Das Polizei-Bataillon 307 war eine militärische Einheit der Ordnungspolizei im Zweiten Weltkrieg. Das Bataillon war aktiv am Holocaust beteiligt. Es ist verantwortlich für die Ermordung von 10.550 Menschen und die Deportation von weiteren 63.400 Menschen.Stefan_Klemp: „Nicht ermittelt“. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz. Ein Handbuch. 2. Auflage, Klartext Verlag, Essen 2011, ISBN 978-3-8375-0663-1, S. 262.

Geschichte Polizei-Bataillon 307

Die Ordnungspolizei konnte nach Kriegsbeginn mit Genehmigung der Wehrmacht 26.000 ungedienten Wehrpflichtigen der Jahrgänge 1909–1912 und 1918–20 aufnehmenDer Reichsminister des Innern, Pol.O.Kdo. G4 (P 1a), Nr. 28/39, Betr.: Verstärkung der Polizei durch ungediente Wehrpflichtige, 11. Oktober 1939, zitiert nach: Edward B. Westermann: Hitler’s Police Battalions. University of Kansas Press, Lawrence 2005, ISBN 978-0-7006-1371-7, Seite 84, Fn. 149. Sie sollten als Polizeirekruten zur Sicherstellung des Bedarfes an Polizeikräften in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten angeworben werden, die dabei abzuleistende Dienstzeit wurde mit Beschluss des Ministerrates für Reichsverteidigung als Wehrdienstzeit angerechnet (Verordnung über die Einstellung von Wehrpflichtigen in die Schutzpolizei des Reiches v. 31. Oktober 1939).http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=dra&datum=19390004&seite=00002137 Den älteren Polizeirekruten wurde eine lebenslange Stellung in der Polizei in Aussicht gestellt, sie wurden 6 Monate in Polizeikasernen polizeilich und militärisch ausgebildet und kamen dann in sogenannte „Wachtmeisterbataillone“ (Polizei-Bataillone 301 bis 325). Zur Einberufung in Polizei-Ausbildungsbataillone war die UK-Stellung durch das zuständige Wehrbezirksamt erforderlich, die ersten Ausbildungsbataillone konnten bereits im März 1940 aufgestellt werden. Die Ausbildung und Führungspositionen in den Bataillonen übernahmen Berufspolizisten.

Das Polizei-Bataillon 307 wurde am 3. Oktober 1940 aus dem Polizei-Ausbildungs-Bataillon „Lübeck“ in Lübeck gebildet. Vom 5. Oktober 1940 bis 11. Juni 1941 erfolgte der Einsatz der Einheit im Generalgouvernement in Biała Podlaska. In dieser Zeit war das Bataillon dem Polizei-Regiment Lublin unterstellt. Es war bis in das Frühjahr 1941 für Deportationen von Juden aus dem dortigen Ghetto in die Konzentrationslager sowie für Erschießungen von Polen verantwortlich.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944. Ferdinand-Schöningh-Verlag Paderborn, 2. Auflage 2006, S. 569.

Vor Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion wurde das Bataillon im Juni 1941 dem Polizei-Regiment Mitte unterstellt und am 3. Juli 1941 in Brest-Litowsk stationiert. Im Gebiet um Brest-Litowsk erschoss das Bataillon zunächst 20 Russen und Belarussen, insbesondere Kommunisten. Sodann begann das Polizei-Bataillon 307 mit Massenverhaftungen von 4000 bis 6000 Zivilisten, insbesondere Juden. Am 13. Juli 1941 wurden in der Stadt schließlich 4.435 Menschen durch die Polizeieinheit hingerichtet, davon ca. 4000 Juden und ca. weitere 400 Zivilisten.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 570–575. Christopher Browning: Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter. Frankfurt 2001, S. 186 f.

In Baranawitschy fanden Massenverhaftungen vom 18. bis 26. Juli 1941 statt. 2000 bis 3000 Juden und andere Zivilisten wurden festgenommen. Dabei gingen die Bataillonsangehörigen davon aus, dass diese Menschen hingerichtet werden sollten. Ein höherer Offizier der Wehrmacht verhinderte die weitere Durchführung der Maßnahme.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 575.

Vom 28. Juli bis 12. August wurde das Bataillon im Raum ostwärts Sluzk mit der 162. Infanterie-Division und der 252. Infanterie-Division eingesetzt.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 575

Im August 1941 erschoss das Bataillon in einem unbekannten Ort bei Sluzk 30 bis 50 Frauen und 4 bis 6 Kinder. Im Gebiet zwischen Sluzk und Babrujsk wurden 30 Juden im selben Monat von der Polizeieinheit getötet.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 576

Mitte August 1941 war das Bataillon in der Stadt Babrujsk an Hinrichtungen von Juden beteiligt.

Beim weiteren Vormarsch erreichte das Bataillon am 19. August 1941 Staryja Darohi.

I. Bataillon des Polizei-Regiments Mitte Am 21. August 1941 wurde das Polizei-Regiment Mitte umstrukturiert. Dabei wurde auch das Polizei-Bataillon 307 in I. Bataillon des Polizei-Regimentes Mitte umbenannt.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 580 und 554

Am 31. August 1941 rückte das Bataillon in Mogilew ein. Dabei nahm das Bataillon an Kampfhandlungen unter dem Armeeoberkommando 2 im Raum Mogilew-Babrujsk teil. In einem Dorf zwischen Sluzk und Mogilew erschoss ein Bataillonsangehöriger zwei russische Landarbeiter. Ab 1. September bis 21. Oktober 1941 wurde das Bataillon auch gegen Partisanen („Bandenbekämpfung“) eingesetzt, so etwa am 4. September in Babrujsk, am 11. September an der Rollbahn von Babrujsk nach Mogilew und Klitschew.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 577

Im Gebiet von Klitschew, einer Stadt nordöstlich von Babrujsk, nahm das Bataillon im September und Oktober 1941 weitere Hinrichtungen vor, denen 100 bis 200 Juden zum Opfer fielen.

Im Oktober 1941 wütete das Bataillon in einem Dorf westlich der Rollbahn Babrujsk nach Mogilew. Als Vergeltungsmaßnahme wurden sämtliche Juden des Ortes zusammengetrieben und 50 Menschen, darunter Frauen und Kinder, erschossen.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 578

Ab 22. Oktober bis Dezember 1941 war das Bataillon wieder gegen Partisanen eingesetzt, seit dem 4. November 1941 im Raum Smolensk.

Von Mitte Dezember 1941 bis 20. Januar 1942 wurde das Polizei-Bataillon an der Front bei Kaluga als der 4. Armee unterstellter Einheit eingesetzt, wo es schwere Verluste erlitt.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 579

Von Januar bis April 1942 wurde das Bataillon wieder im rückwärtigen Bereich der Heeresgruppe Mitte im Kampf gegen Partisanen eingesetzt, so im Raum Krytschau. Im Frühjahr 1942 wurde das Polizei-Bataillon mit Kräften des aufgelösten Polizei-Bataillon 308 aufgefüllt und erhielt als neuen Heimatstandort Duisburg.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 579.

Im Mai 1942 wurde das Bataillon ins Generalgouvernement nach Rzeszów verlegt, wo es am 24. Mai eintraf.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 580

Dort räumte das Bataillon am 11., 15. und 18. Juni 1942 das Ghetto in Tarnów, wobei 10.000 Juden in das Vernichtungslager Belzec deportiert wurden. Weitere 10.000 Juden wurden sofort erschossen.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 580

I. Bataillon des Polizei-Regiments 23 Am 9. Juli 1942 wurde das I. Bataillon des Polizei-Regimentes Mitte, des früheren Polizei-Bataillons 307, in I. Bataillon des Polizei-Regimentes 23 umbenannt.

Am 7. und 15. Juli wurden aus dem Ghetto in Reichshof (Rzeszów) 15.000 Juden in das Vernichtungslager Belzec abtransportiert. Schließlich wurde Ende Juli und Anfang August das Ghetto in Przemyśl (Przemyśl) von der deutschen Polizeitruppe geräumt, wobei 10.000 Juden nach Belzec gebracht wurden; einige hundert transportunfähige Juden wurden erschossen.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 582–584.

Am 18. August 1942 verlegte das Bataillon über Minsk nach Glebokie, um gegen Partisanen zum Einsatz zu kommen. In dieser Zeit ermordete das Bataillon belarussische Einwohner und russische Kommissare. Dabei wurde es im Rahmen des Unternehmens Sumpffieber verwendet, das vom 21. August bis 21. September 1942 durchgeführt und in dessen Verlauf 389 Partisanen im Kampf getötet, 1.274 „Verdächtige“ hingerichtet, 8.350 Juden exekutiert und 1.274 Menschen vertrieben wurden.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 584 und 712 Hinter dem Begriff von „Bandenverdächtigen“ verbargen sich jene Menschen, die in den Dörfern des Einsatzgebietes wohnten und willkürlich erschossen wurden.Wolfgang Curilla, Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 720.

Vom 18. November 1942 bis 27. November 1942 war das Bataillon unter Führung der Kampfgruppe von Gottberg im Wald- und Sumpfgebiet um Glebokie im Generalkommissariat Weißruthenien gegen Partisanen eingesetzt (Unternehmen Nürnberg). Dieser Operation fielen 789 Partisanen und 353 „Bandenverdächtige“, 1.826 Juden und 7 Zigeuner zum Opfer. Darüber hinaus wurden drei Ghettos liquidiert, wodurch mindestens weitere 3.800 Juden starben. Mehrere Ortschaften wurden niedergebrannt.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 584 und 717–719.

Ab 10. Dezember bis zum 20. Dezember 1942 nahm das Bataillon am Unternehmen Hamburg teil, das sich gegen Partisanen in einem Gebiet, in dem der Fluss der Schtschara in die Njemen mündet, nahe Slonim. Die Einheit war auch bei diesem Einsatz der Kampfgruppe von Gottberg unterstellt. Insgesamt wurden 1.676 Partisanen, 1.510 „bandenverdächtige“ Personen, 2.658 Juden und 30 Zigeuner durch die Kampfgruppe getötet. In der Zahl der ermordeten Juden sind jene 500 enthalten, die bei der vollständigen Räumung des Ghettos in Slonim hingerichtet wurden.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 584 und S. 719–721. Da bei dem Unternehmen Hamburg Partisanen nach Süden ausweichen konnten, wurde vom 22. bis 25. Dezember 1942 im Rahmen des Unternehmens Altona insbesondere durch das Polizei-Bataillon 307 das Gebiet südlich von Slonim durchsucht. Hierbei wurden 97 Partisanen, 785 „bandenverdächtige“ Personen, 126 Juden und 24 Zigeuner getötet.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 584 und S. 721

Vom 7. Januar 1943 bis 14. Januar 1943 war das Bataillon im Rahmen des Unternehmens Franz eingesetzt, das im Raum Tscherwen – Ossipowitschi gegen Partisanen gerichtet war. Das Bataillon übernahm den Raum von Grodsjanka, einem Dorf 55 Kilometer nordwestlich von Babrujsk. Im Laufe dieser Operation wurden insgesamt 1.143 Partisanen und 882 „Bandenverdächtige“ getötet, etwa 1.000 Menschen zur Zwangsarbeit deportiert und 2.000 Rinder beschlagnahmt.Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrußland 1941–1944, S. 584 und S. 721