mini|Großserbien (blau) in den heute noch von der Serbischen Radikalen Partei angestrebten Grenzen
Großserbien () bezeichnet ein theoretisches Staatsgebilde, das in der serbischen Geschichte von einigen nationalistischen Gruppen angestrebt wurde und noch heute politisches Ziel der Serbischen Radikalen Partei ist.
Dabei sollten alle Serben in einem einzigen, unabhängigen Staat vereinigt werden, der alle serbischen Siedlungsgebiete umfassen sollte, auch diejenigen, in denen die Serben in der Minderheit waren. Dabei gab es verschiedene Ansichten darüber, welche Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer Abstammung, Konfession oder Sprache zu den Serben zu rechnen seien. Diese politische Idee entstand im 19. Jahrhundert und wurde vor allem durch ethnische Mehrheitsvorstellungen genährt, welche wiederum darauf zurückzuführen sind, dass die Volksgruppe der Serben im 20. Jahrhundert innerhalb des ehemaligen Jugoslawiens, gesamt gesehen, die relative Bevölkerungsmehrheit stellte.
Die Bezeichnung Großserbien wurde während der Jugoslawienkriege häufig erwähnt."But the crude fervour which drew Serbs together, was repellent to the Slovenes, Croats and other nations of Yugoslavia. Milosevic saw himself forging a Greater Serbia from the remnants of Yugoslavia. Instead he created a monster which all but devoured Serbia." Die meisten serbischen Gruppierungen, denen „Großserbien“ als Ziel zugeschrieben wurde, verwendeten dieses Wort selbst allerdings nicht. Auch ist umstritten, inwiefern zwischen den unter diesem Begriff zusammengefassten politischen Bestrebungen eine inhaltliche Identität oder politische Kontinuität besteht.
Geografische Ausdehnung mini|Virovitica-Karlovac-Karlobag-Linie
Die westliche Grenzziehung eines Großserbiens erfolgt zumeist an der geografischen Linie entlang der kroatischen Städte Virovitica, Karlovac und Karlobag. Die Gebiete östlich dieser Linie seien demnach Großserbien, während westlich davon gelegene Gebiete Kroatien und Slowenien überlassen blieben.
Die Virovitica-Karlovac-Karlobag-Linie wurde auch vom Tschetnik-Offizier Stevan Moljević aufgegriffen. In den 1990er Jahren wurde diese Linie häufig von Vojislav Šešelj als „Westgrenze Großserbiens“ beschrieben, dessen Serbische Radikale Partei noch heute eine Grenzziehung entlang dieser Linie als strategisches Ziel betrachtet.
Mythologischer Hintergrund Mehrere Herrscher des mittelalterlichen Serbien, wie beispielsweise Lazar Hrebeljanović, Stefan Nemanja oder Rastko Nemanjić (Sava von Serbien) wurden von der Orthodoxen Kirche zu Heiligen erklärt. Insoweit wurden die Könige als Abgesandte für ein „auserwähltes Volk“ angesehen. Etwa zwei Jahre vor dem Ausbruch der Jugoslawienkriege wurden im Rahmen der Vorbereitungen zur 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld die sterblichen Überreste des serbischen Königs Lazar Hrebeljanović durch das Land zu Massenveranstaltungen getragen.
Der serbische Linguist Vuk Karadžić vertrat die Ansicht, wonach alle Slawen, die einen štokavischen Dialekt sprechen, Serben seien und die Serbische Sprache sprechen. Gemäß dieser Definition wären große Teile Kroatiens sowie Bosnien-Herzegowina serbisches Siedlungsgebiet, und die dort lebenden Kroaten und Bosniaken wären Serben. Nach Karadžićs linguistischer Definition der Serbischen Nation wären jedoch die torlakisch sprechenden Bewohner Südserbiens keine Serben. Diese Sichtweise wird als sprachlicher Panserbismus bezeichnet.
Historischer Hintergrund Erste Erwähnung mini|Đorđe Branković (1645–1711)
Die älteste Quelle über das Ziel, ein Großserbien zu bilden, stammt aus dem Jahr 1683.Јелка Ређеп: Гроф Ђорђе Бранковић и усмено предање. изд. Прометеј, Нови Сад 1990, ISBN 86-7639-004-5, S. 256. Đorđe Branković, ein siebenbürgischer Gesandter und Graf, machte den Habsburgern während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung ein schriftliches Angebot, das beinhaltete, dass die Befreiung und Vereinigung aller serbischen Länder die weitere Vergrößerung des Osmanischen Reiches Richtung Mitteleuropa verhindern würde. Das Programm einer Vereinigung aller serbischen Länder passte den Habsburgern, da sie von den Osmanen eingekreist worden waren. Mit dem Sieg des Heiligen Römischen Reiches und seiner Verbündeten über die Osmanen geriet der Plan in Vergessenheit. Die Habsburger verfolgten nicht mehr das Ziel der Schaffung eines großen serbischen Staates, da sie nicht mehr von den Osmanen bedroht waren. Vielmehr wollten sie über den ganzen Balkan regieren. Đorđe Branković war in dieser Zeit Despot des Banates, Syrmiens und der Herzegowina unter Leopold I. Als die Habsburger im Großen Türkenkrieg 1683–1699 tief in das serbische Hinterland vordrangen, rief er die Serben zum Freiheitskampf gegen die Osmanen auf, mit ihm als ihrem Fürsten. Das deckte sich nicht mit den Staatsinteressen Österreichs, weshalb den militärischen Befehlshabern angeordnet wurde, ihn zu verhaften und nach Wien zu bringen. In Wien wurde Branković bis 1702 im Gasthaus „Zum goldenen Bären“ unter ständiger Bewachung inhaftiert, anschließend nach Eger in Böhmen verlegt, wo er 1711 starb.
Frühes 19. Jahrhundert 1807 schrieb der montenegrinische Fürstbischof Petar I. an den russischen Zaren Alexander I., er möge die serbischen Freiheitsbestrebungen gegen die Osmanen unterstützen und ein serbisches Zarenreich ausrufen, das Montenegro, Dalmatien, Bosnien und die Herzegowina umfassen würde, mit ihm, Alexander, als serbischem Zaren. mini|250px|Miloš Milojevićs Landkarte von Großserbien Im aufständischen Serbien unter Karađorđe formulierte der Minister (und österreichische Agent) Ivan Jugović 1808 das Projekt des zukünftigen serbischen Staates. Dieser serbische Staat sollte Zentralserbien, das Kosovo, Bosnien, Herzegowina und Montenegro umfassen.
Ilija Garašanin und seine Pläne mini|Serbien während der Herrschaft von Stefan Uroš IV. Dušan (1350). Nach den Worten Garašanins musste sich Serbien dieses Ziel für seine Existenz zum Vorbild nehmen
Ilija Garašanin (1821–1875), von 1843 bis 1854 Innenminister des damaligen Fürstentums Serbien unter Aleksandar Karađorđević, gilt als der geistige Schöpfer der Idee der Schaffung Großserbiens. Andererseits kann man in Garašanin auch den ersten serbischen Vertreter der jugoslawischen Idee sehen. Inspiriert von Ideen des konservativen panslawistischen polnischen Emigranten Adam Jerzy Czartoryski schrieb er Anfang 1844 seine Abhandlung Conseils sur la conduite à suivre par la Serbie. Unterstützt durch die damalige Konzeption der französischen Diplomatie zur Lösung der „südosteuropäischen Frage“, schrieb er Ende 1844 das Werk Načertanije, das erste außenpolitische Programm Serbiens, das von vielen als Beginn des großserbischen Programms gesehen wird im Internet Archive. Serbien hat bereits seine Entwicklung glücklich begonnen und wird sich als Grundlage seiner Existenz das serbische Königreich aus dem 13. und 14. Jahrhundert zum Vorbild nehmen müssen. Unsere Pflicht ist es jetzt, die Grundsteine und Mauern des ehemaligen serbischen Reiches auszugraben und unsere Zukunft unter den Schutz des historischen Rechtes zu stellen. (Ilija Garašanin)
Garašanin beschrieb in dem geheimen Dokument Načertanije („Programm“) ein Szenario zur Vereinigung aller Serben (einschließlich der von Garašanin als Serben definierten meisten anderen Südslawen – so wurden zum Beispiel die Kroaten in Dalmatien von ihm als „Serben katholischer Glaubensrichtung“ betrachtet) in einem einzigen panslawistischen Staat nach einem Zerfall des Osmanischen Reiches und der Zurückdrängung Österreichs vom Balkan. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs in Europa sollte so eine weitere Expansion der Habsburgermonarchie in diese Gebiete verhindert werden.
Die Grundaussage dieses Memorandums bestand darin, dass der junge, aber kleine serbische Staat, damals noch ein autonomes Fürstentum innerhalb des Osmanischen Reiches, eingekreist zwischen den Imperien der Habsburger und der Osmanen, auf Dauer keine Überlebenschance hätte. Der einzige Ausweg sei die „Vernichtung“ dieser beider Imperien und die Befreiung und Vereinigung der Südslawen. Die damals noch unter osmanischer Herrschaft stehenden Länder Bosnien, Herzegowina, Montenegro, Süd-Serbien, Sandschak, Nord-Albanien, Südwest-Bulgarien, Dalmatien, Kroatien und Slowenien sollten eine unteilbare Einheit bilden, weil diese Gebiete mit Völkern des „nahezu gleichen Stammes“ besiedelt seien.
Dieses erste schriftlich verfasste Programm der serbischen Außenpolitik wurde seinerzeit von der französischen und britischen Regierung unterstützt, um einer möglichen russischen Expansion bis zum Mittelmeer entgegenzuwirken.
Die Ideen von Garašanin waren jedoch nicht gewaltorientiert und forderten keine terroristischen Methoden, um die serbische Idee auszuweiten.
Die Schwarze Hand Unter der Führung von Dragutin Dimitrijević Apis wurde die Geheimorganisation Schwarze Hand zu einer terroristischen Bewegung: Unter dem Motto „Ujedinjenje ili smrt“ (Vereinigung oder Tod) stand diese Organisation hinter dem Mord am Habsburger Erzherzog Franz Ferdinand beim Attentat von Sarajevo, das den Ersten Weltkrieg auslöste. Die Hauptzielsetzung dieser Organisation war, alle Gebiete, in denen Serben lebten, territorial mit dem Königreich Serbien zu vereinigen. Diese expansionistische Zielsetzung bezog sich auf die seinerzeit zu Österreich-Ungarn gehörenden Teile Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens.
Londoner Vertrag
mini|Der Panserbismus erklärte die westbulgarischen Dialekte zu Serbisch
Der Londoner Vertrag aus dem Jahre 1915 war ein geheimer Vertrag zwischen Italien auf der einen und den Alliierten Mächten (Großbritannien, Frankreich und Russland) auf der anderen Seite, der am 26. April 1915 in London geschlossen wurde. Der Vertrag besagte, dass Italien das nördliche und mittlere Dalmatien mit den vorgelagerten Inseln bis zur Küste an Kap Planka bekommen sollte. „Kroatien, Serbien und Montenegro“ sollten als Entschädigung die Hafenstadt Rijeka mit der Insel Krk, Sv. Grgur, Prvić, Goli otok und Rab, wie auch „Gebiete, welche Serbien und Montenegro interessieren“, v. a. südlich von Kap Planka (mit Trogir und Split) bis zu Ulcinj bekommen. Des Weiteren sollten Bosnien und die westliche Herzegowina Serbien zugesprochen werden, Süddalmatien mit Dubrovnik und die östliche Herzegowina an Montenegro gehen. Im Norden sollte Serbien die Batschka und Srem bekommen, während beim Banat sich Serbien und Rumänien miteinander alleine verständigen sollten. Im Falle einer Besetzung Albaniens durch Italien sollte auch Nordalbanien zwischen Serbien und Montenegro aufgeteilt werden. Da die Alliierten versuchten, Bulgarien auf ihre Seite zu bringen, wurde Serbien, sollte es auf Mazedonien zugunsten Bulgariens verzichten, als Entschädigung Slawonien versprochen.
Grenzen Serbiens ohne Kroatien Der Präsident der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste Jovan Žujović, welcher sich als Gesandter der serbischen Regierung in Paris aufhielt, hatte die Aufgabe, in mächtigen Pariser Kreisen eine Propaganda für die Schaffung eines südslawischen Staates zu machen. Am 27. Mai 1915 forderten Gesandte, dass er die „Grenzen der serbischen Länder ohne Kroatien“ hinterlegt.: „Wir sollten den flachen, aber auch den gebirgigen rumänischen Banat zugesprochen bekommen“, sprach Jovan Žujović. Für das kroatische Küstenland sagte er: „Gut, Italien kann das Küstenland bis Šibenik erhalten, aber der Rest, das müsse Serbisches Land werden.“ Auf das Angebot, einen Teil von Albanien zugesprochen zu bekommen, antwortete er: „Wir sind keine Imperialisten! Aber wenn Ihr es uns geben wollt, dann nur zu. Aber wir lieben unser serbisches Dalmatien.“ Eine Menge von Franzosen sagte daraufhin: „Macht Euch keine Sorgen. Ihr werdet auch Bosnien und Herzegowina bekommen. Diese Länder sind mehr serbisch als Elsass und Lothringen französisch seien.“
Serbien oder Jugoslawien