mini|hochkant|Arnold Köster (ca. 1940, Archiv der Baptistengemeinde Wien-Mollardgasse) Arnold Köster (* 3. Februar 1896 in Wiedenest im Bergischen Land; † 28. Oktober 1960 in Wien) war ein deutscher baptistischer Prediger, der den Nationalsozialismus öffentlich kritisierte und damit zum christlich geprägten Widerstand gegen diesen gehört.
Kösters Stellungnahmen zum Nationalsozialismus lassen sich seit 1930 in Artikeln in baptistischen Zeitschriften sowie in ungefähr 500 während Österreichs NS-Zeit gehaltenen Predigten nachvollziehen. Seine Bedenken sind also bereits für die Zeit vor der Machtübergabe an Adolf Hitler 1933 nachweisbar, und sie wurden auch noch nach dem Anschluss Österreichs 1938 öffentlich geäußert, als Kösters Wirkungsort Wien bereits zum nationalsozialistischen Machtbereich gehörte.
Jugendzeit, Ausbildung und Heirat Arnold Kösters Eltern waren Ludwig Heinrich Köster (1865–1950) und Emilie, geborene Werkshage (1867–1937). 1910 ließ sich Arnold in Bielefeld von seinem Vater taufen, der als Baptistenprediger wirkte. Nach der Schule absolvierte er eine kaufmännische Lehre. 1914 predigte er erstmals in einer Zweiggemeinde. Im Ersten Weltkrieg wurde er zum Wehrdienst eingezogen. In dieser Zeit fand nach Aussage eines Nachrufs „seine entscheidende Begegnung mit der Bibel statt, die er immer wieder las als die einzige Lektüre seines Soldatenlebens“.Rupert Ostermann im Nachruf in: Der Sendbote. Organ der Nordamerikanischen Baptisten vom 29. Dezember 1960, S. 23f. Zitiert nach Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, S. 20.
Nach Ende des Krieges erhielt er von 1919 bis 1923 am baptistischen Theologischen Seminar in Hamburg seine Ausbildung zum Prediger.Das Entlassungszeugnis vom 4. Juli 1923 gibt seinen Namen mit „Willy Arnold Köster“ an. Für dieses Seminar war Abitur keine Voraussetzung. Der Unterricht war theologisch konservativ – eines der Lehrbücher war Adolf Schlatters Die christliche Ethik –, zeigte aber einige Weltoffenheit. So wurde auch Philosophiegeschichte und deutsche Literaturgeschichte unterrichtet. Es gab intensiven Griechischunterricht; daneben wurde Englisch unterrichtet, nicht aber Hebräisch. Insgesamt lässt sich das Niveau dieses vierjährigen Seminars ungefähr mit einer Fachhochschule vergleichen.Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, 2001, S. 88–92.
Köster benutzte vorwiegend Luthers Bibelübersetzung, bezog sich aber wiederholt auch auf Schlatters Übersetzung des Neuen Testaments (1931). Er sympathisierte mit der deutschen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts und beschäftigte sich mit Otto Stockmayer, der – um 1900 – Bücher über den Heiligen Geist veröffentlichte. Außerdem setzte er sich mit Karl Barth auseinander. Englische Literatur scheint er kaum gelesen zu haben. Die Philosophen Kierkegaard, Nietzsche und Spengler kommen mehrfach in Kösters Predigten vor.Luckey: Nachruf, 1961, S. 14. Wiedergegeben bei Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, 2001, S. 65.
Bei der Abschlussfeier hielt er einen Vortrag zum Thema Antichrist,Dies war einer von drei Vorträgen aus den Reihen der 13 Absolventen. – Jahresbericht 1922/23 des Prediger-Seminars, S. 12. Siehe auch Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, S. 21. ein Thema, das später in seiner Verkündigung wiederholt auftauchte.
Am 12. Juli 1923 heiratete Köster Maria Hornburg (1900–1970). Das Paar bekam in den Jahren 1924–1932 drei Töchter und drei Söhne.
Nach der Seminarzeit war Köster ein Jahr lang Prediger der Gemeinde Wilhelmsburg.Damals Harburg-Wilhelmsburg. – Die Mitgliederstatistik im Gemeindebrief der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Hamburg-Altona vom November 1996, S. 18f. Siehe auch Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, S. 21f. Vom Mitgliederwachstum her gesehen war sein Wirken ein Höhepunkt für diese Gemeinde. Von 1924 bis 1929 war er Prediger in der Kölner Baptistengemeinde, in der „Friedenskapelle“.
Seit 1929 als Prediger in Wien mini|hochkant=2|Anfang und Schluss des von Köster geschriebenen Protokolls der „Allianz-Zusammenkunft“ am 5. März 1934; als Protokollbuch wurde ein Kassabuch verwendet (Archiv der Baptistengemeinde Wien-Mollardgasse)
Aus Köln berief ihn die Wiener Baptisten-Gemeinde in der Mollardgasse 35, damals die einzige selbständige Baptistengemeinde Österreichs. Hier wirkte er 31 Jahre lang als Prediger bis zu seinem Tod. Eine so lange Dauer am selben Dienstort ist bei Baptistenpastoren selten.
Köster engagierte sich in der Evangelischen Allianz in Wien, in der Vertreter von Freikirchen, freien Werken (wie z. B. der Bibelgesellschaft) und einzelne evangelische Pfarrer sowie mehrere Diakonissen regelmäßig zusammentrafen. Während einiger Jahre war Köster Schriftführer; mehrere von ihm geschriebene Sitzungsprotokolle sind erhalten.
1937 brachte die Wiener Zeitung eine Serie von Artikeln über Sekten in Wien. Der Begriff „Sekte“ wurde damals noch sehr weit gefasst. Der Autor Felix Hilke, ein Katholik, besuchte auch die Wiener Baptistengemeinde und hob Kösters hohe Bildung hervor, die der eines katholischen oder protestantischen Geistlichen in nichts nachstehe: „Trotzdem seine Ausdrucksweise nicht ausgesprochen volkstümlich ist, versteht er es, einfache und zu Herzen gehende Worte zu finden.“Wiener Zeitung vom Sonntag, 24. Januar 1937, S. 4. Zitiert nach Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, 2001, S. 24.
NS-Kritik vor 1938 Köster kam bald zu der Einschätzung, dass „Heil“ und „Hitler“ Gegensätze waren. Wenn Politiker versprachen, aus eigener Kraft eine neue, bessere Welt zu schaffen, befürchtete er Unheil. Die folgenden, chronologisch angeordneten Beispiele veranschaulichen seine Kritik am Nationalsozialismus in der Zeit vor dem Anschluss Österreichs. Köster äußerte sich in Artikeln in baptistischen Zeitschriften, die im Deutschen Reich gedruckt wurden (Wahrheitszeuge, Hilfsbote). Der 1930 beginnende, von Köster mitherausgegebene Täufer-Bote wurde in Wien und später in Bukarest gedruckt, hatte aber auch Leser in Deutschland. Die Redaktionen hatten also insbesondere ab 1933 den Nationalsozialismus als Machtfaktor mitzubedenken.
Köster sah 1931 die Heilsversprechen der Nationalsozialisten als Konkurrenz:
Köster war bereits 1932 in der Endphase der Weimarer Republik ein dezidierter Kritiker des Nationalsozialismus, von denen es laut Andrea Strübind im freikirchlichen Umfeld nur sehr wenige gab.Andrea Strübind: „Wir Christen unter Zuschauern“. Die deutschen Baptisten und die Judenverfolgung in der Zeit der NS-Diktatur. In: Daniel Heinz (Hrsg.): Freikirchen und Juden im „Dritten Reich“ (Kirche – Konfession – Religion; 54). V&R unipress, Göttingen 2011, S. 151–181, dort 158. In einer Auslegung über eine prophetische Rede Jesu stellte Köster das Heil-Rufen in Frage: „Darum geht es in diesen Gerichtszeiten für das deutsche Volk und für alle Völker, … vorüberstürmt in verwegenem Trotz und entsetzlicher Selbstvermessenheit heute der Nationalsozialismus, von dem die breiten Massen berauscht und hypnotisiert heute das Heil erwarten. ‚Heil! Heil! – Und ist doch kein Heil!‘“Täufer-Bote Januar 1932, S. 1–3: Artikel mit der Überschrift Wenn doch auch du erkenntest …!, über Jesu Mahnrede an Jerusalem . Zitiert nach Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, S. 140f. Hier zitiert Köster den alttestamentlichen Propheten Jeremia . In Kösters Kritik an der „Selbstvermessenheit“ wird ein wesentliches Merkmal seiner Kritik sichtbar.Ritter in seiner Rezension von Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, in: Theologisches Gespräch 2003, S. 207: „Der Kern seiner Kritik richtet sich gegen die Selbstverherrlichung der NS-Ideologie.“
Ebenfalls 1932 erschien Kösters Artikel über Hakenkreuz und Sowjetstern. Malzeichen des Antichristus!? Dieser Artikel wird auch in der Gesamtdarstellung der Geschichte der deutschen Baptisten von Günter Balders erwähnt.Günter Balders (Hrsg.): Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland. 1934–1984. Festschrift. Oncken, Wuppertal/Kassel 1984, S. 89. Köster bezeichnete beide Symbole als „antichristlich“: Das Hakenkreuz, dem das Sonnenrad zugrunde liege, symbolisiere „Selbsterlösung, Höherentwicklung aus eigener Kraft, Selbstvollendung […] der sprechende Ausdruck für den Glauben des Menschen an sich selbst“. Insofern widerspreche es dem Gedanken, dass alle Menschen der Erlösung durch Jesus Christus bedürften.Wahrheitszeuge vom 11. September 1932, S. 291f. – Enthalten in der Predigtsammlung Lampenlicht am dunklen Ort, 1965, S. 143–148. Auszüge aus diesem Artikel bei Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, 2001, S. 147f. Den Sowjetstern führte Köster auf das Pentagramm zurück, in dem sich „der Glaube an den göttlichen Menschen“ ausdrücke, an seine Fähigkeit, „aus eig’ner Kraft heraus“ „diese Erde zum Paradies“ zu gestalten. Ausgehend von der Offenbarung des Johannes schloss Köster, „daß das Symbol des Antichristus das Zeichen des Menschen ist, d. h. jenes Zeichen, in dem der Mensch an sich selbst glaubt und sich selbst verkündigt als – Gott.“ Somit hält er beide Zeichen für gegengöttlich und antichristlich. In diesem Artikel Kösters sieht Strübind eine „eindeutige Entlarvung der Ideologie des Nationalsozialismus“.Strübind: unfreie Freikirche, S. 65.
Manchmal beschrieb Köster seine Aufgabe als Prediger; einmal hob er die Wichtigkeit hervor, sich zurückzuziehen, um besser auf Gott hören zu können. Im Jahr 1933 schrieb er, ein Prediger müsse den Mut aufbringen, „auch einmal einen ganzen Tag hinter seiner Bibel zu sitzen mitten im Hochbetrieb des Gemeindelebens“, sonst werde sein Wirken unfruchtbar.Täufer-Bote vom August 1933, S. 3. Da Köster das Predigen als prophetische Aufgabe verstand, sind solche Hinweise aufschlussreich. Einen Artikel aus dem Täufer-Boten vom Mai 1933 über die nationale Revolution in Deutschland schreibt Andrea Strübind irrtümlich Köster zu.Andrea Strübind: Unfreie Freikirche, S. 79. Der Autor Johannes Fleischer war gegenüber dem Nationalsozialismus ebenfalls kritisch eingestellt. Er präsentierte oft konkrete politische Diagnosen, während Köster sich eher auf Grundsätzliches konzentrierte.
Köster sprach sich in einem 1934 veröffentlichten Artikel zum Thema gegen die Betonung der Rassen-Unterschiede aus: „Der Heilige Geist zeigt uns im Menschen den Bruder … Was bedeuten ihm soziale und rassische Unterschiede! ‚Sie sind allzumal Einer in Christo.‘“Arnold Köster: Der Geist – das göttliche Lebenselement der Gemeinde. In: Wahrheitszeuge vom April 1934, Nr. 15, S. 117–119. Damit stellte sich Köster in Gegensatz zu einem wesentlichen nationalsozialistischen Kennzeichen, nämlich der Betonung von Rassismus und Antisemitismus.
NS-Kritik ab 1938 Anschluss Österreichs 1938 Im März 1938 erzwangen die Nationalsozialisten den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Dies fand breite Zustimmung bei den österreichischen Kirchenleitungen. Bei den Protestanten trug zu dieser Zustimmung ihre Benachteiligung bei, die sie zuvor während der Schuschnigg-Ära erlebt hatten. Auch Köster äußerte sich erleichtert, weil er bis dahin aufgrund der inneren politischen Konflikte Österreichs den Ausbruch eines Bürgerkrieges befürchtet hatte. In einem Artikel vom April 1938 erwähnt er zudem, dass ihm in Gesprächen mit vielen Österreichern wiederholt „das große Heimweh nach Deutschland“ begegnet war.Wahrheitszeuge, Jg. 60, vom 24. April 1938, S. 130f. Auszüge in der Dokumentation Konkurrenz … 1938 bis 1940, 1996, S. 144–148; ein kurzer Abschnitt auch bei Graf-Stuhlhofer: Öffentliche Kritik, 2001, S. 61f. Der Anschluss erschien ihm daher als die Erfüllung eines Wunsches der überwiegenden Mehrheit der Österreicher. Köster blickt weit in die Geschichte Österreichs zurück und erwähnt den katholisierenden Gewissensdruck, wie er an der Verfolgung und Vertreibung von Täufern sowie Salzburger Protestanten zum Ausdruck kam, und die Spätfolgen für die österreichische Bevölkerung: