mini|Abbruchstelle am Rossberg, 2014 Der Bergsturz von Goldau am 2. September 1806 war eine Naturkatastrophe, die die Ortschaft Lauerz und den heute zur Gemeinde Arth gehörenden Ort Goldau, beide im Schweizer Kanton Schwyz, betraf.
Entstehung Neben dem Aufbau der Gesteine, dem Abbau der stützenden Gesteinsschichten durch Gletscher und der Aufweichung der tragenden Mergelschichten durch eindringendes Wasser führte eine regenreiche Periode zur Entstehung des Bergsturzes.
Im Alpenvorland wurden vor rund 25 Millionen Jahren Sedimentschichten abgelagert, die sich in der folgenden Zeit zu harten Gesteinen verfestigten. In der letzten Phase der Alpenfaltung wurden diese Gesteine Teil der Gebirgsbildung. Dabei wurden die Felslagen schräg gestellt und zu Molassebergzügen wie beim Rigi und Rossberg emporgehoben.
Während den Eiszeiten hatte ein Seitenarm des Reussgletschers das Tal ausgeweitet und die unteren Teile der schräg gestellten Gesteinsschichten abgetragen. Dabei verloren die höher gelegenen Schichten das Widerlager ihrer stützenden Füsse, womit sie nur noch durch Reibungskräfte am Hang gehalten wurden.
Mit der Zeit bildeten sich in den Gesteinen Klüfte, durch die das Wasser in die darunter liegende Mergelschicht eindringen konnte, die so immer mehr aufgeweicht wurde. Die immer weicher werdende Mergelschicht wurde zur Rutschbahn für die darüber liegenden Gesteinsschichten und es brauchte nur noch eine regenreiche Periode, um den Bergsturz auszulösen.
Warnhinweise mini|Goldau vor der Katastrophe, 1806 mini|Goldau vom Lauerzersee aus, nach dem Bergsturz
Der Bergsturz hatte sich bereits etwa 30 Jahre vorher durch charakteristische Anzeichen wie zunehmende Rissbildung am Berg, Steinrollen, knallendes Reissen gesprengter Wurzeln, Bildung wassergefüllter offener Spalten und donnernde Geräusche angekündigt. Obwohl jeder damit rechnete, dass der Rossberg eines Tages abstürzen würde, zogen nur fünf Menschen die Konsequenzen und verliessen das Gefahrengebiet. Nach den besonders niederschlagsreichen Jahren 1799, 1804 und 1805 und einem feuchten Frühjahr und August des Jahres 1806 ereignete sich am 2. September die Katastrophe.Hans Georg Wunderlich: Einführung in die Geologie, Band I, Exogene Dynamik. Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich, B.I.-Wissenschaftsverlag, Mannheim 1968, S. 69.Benedikt Meyer: Verschüttet in Goldau Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 1. Juli 2019
Verlauf Es war nach dem Basler Erdbeben die bisher grösste Naturkatastrophe der Schweiz in historischer Zeit. An der Südflanke des Rossberges im Kanton Schwyz setzten sich um 17 Uhr beinahe 40 Millionen m3 Nagelfluhgestein von der Gnipenspitze auf einer circa 20° talwärts geneigten Gleitbahn über stark durchfeuchteten tonigen Zwischenschichten in Bewegung und stürzten innert drei Minuten ungefähr 1000 Meter ins Tal hinab. Der Rutsch der 0,5 km2 grossen Abbruchfläche breitete sich unten fächerförmig aus, brandete an der gegenüberliegenden Rigikette 100 Meter empor, überschüttete insgesamt eine Fläche von rund 6,5 km2 und zerstörte die Dörfer Goldau, Röthen sowie Teile von Buosingen und Lauerz. 457 Menschen kamen ums Leben, 323 Stück Vieh wurden getötet, 111 Wohnhäuser, 220 Ställe und Scheunen sowie zwei Kirchen und zwei Kapellen wurden zerstört. 206 Menschen waren geflüchtet oder abwesend. Die Dörfer Goldau und Röthen waren verschwunden und der Lauerzersee wurde um ein Siebtel seiner Fläche verkleinert. Augenzeugen berichteten, der Bergsturz habe eine 20 Meter hohe Flutwelle ausgelöst.Flyer des Bergsturzmuseums: Das Unglück in Zahlen. mini|Die Gesteinsschichtung an der Abbruchkante
Folgen mini|Gedenktafel am Bahnhof Goldau, 1914 Der Bergsturz wurde zur Geburtsstunde der ersten schweizerischen Spendensammlung und als Chance genutzt, die nationale Solidarität zu stärken. Für viele Menschen war der Bergsturz eine Demonstration göttlicher Macht. Er war aber auch der erste, der wissenschaftlich untersucht und erklärt wurde: Nagelfluhbänke rutschten auf dem darunterliegenden verwitterten und aufgeweichten Mergel, der durch heftige Regenfälle zur Rutschbahn wurde.
Die Ortschaft Goldau wurde auf dem Schuttkegel wieder aufgebaut und wuchs zum Verkehrsknoten. Der Natur- und Tierpark Goldau, inmitten von gewaltigen Felsblöcken im Bergsturzgebiet, ist ein beliebtes Ausflugsziel. Im Bergsturzgebiet führt ein Wanderweg durch Pioniervegetation auf den Rossberg (Gnipen). Auf einer Lichtung im Bergsturzgebiet ist ein Pflanzenschutzgebiet, betreut von Mitgliedern der Stiftung Pro Rossberg, markiert. Hervorzuheben ist ausserdem das Vorkommen zahlreicher Orchideenarten, insbesondere des Gelben Frauenschuhs.
Erste Zeitungsmeldungen mini|links|Abbruchstelle von oben gesehen Die Zürcher Zeitung berichtete am 9. September 1806:
Medienecho Der Bergsturz von Goldau hatte in der aufstrebenden europäischen Presselandschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein grosses Echo, was durch die neuen Reproduktionsmöglichkeiten des Holzstichs befördert wurde. Er stiess dank dem Image der Schweiz als Naturwelt auf grosses Interesse. Als Diorama von Louis Daguerre war eine multimediale Aufbereitung des Bergsturzes in vielen europäischen Städten zu sehen: Auf zwei bemalten Seiten eines Bühnenprospekts wurde die Berglandschaft vor und nach der Katastrophe dargestellt. Die «liebliche Schweizerlandschaft» konnte damit durch wechselnde Beleuchtung in «Verwüstungen» übergehen. Die Beherrschbarkeit von Natur durch Technik begann damals zur realistischen Hoffnung zu werden. Die medientechnische Wiederholbarkeit der Katastrophe fasziniert bis heute.
Kulturelle Adaption Belletristik
Ernst Eschmann: Der Berg kommt! Eine Geschichte vom Goldauer Bergsturz. F. Reinhardt, Basel 1928, . Martin Ulrich: Der Goldauer Bergsturz. Gotthard Media, Lauerz 2020, ISBN 978-3-03806-051-2.
Kompositionen Bereits im Dezember 1806 erschien eine Kantate, die den Bergsturz zum Gegenstand hatte. Die Musik komponierte vermutlich «Rector W. aus dem St. B.» zu einem Libretto von A. Hofmann. Insgesamt listet Esther Rickenbach neun Titel auf: A. von Hofmann (Stift St. Blasien): Kantate. 1806. Joseph Weigl: Der Bergsturz: Oper in drei Akten. 1813.
Hedwigis Mettler (Institut Menzingen): Der Bergsturz von Goldau: Oratorium. 1928.Angelo Garovi: Musikgeschichte der Schweiz. Stämpfli, Bern, 2015, ISBN 978-3-7272-1448-6, S. 99–102. Paul Hindermann: Lied für Männerchor. op. 4. Verlag Rob. Forberg, Leipzig, 1899. Werner Peter: Die Bergsturzmesse. 1953. Mani Planzer: Bergsturzlied. nach 1970. Peter Lüssi: Bergsturzmusik zur Gedenkfeier am 2. September 2006. Peter Lüssi, Ruedi Schorno: Bergsturz-Musical für Kinderchor und Band. 2006. David Haladjian: Der Bergsturz zu Goldau: für gemischten Chor a capella. 2004.
Literatur Margrit Rosa Schmid: Wenn sich Berge zu Tal stürzen: Der Bergsturz von Goldau 1806 (= SJW; 2237). Schweizerisches Jugendschriftenwerk, Zürich 2006, ISBN 3-7269-0521-9; mit 100 Farbabbildungen. Neue Zürcher Zeitung, 30. Aug. 2006, Nr. 200, S. 15, 57. Karl Zay: Goldau und seine Gegend, wie sie war und wie sie geworden ist. 1807. Faksimile-Nachdruck: Cantina-Verlag, Goldau 2006, . Louis Jacques Mandé Daguerre: Das Daguerreotyp und das Diorama oder genaue und authentische Beschreibung meines Verfahrens und meiner Apparate zur Fixierung der Bilder der Camera obscura und der von mir bei dem Diorama angewendeten Art und weise der Malerei und der Beleuchtung. Metzler, Stuttgart 1839. Nachdruck: Metzler, Stuttgart 1989, ISBN 3-476-00683-2, S. 60. Reprint auch bei Ed. Libri Rari im Verlage Schäfer, Hannover, 1988, ISBN 3-88746-211-4. Beat Keller: Massive rock slope failure in Central Switzerland: history, geologic–geomorphological predisposition, types and triggers, and resulting risks. In: Landslides, 2017, 14/5, S. 1633–1653, . Markus Hürlimann: Der Goldauer Bergsturz 1806: Geschichte der Naturkatastrophe und Betrachtungen 200 Jahre danach (= Schwyzer Hefte; 89).Hrsg. von der Kulturkommission Kanton Schwyz. Verlage Schwyzer Hefte, Schwyz 2006, ISBN 3-909102-51-4. Josef Niklaus Zehnder: Der Goldauer Bergsturz: seine Zeit und sein Niederschlag. 3. Aufl. Stiftung Bergsturzmuseum, Goldau 1988, . Daniel Bollinger: Der Bergsturz von Goldau 1806: Sicherheit und Unsicherheit im Umgang mit Naturgefahren. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 100. 2008. S. 64–67 (Digitalisat).
Weblinks
Der Berg kommt! Geschichte des Bergsturzes in der Schweiz In: Neue Zürcher Zeitung vom 12. Mai 2023
Einzelnachweise
Goldau Kategorie:Katastrophe 1806 Kategorie:Naturkatastrophe (19. Jahrhundert) Kategorie:Geschichte (Kanton Schwyz) Kategorie:Geographie (Kanton Schwyz) Kategorie:Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung Kategorie:Arth SZ Kategorie:Lauerz Kategorie:Schutzgebietsgründung 1983