Wiesbaden als Sohn eines Croupiers geboren.Gunda Bartels: Paul Kuhn wird 85: Ganz schön lässig. In: Tagesspiegel. 11. März 2013, abgerufen am 24. September 2013. Schon als Achtjähriger trat er 1936 in Berlin bei der Funkausstellung als Akkordeonspieler auf. Der Junge, der hinter seinem Instrument fast verschwand, bekam den Spitznamen Paulchen, der auch im Erwachsenenalter noch oft verwendet wurde („Paulchen Kuhn“).Nachruf Paul Kuhn: Dem Showpublikum ergeben. In: Die Zeit. 23. September 2013, abgerufen am 23. September 2013 Später spielte er im Wiesbadener Weinlokal „Eimer“ den Gästen auf. In seiner Zeit als Hitlerjunge entdeckte er die Jazzmusik. 1944 war er als Truppenbetreuer für die Wehrmacht in Paris tätig.Propaganda in die eigene Truppe: Die Truppenbetreuung in der Wehrmacht 1939–1945. Ferdinand Schöningh, 2005, S. 311 (Ausschnitt)
Nach seiner Ausbildung bei Kurt Thomas am Musischen Gymnasium Frankfurt am Main besuchte Kuhn ab seinem 17. Lebensjahr das Konservatorium in Wiesbaden. Parallel wirkte er bereits öffentlich als Pianist, auch auf dem Gebiet der Jazzmusik. 1945 wurde Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt; das heutige Hessen gehörte zur US-Besatzungszone. Kuhn trat vor amerikanischen GIs auf und wurde beim Soldatensender AFN angestellt. Fast täglich war er dort auf Sendung und spielte live aus dem Studio mit seiner Band. Er eignete sich das Repertoire von Glenn Miller an und orientierte sich an dessen Sound.
Kuhn spielte in der Berliner Femina-Bar mit Freddie Brocksieper und trat in frühen westdeutschen Jazzclubs auf. In den 1950er Jahren arrangierte und komponierte er Unterhaltungsmusik. Ab Mitte der 1950er Jahre trat er zunehmend auch mit gesungenen Schlagern in Erscheinung. Sein größter Erfolg war der von Horst-Heinz Henning komponierte Schlager Der Mann am Klavier (1954); als „der Mann am Klavier“ wurde Kuhn fortan oft bezeichnet. Drei Jahre später nahm er mit Das Klavier über mir an der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix Eurovision (Eurovision Song Contest) teil, erreichte aber nur den dritten Platz. 1963 sang er mit Greetje Kauffeld den Schlager Jeden Tag da lieb ich dich ein kleines bisschen mehr, der zum Hit wurde, gefolgt von der Soloplatte Es gibt kein Bier auf Hawaii im selben Jahr.
mini|Paul Kuhn 1978 als Bandleader der SFB-Bigband Mit dem Aufkommen von Musiksendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde Paul Kuhn zum musikalischen Dauergast auf bundesdeutschen Bildschirmen. Seine wichtigste Tätigkeit als Arrangeur und Bandleader war die Leitung der SFB Big Band ab 1968. Als Leiter des SFB-Tanzorchesters trat er in zahlreichen Fernsehsendungen auf, unter anderem in der großen internationalen Show-Reihe Gala-Abend der Schallplatte in den Jahren 1969 (Conference: Vivi Bach und Dietmar Schönherr), 1971 (Conference: Eva Renzi und Paul Hubschmid) und 1973 (Conference: Rudi Carrell). Legendär wurden seine Tanzmusik-Sendungen und die Reihe Paul’s Party.
1980 wurde die SFB-Bigband aufgelöst, und der Plattenverlag EMI-Electrola kündigte Kuhn. Auch seine Fernsehsendung Gong Show wurde nach vier Folgen eingestellt. Für einen Neubeginn zog Kuhn nach Köln, gründete ein eigenes Orchester und gab im Oktober 1981 beim Presseball in Köln seinen Einstand. Mit seinem Orchester begleitete er unter anderem Peter Alexander auf Tourneen 1983 und 1990/91.
Ab Mitte der 1990er Jahre war Kuhn wieder im Jazz aktiv. Das Paul Kuhn Trio bestand aus ihm am Flügel, Willy Ketzer am Schlagzeug sowie Martin Gjakonovski und Gary Todd am Bass. Verstärkt wurden sie durch Benny Bailey an der Trompete, Gustl Mayer am Saxophon und die Sängerin Greetje Kauffeld. Seit dem Sommer 2000 war er mit Max Greger, Hugo Strasser und der SWR-Big-Band mit dem Programm Swing Legenden auf Tour. 2008 nahm er mit Mario Barth die CD Mensch Berlin auf.
Ende 2011 flog Kuhn nach Los Angeles und spielte in den Capitol-Studios The L.A. Session ein, begleitet von John Clayton und Jeff Hamilton. Das Album wurde 2013 veröffentlicht und erhielt hervorragende Kritiken:Piano-Akkorde wie frisch geschliffene Diamantensplitter. laut.de „Begnadete Improvisation – und das Verschmelzen dreier ganz Großer ihres Fachs“ schrieb etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Privatleben Seit den 1970er Jahren hatte Paul Kuhn eine Wohnung in der Schweiz. 1980 zog er nach Lenzerheide im Kanton Graubünden. Dort lebte er bis zu seinem Tod mit seiner dritten Ehefrau, Ute Hellermann, die er 1988 heiratete. Im November 1994 wurde das Ehepaar wegen Steuerhinterziehung von fast einer Million DM zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt.
Im Jahr 2005 musste sich Kuhn einer Herzoperation unterziehen, 2007 erkrankte er an einer Gürtelrose. In den darauffolgenden Jahren ließen sein Gehör und seine Sehkraft nach.Dieter Bartetzko: Der deutsche Glenn Miller. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 23. September 2013, abgerufen am 23. September 2013.
Paul Kuhn starb am 23. September 2013 während eines Kuraufenthaltes in Bad Wildungen. In: Bayerischer Rundfunk. 23. September 2013. Er hinterließ seine Frau Ute und seinen aus erster Ehe stammenden Sohn Daniel.Jazz-Legende Paul Kuhn gestorben. In: Bild. 23. September 2013, abgerufen am 23. September 2013.
Künstlerische Entwicklung Kuhn erlernte nacheinander Akkordeon, Klavier und Klarinette. Seinen ersten Fernsehauftritt hatte er im Alter von acht Jahren auf der Funkausstellung 1936 in Berlin. Seine Laufbahn als Jazzpianist begann kurz nach Kriegsende in den Clubs der US Army und bescherte ihm für einige Jahre eine feste Anstellung beim Sender AFN.
mini|Paul Kuhn – Der Mann am Klavier Als Sänger veröffentlichte Kuhn Schlager wie Der Mann am Klavier (1954), Es gibt kein Bier auf Hawaii (1963) und Die Farbe der Liebe (1958 in den Hitparaden). Das von Nils Nobach produzierte Stimmungslied Der Mann am Klavier verkaufte sich über 250.000 Mal. Als Pianist zählte Kuhn Art Tatum und George Shearing sowie – besonders in stilistischer Hinsicht mit häufig sparsamer Einzelnoten- und Akkordsetzung – Hank Jones zu seinen Vorbildern. Ausflüge in den Bebop sind belegt durch Stücke wie Stitt’s tune (2002) und Ornithology (1999). mini|Paul Kuhn (links) mit Tony Lakatos (Mitte) und Gary Todd am Bass (2008) Als Arrangeur und Bandleader orientierte sich Kuhn vor allem an Count Basie. „Basie ist die Basis“, sagte Kuhn. Und: „Ich spiele zwar Klavier, doch mein eigentliches Instrument ist meine Band.“ Sein erstes Arrangement schrieb er mit Freunden über Bei mir bist Du schön als 15-Jähriger. Er begleitete viele Topstars der deutschsprachigen Unterhaltung auf ihren Konzerttourneen, so auch Peter Alexander. Bei dessen Tournee 1979 wirkt bereits Paul Kuhns Frau Ute Hellermann als Chorleiterin ihrer Ute Mann Singers mit. Die Orchesterleitung hatte Dieter Reith.
Als Produzent förderte Kuhn ab Ende der 1950er Jahre Nachwuchstalente – unter anderem Ralf Bendix, Rocco Granata, Howard Carpendale – und produzierte ihre Aufnahmen.
Als Entertainer und Schauspieler trat Kuhn in einer Reihe von Fernsehsendungen auf, darunter mit Willy Maertens, Walter Richter und Hanns Lothar in Biedermann und die Brandstifter (1958), in der Verwechslungskomödie Drillinge an Bord (1959), Spiel mit Vieren, Hallo Paulchen, Paul’s Party. In einer Fernsehserie von Sketchen mit dem Titel Der Forstarzt (1992) mit Harald Juhnke trat Kuhn in der Rolle eines Regisseurs auf.
Im Jahr 1985 spielte er sich selbst in dem Fernsehfilm Der Mann am Klavier, gemeinsam mit internationalen Gesangsstars wie Gilbert Bécaud, Marlène Charell und Bibi Johns. Kuhn spielte 2010 an der Seite von Peter Lohmeyer und Mina Tander in der Tragikomödie Schenk mir dein Herz von Nicole Weegmann die ihm auf den Leib geschneiderte Rolle eines alten Jazzpianisten. Für diesen Film komponierte Kuhn auch einige Songs. Er startete am 5. Mai 2011 bundesweit in den Kinos, war am 16. Juni 2011 Eröffnungsfilm des Festivals des deutschen Films und wurde später mehrfach im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Im Jahr 2012 versammelte Autor Christoph Simon für seinen Dokumentarfilm Paul Kuhn – Der Mann am Klavier Freunde und Weggefährten Paul Kuhns vor der Kamera, so Götz Alsmann, Till Brönner, Helge Schneider und seinen langjährigen Schlagzeuger Willy Ketzer.
Diskografie Vinyl-Singles (ohne Instrumental-Aufnahmen) Titel Label Katalog-Nr. Veröffentl. Davon träumen alle kleinen Mädchen / Amigo Columbia 5613 1/1958 Chicago / Dies Lied ist für dich Columbia 5623 3/1958 Die Farbe der Liebe / Einsamer Cowboy Columbia 20 383 5/1958 Midnight / Secretly Electrola 21 006 10/1958 Butterfly Doll / Eltibadabo Puka Puka / Columbia 21 113 3/1959 In einer kleinen Konditorei / Fräulein Pardon (mit Alice Babs) Electrola 21 216 6/1959 Ich hab in Winnipeg ’ne Braut / Gigi hats mir angetan Electrola 21 241 7/1959 Das große Glück / Auf meiner Uhr Electrola 21 276 9/1959 Zwei in einer großen Stadt / Es war einmal ein Musikus(mit Alice Babs, Svend Asmussen, Ulrik Neumann) Electrola 21 286 9/1959 Living Doll / Charming Boy Electrola 21 374 1/1960 Sie heißt Mary / Columbia 21 470 4/1960 Mitten in der Nacht / Avignon Columbia 21 583 8/1960 Kauf dir einen bunten Luftballon / Du stehst nicht im Adreßbuch Electrola 21 658 11/1960 Old McDonald / Tanz my Darling Columbia 21 732 2/1961 Das weiß die Josephine / Adieu Mamatschi Columbia 21 921 9/1961 Cara Caramel Chocolat / Amor, Amor, Amor Columbia 21 975 11/1961 Frankfurter Polka / Heidelberger Polka Columbia 22 103 4/1962 Quando, Quando, Quando / Wenn du einmal Hochzeit machst Columbia 22 143 4/1962 Wir fliegen zur Venus / Klingeling Columbia 22 265 7/1962 Es gibt kein Bier auf Hawaii / Bier ist die Seele vom Klavier Columbia 22 427 5/1963 Regenschirm-Song / Überall In Paris(mit Jacqueline Boyer) Columbia 22 428 5/1963 Wenn du die Sterne am Himmel zählst / Hallo, Josephine Columbia 22 486 7/1963 Jeden Tag, da lieb’ ich dich ein kleines bißchen mehr / Benny’s Doodlin’ Band(mit Greetje Kauffeld) Columbia 22 608 11/1963 Mein Dackel Waldemar und ich / Der Pianist vom Grand-Hotel Columbia 22 664 3/1964 Führerschein der Liebe / Abends muß ich tanzen Columbia 22 684 4/1964 Junge Liebe im Mai / Ja, nur bei dir fühl’ ich mich zu Haus(mit Greetje Kauffeld) Columbia 22 709 5/1964 Blue Honey Moon / Lieber guter alter Mond(mit Greetje Kauffeld) Columbia 22 810 11/1964 Gib dem Bub die Geige nicht / So kühl, kühl, kühl wie mein Bier Columbia 22 823 11/1964 Groschen Polka / I Love You, Good Bye(mit Greetje Kauffeld) Columbia 22 979 6/1965 Milch macht müde Männer munter / In Abessinien braucht man nur ’nen Sonnenhut Columbia 22 980 6/1965 Eine Bar ohne Bier / Wer den Pfennig nicht ehrt Columbia 23 089 11/1965 Früher war das anders / Ein bißchen blau Odeon 23 168 2/1966 Am 32. Mai / Heut’ geh ich nicht nach Haus Columbia 23 238 7/1966 Kopenhagen Serenade / Ich lieb’ immer nur dich(mit Greetje Kauffeld) Columbia 23 414 2/1967 Wiederseh’n / Küß mich einmal, küß mich zweimal Columbia 23 414 5/1967 Der erste Mensch, der mit Tieren spricht / Wie in einem Traum Columbia 23 643 11/1967 Treu sein kann sie nicht / Story Columbia 23 854 8/1968 Charlie Brown / Snoopy Columbia 29 808 1970 Reich dem Glück den kleinen Finger / Es handelt sich um folgendes Columbia 29 957 1972 In dunkler Nacht / Dobermann Columbia 30 536 1974
Filmografie (Auswahl) 1955: Wie werde ich Filmstar? 1956: Liebe, Sommer und Musik 1958: Biedermann und die Brandstifter (Fernsehfilm) 1959: Drillinge an Bord 1959: Liebe, Luft und lauter Lügen 1960: Romanze in Tüll (Fernsehfilm) 1965: Adieu 65: Hello 66 (Fernsehshow) 1965: Vom Ersten das Beste (Fernsehshow) 1966: Playgirl 1968–1972: Paul’s Party (Fernsehshow) 1969: Unsere kleine Show (Fernsehshow) 1970: Aristocats (Sänger der deutschen Titelmelodie) 1971: Der trojanische Sessel (Fernsehfilm) 1972: Glücksspirale (Fernsehshow)