mini|Glasmosaik (1935/1936) der Firma Puhl & Wagner, Exponat des Braith-Mali-Museums in Biberach an der Riß Das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes (kurz Winterhilfswerk oder WHW) war in der Zeit des Nationalsozialismus eine Stiftung öffentlichen Rechts mit Sitz in Berlin, die Sach- und Geldspenden sammelte und damit bedürftige „Volksgenossen“ entweder unmittelbar oder über Nebenorganisationen der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV) unterstützte.

Durch das Winterhilfswerk konnte der „völkische Wohlfahrtsstaat“ die materielle Not von Teilen der Bevölkerung lindern und zur inneren Stabilisierung beitragen. Zugleich zielte die Spendensammlung auf das Zusammengehörigkeitsgefühl der „Volksgemeinschaft“ ab.Norbert Götz. Ungleiche Geschwister: Die Konstruktion von nationalsozialistischer Volksgemeinschaft und schwedischem Volksheim. Baden-Baden: Nomos, 2001. 390–395 Der Ausschluss der jüdischen Bevölkerung von den Zuwendungen des WHW führte zur Gründung der Jüdischen Winterhilfe.

Das Spendenaufkommen übertraf ab dem Rechnungsjahr 1939/1940 die Summe, die aus Steuermitteln für öffentliche Fürsorgeverbände aufgebracht wurde.Florian Tennstedt: Wohltat und Interesse. Das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes: Die Weimarer Vorgeschichte und ihre Instrumentalisierung durch das NS-Regime. In: Geschichte und Gesellschaft 13 (1987), S. 157. Der Staatshaushalt wurde somit von Sozialausgaben entlastet.

Vorläufer Hilfsaktionen und Spendensammlungen, die im Winterhalbjahr durchgeführt wurden und notleidenden Bevölkerungskreisen zugutekamen, gab es auf regionaler Ebene schon vor 1933. Für Erwerbslose veranstaltete zum Beispiel der „Arbeiterrat Groß-Hamburg“ seit 1923 Wintersammlungen; daran beteiligten sich die unterschiedlichsten Organisationen wie Gewerkschaften, Deutscher Beamtenbund oder Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband.Peter Zolling: Zwischen Integration und Segregation – Sozialpolitik im ‚Dritten Reich’ am Beispiel der NSV in Hamburg. (Diss.) Frankfurt/M. 1986, ISBN 3-8204-8530-9, S. 170 und 190.

Überregional bildeten die Träger der „freien Wohlfahrtspflege“ – Caritas, Innere Mission, Deutsches Rotes Kreuz, Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband – als gemeinsames Sprachrohr im Jahre 1924 die Deutsche Liga der Freien Wohlfahrtspflege. Während Gewerkschaften und Arbeiterwohlfahrt (AWO) umfassende wirtschaftspolitische und sozialpolitische Maßnahmen forderten, plante die „Liga“ eine zentral organisierte Sammlung zur „Volkshilfe“. Der Aufruf unter der Überschrift „Not, bittere Not liegt über dem deutschen Volk“ wurde von Reichskanzler Heinrich Brüning unterstützt.Florian Tennstedt: Wohltat und Interesse... , S. 173.

Die erste deutschlandweite Sammlung zur so genannten „Winterhilfe“ wurde vom 15. September 1931 bis März 1932 durchgeführt und brachte 42 Millionen Reichsmark einFlorian Tennstedt: Wohltat und Interesse... , S. 174.; eine weitere Sammlung folgte im Winterhalbjahr 1932/33.

Organisation mini|Gesetz über das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes im Reichsgesetzblatt 1936 Teil I, S. 995 Im Sommer 1933 begann Joseph Goebbels mit den organisatorischen Vorbereitungen für die Sammelaktion einer nationalsozialistischen Winterhilfe.Die Tagebücher von Joseph Goebbels, hrsg. von Elke Fröhlich. München 1998f, ISBN 978-3-598-23730-0, Teil I, Bd. 2 / III, S. 207+220. Am 13. September 1933 eröffnete Adolf Hitler die „Erste Winterhilfsaktion gegen Hunger und Kälte“. In seiner Rede stellte er der stets bekämpften „internationalen marxistischen Solidarität“ die „lebendige nationale Solidarität des deutschen Volkes“ gegenüber, die „blutmäßig ewig begründet“ sei.Max Domarus: Hitler. Reden und Proklamationen. Würzburg 1962. Bd. 1, S. 300 f. Der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann nannte das Winterhilfswerk wenige Tage später „eine große staatspolitische Aufgabe“ mit dem Ziel, die Arbeitnehmer „innerlich zu gewinnen“.Peter Zolling: Zwischen Integration und Segregation..., S. 164.

Das Winterhilfswerk wurde organisatorisch der NS-Volkswohlfahrt und deren Leiter Erich Hilgenfeldt unterstellt, der zugleich als Amtsleiter im Amt für Volkswohlfahrt der NSDAP und als Reichsbeauftragter für das WHW fungierte. Einige Wohlfahrtsverbände wie die AWO wurden verboten, andere wie der „Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband“ korporativ angeschlossen und aufgelöst. Die überwiegend konfessionell bestimmten Verbände sollten auf die Arbeitsfelder Pflege und Anstaltsbetrieb zurückgedrängt werden, während die NSV die materielle Versorgung von notleidenden „Volksgenossen“ beanspruchte, die sich propagandistisch besser auswerten ließ. Hohe nationalsozialistische Funktionäre inszenierten sich in der Öffentlichkeit als volksverbundene Sammler.

Mit dem „Gesetz über das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes“ (RGBl. I, S. 995) vom 1. Dezember 1936 wurde das WHW mit Sitz in Berlin zur rechtsfähigen Stiftung des bürgerlichen Rechts erklärt, die durch den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda geführt und beaufsichtigt werden sollte. Die „Verfassung für das WHW des Deutschen Volkes“ vom 24. März 1937 (RGBl. I, S. 423) stellte den Leitsatz „Gemeinnutz vor Eigennutz“ heraus, der bereits im 25-Punkte-Programm der NSDAP enthalten war.

Am 10. Oktober 1945 wurde auch das Winterhilfswerk im Kontrollratsgesetz Nr. 2 (Auflösung und Liquidierung der Naziorganisationen) durch den Alliierten Kontrollrat als nationalsozialistische Organisation verboten und das Eigentum beschlagnahmt.Kontrollratsgesetz Nr. 2 vom 10. Oktober 1945. In: Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Nummer 1 vom 29. Oktober 1945, S. 19 ff., Digitalisat der Deutschen Nationalbibliothek: .

Sammelaktionen Die Gesamtzahl der meist ehrenamtlichen „ständigen Helfer“ betrug im Winterhalbjahr 1933/1934 rund 1.500.000 Personen und pendelte sich in den folgenden Jahren auf eine Zahl um 1.200.000 ein.Herwart Vorländer: Die NSV. Darstellung und Dokumentation einer nationalsozialistischen Organisation. 1988, ISBN 3-7646-1874-4, S. 237. Für die monatlichen Geldsammlungen wurden die Straßenzüge systematisch erfasst; die feinmaschigen Sammelbezirke wurden der Struktur der nationalsozialistischen Parteiorganisation angepasst und die Helfer den Blockleitern und „Blockwaltern“ der NS-Volkswohlfahrt unterstellt. Die reichsweiten Straßensammlungen wurden ab 1934 vom Tag der Nationalen Solidarität gekrönt, bei dem hohe Parteifunktionäre und populäre Künstler mit Sammelbüchsen auf die Straße gingen.

mini|Amtliche Anordnung zur Eröffnung des Winterhilfswerkes 1935

Eröffnet wurde die Winterhilfsaktion alljährlich durch eine Rede Hitlers, die im Rundfunk übertragen wurde. Für die im Oktober anlaufende Kleidungssammlung wurden die Einwohner durch Hitlerjugend-Aufmärsche und Sturmabteilung-Kapellen eingestimmt, später an jeder Wohnungstür geklingelt. Alle Haushalte erhielten Tüten zugestellt und wurden damit zur Pfundspende aufgefordert. Im Dezember wurden Lose einer Reichswinterhilfe-Lotterie zu 0,50 Reichsmark verkauft. In Hamburg wurde ein fünf Meter hohes Hakenkreuz aufgestellt, das gegen eine festgelegte Spende benagelt werden konnte. Von der Propaganda besonders herausgestellt wurde der monatliche Eintopfsonntag, bei dem das am üblichen Sonntagsmahl eingesparte Geld als Spende erwartet und abkassiert wurde. Daneben gab es diverse weitere Einnahmen durch eigens veranstaltete Sportwettkämpfe, „Opferschießen“, Theater und Konzerte, WHW-Briefmarken, Gau-Straßensammlungen und Sammeldosen in Geschäften.

Eine Hamburger Kriminalinspektion vermerkte im Oktober 1933, „Voraussetzung für das Gelingen der Winterhilfe [sei] die Bekämpfung des Bettelunwesens“.Zitiert nach Peter Zolling: Zwischen Integration und Segregation..., S. 164. In einer Sonderfahndungsaktion im hamburgischen Stadtgebiet wurden daraufhin rund 1400 Personen tagelang in „Schutzhaft“ genommen und ein Teil von ihnen für längere Zeit im „Versorgungsheim Farmsen“ festgesetzt.Uwe Lohalm: Für eine leistungsbereite und 'erbgesunde' Volksgemeinschaft..., S. 399. In: Hamburg im 'Dritten Reich' , hrsg. von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-903-1.

Opfer von Lohn und Gehalt In den Vorkriegsjahren waren die größten Posten auf der Einnahmeseite jedoch die „Spenden von Firmen und Organisationen“ und die „Opfer von Lohn und Gehalt“ sowie – mit rückläufiger Bedeutung – die Sachspenden.

Als obligatorisch wurden im Winterhalbjahr monatliche Gehaltsabzüge der Arbeitnehmer für das WHW angesehen. Die Arbeitgeber hielten bestimmte Anteile von Lohn oder Gehalt ein und überwiesen die Summe auf das Konto des Winterhilfswerks. Die Abzüge waren anfangs nicht reichseinheitlich geregelt. In Hamburg wurden bei einem Monatseinkommen von 200 RM von einer kinderlosen Familie 1,50 RM einbehalten; bei drei Kindern halbierte sich der Abzug. Mit höherem Einkommen stieg er auf maximal 25 RM. Im Herbst 1936 wurden die Abzüge reichsweit angepasst: Sechs Monate lang wurde ein Betrag im Wert von zehn Prozent der Steuerabzüge einbehalten und an das Winterhilfswerk abgeführt.Tabelle bei Peter Zolling: Zwischen Integration und Segregation..., S. 350. Die Arbeitgeber selbst wurden angehalten, einen bestimmten Satz ihrer persönlichen Ausgaben zu spenden. Zum sichtbaren Zeichen der Anerkennung erhielten die Spender Monatsplaketten mit der Aufschrift „Wir helfen“.

Bei den Sachspenden überwogen anfangs Möbel, getragene Kleidung sowie Kohle und Kartoffeln. Allein die Frachtkosten dafür beliefen sich auf rund 10 Millionen Reichsmark, wurden aber von der Deutschen Reichsbahn nicht in Rechnung gestellt.

Spendenaufkommen Die erste Sammlung des WHW erbrachte Geld- und Sachspenden im Wert von 358,1 Millionen Reichsmark. In den folgenden Winterhalbjahren steigerte sich die Spendensumme ständig. Der Gesamtwert an SpendenHerwart Vorländer: NS-Volkswohlfahrt und Winterhilfswerk... S. 373. betrug: Jahr Spendenaufkommen(in Millionen Reichsmark) Gegenwert(in Millionen Euro) 1933/34: 358,1 1934/35: 367,4 1935/36: 364,5 1936/37: 415,2 1937/38: 419,0Die Quelle Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 1937/38: Rechenschaftsbericht hrsg. vom Reichsbeauftragten für das WHW nennt 417.169.177 RM. 1938/39: 566,0 1939/40: 680,1 1940/41: 916,2 1941/42: 1.209Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 1941/42: Rechenschaftsbericht 1942/43: 1.595 Der Rechenschaftsbericht für das Winterhalbjahr 1937/38 listet die Einnahmen und Ausgaben umfassend auf; nachfolgend die größeren Posten:Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 1937/38: Rechenschaftsbericht hrsg. vom Reichsbeauftragten für das WHW / wesentliche Posten, Werte hier gerundet.

Wert (RM) WHW 1937/38: Einnahmen durch Bemerkung 103.615.000 Spenden von Organisationen und Firmen 101.972.000 Sachspenden Kohlen, Kartoffeln, Nahrungsmittel, Möbel, Bücher etc. / inkl. Pfundspende 80.554.000 „Opfer von Lohn und Gehalt“ vom Arbeitgeber einbehalten (10 % der Lohnsteuersumme) 34.741.000 Eintopfspenden siehe Eintopfsonntag 34.290.000 Straßensammlungen davon sechs Reichs-Straßensammlungen mit 30.162.000 RM 9.958.000 Frachtvergütungen für Kohlentransporte Erlass von Frachtkosten der Deutschen Reichsbahn 8.084.000 Tag der Nationalen Solidarität am 4. Dezember 1937 7.175.000 Gau-Veranstaltungen Opferbücher, Opferschießen, Veranstaltungen 6.404.000 Einzelspenden inkl. Agrarspende 1.968.000 RM 1.404.000 WHW-Briefmarken Verkauf von Sondermarken

Verteilung mini|Packen von Weihnachtspaketen, Dezember 1935