mini|hochkant=1.5|Amazonas-Regenwald in Peru mit einem emergenten Paranussbaum mini|hochkant|Blick von unten in die Krone eines riesigen Kapokbaums
Emergenten ( „auftauchen“, „herauskommen“, „emporsteigen“; englisch emergent [island, rock, tree] „aufragend“) – populärwissenschaftlich auch Urwaldriesen, selten ÜbersteherMichael Richter (Autor), Wolf Dieter Blümel et al. (Hrsg.): Vegetationszonen der Erde. 1. Auflage, Klett-Perthes, Gotha und Stuttgart 2001, ISBN 3-623-00859-1. S. 275. genannt, forstwirtschaftlich auch Überständer (sehr häufig) oder Überhälter (selten)Georg Grabherr: Farbatlas Ökosysteme der Erde. Ulmer, Stuttgart 1997, ISBN 3-8001-3489-6. S. 52 (Trop. Regenwald), 222 (Lorbeerwald).Harald Kehl: Vegetationsökologie Tropischer & Subtropischer Klimate. TU-Berlin, Alternative Bewirtschaftung des Tropischen Regenwaldes, abgerufen am 17. Januar 2022. – sind einzelne ausgewachsene, lichthungrige Bäume oder Baumgruppen in mehrschichtigen Regen- oder Feuchtwäldern, deren Kronen sich (im Verlauf einer ungestörten Entwicklung) deutlich über das Kronendach des Waldes erheben.Jürgen Schultz: Die Ökozonen der Erde. 4., völlig neu bearbeitete Auflage, Ulmer UTB, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8252-1514-9. S. 328.Richard Pott: Allgemeine Geobotanik. Biogeosysteme und Biodiversität. Springer, Berlin, Heidelberg, New York 2005, ISBN 3-540-23058-0. S. 581 (allg.), 512–517 (Neuseeland).
Urwaldriesen sind vor allem ein typisches Merkmal für immergrüne tropische Tieflandregenwälder, wo sie nach der Boden-, Kraut-, Strauch- und Kronenbaumschicht das fünfte „Stockwerk“ bilden. Sie erreichen dort im Durchschnitt Höhen von 45–65 Metern und ragen damit meistens zwischen 10 und mehr als 20 Meter über das Kronendach hinaus. Der höchste bisher entdeckte Emergent ist ein Gelber Merantibaum in Borneo, der fast 101 Meter hoch ist.Daniel Lingenhöhl: Gigant auf Borneo entdeckt, News auf spektrum.de vom 20. April 2019, abgerufen am 14. März 2022. Nach geltender Lehre liegt er damit nahe an der maximal erreichbaren Baumhöhe, die physikalisch durch den Wassertransport in Pflanzen begrenzt ist.
Je kühler das Klima, je ausgeprägter die jahreszeitlichen Schwankungen und (vor allem) je geringer die Niederschläge – sowohl aufgrund von Höhenklimaten (Montane Höhenstufe) als auch durch höhere geographische Breiten (Rand- und subtropische Feuchtklimate hin zu wintermilden, feuchten Klimaten der kühlgemäßigten Klimazone) –, desto seltener und niedriger sind im Allgemeinen die Übersteher in geeigneten Waldtypen. Bei tropisch wechselfeuchten und außertropischen Wäldern ist nicht immer eindeutig zu klären, ob es sich um echte Emergenten oder um Restbestockung oder Reliktarten handelt.
Je ausgeprägter die Emergenten eines Waldes sind, desto größer ist ihre Bedeutung für dessen Artenvielfalt und Biodiversität, unter anderem durch die zusätzlich entstehenden ökologischen Nischen im Kronenbereich. Ihre enorm große Holzmenge und ihre sehr widerstandsfähigen Holzqualitäten machen sie häufig zu begehrten Objekten der Holzindustrie. Bei den Arten, die zu Urwaldriesen heranwachsen, handelt es sich nur zum Teil um speziell hochwüchsige Spezies; häufig werden sie auch von Arten gebildet, die anderswo zu den niedrigeren Kronendacharten gehören.
Die Existenz von Emergenten gibt der Wissenschaft Rätsel auf – bekannt als „Phänomen der überproportionalen Flächenproduktivität“: Für einige Beispiele ist dokumentiert, dass am Standort solcher Urwaldriesen deutlich mehr Biomasse gebildet wird, als man erwarten würde.
Bei vielen Völkern stehen Urwaldriesen als heilige Bäume im Zentrum religiöser Baumkulte,Joachim Radkau: Natur und Macht – Eine Weltgeschichte der Umwelt. 2. Auflage, C.H.Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63493-2. S. 100. so etwa der Kapokbaum bei den Maya,Christian Rätsch: Einführung in die Kosmologie der Maya. In: Ders.: Chactun – Die Götter der Maya. Quellentexte, Darstellung und Wörterbuch. (= Diederichs Gelbe Reihe. Band 57). Eugen Diederichs Verlag, München 1986, S. 15. der Kauri-Baum bei den MāoriPer Liljas: Topp jobb – Porträtt Fredrik Hjelm. In: Sveriges Natur. Nr. 4, 2020, S. 40–41. und die Sicheltanne bei den Shintō-Anhängern Japans.
Während „emergent tree“ im englischen Sprachraum auch unabhängig von der Art des Waldes die Bäume der kronenbildenden Schicht bezeichnen kann, ist die deutsche Ableitung Emergent geschlossenen Wäldern mit einem vielschichtigen Stockwerkbau vorbehalten, für die eine offene oberste „Schicht“ aus solchen überstehenden Baumriesen typisch sind.
Die Bezeichnungen Überhälter/Überständer, die in der Fachliteratur oft in Anführungszeichen oder durch das Adjektiv sogenannte als „behelfsmäßig“ gekennzeichnet sind, werden zwar bisweilen verwendet, beziehen sich aber in erster Linie auf die forstwirtschaftliche Methode, einzelne Bäume oder Baumgruppen bei der Waldpflege oder Holzernte als zukünftige Samenbäume stehen zu lassen.Hartmut Leser (Hrsg.) et al.: Diercke Wörterbuch Geographie. 16., völlig überarbeitete Auflage, Westermann, Braunschweig 2017, ISBN 978-3-14-100840-1. S. 978.
Charakteristik mini|Gewaltige Brettwurzeln eines Kapokbaums im Regenwald Ecuadors
Der typische Baum der Kronenschicht des Tieflandregenwaldes – ein meist zwischen 20 und 40 m hoher Hartholz-Laubbaum – besitzt eine im Verhältnis kleine, schirmartige oder kugelförmige Krone, einen schlanken, säulenförmigem und astfreien Stamm ohne Jahresringe mit einer grauen, dünnen und wenig strukturierten Rinde sowie oftmals verschiedenartigen Stützwurzeln. Die häufig bis zu 65 m und zum Teil bis über 80 m hohen Emergenten unter ihnen haben meistens stand-stabilisierende Brettwurzeln, von denen nochmals feine Tiefenwurzeln ausgehen, die neben der Versorgung zusätzliche als Anker dienen.Hartmut Leser (Hrsg.) et al.: Diercke Wörterbuch Geographie. 16., völlig überarbeitete Auflage, Westermann, Braunschweig 2017, ISBN 978-3-14-100840-1. Stichwort „Urwaldriese“ auf S. 1001. Zudem sind ihre schirmartigen Kronen häufig im Verhältnis wesentlich breiter (in Zentralafrika etwa haben sie einen Durchmesser von 30–40 m).F. White: the vegetation of Africa. A descriptive memoir to accompany the Unesco/AETFAT/UNSO vegetation map of Africa, UNESCO, Paris 1983, ISBN 92-3-101955-4, PDF, abgerufen am 6. März 2022. S. 46, 75, 78, 89–90, 96. Es gibt eine große Zahl verschiedener Baumarten mit emergentem Wuchs. Einige von ihnen werden weiter unten vorgestellt. Sehr typisch sind der Paranuss- und der Kapokbaum in Südamerika, Meranti-Bäume in SüdostasienOroVerde - die Tropenwaldstiftung: Stockwerkbau – Vielfalt auf mehreren Ebenen, abgerufen am 20. Januar 2022. und der Great Moabi in Afrika.
Neben ihrer Größe bieten die Urwaldriesen weitere Superlativen: Während die anderen Bäume um 200–300 Jahre alt werden, leben viele Emergenten regelmäßig länger als 500 Jahre. Sie produzieren nicht nur überproportional viel Holz, sondern auch die meisten Früchte aller Regenwaldbäume (im Vergleich zur gleichen Gattung)Jörg S. Pfadenhauer, Frank A. Klötzli: Vegetation der Erde. Springer Spektrum, Berlin/Heidelberg 2014, ISBN 978-3-642-41949-2. S. 98, 140, 268, 273, 384–385, 389, 396. und sie sind in aller Regel höchst markante Baumindividuen.
Die Kronenschicht sämtlicher Wälder wirkt als Schutz für die gesamte Vegetation des Waldes, indem sie ihn vor allen Wettereinflüssen schützt. Dies gilt insbesondere für tropische und subtropische Breitengrade, wo extreme Sonneneinstrahlung, große Hitze und Temperaturschwankungen, Starkregen und häufig heftige Stürme Normalzustände sind. Umso widerstandsfähiger müssen Bäume sein, deren Krone sich mehr oder weniger freistehend hoch über dem Kronendach befindet. Die Übersteher haben daher oft kleinere BlätterRhett A. Butler: The Rainforest Canopy: The Overstory Layer of the Rainforest Canopy, auf rainforests.mongabay.com 30, 2012, abgerufen am 29. Januar 2022. und weniger Spaltöffnungen als Schutz vor Austrocknung und zu großer Verdunstung. Ein weiterer Schutzmechanismus ist der teilweise oder komplette Laubabwurf, der insbesondere in der Trockenzeit saisonaler tropischer Regen- oder Monsunwälder vorkommt.Zhi-quan Cai: Lianas and trees in tropical forests in south China, PhD thesis 2007, ISBN 978-90-8504-653-0, pdf, abgerufen am 19. Januar 2022. S. 11–12, 121, 124. Hinzu kommt bei einigen Arten eine besondere Fäulnisresistenz und die Fähigkeit zu weitreichender Regeneration nach Beschädigungen. Alle Arten, die zu Riesenbäumen heranwachsen können, müssen über eine hohe Veränderlichkeit ihrer Erscheinungsformen verfügen, die es ihnen ermöglicht, ihre Formen und Organe auch noch als ausgewachsene Lebewesen an veränderte Umweltbedingungen anpassen zu können.Robert Van Pelt, Stephen C. Sillett, William A. Kruse, James A. Freund u. Russell D. Kramer: Emergent crowns and light-use complementarity lead to global maximum biomass and leaf area in Sequoia sempervirens forests. In: Forest Ecology and Management. 375, 2016, S. 280–283, 288, 290, doi:10.1016/j.foreco.2016.05.018.
Die hochragenden Kronen haben im Laufe der Evolution zu weiteren speziellen Anpassungen geführt: So nutzen einige Arten den Wind zur effektiven Pollen- und Samenausbreitung in große Entfernungen, indem ihre Früchte Eigenschaften aufweisen, die ihnen eine weite Verbreitung ermöglicht: Beispielsweise flügelartige Fortsätze oder eine federleichte, watteähnliche Ummantelung wie der Kapokbaum, der zudem vor der Fruchtbildung alle seine Blätter abwirft, damit der Wind die Samen ungehindert fortwehen kann.
Ökologie mini|Flughunde in einer hohen Baumkrone auf den Philippinen
In ungestörten tropisch-feuchten Primärwäldern erreicht nur 1 % des einfallenden Sonnenlichts den Boden, sodass insbesondere in den Baumkronen der Emergenten völlig andere Lebensbedingungen herrschen (siehe #Charakteristik). Dieser Gegensatz ist in offeneren Wäldern und in Richtung der Mittelbreiten natürlich deutlich geringer. Dennoch sind die Baumriesen überall dort, wo sie vorkommen, ein wichtiger Bestandteil der komplexen räumlichen Muster in den Wäldern, die für die Entstehung etlicher zusätzlicher ökologischer Nischen sorgen.Dominick A. DellaSala, Paul Alaback, Toby Spribille, Henrik von Wehrden, Richard S. Nauman: Just What Are Temperate and Boreal Rainforests? In: Dominick A. DellaSala (Hrsg.): Temperate and Boreal Rainforests of the World: Ecology and Conservation. Island Press 2011, S. 25, 30, doi:10.5822/978-1-61091-008-8_1. Der Anteil der Emergenten an allen Waldbäumen wird für tropische Regenwälder mit durchschnittlich 15 % angegeben,Oliver Thassler: Stratifikation des tropischen Regenwaldes und verschiedener Landnutzungssysteme. Grin, München 2000, ISBN 978-3-640-86543-7 (E-Book), Kapitel 2. Charakteristikum feuchttropischer Ökosysteme nach D. Heinrich, M. Hergt 1998. in Kamerun etwa reicht die Spanne von 0–30 %.B.S. van Gemerden u. G. W. Hazeu: Landscape Ecological Survey (1 : 100 000) of the Bipindi-Akom II - Lolodorf region, Southwest Cameroon, Tropenbos-Cameroon Documents, Wageningen (Niederlande) 1999, ISSN 0927-4537, PDF, abgerufen am 6. März 2022. S. 62, 64, 65–66. In anderen Feuchtwaldtypen liegt der Anteil in der Regel darunter; in Tasmanien etwa bei unter 5 %.Department of Natural Resources and Environment Tasmania: Rainforest and related scrub in From Forest to Fjaeldmark: Descriptions of Tasmania's Vegetation, Edition 2, 2021, PDF, abgerufen am 26. März 2022, S. 6, 19, 23–24, 26, 36–37.
Jüngere Forschungen eröffnen bisher unbekannte und unerwartete Auswirkungen von emergenten Bäumen auf die Biodiversität und die Biomasseproduktion in ihren Lebensräumen.
„Phänomen der überproportionalen Flächenproduktivität“ mini|hochkant|Baumkronenpfad im Kakum-Nationalpark (Ghana) mini|Emergente Bäume erhöhen die Produktivität des Waldes auf „über 100 %“ (Afromontaner Knysna Wald in Südafrika).