mini|Das Wichernhaus der Stiftung Scheuern mini|Das Alte Haus ist das dominante Kerngebäude der Anlage Die Stiftung Scheuern ist eine diakonische Einrichtung der Behindertenhilfe. Sie betreut Menschen mit geistiger Behinderung, erworbener Hirnschädigung und psychischer Erkrankung. Diese Personengruppen unterstützt die Stiftung Scheuern mit vielfältigen Leistungen, die von individuellen Wohnformen über Bildung und Qualifizierung bis hin zu Arbeitsplätzen sowohl in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) als auch in Unternehmen der regionalen Wirtschaft reichen. Auch die therapeutische Begleitung von Menschen mit Behinderung, Angebote zu ihrer Tages- und Freizeitgestaltung, die Gastbetreuung im Rahmen einer Verhinderungspflege und vieles mehr zählen zu ihren Schwerpunkten.

Der Hauptsitz der Stiftung Scheuern, dessen Gebäude teilweise unter Denkmalschutz stehen, befindet sich im Nassauer Stadtteil Scheuern. Dazu kommen zahlreiche weitere Wohnhäuser in der Region Rhein-Lahn-Westerwald. Die Stiftung Scheuern ist eine gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts. Sie ist Mitglied in der Diakonie Hessen und im Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB). Sie hat circa 1200 Mitarbeiter.

Die wechselvolle Geschichte der Stiftung Scheuern reicht zurück bis zur Gründung 1850, wobei einzelne Gebäude deutlich älter sind. In der Zeit des Nationalsozialismus diente die Stiftung Scheuern als einzige Anstalt der Inneren Mission als Zwischenanstalt für die NS-Tötungsanstalt Hadamar, wobei ihre Übernahme einen Präzedenzfall darstellte. Für über 1500 Menschen war sie die letzte Station vor ihrer Ermordung. 153 Menschen kamen in dieser Zeit in den Anlagen der Stiftung Scheuern selbst ums Leben. Die Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre war geprägt vom geänderten gesellschaftlichen Umgang mit behinderten Menschen. Die bewusste Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit setzte erst Mitte der 1990er Jahre ein. Strukturelle Veränderungen haben bis zur Gegenwart stattgefunden.

Lage und Beschreibung mini|350px|Übersicht über die zentralen Anlagen der Stiftung Scheuern mini|Einen Überblick erhält man bei Betrachtung von der nördlich gelegenen Burg Nassau Die Kernanlage der Stiftung Scheuern liegt in dem südlich an die Stadt Nassau angrenzenden Stadtteil Scheuern im Mühlbachtal mit den umliegenden Wäldern und der Burg Nassau. Aufgrund der Größe der Anlage dominiert die Einrichtung das Ortsbild Scheuerns.Nach Auskunft des Bürgermeisters vom 16. April 2011 hat Scheuern 777 Einwohner, davon 381 in der Stiftung Scheuern Im Norden und Osten begrenzt der Mühlbach das Gelände der Einrichtung, in die man über eine Brücke gelangt. Die Anlage der Stiftung dehnt sich von einem Tal im Nordosten bis auf einen Höhenzug im Westen aus. Im Süden begrenzen die Friedhofstraße und die Straße Am Schimmerich die Anlage.

Kern der Anlage ist ein Karree mit dem Haus am Bach, dem Haus Bodelschwingh, dem Weißen Haus, dem Schlösschen, dem Alten Haus und dem Casino (mit Zentralküche), den ältesten Gebäuden. Sie stehen unter Denkmalschutz.

Außerhalb des Zentralbereichs befinden sich weitere wesentliche Bestandteile der Stiftung Scheuern. Dies sind am Standort Nassau das Wohnheim Lahnberg mit insgesamt sechs Häusern, das Wohnhaus Neuzebachweg, das in der Stadtmitte gelegene Wohnhaus Gerhart-Hauptmann-Straße, ein Geschäft für Orthopädie-Schuhtechnik sowie die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) im Mühlbachtal. Am Standort Singhofen ist die Stiftung mit einer weiteren Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) vertreten. In Bad Ems unterhält sie das Elmar-Cappi-Haus, bei dem es sich um ein Wohnhaus für Menschen mit erworbener Hirnschädigung handelt, sowie ein Wohnhaus für Menschen mit geistiger Behinderung, eine Beratungsstelle für Menschen mit psychischer Erkrankung, einen Berufsintegrationsservice, ein Montage- und Dienstleistungszentrum mit Druckerei und einen Eine-Welt-Laden. Am Standort Nastätten befinden sich zwei Wohnhäuser für Menschen mit Behinderung und ein Eine-Welt-Laden, am Standort Laurenburg ein Wohnhaus und eine Tagesförderstätte und am Standort Hillscheid ein CAP-Markt, der unter anderem sechs Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze bietet. Hinzu kommt das Hofgut Mauch in Misselberg, ein Obstbaubetrieb mit integriert-kontrolliertem Anbau.

Organisation Die Stiftung Scheuern ist eine Einrichtung der Behindertenhilfe. Sie unterbreitet Angebote im Sinne von Assistenz, Begleitung und Förderung, die sich am individuellen Hilfebedarf orientieren. Zur Qualitätssicherung kommt dabei das Verfahren zur Gestaltung der Betreuung von Menschen mit Behinderung (GBM) zur Anwendung., Leben mit geistiger Behinderung (Stand: 1. Juni 2014).

Die Stiftung Scheuern setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und ein selbstbestimmtes Leben führen. Die Stiftung Scheuern ist Mitglied im Diakonischen Werk Hessen und Nassau e. V., im Bundesverband der Evangelischen Behindertenhilfe sowie im Bundesverband Stiftungen. Sie bietet 650 differenzierte Wohnplätze, ergänzt durch ambulante Angebote wie das Betreute Wohnen. In der Langauer Mühle, Werkstatt für behinderte Menschen, werden circa 180 Arbeits- und Ausbildungsplätze angeboten. In der Tagesförderstätte werden Menschen betreut, die durch Art und Schwere ihrer Behinderung nicht in einer Werkstatt für behinderte Menschen tätig sein können.

Die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) der Stiftung Scheuern ist seit 1977 staatlich anerkannt und seither eine wirtschaftlich selbständige Einrichtung innerhalb der Stiftung.

In den Werkstätten der verschiedenen Standorte finden rund 430 Menschen angemessene Beschäftigung im Rahmen der Teilhabe am Arbeitsleben. Zum Teil haben die Beschäftigten ihren Lebensmittelpunkt in den Wohnangeboten der Stiftung; andere suchen ihren Arbeitsplatz als Pendler auf.

Geschichte Die Gründung als Rettungshaus für verwahrloste streunende Buben mini|Das Schloss Langenau, das von 1851 bis 1855 als Rettungshaus diente, in seiner heutigen Darstellung mini|Das Schlösschen war das Ursprungsgebäude der heutigen Stiftung Scheuern Die Mitte des 19. Jahrhunderts war geprägt von den sozialen und gesellschaftlichen Umbrüchen der Industrialisierung. Die klassischen Familienverhältnisse zerbrachen, traditionelle Dorfgemeinschaften lösten sich auf. Als Folge waren viele Kinder und Jugendliche mit Armut und Obdachlosigkeit konfrontiert. Einige Städte gründeten Rettungshäuser, um diesen „verwahrlosten Knaben“ ein Heim anzubieten und sie dort zu „tüchtigen Bürgern“ aufzuziehen.Stefan Koppelmann Ein Streifzug durch die Geschichte der Heime Scheuern in Stadt Nassau Ursprung und Gestaltung Geschichte und Geschichten S. 162, Stadt Nassau 1997

Besonderen Anteil an der Gründung des Rettungshauses hatten der evangelische Kaplan Burchardi, der Lehrer Reichard und Gräfin Henriette von Giech. Letztere war eine Tochter des Reichsfreiherrn vom und zum Stein und wurde von Burchardi für seinen Plan der Gründung eines Rettungshauses etwa zwei Jahre nach dem 1848 abgehaltenen 1. Wittenberger Kirchentag gewonnen. Entscheidend für die Geschichte der Heime Scheuern war dieser Kirchentag, da Johann Hinrich Wichern dort einen Vortrag hielt und für die Gründung von Rettungshäusern warb. Beeindruckt von diesem Vortrag betrieb Burchardi die Gründung eines solchen Hauses in Nassau. Aus Wicherns Vortrag resultierte 1848 ferner die Gründung des Centralausschusses für Innere Mission, einer Dachorganisation für viele vergleichbare Organisationen und Initiativen.

Es gründete sich ein Verein mit dem Ziel, das Rettungshaus einzurichten und zu betreiben und dafür Spenden zu sammeln. Der Lehrer H. Reichard, ein Freund Burchardis, stellte sein Schulhaus in HömbergHeime bauen Wohnangebote im ganzen Kreis aus In: Rhein-Lahn-Zeitung vom 22. Juni 2010 als Unterkunft zur Verfügung, in das am 18. Oktober 1850 der erste Junge einzog.

Schon im Folgejahr ermöglichte Gräfin von Giech den Umzug des Rettungshauses in das Schloss Langenau zwischen Obernhof und Nassau. Die notwendigen Baumaßnahmen hatte Eduard Zais geleitet.

1865, zwanzig Jungen waren inzwischen im Rettungshaus beheimatet, starb die Gräfin von Giech. Im gleichen Jahr gelang es dem Verein, das Schlösschen in Scheuern mitsamt einer Mühle und einigem Grundbesitz zu erwerben. Das Schlösschen, Kerngebäude der Heime Scheuern, basiert auf einer kleinen Wasserburg, die 1596 für die Gräfin Maria von Nassau-Idstein als Witwensitz errichtet wurde. Von 1607 an bewohnte sie dieses Schloss.Schlösser, Burgen und Museen im Naturpark Nassau S. 21, Zweckverband Naturpark Nassau Der Verein musste sich für diese Erwerbungen erheblich verschulden, was die Arbeit deutlich erschwerte. Der Vereinsvorstand bat Johann Hinrich Wichern um Hilfe. Dieser entsandte einen seiner erfahrensten Mitarbeiter nach Scheuern, Moritz Desiderius Horny.Stefan Koppelmann Ein Streifzug durch die Geschichte der Heime Scheuern in Stadt Nassau Ursprung und Gestaltung Geschichte und Geschichten S. 163, Stadt Nassau 1997

Vom Rettungshaus zur Anstalt für Blödsinnige

mini|Auf dem Bild von 1905 sind im linken Bildteil die Heime Scheuern zu sehen. Klar wahrnehmbar ist, dass einige Anlagenteile noch nicht erbaut wurden. Auf dem Berg die Burg Nassau. Von 1863 an fungierte Horny als Hausvater. Unter dem Eindruck, dass sich im Regierungsbezirk Wiesbaden einige Rettungshäuser entwickelt hatten und faktisch ein Überangebot vorlag, es aber keine einzige Einrichtung für geistig behinderte Menschen gab, wurde die Ausrichtung der Einrichtung verändert.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stand im Zeichen eines sozialen Umbruchs. So wuchs infolge von Landflucht im Zeitraum zwischen 1871 und 1910 die Bevölkerung Frankfurts um 355 %, Wiesbadens um 207 % und Offenbachs um 148 %.Martina Schrapper: … 100 Anfragen zum Theil dringlichster Art … In: Christian Schrapper, Dieter Sengling (Hrsg.): Die Idee der Bildbarkeit – 100 Jahre sozialpädagogische Praxis in der Heilerziehungsanstalt Kalmenhof. Juventa Verlag, Weinheim/München 1988. Für die meist am Existenzminimum lebenden Arbeiterfamilien bedeutete die Unterbringung behinderter Familienmitglieder in einer Anstalt eine erhebliche Erleichterung, zumal durch die Änderung des Unterstützungswohnsitzgesetzes ab 1892 der Landeshauptmann die Kosten der Unterbringung übernahm.

Von 1869 an wurden als Aufgaben festgelegt, zum einen „bildungsfähige Blödsinnige“ zu erziehen und zu heilen, zum anderen „bildungsunfähige Blödsinnige“ zu pflegen und zu verwahren. Explizit wurde in den Statuten von 1872 festgehalten, dass es sich bei den Heimen Scheuern um eine evangelische Einrichtung handelte und sich daher alle Mitarbeiter auch zur evangelischen Konfession bekennen mussten. Demgegenüber wurden auch Zöglinge anderer Konfessionen aufgenommen, die gemäß ihrer Konfession religiös unterwiesen wurden.

Entschuldung und Ausbau mini|Die Anlage in einer Darstellung von 1907. Die freie Fläche an der linken unteren Ecke ist heute durch die Anstalt bebaut, wie auch der Berg, von dem aus das Foto aufgenommen wurde.

Eine besondere Leistung Hornys war die Entschuldung der Anstalt, die von 1878 auch einen eigenen Anstaltsarzt beschäftigte. Gleichzeitig wurde sie kontinuierlich erweitert. Zwischen 1870 und 1886 wurden 1225 Aufnahmeanträge gestellt, von denen 807 aufgrund von Platz- und Personalmangel abgelehnt werden mussten. Um dieser Nachfrage zu begegnen, wurden 1875 das Knabenhaus (heute Altes Haus) und 1888 die Langauer Mühle hinzugekauft. Auch Neubauten wurden veranlasst: 1886 das Mädchenhaus (heute Weißes Haus) und 1895 das Rote Haus (heute Haus Bodelschwingh).Stefan Koppelmann Ein Streifzug durch die Geschichte der Heime Scheuern in Stadt Nassau Ursprung und Gestaltung Geschichte und Geschichten S. 164, Stadt Nassau 1997