Als Hunderttageoffensive bezeichnet man die letzte Phase des Ersten Weltkrieges an der Westfront. Die Alliierten unternahmen in dieser Zeit vom 8. August 1918 bis zum 11. November 1918 eine Reihe von Angriffen gegen deutsche Truppen. Der erste erfolgreiche Angriff war die Schlacht bei Amiens. Die Angriffsserie zwang die Deutschen, sich hinter die Hindenburglinie zurückzuziehen, und endete mit dem Waffenstillstand von Compiègne. Die Hunderttageoffensive bezeichnet keine in sich geschlossene Operation, sondern die rasche Abfolge einzelner und letztlich entscheidender Siege der Alliierten.

Vorgeschichte Die im Frühjahr 1918 begonnene Serie von Offensiven der Deutschen an der Westfront kam im Juli 1918 langsam zum Ende. Die Deutschen waren bis an die Marne vorgedrungen, hatten aber keinen entscheidenden Durchbruch erreicht. Mit dem Ende der deutschen Offensive befahl der alliierte Oberbefehlshaber Ferdinand Foch während der Zweiten Marneschlacht am 18. Juli eine Gegenoffensive bei Villers-Cotterêts und im Raum Soissons. Die Deutschen erkannten, dass ihre Stellung bei Château-Thierry unhaltbar war, und zogen sich nach Norden zurück. Für diesen Sieg wurde Foch am 6. August zum Marschall von Frankreich ernannt. mini|links|hochkant|Marschall Ferdinand Foch Foch hielt es an der Zeit, dass die Alliierten wieder eine Offensive durchführten. Amerikanische Truppen waren nun in großer Zahl in Frankreich und das wirkte sich positiv auf die Moral der alliierten Truppen aus.Charles E. W. Bean: The Australian Imperial Force in France during the Allied Offensive, 1918. = The A.I.F. in France: May 1818 – the Armistice (= The Official History of Australia in the War of 1914–1918. Bd. 6). Angus & Robertson, Sydney 1942, S. 472. Der Oberbefehlshaber der American Expeditionary Forces (AEF) General John J. Pershing wollte seine Armee in einer unabhängigen Rolle einsetzen. Die British Expeditionary Force (BEF) des Feldmarschalls Douglas Haig war durch Truppen aus Palästina und Italien sowie durch Verstärkungen, die Premierminister David Lloyd George in England bis dahin zurückgehalten hatte, verstärkt worden.Charles E. W. Bean: The Australian Imperial Force in France during the Allied Offensive, 1918. = The A.I.F. in France: May 1818 – the Armistice (= The Official History of Australia in the War of 1914–1918. Bd. 6). Angus & Robertson, Sydney 1942, S. 155.

Eine Reihe von Plänen wurden erwogen und schließlich stimmte Foch einem Vorschlag Haigs zu, der einen Angriff an der Somme, ostwärts von Amiens und südwestlich des Schlachtfeldes von 1916 vorsah. Das Ziel dieses Angriffs sollte die Verdrängung der Deutschen von der wichtigen Bahnlinie Amiens – Paris sein. Die Somme wurde dabei als besonders geeigneter Ort ausgewählt, weil sie wie 1916 die Verbindungsstelle der BEF und der französischen Armee war und beide Armeen so nicht nur zusammenarbeiten konnten, sondern gleichzeitig über die Straße von Amiens nach Roye versorgt werden konnten. Die Landschaft der Picardie wurde auch als besser geeignet für den Einsatz von Panzern im Vergleich zu Flandern angesehen. Die deutschen Truppen in diesem Abschnitt wurden als relativ schwach eingeschätzt, da die 2. Armee unter General Georg von der Marwitz durch ständige kleinere Angriffe (z. B. am 4. Juli 1918 in der Schlacht von Hamel durch australische Truppen) bereits erkundet worden war.

Die Schlachten mini|Schlacht bei Amiens: nördlicher Abschnitt des britischen III. Korps (Butler)

Amiens Die Schlacht bei Amiens (von den Franzosen auf der Südflanke der Front als Schlacht bei Montdidier bezeichnet) begann am 8. August 1918 mit dem Angriff der britischen 4. Armee unter General Henry Rawlinson mit mehr als 10 Divisionen, die bereits großteils von australischen und kanadischen Truppen gestellt wurden und mehr als 500 Panzer einsetzten.Charles E. W. Bean: The Australian Imperial Force in France during the Allied Offensive, 1918. = The A.I.F. in France: May 1818 – the Armistice (= The Official History of Australia in the War of 1914–1918. Bd. 6). Angus & Robertson, Sydney 1942, S. 497. Der Angriff war sorgfältig vorbereitet worden und kam für die Deutschen völlig überraschend. Australische und kanadische Einheiten leiteten den Angriff ein und durchbrachen bei Villers-Bretonneux die deutschen Linien, die bis Harbonnières eingebrochenen Tanks bedrohten die rückwärtigen Stellungen und lösten bei den deutschen Truppen Panik aus.

Der „schwarze Tag des deutschen Heeres“ Nördlich der Somme unterstützte das britische III. Korps unter General Richard Butler durch Angriffe auf Morlancourt. Marschall Foch setzte durch, dass die weiter südlich stehende französische 1. Armee unter General Marie-Eugène Debeney ebenfalls an der Offensive gegen die deutsche 18. Armee unter General Oskar von Hutier teilnahm. Am Ende des Tages hatten die Alliierten 17.000 Gefangene gemacht und 330 Geschütze erbeutet. Die Gesamtverluste der Deutschen werden auf 30.000 Mann geschätzt. Die Alliierten verloren 6500 Soldaten. Der Chef der Obersten Heeresleitung Erich Ludendorff nannte diesen Tag den „schwarzen Tag des deutschen Heeres“.John F. B. Livesay: Canada's Hundred Days. With the Canadian Corps from Amiens to Mons, Aug. 8–Nov. 11, 1918. Thomas Allen, Toronto 1919, S. 95. Der Vormarsch der alliierten Truppen setzte sich noch drei Tage fort, ohne jedoch die großen Erfolge des ersten Tages zu wiederholen, da wegen des schnellen Vormarsches der Nachschub nicht mithalten konnte.Douglas Orgill: Armoured onslaught: 8th August 1918 (= Ballantine's illustrated History of the Violent Century. Battle Book. Nr. 25.). Ballantine Books, New York NY 1972, ISBN 0-345-02608-X. Am ersten Tag gewannen die alliierten Truppen einen Durchbruch auf 19 km Breite und etwa 8 km an Tiefe, am 10. August wurde Montdidier durch die Truppen Debeneys eingenommen und die Deutschen zogen sich auf die Linie Bray – Lihons – Arvillers zurück. Erst am 18. August wurde der alliierte Angriff an der Linie Albert – Chaulnes – Roye – Lassigny durch deutsche Reserven kurzfristig zum Stehen gebracht.

Französische Angriffe zwischen Noyon und Soissons Der Angriff der britischen Truppen wurde durch die französische Heeresgruppe Fayolle südlich der Somme kräftig unterstützt. Am 12. August übernahm die bei den Deutschen neugebildete Heeresgruppe Boehn die Führung beiderseits der Somme, ihm unterstellt wurde die deutsche 2., 18. und 9. Armee. Die 18. Armee (Hutier) war bis 18. August gegenüber der französischen 1. und 3. Armee bereits auf die Linie Lassigny – Roye – Chaulnes zurückgenommen worden. Bei der südlich anschließenden Heeresgruppe Kronprinz hatte die deutsche 7. Armee – jetzt unter General der Infanterie Magnus von Eberhardt – den Marnevorsprung wegen der Angriffe der französischen 10. Armee unter General Charles Mangin bereits Ende Juli aufgegeben und war auf die Vesle zurückgegangen. Am 17. August eröffnete die französische 3. Armee unter General Georges-Louis Humbert die zweite Schlacht bei Noyon, die Stadt Noyon musste am 29. August von der deutschen 18. Armee aufgegeben werden. Die deutsche 9. Armee wurde bei Coucy bis 22. August auf die Ailette zurückgedrängt. Die nach Südosten anschließende deutsche 1. und 3. Armee der Generale Bruno von Mudra und Karl von Einem konnten die alten Stellungen bei Reims und in der Champagne halten.

Kämpfe bei Albert, Arras und an der Somme mini|Rückzugskampf im Gebiet der Somme mini|links|Sir Douglas Haig (Mitte) mit seinen Armeeführern: von links – Herbert Plumer (2. Armee), Julian Byng (3. Armee), General William Birdwood (5. Armee), Henry Rawlinson (4. Armee) und Henry Horne (1. Armee), dahinter andere Stabsoffiziere

Am 15. August 1918 verlangte Marschall Foch von General Haig, den Durchbruch bei Amiens fortzusetzen. Die Offensive der britischen 4. Armee war ins Stocken geraten, weil es den Alliierten an Nachschub mangelte und die deutsche Heeresleitung unter General Erich Ludendorff noch rechtzeitig Verstärkungen in diesen Bereich heranführen konnte. Haig weigerte sich und bereitete stattdessen einen neuen Angriff etwas weiter nördlich bei Albert vor. Die Schlacht bei Albert begann am 21. August 1918.Charles E. W. Bean: The Australian Imperial Force in France during the Allied Offensive, 1918. = The A.I.F. in France: May 1818 – the Armistice (= The Official History of Australia in the War of 1914–1918. Bd. 6). Angus & Robertson, Sydney 1942, S. 713–714. Der britischen 3. Armee unter Julian Byng gelang es auf Anhieb, die deutsche Front zwischen Boisleux und Bucquoy auf 5 km Breite aufzureißen. General Byng nahm Courcelles und überschritt bei Albert und Beaucourt die Ancre. Albert wurde von den Briten am 22. August zurückerobert, am 24. folgte die Rückeroberung von Thiepval am 25. Montauban, Martinpuich, Mametz, am 26. die Einnahme von Longueval. Die Stadt Bapaume und Combles wurde von Byng zwischen 29. und 31. August in der Zweiten Schlacht bei Bapaume zurückerobert.

Am 26. August erweiterten die weiter nördlich stehenden Korps der britischen 3. Armee ihren Angriff auch südlich der Scarpe und erreichten den Einbruch auf elf Kilometer Breite. Die Schlacht an der Scarpe wird auch als Zweite Schlacht bei Arras bezeichnet, das zerstörte Monchy-le-Preux wurde eingenommen. Gleichzeitig schob die weiter südlich stehende britische 4. Armee ihre Front auf einer Breite von elf Kilometern nördlich der Somme weiter nach Osten vor. Östlich von Amiens gelang es dem australischen Korps unter General John Monash, nachdem Artillerie und Munition herangeführt worden waren, die Somme nördlich von Péronne zu überqueren. In der Schlacht am Mont Saint-Quentin zwischen 31. August und 3. September wurde das deutsche Generalkommando 51 schwer bedrängt; die 18. Armee gab am 1. September Péronne auf. Am 2. September brach die britische 3. Armee mit der 4., sowie der kanadischen 1. und 4. Division in der Schlacht von Drocourt-Quéant in der deutschen Wotanstellung ein; die bei Arleux doppelt umfasste 17. Armee zog sich bis 7. September auf die Linie Bertincourt – Doignes –Buissy zurück. Gleichzeitig wurden weiter im Norden der Leie-Bogen und der im April erkämpfte Kemmelberg von der 6. Armee aufgegeben. Das Große Hauptquartier war bereits vorsorglich von Avesnes nach Spa zurückverlegt worden.

Vormarsch auf die Hindenburglinie

mini|Deutsche Verteidigungsstellungen an der Westfront 1918 mini|Angriff der britischen 3. Armee über den Canal du Nord auf Cambrai

Nach diesen Einbrüchen in die deutsche Front drängten die Alliierten weiter auf die Hindenburglinie. Die deutsche Hauptverteidigungslinie reichte von Cerny an der Aisne bis nach Arras. Das VI. Korps der britischen 3. Armee überschritt mit der 62. Division, der neuseeländischen Division und der 2. Division den Canal du Nord und konnte die Front der deutschen 17. Armee am 12. September bei Havrincourt durchbrechen. Von diesem Ergebnis ermutigt, ordnete Douglas Haig ein weiteres Vorgehen auf Cambrai an. Die britische 4. Armee unter General Rawlinson erreichte bis zum 11. September die Linie Attilly – Vermand – Buissy, eroberte den Bois d'Holnon, siegte am 18. September in der Schlacht von Épehy und ging von Norden her auf St. Quentin vor. Deutsche Gegenangriffe zwischen Villers-Guislain und dem nördlich davon liegenden Mœuvres scheiterten.