Wilhelm Hagen (* 26. Oktober 1893 in Augsburg; † 29. März 1982 in Bonn) war ein deutscher Sozialhygieniker, Hochschullehrer und Präsident des Bundesgesundheitsamtes. Während der Zeit des Nationalsozialismus war er Amtsarzt im deutsch besetzten Polen.

Leben Hagen war der Sohn des Chirurgen Adolf Hagen und dessen Ehefrau Julie, geborene Schunk.Wer ist wer?, Das Deutsche Who’s Who, Band 17, Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1971, S. 361. Er wuchs in seiner Heimatstadt Augsburg auf und beendete seine Schullaufbahn am Gymnasium mit dem Abitur. Danach absolvierte er ab 1912 ein Studium der Medizin an den Universitäten Erlangen, München und Freiburg.Ulrike Lindner: Gesundheitspolitik in der Nachkriegszeit: Großbritannien und die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich. München 2004, S. 44 f. Während seines Studiums wurde er 1912Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 9: Nachträge. Koblenz 2021, S. 56. (Online-PDF) Mitglied der Burschenschaft Germania Erlangen.Heinrich Weder: Sozialhygiene und pragmatische Gesundheitspolitik in der Weimarer Republik am Beispiel des Sozial- und Gewerbehygienikers Benno Chajes 1880–1938. Matthiesen, Husum 2000 (Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, 87) ISBN 978-3-7868-4087-9, S. 413. Sein Studium unterbrach Hagen aufgrund seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg, wo er in einem Reservelazarett eingesetzt war.Udo Schagen und Sabine Schleiermacher: 100 Jahre Geschichte der Sozialhygiene, Sozialmedizin und Public Health in Deutschland. Eine Dokumentation der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), CD-Rom, Berlin 2005. Der aus der Jugendbewegung kommende Hagen gehörte nach Kriegsende ab 1919 der Vereinigung Sozialistischer Akademiker in München an.Alfons Labisch, Florian Tennstedt: Gesundheitsamt oder Amt für Volksgesundheit? Zur Entwicklung des öffentlichen Gesundheitsdienstes seit 1933. In: Norbert Frei (Hrsg.): Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. R. Oldenbourg Verlag, München 1991 (= Schriften der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer), ISBN 3-486-64534-X, S. 35–66, hier: S. 44. Er beteiligte sich an der Räterevolution. Er war seit 1921 mit Grete, geborene Pukowski, verheiratet. Das Studium schloss Hagen 1921 in Freiburg mit Staatsexamen und Promotion zum Dr. med. ab. Ab 1921 war Hagen als Kreiskommunalarzt im Kreis Lennep tätig und wechselte von dort 1923 als Stadtarzt nach Höchst am Main. Ab 1925 war Hagen als Stadtmedizinalrat Leiter der Kinder- und Jugendfürsorge in Frankfurt am Main. Von 1927 bis 1929 publizierte Hagen zu Jugendfürsorge, der Säuglingssterblichkeit und zu gesundheitlichen sowie „sozialen Aspekten problematischer Wohnverhältnisse“. Er nahm von 1929 bis 1931 zudem eine Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Akademie für Schulgesundheitspflege auf. Er war 1932/33 Mitherausgeber der Fachzeitschrift Gesundheit und Erziehung. Hagen gehörte ab 1927 der SPD an, aus der er 1933 austrat.Jakob Müller: Die Jugendbewegung als deutsche Hauptriechtung neukonservativer Reform. Europa-Verlag, 1971, S. 307.

Zeit des Nationalsozialismus Nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten wurde Hagen von seinen Funktionen wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ entbunden. Aus seiner Stellung als Stadtmedizinalrat in Frankfurt wurde er (als Sozialdemokrat) 1933 entlassen.Willi Dreßen, Volker Rieß: Ausbeutung und Vernichtung. Gesundheitspolitik im Generalgouvernement. In: Norbert Frei (Hrsg.) Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. R. Oldenbourg Verlag, München 1991 (= Schriften der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer), ISBN 3-486-64534-X, S. 157–171, hier: S. 167. Eine von ihm betriebene Habilitation wurde aus „politischen Gründen“ 1934 abgelehnt. Danach versuchte er erfolglos zu emigrieren. Schließlich übernahm er die Arztpraxis seines verstorbenen Vaters in Augsburg. Dort praktizierte er bis 1940 als Allgemeinmediziner. Hagen wurde 1938 Mitglied der NSDAP.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 218 f.

Zweiter Weltkrieg – Amtsarzt im deutsch besetzten Polen Während des Zweiten Weltkrieges wurde Hagen als Amtsarzt (Stadtarzt) dienstverpflichtet und leitete ab Anfang Januar 1941 das Gesundheitsamt in Warschau im Distrikt Warschau des Generalgouvernements (GG).Hagen – Gesundheit im Ghetto. In: spiegel.de. Ausgabe 19/1963 vom 8. Mai 1963, S. 38 f. Zusätzlich bekleidete er ab Anfang 1942 das Amt des Beauftragten für die Tbc-Bekämpfung im Generalgouvernement. In dieser Funktion hielt Hagen an der getrennten medizinischen Versorgung von tuberkulosekranken Polen und Deutschen fest, setzte sich aber erfolglos für eine deutlich bessere Behandlung der Polen ein.Willi Dreßen, Volker Rieß: Ausbeutung und Vernichtung. Gesundheitspolitik im Generalgouvernement. In: Norbert Frei (Hrsg.) Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. R. Oldenbourg Verlag, München 1991 (= Schriften der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer), ISBN 3-486-64534-X, S. 157–171, hier: S. 167 (und S. 24: Norbert Frei in der Einleitung). Er schrieb an den Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti u. a. einen Brief, in dem er am 30. Juli 1942 auch die Widersprüchlichkeit der Politik im Generalgouvernement anprangerte, da u. a. die Vorenthaltung adäquater medizinischer Versorgung von Polen und „volle Ausnützung ihrer Arbeitskraft“ sich widersprechen würden.Willi Dreßen, Volker Rieß: Ausbeutung und Vernichtung. Gesundheitspolitik im Generalgouvernement. 1991, S. 159 und 168. Zudem prangerte er Ausschreitungen sowie Grausamkeiten gegen Polen an und bat von seinem Posten als Amtsarzt entbunden zu werden. Schließlich wandte sich Hagen im Dezember 1942 sogar schriftlich an Adolf Hitler:

Neben seinem Einsatz für eine bessere medizinische Versorgung der Polen warnte Hagen auch vor weitergehenden Unterdrückungsmaßnahmen in Polen:

Dieses Schreiben übergab Hagen seinem Freund und Reichstierärzteführer Friedrich Weber, der es weiterleitete. Da Hagen schließlich vorschriftswidrig Polen und Deutsche in der medizinischen Behandlung gleichstellte, wurde er durch den SS- und Polizeiführer Ferdinand von Sammern-Frankenegg bei Reichsführer SS Heinrich Himmler denunziert. Hagen wurde im Februar 1943 schließlich durch den Leiter der Abteilung Gesundheitswesen im Generalgouvernement Heinrich Teitge von seinem Posten als Amtsarzt in Warschau entbunden.Bruno Wasser: Himmlers Raumplanung im Osten. Der Generalplan Ost in Polen 1940–1944. Birkhäuser, Basel 1994, ISBN 3-7643-2852-5, S. 248. Conti erhielt am 29. März 1943 die Mitteilung, dass aufgrund Hagens Schreibens an Hitler „der Reichsführer-SS beabsichtigt, Dr. Hagen wegen seiner staatsgefährlichen Ansichten für die Dauer des Krieges in ein Konzentrationslager einzuweisen“. Bevor es jedoch zu einer Verhandlung kam, ließ sich Hagen unter dem Schutz von Conti und Weber zur Wehrmacht einziehen. Danach war Hagen bis zum Kriegsende als Truppenarzt und Hygieniker bei der 6. Armee eingesetzt.Ulrike Lindner: Gesundheitspolitik in der Nachkriegszeit: Großbritannien und die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich. München 2004, S. 45.

Nach Kriegsende Nach Kriegsende praktizierte Hagen wieder in seiner Heimatstadt als Allgemeinmediziner. Nach einem Spruchkammerverfahren wurde er in Augsburg 1946/47 als entlastet entnazifiziert. Er bemühte sich um Wiedereinstellung in den öffentlichen Gesundheitsdienst der Stadt Frankfurt am Main.Findmittel im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. (Zu ermitteln über Suchfunktion.) Schließlich wurde er für die Bayerische Staatsregierung beratend tätig. Er habilitierte sich 1948/49 an der Universität München, wo er 1949 als Privatdozent für Sozialhygiene tätig wurde. Ab 1949 war er Schriftleiter der Fachzeitschrift Der öffentliche Gesundheitsdienst. Er leitete ab 1950 auf Betreiben Franz Redekers als Ministerialrat das Referat für Gesundheitsfürsorge im Bundesministerium des Innern. In dieser Funktion besuchte er Kongresse der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und wurde als Sachverständiger von der WHO beauftragt, eine Abhandlung über die „Fürsorge für Mutter und Kind in Europa“ zu verfassen. Für das Innenministerium erarbeitete er auch einen Gesetzentwurf zur vorbeugenden Gesundheitsvorsorge, der jedoch von Innenministerium nicht mitgetragen wurde. Zusätzlich lehrte Hagen ab 1952 an der Universität Bonn Gesundheitsfürsorge.

Präsident des Bundesgesundheitsamts Im September 1956 wechselte er zum Bundesgesundheitsamt und amtierte dort bis zu seiner Pensionierung Ende Oktober 1958 als Präsident dieser Behörde, deren inneren Aufbau Hagen 1957 als beendet bezeichnete. Sein Nachfolger wurde Walther Liese.

In einem von Alfred C. Eberwein verfassten Artikel anlässlich Hagens 60. Geburtstag bezeichnete dieser Hagen als „Altmeister der Sozialhygiene“.

Rechtsstreit mit Joseph Wulf Wenig bekannt ist die Hagen-Affäre, die sich den 1960er Jahren abspielte. Zwischen Hagen und Joseph Wulf kam es 1963 zu einer längeren gerichtlichen Auseinandersetzung um einen Abschnitt über Hagen in einer von Wulfs Publikationen. Wulf hatte in seinem 1961 erschienenen Buch Das Dritte Reich und seine Vollstrecker im Kapitel II „Biographien der Liquidatoren und Helfershelfer“ das Wirken Hagens in Bezug auf das Warschauer Ghetto auf den Seiten 334 und 335 ausgeführt, u. a. neben Darstellungen zu Friedrich-Wilhelm Krüger, Odilo Globocnik, Ludwig Fischer und Hermann Höfle. Auf Hagens Namen war Wulf nach Auswertung des Ringelblum-Archivs gestoßen. Der Hagen betreffende Abschnitt wird mit Auszügen aus dem Eid des Hippokrates eingeleitet. Danach folgt ein Abschnitt, in dem beschrieben wird, wie Hagen im April 1941 die Bitte einer jüdischen Ghettodelegation nach Milch für die Kinder ablehnte. Anschließend folgt ein Hinweis auf Hagens Anti-Typhus-Erlass, der jüdische Ärzte mit Todesstrafe bedrohte, sofern sie nicht jeden Typhusfall melden würden. Hagen, der mehrmals persönlich im Ghetto anwesend war, sei über die „katastrophalen Wohnverhältnisse“, die Lebensmittelknappheit und die gesamten „grauenhaften Lebensbedingungen“ im Bilde gewesen.Joseph Wulf: Das Dritte Reich und seine Vollstrecker. Die Liquidation von 500.000 Juden im Ghetto Warschau. Berlin 1961, S. 334 f. Letztlich lässt Wulf den Holocaustüberlebenden Ludwik Hirszfeld zu Wort kommen, der Hagen vergeblich darum bat, seine schwerkranke Tochter außerhalb des Ghettos behandeln zu lassen. Hirszfeld, dessen Tochter schließlich an Entkräftung starb, äußerte sich nach Kriegsende in seinen Erinnerungen folgendermaßen: