Der Morteratschgletscher ( oder ) ist ein Alpen-Gletscher in der Berninagruppe im Kanton Graubünden in der Schweiz. Wie nahezu alle Alpengletscher ist auch der Morteratschgletscher im Rahmen der globalen Erwärmung von umfassendem Schwund betroffen; so verkürzte er sich zwischen 1900 und 2017 um etwa 2500 Meter. Ausserdem verlor er 2015 seine Verbindung zum Persgletscher.

Beschreibung Zusammen mit dem Persgletscher, dessen Zunge seit dem Sommer 2015 den Morteratsch nicht mehr erreicht,Radio Südostschweiz vom 23. September 2015: ist er mit einem Volumen von rund 1,2 Kubikkilometern der volumenstärkste Gletscher der Ostalpen. Seit Beginn der systematischen Beobachtungen im Jahr 1878 hat der Gletscher 2,5 Kilometer an Länge eingebüsst; er ist noch rund 6,2 Kilometer lang (Stand 2013) und damit der drittlängste Gletscher der Ostalpen, nach Pasterze und Gepatschferner in den österreichischen Alpen.

Die beim Gletscherrückgang im Gletschervorfeld hinterlassenen Spuren gelten als typisch für die Alpen. Ein Gletscherlehrpfad erklärt an 20 Stationen Glaziologie, Geomorphologie und Vegetation. Entlang dieses Wanderweges stehen darüber hinaus Schilder zur Dokumentation des Gletscherrückgangs. Im Frühjahr führt eine Skiroute von der Diavolezza über den Gletscher.

Namensherkunft Volksetymologisch wird der Name Morteratsch durch die Schweizer Sage Die Jungfrau vom Morteratsch erklärt. Die reiche Bauerntochter Annetta aus Pontresina verliebt sich in Viehhüter Aratsch, ihre Eltern jedoch sind gegen die Beziehung. Die Bedingung des Vaters: Der Senn kriegt die einzige Erbin aus wohlhabendem Haus nur, wenn er Reichtum erlangt. Der Vater setzt durch, dass der Hirt aus dem Bündner Oberland im nächsten Sommer nicht mehr als Hirt auf der Alp arbeiten darf.

Aratsch ging als Soldat ins Ausland und Annetta litt vor Kummer und Sehnsucht. Die Eltern hätten mittlerweile in eine Heirat eingewilligt, doch der Jüngling ist nicht auffindbar. Kurz bevor er nach jahrelangem Fernbleiben als Offizier nach Pontresina zurückkehrt, stirbt Annetta. Daraufhin reitet er zur Alp hinauf und springt samt Pferd in den dahinterliegenden Gletscher. Niemand hat ihn je wiedergesehen.

Der Geist des Mädchens treibt sich daraufhin Nacht für Nacht auf der Alp herum, man hört sie immer wieder klagen: „Mort Aratsch“ (deutsch: Aratsch ist gestorben, siehe: Morteratsch). Doch der zuständige Senn mag die Erscheinung und lässt sie gewähren, denn er merkt, dass die Kühe mehr Milch geben, kaum mehr ein Tier verunglückt und der Rahm fetter ist als vorher.

Sein Nachfolger jedoch verweist den Geist der Annetta von der Alp, worauf ein Gewitter aufzieht und sie einen Fluch ausspricht: «Schmaladida saja quaist’ alp e sia pas-chüra!» (deutsch: Verflucht sei diese Alp samt ihren Weiden). Von da an ist der Segen der Alp dahin, sie muss schon bald verlassen werden. Die Weiden werden immer magerer und der Gletscher rückt aus der Schlucht dahinter zusehends vor und bedeckt die Alp, die Hütte und dazu das ganze Seitental weit gegen den Berg hinauf, der seither Munt Pers (verlorener Berg) heisst.

Lage und Umgebung Der Morteratschgletscher liegt im Kanton Graubünden, im Bezirk Maloja und im Kreis Oberengadin. Sein Südrand stellt die italienisch-schweizerische Grenze dar. Der Gletscher befindet sich im oberen Teil des Morteratschtals, das von Süd nach Nord verläuft und bei Morteratsch in das Val Bernina mündet. Am Talübergang stehen eine Station der Berninabahn und ein Hotel. Morteratsch- und Persgletscher sind im Uhrzeigersinn von den Dreitausendern Munt Pers, Piz Cambrena, Piz Palü, Piz Zupò, Piz Argient, Piz Bernina (), Piz Morteratsch, Piz Boval und Piz Chalchagn umgeben. Die Gletscher entwässern über Ova da Morteratsch, Berninabach, Flaz, Inn und Donau in das Schwarze Meer.

Ausdehnung mini|Ehemaliger Zusammenfluss mit dem Persgletscher (2007) Im oberen, steilen Teil ist der Gletscher stark zerklüftet und von Gletscherspalten und -brüchen durchzogen. Der untere, flache Teil bildet eine ausgeprägte Gletscherzunge. Die breiteste Stelle zwischen Piz Bernina und dem Bellavista-Kamm beträgt ungefähr 2,8 Kilometer. Die grösste Ausdehnung zwischen dem südlichsten Punkt, dem Piz Argient, und dem nördlichen Ende der Gletscherzunge beträgt 6,4 Kilometer. Zusammen mit dem Persgletscher betrug 2008 die Gletscherfläche 15,3 Quadratkilometer, das Volumen wird mit 1,2 Kubikkilometer angegeben, kann aber nicht präzise ermittelt werden. Das tatsächliche Volumen kann 0,3 Kubikkilometer grösser oder kleiner sein. Die mittlere Eisdicke beträgt ungefähr 75 Meter.Daten nach E-Mail-Kontakt mit Andreas Bauder (Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der ETH Zürich, VAW). Die Fliessgeschwindigkeit des Gletschers kann mit Hilfe von Ogiven abgeschätzt werden. Für einen Teil des Gletschers betrug sie 120 Meter pro Jahr. Zwischen der Isla Persa und dem Fuss des Munt Pers vereinigte sich der Morteratschgletscher früher mit dem Persgletscher. Im heissen Sommer 2015 trennten sich die beiden Eiskörper. An den Hängen östlich und westlich des Morteratschtals hat der Gletscher ausgeprägte Seitenmoränen hinterlassen.

Das Haupt-Nährgebiet des Gletschers liegt unterhalb der Kämme zwischen dem Piz Bernina im Westen und dem Piz Argient, dem Piz Zupò sowie dem Bellavista-Kamm im Osten. Das Nährgebiet reicht bis zur Gleichgewichtslinie auf ungefähr 2'600 Meter hinunter.Max Maisch: Lebendiges Gletschervorfeld. S. 35.

Entwicklung

mini|Der Morteratschgletscher um 1867 mini|Der Gletscher um 1870/1880. Radierung von Heinrich Müller mini|Luftbild von Werner Friedli, 1954

In den Kaltzeiten des Quartärs („Eiszeit“) speiste der Morteratschgletscher den Inntal-Gletscher. Gegen Ende des Jungpleistozän vor 20'000 Jahren wurde der absolute Höchststand des Eises erreicht. Es schmolz in der Folgezeit immer weiter ab. Vor 14'000 Jahren mündete der Morteratschgletscher noch mit einer Mächtigkeit von 400 Metern in das Berninatal, wo er sich mit einem Eisstrom vom Berninapass vereinigte. Zu Beginn des Holozäns, also vor etwa 10'000 Jahren, reichte der Morteratschgletscher bis Pontresina und hatte noch eine Dicke von 150 Metern. Der weitere Rückgang setzte sich seitdem fortMax Maisch: Lebendiges Gletschervorfeld. S. 11., zwischenzeitlich war die Vereisung jedoch schon deutlich geringer als heute, (Stand 2005), wobei das Minimum etwa 7'000 Jahre zurückliegt. Ermittelt durch Dendrochronologie.

Den Höchststand in der Neuzeit erreichte der Morteratsch 1857, als er bis auf ungefähr 100 Meter an das Areal der heutigen Station Morteratsch der Rhätischen Bahn vorgestossen war.Max Maisch: Lebendiges Gletschervorfeld. S. 12. Im Jahr 1878 wurde mit der systematischen Längenmessung am Morteratschgletscher begonnen, als er 8,6 Kilometer lang war. Anfangs wurde die Länge in Abständen von drei (1878 bis 1881) und zwei Jahren (1881 bis 1883) gemessen. Danach wurde überwiegend jährlich gemessen, seit 1916 findet regelmässig jedes Jahr eine Messung statt. Seit Beginn der Messungen bis 2015 schmolz der Gletscher um 2'649 Meter; er hat nunmehr eine Länge von 6,0 Kilometern. Das entspricht einem durchschnittlichen Rückgang von 17 Metern pro Jahr. Der grösste Rückgang konnte 1947 sowie 1953 mit 48 Metern, 1981 mit 56 Metern, 2003 mit 77 Metern und 2015 mit 164 m beobachtet werden. Lediglich in fünf Jahren verzeichnete der Gletscher einen Längengewinn: 1899 und 1988 um 2 Meter, 1912 um 5 Meter, 1985 um 8 Meter und 2004 um 10 Meter. Durch den Rückzug der Gletscherzunge verlagerte sich das Gletscherende bis 1991 um 110 Höhenmeter auf 2'020 Meter nach oben. Der Gletscherstand erreichte 1993 in etwa das Ausmass vor der Kleinen Eiszeit um das Jahr 1200.Max Maisch: Lebendiges Gletschervorfeld. S. 20.

Vom Beginn der Messungen bis zum Jahr 1991 verlor der Gletscher ungefähr 2,9 Quadratkilometer, das sind 15 Prozent seiner Oberfläche. Das Volumen verringerte sich bis 1991 um rund 0,3 Kubikkilometer, die mittlere Eisdicke ging um 5 auf 70 Meter zurück.

Im Winter 2008 und 2009 wurden unter der Gletscherzunge grosse, durch abfliessendes Schmelzwasser entstandene Höhlen entdeckt. Der Glaziologe Felix Keller ist der Meinung, das dreiteilige Gletscherhöhlensystem sei das grösste der gesamten Schweiz. Es ist jedoch zu erwarten, dass die Höhlen mit der weiteren Erwärmung einstürzen werden.

+Entwicklung des Gletschers Jahr 1850 1973 1999/2000 2013 Fläche (km²) 19,3 16,4 15,9 7,68 (2022) Länge (km) 8,9 7,6 6,6 6,2

mini|Längenänderungen seit 1878

Geologie Die Gesteine an der Oberfläche sind in ihrer Verteilung stark von den glazialen Vorgängen geprägt. Aus dem Talschluss stammen dunkelgrüne bis braun-schwarze Gabbros und Diorite sowie grüne Serpentinite von den Flanken von Piz Palü und Piz Bernina. Von den östlichen Talflanken kommen rote und weisse Alkaligranite, blaue Granodiorite und Diavolezza-Rhyolithe. Die westlichen Talflanken sorgen für dunkelgrüne bis braunschwarze Gabbrodiorite und Diorite, weisse bis grüne Granodiorite, sogenannte Berninagranite, Alkaligranite und Amphibolite. Am Talausgang sind Granite, Syenite, Diorite und Grünschiefer verbreitet.Max Maisch: Lebendiges Gletschervorfeld. S. 28.

Klima Durch die innere, zentrale Lage in den Alpen ergeben sich für die Region um den Morteratschgletscher charakteristische Klimaelemente. Es herrscht im Grunde ein Kontinentalklima, das sich durch heisse Sommer, kalte Winter und relativ geringe Niederschläge auszeichnet. Weil hohe Gebirgsgruppen, im Süden die Bergamasker Alpen und im Nordwesten die Glarner Alpen, das Engadin von den feuchten atlantischen und mediterranen Luftmassen abschirmen, besteht oft durch intensive Sonnenstrahlung eine niedrige Luftfeuchtigkeit. Als Referenzstation kann die Messstation auf dem Berninapass () dienen. Sie befindet sich im östlichen Paralleltal und ist sieben Kilometer Luftlinie entfernt. Von 1961 bis 1990 registrierte diese Station eine Jahresmitteltemperatur von −0,6 °C. An der Messstation in Pontresina () wurde ein Jahresniederschlag von 799 mm gemessen.Die Angaben der Station Pontresina zum Niederschlag eignen sich besser als die der Station Berninapass. Sie befindet sich am oberen Ende des Puschlav, einem nach Süden geöffneten Tal. Auch im weiteren Verlauf gibt es in der Verlängerung des Puschlav nach Süden keine so markanten, orographischen Hindernisse. Dadurch können die feuchten Luftmassen aus Süden relativ ungehindert auf den Berninapass zufliessen. Westlich davon, direkt auf den Morteratschgletscher zu, werden durch die Höhen der Bergamasker Alpen vermehrt feuchte Luftmassen zurückgehalten. Im Tal entsteht um den Morteratschgletscher ein komplexes Windsystem. Die «normalen» Winde sind Talwinde am Boden und Strömungen in der freien Erdatmosphäre oberhalb der Berge. Das Gletschereis mit seinen niedrigen Temperaturen erzeugt jedoch das Mikro-Windsystem Gletscherwind, der als Fallwind auf den Talanfang zuströmt. Weil Tal- und Gletscherwind einander entgegenströmen, kommt es zu einem vermehrten Austausch von Energie und Feuchtigkeit zwischen Gletscher und Luft.

Vegetation im Gletschervorfeld Die dokumentierten Gletscherstände lassen die Beziehung der Vegetation zum Gletscherrückgang erkennen. Bereits im ersten Jahr, nachdem sich das Eis von einer Fläche zurückgezogen hat, siedeln sich Pionierpflanzen im Gletschervorfeld an. In diesem Pionierstadium bleibt die Vegetation für rund 20 Jahre mit einem Bedeckungsgrad zwischen 1 und 10 Prozent. Auf Flächen, die bereits früher eisfrei wurden, beträgt der Pflanzen-Bedeckungsgrad bei Rohboden 15 bis 75 Prozent. Nach 100 Jahren Eisfreiheit sind 85 Prozent des Bodens bedeckt. Zwischen 40 und 60 Jahren ohne Eis entwickeln sich mehr als 50 Prozent Bodenbedeckung. Deutlich geringer ist der Grad, wenn die Flächen kürzere Zeit eisfrei sind. Nach 20 Jahren hat sich auf weniger als 20 Prozent der Flächen Boden mit Pflanzenwuchs gebildet und nach zehn Jahren auf weniger als zehn Prozent.