Johanna Otho oder Johanna Othonia Mayart (* 1549 in Gent; † nach 1621Theodore Schellinck: Alphabetische beredeneerde naemlyst der Gentenaeren, die in de geestelykheyd, in het wethouderschap, in den kryg of in het een of ander vak der konsten, letteren en wetenschappen eenen onsterffelyken naem verworven hebben. D. J. Vanderhaeghen, Gent 1829, S. 97 (Google-Books) nennt 1642 (verschrieben für 1624?) als Todesjahr. vermutlich in Antwerpen) war eine flämische Humanistin und neulateinische Dichterin, die als Exulantin in Duisburg, London, Straßburg und in Antwerpen wirkte.
Leben Johanna Otho war die Tochter des flämischen Humanisten und Pädagogen Johann Otho (um 1520–1581). Sie wurde um 1549 in Gent geboren. Johanna war sehr gebildet, schrieb neulateinische Gedichte und konnte Griechisch im Brief an Camille de Morel und griechische Wörter in Johannae Othoniae foeminae Flandriae. Viri clarissimi, domini Guilielmi Mayarti, in Provinciali consilio Flandriae quondam Advocati consultissimi. In: Carminum diversorum libri duo. Anton Bertram d. Ä., Straßburg 1616. und Hebräisch:In einem Gedicht auf Karl von Utenhove verwendet sie das im Alten Testament nur dreimal vorkommende hebräische Wort = pascua = Weide in Plene-Schreibung für ein Wortspiel von (car) mit Car-olus; Ioanna Othonia: Poematia, sive lvsvs extemporanei. Gulielmus à Tongris, Antwerpen 1617, S. 26 (Google-Books).
Exil in Duisburg 1557 musste Johanna als verfolgte Protestantin aus Flandern fliehen. Sie begleitete ihren Vater, der ebenfalls vertrieben wurde, in das niederrheinische Exil nach Duisburg.
Besonders gefördert wurde Johanna Otho von dem Humanisten Karl von Utenhove (1536–1600), einem ehemaligen Genter Schüler ihres Vaters, der ihr Gedichte widmete und die Publikation ihrer Werke unterstützte.Karl von Utenhove: Ad eundem In Commendationem Iohannę Othonidos Io. Othonis praeceptoris sui F. (= An denselben [Jean de Morell]; zur Empfehlung der Othonischen Johanna, T[ochter] seines Lehrers Jo[hann] Otho). In: Xenia. [Thomas Guarinus], Basel 1568, S. 68 f. (daten.digitale-sammlungen.de). Karl von Utenhoves Vater Karl von Utenhove der Ältere (um 1500–1580) lebte im benachbarten Friemersheim im Exil.
Erhalten ist ein neulateinischer Brief Johanna Othos,Bayerische Staatsbibliothek München (Collectio Camerariana Bd. 33 = Clm 10384, Blatt 279f); englische Übersetzung bei Jane Stevenson: Women and classical education in the early modern period. In: Yun Lee Too, Niall Livingstone (Hrsg.): Pedagogy and Power. Rhetorics of Classical Learning. (Ideas in Context 50). University Press, Cambridge 1998 (Nachdruck 2007), S. 83–109, bes. S. 91f. den sie 1566 an die 19-jährige Camille de Morel (1547–nach 1611)Zu ihr: Samuel Will: Camille de Morel: a prodigy of the Renaissance. In: Publications of the Modern Language Association 51 (1936), S. 83–121; Philip Ford: Camille de Morel. Female Erudition in the French Renaissance. In: Gay Ferguson / Catherine Hampton (Hrsg.), (Re)Inventing the Past, Durham 2003, S. 245–259. in Paris schrieb, eine Schülerin ihres Mentors Karl von Utenhove d. J. und Tochter des berühmten Gelehrten Jean de Morel (1511–1581). In diesem Brief wird ein Bruder erwähnt, der sich gerade in Paris aufhielt. Johanna Otho berichtet auch von einem Besuch, den Karl von Utenhove kurz zuvor bei ihrer Familie in Duisburg gemacht hat.
Heirat und Familie Nach 1566 heiratete Johanna Otho den Advokaten beim Rat von Flandern Magister („meester“) Willem (William, Guielemus, Jacques-Guillaume) Mayaert (Mayardus, Maillart, Maeyaert) († 1571/77) aus Gent, Sohn des Prokurators des Rates von Flandern Bauduwyn (Baudouin, Boudewijn) Maeyaert († 1563).Epitaph im Karmeliterkloster Gent; verheiratet mit I. Lievine van Pottelsberghe und II. Clara de Mueleneere († 1554).
Die Brüder Willem und Lucas Mayaert († nach 1586), beide Advokaten, hatten eine Rolle bei calvinistischen Genter Bildersturm gespielt; im Juli 1566 rettete Willem den Prediger Nicasius van der SchuereJozef Scheerder: Nicasius van der Schuere, een aanvoerder van de Beeldenstorm te Turnhout. In: Taxandria 57 (1985), S. 51–64. mit dem Einsatz seines Privatvermögens vor dem Inquisitor Pieter Titelmans (1501–1572).Victor Fris: Notes pour servir à Historie des Iconoclastes et de Calvinistes à Gand de 1566 à 1568. In: Handelingen der Maatschappij van Geschiedenis- en Oudheidkundte te Gent 9 (1909), S. i–xxx und S. 1–150, bes. S. 32, 34, 86, 88 und 125. Im November 1568 wurden beide von Herzog Alba (1507–1582) aus den Spanischen Niederlanden verbannt.Victor Fris: Notes pour servir à Historie des Iconoclastes et de Calvinistes à Gand de 1566 à 1568. In: Handelingen der Maatschappij van Geschiedenis- en Oudheidkundte te Gent 9 (1909), S. i–xxx und S. 1–150, S. 86 und 88.
Vermutlich lebte Johanna Otho mit ihrem Mann in England. Willem Mayaert wurde im April 1568 zusammen mit Jan Ingelram (Ynghelram, Enghelram) († nach 1570)Früher Apotheker in Antwerpen. als Abgesandter des Londoner Kirchenrates nach Genf, Lausanne, Zürich, Bern und Heidelberg geschickt, um Gutachten über die „27 Artikel“ der niederländischen Flüchtlingsgemeinde einzuholen,Anneliese Sprengler-Ruppenthal: Ausdehnung und Grenzen der Befugnisse der Diakonen in der Londoner niederländischen Gemeinde 1560–64. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte 63 (1965), S. 76–94, bes. S. 93. und erscheint bis 1571 in den Londoner Kirchenrats-Protokollen. Meester Lucas Mayaert war nach dem Londoner Exil ab 1578 „Pensionnaire“ (Erster Magistratsbeamter) in Gent und 1579 einer der Unterzeichner der Utrechter Union; er entkam nach dem Ende der Genter Republik 1586 aus dem Gefängnis in der Burg Gravensteen.
In einem 1616 veröffentlichten Bittgedicht an Erzherzog Albrecht VII. von Österreich (1559–1621), der ab 1599 mit dem Titel eines Herzogs von Burgund als Generalgouverneur die Spanischen Niederlande regierte, erwähnt die „hilflose Witwe“ (imbellis vidua) Johanna Otho einen einzigen Sohn (unicus filius), der mit ihr lebt.
Besuche in Gent 1577 war Johanna Otho verwitwet („Guilielmi Mayardi vidua“) und kam nach der Genter Pazifikation zu einem Besuch nach Gent.Jacobus Yetzwertius in einem auf den 4. März 1577 datierten Gedicht (Nr. XXV (= XXVII)) und ihre Antwort vom 10. März 1577 (Nr. XXVIII). In: Johannae Othoniae foeminae Flandriae. Viri clarissimi, domini Guilielmi Mayarti, in Provinciali consilio Flandriae quondam Advocati consultissimi, Carminum diversorum libri duo, Straßburg: Anton Bertram d. Ä. 1616 Der Humanist Jakob Yetzweirt (1541–nach 1577)Auch Jacques Yetsweerts u. ä.; aus Sint-Winoksbergen, Soldat und Dichter., den sie auf dieser Reise traf, widmete ihr 1577 ein Gedicht. Auch um das Jahr 1599 soll Johanna Otho in Gent gewohnt haben.Joannes Petrus Van Male: Ontleding ende Verdeding Vande Edele ende Reden-rijcke Konste der Poëzye. Jan Baptist Verhulst, Brügge 1724, S. 39 (Google-Books).
Von Duisburg nach Straßburg Paul Melissus (1539–1602) ließ der „Othonia“ über Karl von Utenhove literarisch Grüße ausrichten (veröffentlicht 1586).das Gedicht „Ad Carolvm Vtenhovivm C. f.“. In: Schediasmatvm poeticovm Bd. III, 2. Aufl. Paris: Arnold Sittart 1586, S. 145f (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). Um diese Zeit scheint Johanna Otho wieder bei ihrem Vater am Niederrhein gelebt zu haben, denn im gleichen Zusammenhang wird auch die in Köln lebende Nichte Utenhoves, die Humanistin und Dichterin Anna von Palant (um 1550–1599) gegrüßt.
1613 hielt sich Johanna Otho in Dortmund auf, wo sie im „Neuen Hospital“ oder „Gasthaus“ für bedürftige Reisende („arme elende wandernde pilgrime“) am unteren Westenhellweg Unterkunft fand: „Joanna Otthonia von Gent in Flandern eine Frouwe, welche perfect vnd vollen kommen Latein redden konte hatte sich ein latinische Carmen den Heeren vbergieben“.Albrecht Stenger: Das Gasthaus zu Dortmund und sein Gästebuch 1600-1614 (Diss. phil. Münster 1926), Montanus & Ehrenstein, Barmen-Wichlinghausen 1927, S. 65.
Straßburg Johanna „Othoniana“ erhielt 1615 von Herzog Johann Friedrich von Württemberg (1582–1628) aufgrund einer lateinisch abgefassten Bittschrift ein Geschenk von 8 Gulden und für ein lateinisches Gedicht zur Taufe eines seiner Kinder weitere 6 Gulden.Gustav Bossert: Die Liebestätigkeit der evangelischen Kirche Württembergs von der Zeit des Herzogs Christoph bis 1650. In: Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde (1905/II), S. 66–117, bes. S. 101. Die Generalstaaten gewährten ihr 1615 eine Unterstützung von 12 Gulden,Johanna Ottonia, weduwe van meester Willem Maillart, ontvangt 12 gld. uit ‚commiseratie‘; Theodorus van Deursen (Bearb.): Resolutiën der Staten-Generaal. Nieuwe reeks. 1610-1670. Band II 1613–1616 (Rijks geschiedkundige publicatiën. Grote serie 151), 's-Gravenhage: Martinus Nijhoff 1984, S. 506. nachdem ein entsprechendes Gesuch 1608 noch abgelehnt worden war.Requesten werden ontvangen van Johanna Hoste, weduwe van mr. Jan Mayart ... (verzoek afgewezen); Hermina Hendrina Petronella Rijperman (Bearb.): Resolutiën der Staten-Generaal van 1576 tot 1609. Band XIV 1607–1609 (Rijks geschiedkundige publicatiën. Grote serie 131), 's-Gravenhage: Martinus Nijhoff 1970, S. 618 Anm. 1.
1616 widmete Johanna Otho ihren in Straßburg erschienenen Gedichtband „Carminum diversorum libri duo“ Herzog Johann Friedrich von Württemberg, der 1608 die Protestantische Union gegründet hatte, zu der auch die Freie Reichsstadt Straßburg gehörte.
Das erste Buch wird eingeleitet mit Gedichten auf die Situation in der belgischen Heimat, Epicedien, Epitaphien und Epithalamien auf Königin Elisabeth I. (1533–1603) und König Jakob I. (1566–1625) von England, König Heinrich IV. (1589–1610), Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz (1596–1632) und seine Frau Elisabeth Stuart (1596–1662), Erzherzog Albrecht VII. von Österreich, die Herzöge Wilhelm (1516–1592) und Johann Wilhelm von Kleve-Jülich-Berg (1562–1609), Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (1572–1632), die Herren der Vereinigten Provinzen und Statthalter Moritz von Oranien (1567–1625).
Unklar ist, wer mit dem „Condestable de Castilla, Conde de Haro“ gemeint ist, dessen Unterstützung Johanna Otho erbat; zeitgenössisch führte diese Titel der Herzog von Frías Juan Fernández de Velasco y Tobar (* um 1550; † 1613), ein Handschriften- und Kunstsammler, habsburgischer Gouverneur von Mailand und Diplomat.
Dann folgen Gedichte an vornehme Straßburger Studenten wie Graf Johann Reinhard I. von Hanau (1559–1626). Johanna Otho würdigt vor allem protestantische (reformierte) Personen aus den Ländern der Habsburger-Monarchie; aus Schlesien etwa den Humanisten, Juristen und Dichter Jakob von Bruck-Angermundt (um 1580–um 1622)Vermutlich aus Breslau; Studium in Heidelberg., der als Erzieher (Präzeptor) der ebenfalls mit Gedichten bedachten Adeligen Johann Bernhard II. Maltzan (1597–1667), Freiherr von Wartenberg, Johann Georg Czigan, Freiherr von Slupsko zu Freystadt und Dobroslawitz, Joachim und Andreas d. J. von Kochtizky (Kochtschütz)Söhne von Andreas von Kochtizky d. Ä. (um 1568–1634) und Barbara Katharina Freiin Sedlnitzky von Choltic; Jacob von Bruck-Angermundt: Decades duae Anagrammatvm et Enblematvm, Straßburg 1615, ist Andreas von Kochtizky d. Ä. gewidmet., Freiherren von Kochticz und Lubliniec, und Christoph Ernst von Prittwitz zu LaskowitzSohn von Ernst von Prittwitz zu Laskowitz († 1604) und Juliane von Sommerfeldt. 1615 eine Studienreise nach Leipzig, Jena und Straßburg unternommen hatte. Aus Schlesien stammen auch Johann Georg und Heinrich Noah (1593–1625)1614 immatrikuliert in Jena; Stammbuch in der Hochbergschen Majoratsbibliothek in Fürstenstein. von Czettritz, Freiherren zu Neuhaus und Adelsbach.