mini|Wappen des Herzogtums Bukowina mini|Karte der Bukowina aus dem Jahr 1901 Die Bukowina (IPA: , , auch Buchenland;Information des Deutschen Historischen Museums über Umsiedlungen aus der Bukowina , , ) ist eine historische Landschaft nordöstlich der Karpaten im Grenzraum zwischen Mittel-, Südost- und Osteuropa. Die historische Hauptstadt ist Czernowitz. Die nördliche Hälfte gehört zur Ukraine und ist Teil der Oblast Tscherniwzi. Die südliche Hälfte gehört zu Rumänien und ist Teil des Kreises Suceava. Hier liegen auch die Moldauklöster, die zum Weltkulturerbe der UNESCO zählen. Die Bukowina war, wie das östlich davon liegende Bessarabien, jahrhundertelang ein Teil des historischen Fürstentums Moldau, von 1775 bis 1918 gehörte das Gebiet mit seiner multiethnischen Bevölkerung zur Habsburgermonarchie. Im Nordwesten liegt Ostgalizien, im Südwesten Siebenbürgen. Angesichts der vielfältigen ethnischen Herkunft seiner Bewohner wurde das Syntagma „homo bucovinensis“ bekannt,Homo Bucovinensis – An Attempt to Disambiguate von Carol Mohr, auf der Website der Central and Eastern European Online Library (CEEOL), abgerufen am 15. Juni 2025 (englisch). um eine tolerante Person zu bezeichnen, die mindestens zwei Sprachen spricht.Bucovina… teoretică auf Suceava News, abgerufen am 15. Juni 2025 (rumänisch).Bucovina. Past, present and perspectives auf der Website der Universität Suceava, abgerufen am 15. Juni 2025 (englisch). Darüber hinaus war die Bukowina auch als die „Schweiz des Ostens“ oder die „Schweiz Osteuropas“ oder auch „Kleines Europa“ bekannt.Did you know…? auf Visiting Bucovina, abgerufen am 15. Juni 2025 (englisch). Die Region wurde auch mit einem Europa im Miniaturformat verglichen. Laut dem Akademiker Erich Beck ist Bukowina eine historische Landschaft zwischen Ost und West. Die Bukowina ist multiethnisch und multireligiös geprägt.
Name Der Begriff „Bukowina“ stammt aus den slawischen Sprachen und bezeichnet ein mit Buchen bewaldetes Gebiet (бук ‚Buche‘; -овина = slawisches Merkmalssuffix). Vor allem im westslawischen Raum ist er als Toponym weit verbreitet. Dieser Begriff wurde im Laufe des Mittelalters auch von der rumänischen Sprache übernommen und mehrere buchenreiche Gegenden im Fürstentum Moldau wurden als bucovină benannt, einschließlich des Gebietes, das später von den Habsburgern annektiert wurde. Das Wappen des Kronlands Bukowina entstand auf der Grundlage des moldauischen Wappens.
Geographie Das Herzogtum Bukowina erstreckte sich im Jahr 1900 über 10.441 km² und hatte 730.000 Einwohner.
Die Landschaft grenzt im Südwesten an die Karpaten. Den Übergang nach Siebenbürgen bildet der Tihuța-Pass, früher als Borgopass bekannt. In den Karpaten entspringen die Flüsse Siret und Moldova. Nach der Moldova sind Landschaft und Fürstentum Moldau benannt. Im Norden geht das Land in die Ebene über und reicht bis an den Dnister. Auch der Pruth, der östliche Grenzfluss Rumäniens, fließt durch die Bukowina.
Das Klima des Landes wurde 1895 als „gesund, aber rauh“ bezeichnet, die mittlere Jahrestemperatur in Czernowitz mit 8,3 °C, in den höheren Landesteilen mit 5,6 °C angegeben, die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge mit 580 mm.Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage, 3. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1895, S. 664.
Bevölkerung Historische Hauptstadt ist Czernowitz. Die Bevölkerung war sehr stark gemischt, wobei neben Ukrainern (damals als Ruthenen bezeichnet) und Rumänen auch Deutsche und Juden, vor allem im Gebiet um Czernowitz, stark vertreten waren. Rumänen Während der russischen Besetzung 1772 bis 1774 wurde eine erste Volkszählung durchgeführt. Dabei ging man jedoch nicht auf die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung ein. Im 20. Jahrhundert versuchten verschiedene rumänische Forscher, diese Zusammensetzung aufgrund der Familiennamen nachzuvollziehen.usv.ro Diese Art der Auswertung, die von heutigen Wissenschaftlern bezweifelt wird, erbrachte sehr unterschiedliche Zahlen, die zwischen einem Anteil 65 bis 85 % Rumänen schwanken.Frédéric Beaumont: Roumains et Ruthènes de Bucovine. Réflexions sur la formation du mythe de la ruthénisation. In Pierre-Yves Boissau (Hrsg.): La Roumanie aux marches du monde slave. Slavica Occitania, 27, 2008, S. 63–87. Der Bevölkerungsanteil der Rumänen und Ukrainer in der Bukowina hat sich im Laufe der habsburgischen Herrschaft merklich geändert, wie die Ergebnisse folgender Volkszählungen zeigen: mini|Ethnische Gruppen (1930) Jahr Rumänen Ukrainer Andere Insgesamt 1774 64.000 85,33 % 8.000 10,66 % 3.000 4,0 % ~ 75.000 1786 91.823 67,8 % 31.671 23,4 % 12.000 8,8 % ~ 135.000 1848 209.293 55,4 % 108.907 28,8 % 59.381 15,8 % 377.581 1869 207.000 40,5 % 186.000 36,4 % 118.364 23,1 % ~ 511.000 1880 190.005 33,4 % 239.960 42,2 % 138.758 24,4 % 568.723 1890 208.301 32,4 % 268.367 41,8 % 165.827 25,8 % 642.495 1900 229.018 31,4 % 297.798 40,8 % 203.379 27,8 % 730.195 1910 273.254 34,1 % 305.101 38,4 % 216.574 27,2 % 794.929 1895 kamen auf 1 km² 62 Einwohner.
Wegen ihrer traditionell stark multikulturellen Bevölkerung benutzt der Rechtswissenschaftler Gunther Teubner den Begriff Bukowina als Metapher zur Beschreibung pluralistischer Entwicklungen auch im internationalen Recht, wie sie sich im Zuge der Globalisierung seit den 1990er Jahren zeigen, und spricht von einer „globalen Bukowina“.Gunther Teubner: Globale Bukowina. Zur Emergenz eines transnationalen Rechtspluralismus. (PDF) In: Rechtshistorisches Journal 15 (1996), S. 253 ff.; abgerufen am 11. August 2015.
Deutsche 1910 bekannten sich 22 % der Bevölkerung zur deutschen Umgangssprache, wovon 96.000 Juden und 72.000 Christen (meist Buchenland- oder Bukowinadeutsche) waren. Juden
Zur jüdischen Religion bekannten sich 1890 ca. 13 Prozent. Dieser Anteil war in den Jahrzehnten zuvor stark gestiegen. So betrug er 1857 6,5 %, 1869 9,3 % und 1880 11,8 %.Anson Rabinbach: The Migration of Galician Jews to Vienna. Austrian History Yearbook, Volume XI, Berghahn Books/Rice University Press, Houston 1975, S. 45 (Table 1, basierend auf Jacob Thon: Die Juden in Österreich. In: Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden. No. 4, Verlag L. Lamm, Berlin-Halensee 1908, S. 6–8; sowie Joseph Buzek: Das Auswanderungsproblem in Österreich. In: Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Band 10, 1901, S. 492). Deutschsprachige Bevölkerungsmehrheiten gab es damals in mehreren größeren Ortschaften, neben Czernowitz auch in Radautz, Gura Humora, Kimpolung, Sereth, Suczawa und Dorna Watra.
Die Möglichkeit, als Umgangssprache Jiddisch anzuführen, war vom Wiener Ministerium abgelehnt worden. Vorhergegangene Volkszählungen hatten ein starkes Anwachsen des Deutschen ergeben; die getrennte Zählung Jiddischsprachiger hätte deutsche Besitzstände in Frage gestellt.Emil Brix: Die Umgangssprachen in Altösterreich zwischen Agitation und Assimilation. Die Sprachenstatistik in den zisleithanischen Volkszählungen 1880 bis 1910. Böhlau, Wien 1982, ISBN 3-205-08745-3, S. 392.
Geschichte In der Antike war das Gebiet der heutigen Bukowina von Dakern und Bastarnen bewohnt. Vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende des letzten Dakerkriegs 106 n. Chr. gehörte es zu diversen Dakerreichen. Im 7. Jahrhundert wurde die Region von Slawen besiedelt. Sie wurde später Bestandteil der Kiewer Rus sowie des ostslawischen Fürstentums Halitsch-Wolhynien. In diese Zeit fällt auch die Gründung von Czernowitz. Nach der Verwüstung der Rus durch die Mongolen wurde die Bukowina Teil des Fürstentums Moldau und im 14. bis Mitte des 16. Jahrhunderts sogar dessen politisches Zentrum (dies änderte sich 1565 mit der Verlegung der Hauptstadt von Suceava nach Iași). Ab 1512 geriet das Fürstentum unter zunehmenden osmanischen Einfluss. 1769–1774 war die Bukowina von Russland besetzt.
Österreichische Herrschaft mini|Czernowitz (1900) Seit langem strebte die Habsburgermonarchie nach einer besseren Verbindung von Siebenbürgen zum gerade erworbenen Galizien. Nach dem Frieden von Küçük Kaynarca gelang es ihr 1775, bei der Hohen Pforte die Abtretung des 10.000 km² großen Gebietes zu erreichen. In dem Vertrag wurde es zum ersten Mal als Bukowina – Buchenland – bezeichnet.
Der Reformkaiser Joseph II. fand durch die Angliederung des Landes an das habsburgische Herrschaftsgebiet eine dankbare Aufgabe. Im Reich ließ er Aufrufe zur Kolonisation der Bukowina veröffentlichen. Der Widerhall war stark. In wochenlangen Trecks zogen Bauernfamilien, vorwiegend aus Württemberg, die Donau hinab. Viele blieben im Banat, andere zogen über die Karpaten oder über Galizien weiter.
Noch für Jahrzehnte blieb das Gebiet des späteren Kronlandes ein Teil des Kronlandes Galizien. Um 1848 war sein Eigengewicht aber so groß, dass man sich in Wien entschloss, einer Petition der Stände der Bukowina nachzukommen und es zu einem Herzogtum und Czernowitz zur Hauptstadt zu machen.Kurt Scharr: Die Landschaft Bukowina. Das Werden einer Region an der Peripherie 1774–1918. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2010, ISBN 3-205-78463-4, S. 168.
In der Verwaltung, an deren Spitze die k.k. Landesregierung stand, und vor Gericht waren seit 1864 Deutsch, Rumänisch und Ruthenisch, wie das Ukrainische damals genannt wurde, gleichberechtigte Sprachen.Mariana Hausleitner: Die Rumänisierung der Bukowina. Die Durchsetzung des nationalstaatlichen Anspruchs Grossrumäniens 1918–1944. Verlag Oldenbourg, München 2001, ISBN 3-486-56585-0, S. 37 f.
Landesordnung Mit der Reichsverfassung 1861 erhielt die Bukowina im Kaisertum Österreich eine Landesordnung, der zufolge in Czernowitz ein Landtag mit seinem Exekutivausschuss, dem Landesausschuss, errichtet wurde.Reichsverfassung 1861, RGBl. Nr. 20 / 1861 (= S. 69); siehe beiliegende Landesordnungen Diesen autonomen Landesorganen stand als Vertreter von Kaiser und Wiener Regierung der nun Landespräsident genannte k.k. Landeschef mit der hier Landesregierung genannten Statthalterei gegenüber. Bei der 1867 erfolgten Teilung des bisher einheitlichen Kaisertums in eine österreichische und eine ungarische Monarchie verblieb die Bukowina bei Österreich.
Im Landtag saßen 1895 der griechisch-orientalische Erzbischof von Czernowitz, der Rektor der 1875 gegründeten Franz-Josephs-Universität, zehn (vorwiegend rumänische) Abgeordnete der Großgrundbesitzer, fünf Abgeordnete der Städte, zwei der Handels- und Gewerbekammern und zwölf Abgeordnete der Landgemeinden.
In das Abgeordnetenhaus des Reichsrats in Wien wählte die Bukowina 1895 neun Mitglieder.Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage, 3. Band, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1895, S. 665. Mit der Wahlrechtsreform 1906 / 1907 erhöhte sich die Zahl der in der Bukowina (nunmehr von allen erwachsenen männlichen Staatsbürgern mit gleichem Stimmgewicht) zu wählenden Reichsratsabgeordneten auf 14.
Verwaltung Nach zehnjähriger Militärverwaltung wurde die Bukowina ab 1786 als Kreis Czernowitz (später Kreis Bukowina) des Königreichs Galizien und Lodomerien verwaltet (siehe auch Verwaltungsgliederung Galiziens). Seit 1804 war sie Teil des neu etablierten Kaisertums Österreich. 1849 wurde sie zum Kronland erhoben und zunächst noch von Lemberg aus regiert, erhielt aber schon 1850 eine eigene k.k. Statthalterei in Czernowitz. Sie teilte die Verwaltung 1850 in Gerichtsbezirke und Bezirkshauptmannschaften auf,Reichsgesetzblatt Nr. 384 / 1850 vom 8. Oktober 1850 (= S. 1748) letztere wurden aber wie überall in Österreich 1854 durch „gemischte Bezirksämter“ ersetzt. Erst 1868 wurde die politische und juridische Verwaltung endgültig getrennt, und es wurden wieder Bezirkshauptmannschaften errichtet,Reichsgesetzblatt Nr. 101 / 1868 vom 10. Juli 1868 (= S. 287) die mehrere Gerichtsbezirke umfassten und denen von 1850 im Zuschnitt sehr ähnlich waren.
mini|Übersichtskarte der Bezirkshauptmannschaften im Herzogtum Bukowina (1910)
1914 gab es folgende Bezirkshauptmannschaften:
Statutarstadt Czernowitz Czernowitz (Umgebung)