Walen oder Venediger (auch Walhen, Wahlen, Wälsche oder Welsche, Venedigermandln, Vennizianer, Venezianer, Venetianer und ähnliche Schreibweisen) sind in der Sagenüberlieferung fremde Erz- und Mineraliensucher. Es ist nicht gesichert, ob solche Leute wirklich nach Mineralen suchten, die zur Glasherstellung benötigt wurden. Die angeblichen Goldsucher haben aufgrund ihrer fremden Sprache und ihres unverständlichen Tuns in den Bergen in ganz Mitteleuropa zur Sagenbildung angeregt. In der Sage wurden ihnen auch magische Eigenschaften zugeschrieben. Sie erscheinen dort als zauberkundige und geisterhafte Fremdwesen. Darüber hinaus wurde ihnen die Autorschaft der sogenannten Walenbücher zugeschrieben, angeblichen Wegbeschreibungen zu verborgenen Schätzen und reichen Erzadern.
Bezeichnung als „Walen“ oder „Venediger“ Die Bezeichnung „Walen“ leitet sich von Welsche ab, im allgemeinen Sinne von „Ausländer“, der eine fremde (meist romanische Sprache) spricht; „Venediger“ hingegen von der oft als Herkunftsort genannten Stadt Venedig, damals ein weltberühmtes Zentrum der Gold- und Silberschmiedekunst, der Edelsteinschleifer und Glasmanufakturen. Daneben werden aber sowohl in den zeitgenössischen Dokumenten als auch in den Sagen die unterschiedlichsten Herkunftsorte genannt, die meist in Italien, aber auch in Frankreich und Spanien, gelegentlich sogar in Böhmen und Deutschland liegen. Im süddeutschen Sprachraum werden die Sagengestalten wegen ihrer Nähe zu den Bergmännchen und Berggeistern als Venedigermandl oder kurz Mandl, in Thüringen auch als „Erzmännchen“ bezeichnet.
Historischer Hintergrund mini|Klares, kobaltblaues Glas mit polychromer Emaille, Murano, 1470 Der Montanethnograph Helmut Wilsdorf weist darauf hin, dass im Mittelalter kobaltblaues Glas in Europa sehr selten und begehrt war. Da es meist aus Konstantinopel (über Venedig) importiert wurde, hieß es auch „byzantinisches Glas“. Abt Suger von Saint-Denis rühmte sich, dass er für die Fenster seiner 1144 geweihten Kirche die sehr teure „Saphirmasse“ beschaffen konnte, die man zur Herstellung klaren blauen Glases benötigte. Chemische Analysen dieser und anderer blauer Gläser aus französischen Kathedralen ergaben einen charakteristisch hohen Wismut-Gehalt, der sich nur mit Vorkommen in Deutschland deckt: dem Schneeberg im Erzgebirge und dem Schwarzwälder Kinzigtal. Zu diesem Zeitpunkt, und noch lange danach, ist in den genannten Gebieten aber gar kein groß angelegter Bergbau nachweisbar. (Tatsächlich stört das Vorkommen von Kobalterzen den Silberbergbau, weil es den Ertrag mindert.) Dennoch muss es Menschen gegeben haben, die diese Vorkommen und den Wert der Erze kannten und sie nach Frankreich brachten. Um 1400 erwähnte Cennino Cennini in seinem Traktat über die Malerei ein azurro della Magna, also ein „Blau aus Deutschland“, das auf unklare Weise mit dem Silberbergbau zu tun hatte, und gab dessen deutschen Namen mit smalto, also „Schmelzfarbe“, an. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurden die wichtigsten Kobaltvorkommen aber allgemein bekannt, und es musste nicht mehr besonders danach gesucht werden.
Anders verhielt es sich mit dem manganhaltigen Braunstein, der besonders für die Entfärbung des berühmten Venezianer Spiegelglases benötigt wurde. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts besaß Venedig praktisch das Monopol auf diese Technik, und den Glasbläsern von Murano war es bei Todesstrafe untersagt, ihre Geheimnisse preiszugeben.
Eine Erwähnung von Walen stammt vom April 1365. Hier nennt Markgraf Friedrich so italienische Kaufleute, was nichts mit den späteren Walen-Vorstellungen zu tun hat.http://codex.isgv.de/codex.php?band=cds2_13&f=&a=b&s=024. Eine Erwähnung, die sich auf die Traditionsbildung bezieht, findet sich im 1523 gedruckten Joachimsthaler Bergbüchlein. Dort beklagt sich Hans Rudhardt in einem Vers, dass die Walen „große Burde und Huck“ aus Deutschland davontragen. Caspar Bruschius schreibt 1542 in seiner historisch-geographischen Beschreibung des Fichtelgebirges von Wahlen und Venedigern (neben Spaniern und Zigainern). Auch er beschwert sich, dass diese fremden landkundtschaffter die Bodenschätze Deutschlands besser kennen, als die Einheimischen selbst (die zuweilen mit einem Stein nach einer Kuh werfen, der wertvoller als die Kuh ist – eine sprichwörtliche Wendung), und große Schätze mit sich von dannen führen. Hier findet sich auch die erste Erwähnung von Walenbüchern, die auf „wellisch“, französisch und niederdeutsch geschrieben seien. Von dem Exemplar, das er selbst besessen hat, sagt Bruschius nur, es habe „viel Seltsames“ darin gestanden und auf zahlreiche Fundstellen hingewiesen. mini|Fachleute untersuchen frisch gewonnenes Erz; Schwazer Bergbuch, 1556
1574 stellte Lazarus Ercker, der Oberbergmeister des Königreichs Böhmen, fest:
Ein anderes Monopol versuchte der Kirchenstaat zu verteidigen, nachdem 1459 die Alaunlagerstätten bei Tolfa entdeckt worden waren. Papst Pius II. drohte jedem mit dem Kirchenbann, der sein Alaun nicht bei ihm, sondern beim „Feind der Christenheit“, einkaufen würde. Nach der Eroberung von Konstantinopel waren nämlich die wichtigen Alaunlagerstätten bei Phokaia in die Hand der Türken gefallen, und so wurde Tolfa mit 6000 Bergarbeitern zeitweise zur größten Bergbauunternehmung des Abendlandes. Nachdem Erzsucher in Europa aber auch zusätzliche Alaunvorkommen entdeckt hatten, begannen die Einnahmen der Apostolischen Kammer, die offiziell mit der Finanzierung des nächsten Kreuzzugs betraut war, deutlich zu sinken. So entschied sich der Papst, italienische Fachleute auszusenden, die die Unternehmen der unliebsamen Konkurrenz auskundschaften, aufkaufen oder anderweitig ausschalten sollten. Andererseits heuerten auch finanzkräftige Investoren wie die Fugger solche Fachleute zu genau demselben Zweck an (Agricola traf zwei von ihnen 1526 in Rom, einen Erzsucher und einen Schmelzer). Diese Alaunsucher dürften für die Einheimischen nicht von den anderen „Venedigern“ zu unterscheiden gewesen sein.
Ein Alchemist namens Georg Meyer erwähnte 1595 in seiner Schrift Bergkwercks-Geschöpff neben Landfahrern auch fahrende Schüler als Goldwäscher, schrieb ihnen also auch teilweise akademische (womöglich alchemistische) Kenntnisse zu. Neben „durchsichtigen Sand und Körner zu schönen Schmelzgläsern“ sollen sie auch „Talch“ gesucht haben (wohl eine besondere Art von Ton), aus dem man feuerfeste Schmelztiegel brennen kann, sowie nach Edelsteinen und Perlen.
Die erste Sammlung von Berichten über Wahlen erstellte Christian Lehmann bereits im 17. Jahrhundert. Allerdings wurde sie erst 1764 von seinem Enkel herausgegeben. Lehmann wiederholt die negativen Ansichten des Bruschius über die Venediger (tatsächlich macht er sie sogar für einen unaufgeklärten Mord von 1514 in Annaberg verantwortlich) und verdächtigte sie der Teufelsbündnerei. Reale Begegnungen mit Walen scheinen zu dieser Zeit aber praktisch schon nicht mehr vorgekommen zu sein, denn Lehmann behauptet, sie seien bereits vor längerer Zeit von der Obrigkeit des Landes verwiesen worden.
In der Bevölkerung blieb die Erinnerung an die Walen aber erhalten, nicht zuletzt wegen der zirkulierenden Walenbücher. Noch um 1800 traut Friedrich Gottlob Leonhardi den „landläufigen Savoyarden“, also wohl ausländischen Hausierern, in seiner Beschreibung Chursachsens zu, dass sie ihr Gewerbe nur vorschützten, während sie in den Wäldern und Flüssen in Wirklichkeit nach Edelsteinen suchten, die sie in der Heimat schliffen und dann für teures Geld wieder nach Deutschland verkauften. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass italienische Erzsucher noch bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts die Alpen überquert haben. Nachdem aber auch reguläre Bergbaufirmen begonnen hatten Manganerze abzubauen, verloren diese Einzelgänger ihre Existenzgrundlage.Helmut Wilsdorf: Einführung in die Bergmannssagen „von den Venedigern“, in: Rudolf Schramm & Helmut Wilsdorf: Venetianersagen von geheimnisvollen Schatzsuchern. Leipzig: VEB Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, 1. Aufl. 1986, 2. Aufl. 1987, 3. Aufl. 1990, S. 217–255.
Es wird aber auch vermutet, dass sich die Bezeichnung „Venediger“ nicht nur auf die Mineralsucher italienischer Herkunft beschränkte. Vielmehr wurden damit auch reiche, im Bergbau tätige Kaufleute bezeichnet, die zwar nicht aus Venedig, sondern größtenteils aus Deutschland stammten, mit Venedig jedoch regen Handel trieben.Eva-Maria Pyrker: Der Bergname Venediger und die Sagen von den Venedigermandln: Ein Versuch zu ihrer historischen Erklärung, in: Wolfgang Meid (Hg.), Studien zur Namenkunde und Sprachgeographie: Festschrift für Karl Finsterwalder zum 70. Geburtstag, (= Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Band 16), Innsbruck, 1971, S. 215–226
Venetianersagen Die Venetianer- oder Venedigersagen gehören zu den Volkssagen und erzählen gewöhnlich von der Begegnung von Einheimischen mit Venedigern. Obwohl, oder gerade weil solche Begegnungen tatsächlich sehr selten gewesen sein dürften, stellen die Venetianersagen eine wichtige Untergruppe der Bergmannssagen dar und fanden auch bei Sagenforschern größere Beachtung.
Die landfremden Venediger treten in den Sagen meist als Einzelgänger auf, aber auch in kleinen Gruppen, oft zu dritt, die bei Einheimischen um Quartier bitten oder ihnen zufällig in den Bergen begegnen. Sie tauchen überraschend auf und verschwinden auch schnell wieder, kommen dann aber oft viele Jahre hintereinander zurück. Auch ihr Äußeres wirkt fremdartig: sie werden als klein und dunkelhaarig geschildert. Oft verbergen sie ihren Reichtum unter ärmlicher Kleidung und durch anspruchslose Lebensführung, andernorts sind sie auffallend bunt gekleidet. Besonders untereinander reden sie unverständliches Kauderwelsch. Aus ihrer Heimat bringen sie zuweilen Kräuter oder andere Waren mit, die sie nach Art der Buckelapotheker verkaufen. In Wirklichkeit verstehen sie sich aber vor allem auf das Auffinden (Prospektion) und Schmelzen von Erz sowie auf die Probier- und Scheidekunst, aber eigentliche Bergleute sind sie meist nicht. Obwohl sie anscheinend nur gewöhnliche Kiesel, Sand oder Erde sammeln, und mit kleinen Hämmern auf normalem Stein herumklopfen, ist es für jedermann klar, dass es sich dabei in Wirklichkeit um Gold, Silber, Perlen und Edelsteine handeln muss, die die Einheimischen nur nicht als solche erkennen können. Sie werden als kenntnisreich, freundlich und dankbar geschildert, aber auch als verschwiegen und geheimniskrämerisch, manchmal rachsüchtig. All dies lässt sich gut in Übereinstimmung bringen mit dem wenigen, was man über die dokumentierten Walen und Venetianer weiß.
Während die offiziellen Quellen den Venedigern misstrauen und sie oft mit Dieben und „fahrendem Volk“ in einen Topf werfen (weil sie mutmaßlich das Bergregal missachten und keine Abgaben auf ihre Funde zahlen), zeigt die Sage eher Bewunderung für ihre Fähigkeiten. Keineswegs wirft man ihnen vor, dass sie die Quelle ihres Reichtums verheimlichen, ihn größtenteils für sich behalten und außer Landes bringen. Vielmehr berichten die Sagen bevorzugt von den fürstlichen Belohnungen für hilfreiche Einheimische (und die gelegentliche Bestrafung allzu habgieriger Mitwisser). Die Belohnung findet hierbei oft erst nach der Abreise der Venediger statt, indem sich ihre zunächst unscheinbaren Hinterlassenschaften am nächsten Morgen in Kostbarkeiten verwandelt haben, oder die Venediger beschließen, das Geheimnis ihres Reichtums einem Einheimischen zu verraten, nachdem sie für sich selbst genug gesammelt haben und nicht mehr wiederzukommen brauchen.