Nanjing () ist eine bezirksfreie Stadt im Osten der Volksrepublik China und hat die Kurzbezeichnung Ning (). Neben der heutzutage üblichen Benennung nach der offiziellen Pinyin-Umschrift „Nanjing“ ist die ältere deutsche Form nach Stange Nanking heute vielfach noch zu sehen. Nanjing ist Hauptstadt und Metropole der 1667 gegründeten Provinz Jiangsu und eine der in ganz China 15 provinzunmittelbaren Städte.

Nanjing hat im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Namen erhalten. Eine der vielen alten Bezeichnungen Nanjings lautet beispielsweise Jinling () oder Shicheng (). Nanjing war unter dem Namen Jianye Hauptstadt der südöstlichen Wu-Dynastie während der Zeit der Drei Reiche. Die Stadt war am Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts unter Hongwu historische Hauptstadt der Ming-Dynastie. Nanjing fungierte als Heimathafen der Flotten Zheng Hes. Von 1927 bis 1949 war Nanjing Hauptstadt der Republik China unter Chiang Kai-shek. Sie gehört damit zu den vier großen historischen Hauptstädten Chinas und nimmt eine herausragende Rolle in der Chinesischen Geschichte ein. Zu Zeiten der Taiping-Rebellion war sie zudem Hauptstadt des ausgerufenen Himmlischen Königreiches, nachdem die Rebellen die Stadt belagert und erobert hatten. Während des Zweiten Weltkriegs war die Stadt Sitz der projapanischen Marionettenregierung, der sogenannten Neuorganisierten Regierung der Republik China.

Nanjing ist ein politisch kulturelles Zentrum Chinas mit einer langen Geschichte. Daher hat Nanjing im Chinesischen auch die Bezeichnung „Antikes Kapitol der sechs Dynastien“ () bzw. „Metropole der zehn Dynastien“ (). Nanjing zählt 6.500.000 Einwohner im urbanen Stadtgebiet (Stand: Ende 2018) und 9.314.685 in der Agglomeration (Stand: Zensus 2020).

Geographie und administrative Gliederung Nanjing liegt im Osten der Volksrepublik am Beginn des Jangtsekiang-Deltas. Die Stadt erstreckt sich beiderseits des hier nach Osten abknickenden Stroms, wobei das Zentrum vollständig auf dem rechten Flussufer liegt. Wegen der enormen Breite des Jangtsekiang befand sich auf dem gesamten Stadtgebiet vor 2000 nur eine einzige Brücke, die aber immer noch zu den strategisch wichtigsten Verkehrswegen des Landes zählt. Bis 2010 wurden weitere drei neue Brücken fertig gebaut. Im Zusammenhang mit den Baumaßnahmen zu den Olympischen Jugend-Sommerspielen 2014 kam es zusätzlich zum Ausbau einer U-Bahn-Strecke am Jangtsekiang. In zahlreichen Windungen mäandriert der schmale Qinhuai-Fluss durch die Stadt. Daneben gibt es zahlreiche natürliche und künstliche Seen unterschiedlicher Größe. Im Osten erstreckt sich das Landschaftsschutzgebiet der vergleichsweise niedrigen Purpurberge.

Nanjing setzt sich aus elf Stadtbezirken zusammen:citypopulation.de: Nánjīng Shì, Stadt auf Präfekturebene in Jiāngsū, abgerufen am 5. Dezember 2021. Stadtbezirk Xuanwu (), 75,17 km², 651.957 Einwohner (2010); Stadtbezirk Qinhuai (), 49,15 km², 1.007.916 Einwohner (2010); Stadtbezirk Jianye (), 82,66 km², 427.089 Einwohner (2010); Stadtbezirk Gulou (), 53,07 km², 1.271.191 Einwohner (2010); Stadtbezirk Pukou (), 912,3 km², 710.298 Einwohner (2010); Stadtbezirk Luhe (), 1.467 km², 915.625 Einwohner (2010); Stadtbezirk Qixia (), 376,1 km², 644.295 Einwohner (2010); Stadtbezirk Yuhuatai (), 134,6 km², 391.293 Einwohner (2010); Stadtbezirk Jiangning (), 1.573 km², 1.145.628 Einwohner (2010); Stadtbezirk Lishui (), 1.067 km², 421.323 Einwohner (2010); Stadtbezirk Gaochun (), 792 km², 417.129 Einwohner (2010),Hauptort: Großgemeinde Chunxi ().

Klima

Nanjing hat ein subtropisches Monsunklima mit vier ausgeprägten Jahreszeiten und gehört neben den Städten Wuhan und Chongqing zu den drei sogenannten „Hochöfen am Jangtsekiang“. Die Sommer sind heiß und feucht bei Monatsdurchschnittstemperaturen bis zu 28 °C (Tagestemperaturen bis maximal 43 °C) und Luftfeuchtigkeit bis zu 81 %; die Winter sind kalt mit Monatsdurchschnittstemperaturen von 2 °C. Alle 12 Monate sind humid. Die beste Reisezeit ist der Herbst (September bis November).

Bevölkerung + Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner (Mio.) Natürl. Wachstum (%) 1949 2,5670 13,09 1950 2,5670 15,64 1955 2,8034 19,94 1960 3,2259 0,23 1965 3,4529 25,58 1970 3,6053 20,76 1975 3,9299 9,53 1978 4,1238 8,84 1980 4,3587 8,08 1985 4,6577 4,56 Jahr Einwohner (Mio.) Natürl. Wachstum (%) 1990 5,0182 9,18 1995 5,2172 2,62 1996 5,2543 2,63 1997 5,2982 2,16 1998 5,3231 1,00 1999 5,3744 2,01 2000 5,4489 2,48 2001 5,5304 1,60 2002 5,6328 0,70 2003 5,7223 −0,60

Nach der fünften chinesischen Volkszählung erreichte die Gesamtbevölkerung der Stadt Nanjing im Jahr 2000 den Wert von 6,24 Millionen. Die Geburtenrate lag bei 7,73 %, die Mortalitätsrate bei 5,44 %. 2004 heirateten 47.429 Paare, während sich 7.036 scheiden ließen. Unter den Heiratenden befanden sich 10.473 Personen, die bereits einmal verheiratet waren.

Wie in den meisten Städten Ostchinas besteht auch die Bevölkerung Nanjings zu einem sehr hohen Anteil (98,56 %) aus Han. 77.394 Einwohner Nanjings gehören einer der 50 in der Stadt vertretenen Minderheiten an; die größten Anteile davon entfallen auf die Hui (64.832), die Mandschu (2.311) sowie die Zhuang (533). Die meisten Minderheitsangehörigen leben im Stadtbezirk Jianye und stellen dort 9,13 % der Bevölkerung.

2003 betrug der Geschlechterproporz in der Stadt 106,49 Männer auf 100 Frauen.

2004 betrug das Bruttosozialprodukt der Stadt 191 Mio. Yuan und lag damit in der Provinz Jiangsu auf dem dritten Platz. Pro Kopf betrug es 33.050 Yuan, was gegenüber 2003 eine Steigerung von 15 % darstellt. Die Arbeitslosenquote lag mit 4,03 % leicht unter dem nationalen Durchschnitt von 4,2 %.

Geschichte Die Region um Nanjing war bereits vor mehreren hunderttausend Jahren von Individuen des Homo erectus besiedelt, wovon die fossilen Schädel aus der Fundstätte Huludong Zeugnis ablegen.

Bis 1368 Nanjing gehört zu den ältesten Städten Südchinas. Der Legende nach hat Fu Chai (), der Herrscher von Wu, auf dem Gebiet des heutigen Nanjing bereits 495 v. Chr. eine Stadt namens Yecheng () erbaut. 473 v. Chr. soll aber der Staat Yue Wu erobert und in der Nähe des heutigen Zhonghua-Tors () die Stadt Yuecheng () errichtet haben. 333 v. Chr. schließlich, nach dem Untergang des Yue-Staats, baute der Staat Chu im Nordwesten des heutigen Nanjing die Stadt Jinling Yi (). Seit damals hat die Stadt zahlreiche Zerstörungen und Wiederaufbaumaßnahmen erlebt.

Erstmals Hauptstadt wurde Nanjing 229 n. Chr., als Sun Quan von Wu während der Zeit der Drei Reiche seine Residenz nach Jianye () verlegte, eine Stadt am Fuße von Jinling Yi. Nach der Invasion der Fünf Hu floh der Adel der Jin-Dynastie über den Yangzi und machte Nanjing unter dem Namen Jiankang () erneut zur Hauptstadt. Sie verlor diesen Status erst wieder unter der China vereinigenden Sui-Dynastie.

Einen Aufschwung erlebten Nanjing und insbesondere seine Industrie dann wieder unter den Tang und Song. Zur Zeit der Yuan-Dynastie (Mongolenherrschaft) wurde die Stadt zu einem Zentrum der Textilfertigung.

Ming-Dynastie mini|220px|Ming-Kaiser Hongwu

Der erste Ming-Kaiser Hongwu erhob Nanjing 1368 erneut zur Hauptstadt Chinas und gab ihr den Namen Yingtian (, genauer: ). In 21 Jahren bauten ca. 200.000 Arbeiter Nanjing zur größten Stadt der damaligen Welt mit einer geschätzten Einwohnerzahl von einer MillionHelwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57066-7, S. 113. aus. Aus dieser Zeit datiert die heute noch weitgehend erhaltene Stadtmauer sowie die Überreste des Kaiserpalastes der Ming, die Verbotene Stadt von Nanjing. Die Stadt erreichte damals erheblichen Wohlstand. Neben der traditionellen Textilindustrie konnten sich nunmehr auch Druckereiwesen und Schiffbau etablieren; Nanjing war damals Werftstadt für die größten Segelschiffe des Mittelalters und Heimathafen der Schatzflotte des Admirals Zheng He. Von hier aus gingen seine Reisen nach Indien, Arabien und Afrika. Nachdem Kaiser Yongle den Kaiserhof 1421 nach Peking („Nördliche Hauptstadt“) verlegt hatte, gab er Yingtian erstmals ihren heutigen Namen Nanjing, was mit „Südliche Hauptstadt“ übersetzt werden kann. Nanjing blieb auch weiterhin zweite offizielle Hauptstadt des Reiches und agierte als „Reservehauptstadt“. Ab 1644 zog sich die sogenannte Südliche Ming-Dynastie wieder nach Nanjing zurück, nachdem der Norden an die Qing-Dynastie gefallen war und der letzte Ming-Kaiser Chongzhen in Peking Selbstmord begangen hatte.

Qing-Dynastie mini|Nanking (1853)

Während der Qing-Dynastie trug die Stadt den Namen Jiangning () und diente als Regierungssitz des Vizekönigs von Liangjiang.

Nanjing ist der historische Schauplatz der (erzwungenen) Öffnung des „Reiches der Mitte“ zum Westen mit dem Vertrag von Nanjing (1842), der den Niedergang Chinas einläutete. Unter dem Namen Tianjing () war sie Mitte des 19. Jahrhunderts Zentrum des Taiping-Aufstands.

Während des Taiping-Aufstands war Nanjing, nach der Eroberung durch die Rebellen 1853, elf Jahre die Hauptstadt der Aufstandsbewegung gegen die Qing-Dynastie. Bei der Eroberung der Stadt verübten die Taiping ein Massaker an der Mandschubevölkerung in der Stadt. 1864 wurde die Stadt von der Hunan-Armee unter Zeng Guoquan wieder für die Qing in Besitz genommen. Die städtischen Eliten waren vor den Taiping geflohen und die Qing-Truppen richteten unter der Zivilbevölkerung ein Massaker bei ihrer Eroberung an. Nach dem Ende des Aufstands lebte nur noch rund jeder zehnte Einwohner der Vorkriegszeit noch in der Stadt. Diese wurde durch die Kampfhandlungen in weiten Teilen zerstört. Den Wiederaufbau leiteten, in ihrem Amt als Vizekönige von Liangjiang, der Gründer der Hunan-Armee Zeng Guofan und sein Gefolgsmann Li Hongzhang.William Charles Woolridge: Building and State Building in Nanjing after the Taiping Rebellion. Late Imperial China, Volume 30, Number 2, December 2009, doi:10.1353/late.0.0022, S. 84f, S. 90

Erste Republik 1912 stieg Nanjing unter der Führung von Sun Yat-sens ein weiteres Mal zur chinesischen Hauptstadt auf. Noch heute befindet sich sein Mausoleum in den Purpurbergen im Osten der Stadt. 1915 verlegte Yuan Shikai den Regierungssitz zurück nach Peking. Im Zuge der Chinesischen Wiedervereinigung gründete die Kuomintang 1928 eine neue Nationalregierung in Nanjing. Der Zeitraum 1928–1937 wird auch als Nanjing-Dekade bezeichnet.

Der damit verbundene Zuzug wohlhabender Schichten sorgte für eine Belebung der Konjunktur und des Konsums. Es entstand eine ganze Reihe von Kaufhäusern wie etwa das Zhongyang Shangchang. 1933 überflügelte die Wertschöpfung der Lebensmittel- und Unterhaltungsbranche erstmals die der traditionellen Industrie und der Landwirtschaft. Ein Drittel der Stadtbevölkerung arbeitete bereits im Dienstleistungssektor.

Während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges wurde Nanjing vom 9. Dezember 1937 an belagert. Die chinesischen Truppen verweigerten sich der geforderten Kapitulation. Daraufhin eröffnete die japanische Armee eine massive Offensive und drängte bis zum 12. Dezember die chinesischen Truppen aus der Stadt auf die andere Uferseite des Jangtsekiang. Bei der Belagerung der Stadt kam es zum Panay-Vorfall, bei dem das Schiff USS Panay, mit dem in Nanjing lebende US-Bürger flussaufwärts evakuiert werden sollten, von japanischen Fliegern versenkt wurde. Der Vorfall brachte diplomatische Spannungen zwischen Japan und den USA und führte zu einer nachhaltigen Veränderung des Japanbildes in den Vereinigten Staaten, obwohl sich Japan offiziell für die Versenkung entschuldigte.