Derdeba, Pl. Dradeb, auch Lila, Laila (arabisch „Nacht“), ist eine nächtliche religiöse Zeremonie der Gnawa, einer auf schwarzafrikanische Sklaven zurückgehenden Sufi-Bruderschaft in Marokko. Auf dem Höhepunkt der Veranstaltung, die zu einem Besessenheitskult gehört, sollen die Geister (Dschinn), von denen sich die Patienten angegriffen glauben, durch Tänze und die Musik der Zupflaute Gimbri hervorgerufen und besänftigt werden. Derdeba-Zeremonien beginnen mit einer Prozession und einem Tieropfer, sie finden meist in Privathäusern in Marrakesch und Essaouira statt. Als ein Element der Therapie des Einzelnen und der Identitätsfindung der Gruppe ist das gesamte Ritual in die kosmogonische Weltvorstellung der Gnawa eingebunden. Es soll dargestellt werden, wie die Seele vom Leben in den Tod und wieder zurück ins Leben findet und auf dem Weg die sieben Farben des Universums passiert. Diese symbolisieren das Wachstum der Natur (besonders der Gerste) und den Ablauf des menschlichen Lebens.

Kulturelles Umfeld Gnawa sind eine volksislamische Sufi-Bruderschaft (Tariqa), sie haben eine eigene Musik- und Tanzkultur entwickelt, mit der sie auf öffentlichen Plätzen und durch Straßenprozessionen auf sich aufmerksam machen. Durch diese, für orthodoxe Muslime als unislamisch geltenden Auftritte und durch ihre Geschichte stehen sie am unteren Rand der marokkanischen Gesellschaft. Die verschiedenen Namenserklärungen hängen mit ihrer Herkunft aus der Sudanregion zusammen. Gnawa wurde von den Ländern Guinea und Ghana (über Ghanawi) abgeleitet. Nach einem Berberdialekt ist gnawi (agnaw) der Plural von igginaw und bedeutet „schwarz“.René A. Bravmann, S. 64; Anette Drews, S. 78.

Schwarzafrikanische Sklaven wurden ab dem 9. oder 11. Jahrhundert ins Land gebracht. Der alawidische Sultan Mulai Ismail (reg. 1672–1727) baute zur Grenzsicherung seines Reiches im Osten am Rand des Mittleren Atlas eine Sklavenarmee auf, die er nach der Eroberung des Gebietes zur Bewachung der Kasbahs von Taza über Sefrou bis Beni-Mellal zurückließ. Die Soldaten schworen ihren Treueeid nicht auf den Koran (in der Gnawa-Weltsicht das „Buch von oben“), sondern auf die Hadithen-Sammlung von al-Buchārī (dem „Buch von unten, von der Erde“). Auf den Koran zu schwören hätte bedeutet, dass es dann nicht möglich gewesen wäre, die Soldaten als Muslime zu versklaven.Anette Drews, S. 80 Weibliche Sklaven dienten Arabern und Berbern als Konkubinen. Erst 1911 verboten die Franzosen offiziell den Sklavenhandel, der illegal noch länger betrieben wurde. Nur ein Teil der ehemaligen Sklaven sind Gnawa, aber die Herkunft aus der Sklaverei ist ihr wesentlichstes Identitätsmerkmal und führt zur Selbstzuordnung als „Schwarze“, obwohl neben Schwarzafrikanern auch Araber, Berber und Juden Mitglieder des Ordens sein können. Gnawa halten sich für „Schwarze“ und „Sklaven“ unabhängig von ihrer ethnischen und sozialen Abstammung.

Entscheidend für die Zugehörigkeit zu den Gnawa ist neben der Einheit stiftenden Sklavengeschichte die Durchführung des Derdeba-Heilungsrituals. Bei diesem werden eine Vielzahl von Geistern hervorgerufen. Die im Islam als Dschinn bekannten Geister verfügen meist nicht über individuelle Charaktereigenschaften und werden selten mit eigenem Namen angerufen. Wenige Ausnahmen werden als „individuelle Geister“ bezeichnet, die in Marokko auch von einigen anderen Bruderschaften verehrt werden. So ergreift im Norden das schöne weibliche Geistwesen Aisha Qandisha von Männern Besitz. Sie steht im Zentrum des Besessenheitskults der Hamadschas.

Im gesamten Maghreb gibt es mehrere „schwarze“ Bruderschaften, die sich als Nachkommen afrikanischer Sklaven begreifen, unter denen die Gnawa die größte und aktivste ist.David R. Goodman-Singh, S. 76 Die meisten führen ihren Ursprung auf Sidi Bilal als dem spirituellen Gründer des Ordens zurück. Bilal war ein christlicher Afrikaner (Äthiopier), der als Sklave in Mekka lebte, zum Islam konvertierte und der erste Gebetsrufer (Muezzin) des Propheten Mohammed wurde. In Tunesien ist das Gegenstück zur Derdeba der Stambali-Ritus, der von Soudanis genannten, ehemaligen schwarzen Sklaven organisiert wird. Therapien von besessenen Patienten in einem islamischen Umfeld durch Musik und Tanz sind allgemein schwarzafrikanischen Ursprungs. Vergleichbar sind weiterhin die Geister der Tuareg, denen mit Tendé-Musik begegnet wird, die Geister des Bori- und des Dodo-Kults bei den Hausa, der überwiegend von Frauen praktizierte Zar-Kult in Ägypten und Sudan sowie der Pepo- (Shetani)-Kult in Tansania. Unter dem Dach des Christentums werden die Besessenheitskulte Mashawe in Teilen Sambias und Simbabwes und Vimbuza in Malawi und Sambia gepflegt.

Wie die Gnawa sind die ab dem 16. Jahrhundert aus dem Süden nach Bobo-Dioulasso in Burkina Faso eingewanderten muslimischen Zara (Bobo-Jula) eine kulturell eigenständige Bevölkerungsgruppe geblieben. Männer in eng anliegenden weißen Stoffen treten nachts als Maskentänzer (Lo Gue) auf und rufen dabei ähnlich wie die Gnawa eine Vielzahl von besitzergreifenden Geistern hervor, die mit vergleichbaren Methoden besänftigt werden müssen.René A. Bravmann, S. 60–64.

Dschinn sind ein bedeutender Teil der volkstümlichen Dimension des Islam. Die Vorstellung, dass geistige Krankheiten von Dschinn verursacht werden, reicht weit in die Geschichte zurück. Das arabische Wort madschnūn, „verrückt“, wird auch als „vom Geist besessen“ übersetzt. Mit Ausnahme von Aisha Qandisha, die ein Problem der marokkanischen Männer darstellt, werden von den Geistern überwiegend Frauen befallen; weibliche Geister spielen in allen Kulten eine bedeutende Rolle, häufig sind – wie bei den Gnawa – auch die Leiter der Zeremonien Frauen.

Mythologie Eine weitere mögliche Herleitung des Wortes Gnawa kommt aus der Berbersprache Tamazight, in der igri ignawan, „Feld des bewölkten Himmels“ heißt. Gemeint ist ein Wirbelwind. Himmelsfeld ist eine Umschreibung für den Stern Aldebaran, der bei den Gnawa auch amzil („Schmied“) genannt wird und im Zentrum ihrer kosmogonischen Weltvorstellung steht. Schmiede in der irdischen Welt (bei den Tuareg inaden, bei den mauretanischen Bidhan maʿllemīn) sind eine randständige, aber einflussreiche Bevölkerungsgruppe, der magische Kräfte zugesprochen werden. Im Tuaregdialekt aus dem Ahaggar heißt dar gennaouen „Gebiet Wolkenhaufen“.

Die Gnawa gliedern sich in zwei Gruppen, nur eine davon beruft sich auf Sidi Bilal als ihren geistigen Ahnherren. Die andere Gruppe bezeichnet sich als Sklaven von Lalla Mimuna (oder Lalla L’Krima), weibliche Heilige, die als schwarze Königinnen verehrt werden. Auch die Mitglieder der zweiten Gnawa-Richtung fallen bei bestimmten Treffen in Trance, sie führen aber keine Besessenheitstänze durch. Ihre Musikdarbietungen auf der Straße, bei denen sie Spenden sammeln, finden ausschließlich tagsüber statt. Da sie nicht nachts agieren, können sie keine Geister hervorrufen. Sie stammen von den Berbern des Atlasgebirges und den Oasenorten am Rand der Sahara. Die Sklaven der Lalla Mimuna bilden den weiblichen Gegenpol zu den „männlichen“ Sklaven, die (den männlichen) Sidi Bilal verehren und die Derdeba praktizieren. Eine externe Beziehung stellen die Gnawa zu den Sufiorden Aissaoua und Qādirīya her. Aissaoua leben wie die Hamadscha am unteren Rand der Gesellschaft, viele ihrer Mitglieder sind Tagelöhner oder Schmiede. Aus Sicht der Gnawa gehören auch sie zu ihrem weiblichen Gegenpart.

Das erste geopferte Lebewesen wurde nach der Gnawa-Mythologie in sieben Teile zerlegt, so dass jeder Orden einen Teil erhielt. Aus den sieben Teilen der Haut entstanden die Musikinstrumente jedes Ordens. Das bunte Wollkleid (derbala) der Sufis wurde erstmals von Abd al-Qadir al-Dschilani, dem Gründer der Qadiriya getragen. Von ihm habe es Sidi Heddi, Gründer des Katzen verehrenden Bettlerordens der Heddawa erhalten, als er noch ein Kind war. Siddi Heddi wusch im Himmel das angeblich schon von Sidi Bilal getragene Kleid und flickte es zusammen. Es besteht aus roten, weißen und blauen Flicken, in denen sich die Vereinigung der sieben Himmel und sieben Erden symbolisieren, die zum Gnawa-Schöpfungsmythos gehören.Viviana Paques, S. 319–321.

Schmied Ein grundlegendes Wesensmerkmal der Gnawa-Kosmogonie ist die Entsprechung zwischen Elementen der jenseitigen Welt und des Alltags (Gesetz der Gleichwertigkeit). Das erste Symbol ist der Schmied, der im Alltag haddad, im religiösen Zusammenhang aber el-buchari (vom Gelehrten al-Buchārī) genannt wird und auf der mythischen Ebene unsterblich ist. Er repräsentiert sich im kosmischen Bereich in sehr unterschiedlichen Formen. Der Schmied verkörpert den Kreislauf von Tod und Auferstehung, wegen dessen ewiger Auf- und Ab-Bewegung er „der Affe“ genannt wird, was auch ein euphemistisches Wort für Penis ist. Die Frau des Schmiedes ist sein Amboss. Beim ersten Blutopfer der Weltgeschichte, dem mythischen Vorbild für Beschneidungen, wurde der Schmied geköpft und sein Kopf, auch dieser ist seine Frau, fiel aus dem Himmel. Als Schmiede werden in der Gesellschaftsstruktur der Region alle Handwerker verstanden, unabhängig vom Material, mit dem sie umgehen. So verkörpert der kosmische Schmied auch den Holzarbeiter, der Bäume fällte, Pflüge und Trommeln herstellte. Als er den Weltenbaum angriff, bemächtigte er sich des Weltraums, der ursprünglich wie der Baum hochkant war, und verwandelte ihn in einen gekrümmten Raum entsprechend dem Korpus einer Trommel. Der Bezug auf die Hadith-Sammlung von al-Buchārī erfolgt, weil dort der Aufstieg des Propheten zur sechsten Stufe des Himmels und seine Vision des Weltenbaums im siebten Himmel geschildert wird (Sure 53: Der Stern).

Buchari kann auch der Name eines Pferdes sein. Wie Buraq, das mythische Reittier, mit dem Mohammed eines Nachts zum Himmel fliegt, trägt Buchari die Besessenen während der Trance. Ferner heißt der Meister (qaid) der königlichen Ställe Buchari. Er hilft dem Sultan, eines der sieben Pferde zu besteigen, die an der Spitze der offiziellen Prozession vom Palast zur Moschee schreiten. Buchari geht hinter dem reitenden Herrscher. Ansonsten ist der Amtsinhaber für das sofortige Entfernen der Toten aus dem Palastbezirk zuständig. Der himmlische Schmied Buchari taucht in einem weiteren Zusammenhang in der menschlichen Gestalt des Kusam ibn Abbas auf. Dieser Cousin Mohammeds, ein schiitischer Märtyrer, wurde vom Feind enthauptet und verschwand mit seinem Kopf im Arm in der Öffnung eines Felsens, der sich über ihm schloss. Er lebt in der Nähe eines unterirdischen Flusses. Seine Qubba (Mausoleum) befindet sich in der Nekropole Schahi-Sinda in Usbekistan. Der in beiden Erzählungen abgetrennte unsterbliche Kopf verkörpert die Sonne. Selbige wiederum ist der abgetrennte Kopf der Rotlicht-Schlange, die bei der Abend- und Morgendämmerung die Erde am Horizont umkreist. Die Sonne wurde nachts geopfert, bei Tagesanbruch steht sie von den Toten wieder auf. Derdeba kann mit „großer Lärm“ übersetzt werden, eine andere Bezeichnung für die Zeremonie ist lailā, arabisch „Nacht“. Durch den Zeitrahmen von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang findet eine Gleichsetzung der Heilungszeremonie mit dem kosmischen Geschehen statt.

Der kosmische Schmied wird als Milchstraße vorgestellt, die im Sommer flach am Nachthimmel zu sehen ist. Sie wird durch die Sonne und die Planeten geteilt, die aus dem Weltenbaum des Sidi Moussa (des biblischen Mose) herauskommen. Dieser Heilige wird an mehreren Orten verehrt, ein Mausoleum befindet sich an der Atlantikküste im gleichnamigen Stadtteil von Salé. Zur Rolle der Planeten: Steht die Venus im Osten (Gebetsrichtung Qibla) ist sie der Stern des Propheten, hat die Aufgabe zu sterben, wiederaufzuerstehen und Opfer zu bringen. Die Venus im Westen heißt Zorah, sie wird geopfert und ist der Stern von Lalla Fatima.