Unter dem Verleihtitel Verliebt in scharfe Kurven kam die 1962 entstandene italienische Filmkomödie Il sorpasso in der Bundesrepublik Deutschland in die Kinos. Der Originaltitel des Spielfilms bezeichnet wörtlich „Das Überholen“. Am ursprünglich von Ettore Scola und Ruggero Maccari verfassten Drehbuch schrieb auch der Regisseur des Films, Dino Risi, mit. Vittorio Gassman und Jean-Louis Trintignant spielen zwei charakterlich grundverschiedene Männer. Aus ihrer Gegensätzlichkeit erwächst ein Humor, der mit einer tiefen Tragik grundiert ist. Das Werk porträtiert Italien auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders in der Nachkriegszeit, seinen Wandel zu einer Konsumgesellschaft sowie das Bröckeln althergebrachter Vorstellungen von Ehe, Familie und des Patriarchats. Gegenüber der Konsumorientierung und insbesondere der Popularisierung des Autos nimmt es eine skeptische Haltung ein. In Italien die besucherstärkste einheimische Produktion seines Jahrgangs, ist der Film ein zentrales Werk der Commedia all’italiana und gilt als künstlerisch gelungenstes Werk Risis.

Handlung mini|links|Bruno fährt einen Lancia Aurelia Convertibile GT 2500 Im Hochsommer, am Festtag Ferragosto, sind die Straßen Roms beinahe entvölkert und alle Läden geschlossen. Bruno, etwa vierzig Jahre alt, kurvt mit seiner Lancia Aurelia Convertibile umher, auf der Suche nach einem Zigarettenautomaten und einem Telefon. Er möchte einer mit ihm verabredeten Frau mitteilen, dass er sich verspätet. Im offenen Fenster eines Wohnhauses entdeckt er einen jungen Mann, der ihm die Benutzung seines Telefons erlaubt. Roberto ist Student der Jurisprudenz und paukt für die anstehenden Prüfungen. Da Brunos Verabredung geplatzt ist, überredet er den zögernden Roberto, mit ihm eine Runde zu fahren, um etwas zu trinken.

Sie fahren auf der Via Aurelia entlang der tyrrhenischen Küste und lernen sich ein wenig kennen. Die Suche nach einem offenen Lokal und die Verfolgung zweier deutscher Touristinnen führen das ungleiche Paar immer weiter von Rom weg. Bruno gibt sich großzügig und „lädt“ Roberto wiederholt zum Essen oder auf ein Getränk ein, „leiht“ sich dann aber vom Studenten das jeweils notwendige Geld, um die Rechnungen zu begleichen. Brunos einziger Besitz von Wert scheint sein elegantes, doch lädiertes Sportcabrio zu sein. Luxus und Fetisch zugleich, ist es mit Schallplattenspieler und Fanfaren-Hupe ausgestattet. Mit Edoardo Vianellos Sommerhit Guarda come dondolo (etwa: „Schau mal, wie ich swinge“) auf den Lippen, jagt Bruno durch die Gassen Roms, rast hupend, mit 120 km/h und mehr, auf den Überholspuren der Landstraßen und verspottet dabei langsamere Verkehrsteilnehmer. Im Laufe des Tages muss Bruno jedoch mehrmals die verschmutzten Zündkerzen wechseln, vermutlich, weil er selbst nicht fähig ist, sein Auto selbst zu warten oder weil ihm das Geld für einen Werkstattbesuch fehlt.

Laut eigener Aussage bestreitet Bruno seinen Lebensunterhalt, offenkundig mehr schlecht als recht, als Zwischenhändler von Dingen, die gerade „Konjunktur haben“: Antike Möbel, aber auch eine Ladung Kühlschränke, die bei einem Verkehrsunfall beschädigt wurden, dessen Zeugen er und Roberto unterwegs geworden sind. Ein Blick auf das, mit einer Plane abgedeckte, tote Unfallopfer lässt Bruno nur kurz innehalten. Ein hinter der Frontscheibe seines Wagens provisorisch befestigtes Schild mit der Aufschrift Camera Deputati scheint ihn als Parlamentsabgeordneten auszuweisen, dient aber wohl eher als Täuschungsmanöver, um bei seinen zahlreichen Verkehrsverstößen die Polizei zu beeindrucken.

Bei einer Fischsuppe in Civitavecchia offenbart Bruno einmal mehr seine lockeren Ansichten in Sachen Liebe und Sexualität, während Roberto in dieser Hinsicht konservativ, ja geradezu verklemmt denkt. Bruno hingegen verkehrt auch mit billigen Straßenmädchen, die für ihre Dienste kaum mehr als 2000 Lire verlangen (zum Vergleich: Im Film kosten eine Tankfüllung 3000 Lire und ein Glas Cynar 1000 Lire). Kurz darauf nimmt sich Bruno ein Zimmer zur Siesta, will dort aber die Kellnerin verführen. Die junge Frau scheint allerdings ein Auge auf Roberto geworfen zu haben. Dieser, der seine Chancen bei Frauen entweder nicht erkennt oder zurückschreckt, diese wahrzunehmen, nutzt die Gelegenheit, sich von Bruno abzusetzen. Er will nun auf eigene Faust im nahen, ländlichen Grosseto seinen Onkel und mehrere Tanten besuchen. Bruno greift Roberto unterwegs auf und berichtet, dass ihn die Bedienung abgewiesen hat. Als er lachend den Verdacht äußert, dass Roberto ihn habe loswerden wollen, verneint dieser wahrheitswidrig. Darauf erklärt ihm Bruno, dass er ihn mag und fährt ihn nun zu den Verwandten. Bei ihnen verbrachte Roberto in seiner Kindheit vermeintlich glückliche Tage, hat sich aber seit Jahren nicht mehr bei Onkel und Tanten gemeldet. Kaum in dem schlossähnlichen Anwesen angekommen, nimmt Bruno die dortigen Verhältnisse mit dem ungetrübten Blick des Fremden war. Beispielsweise identifiziert er den effemierten Hauswirtschafter sofort als Homosexuellen, wozu auch dessen Spitznamen „Occhiofino“ beiträgt (ein Wortspiel mit dem ital. Begriff Finocchio, der übersetzt Fenchel bedeutet, aber auch Schwuchtel). Robertos als Anwalt tätigen Cousin Alfredo, der mit seiner schönen Frau und seinem neuen Fiat 1500 protzt, entlarvt Bruno als ein „Kuckuckskind“: Allem Anschein nach sei nicht Robertos Onkel dessen Erzeuger, sondern der anwesende Gutsverwalter, dessen Augen und Gestik jener des Cousins verblüffend ähnelten. Dank seines extrovertierten Charismas steht der Neuankömmling Bruno rasch im Mittelpunkt des Interesses und darf sich ein Verhalten erlauben, dass bei Roberto früher nie toleriert worden war. Dennoch fühlt sich Bruno bald angeödet und drängt zum Aufbruch. Roberto hat unterdessen erkannt, wie unzutreffend seine Kindheitserinnerungen und sein Bild der Familie gewesen sind, und bekommt Zweifel an seiner Lebensweise.

miniatur|Der Strand von Viareggio auf einer Postkarte von 1955 Beim Halt in einer Kleinstadt trennen sich fürs Erste die Wege der beiden: Bruno ist in die Arme eines Auftraggebers gelaufen, von dem er vor einiger Zeit einen Vorschuss kassierte, dann aber untertauchte. Nun muss er sich der Abendgesellschaft des nur Commendatore Genannten anschließen, um die Wogen zu glätten. Das hindert ihn allerdings nicht, mit Carla, der Begleitung seines Gläubigers, anzubandeln. Roberto begibt sich zum Bahnhof, muss aber feststellen, dass der nächste Zug nach Rom erst am nächsten Morgen abfährt. In einer jungen Frau glaubt er seine Nachbarin zu erkennen, in die er heimlich verliebt ist, mit der er aber noch nie ein Wort gewechselt hat. Nun fasst er sich ein Herz, nur um festzustellen, dass er einer Verwechslung aufgesessen ist. Trotzdem lässt sich die junge Frau, die offenbar Gefallen an Roberto findet, auf ein Gespräch mit ihm ein, wird dann aber von ihrem Bruder abgeholt. Roberto kehrt nun zu jenem Lokal zurück, in das sich Bruno mit seinem Gläubiger begeben hat. Auch hier wirft ihm eine am Nebentisch sitzende, attraktive junge Frau auffordernde Blicke zu, doch Roberto bleibt passiv. Kurz darauf wird Bruno von zwei Insassen eines Fiat 600 in eine Schlägerei verwickelt, die er kurze Zeit vorher, während eines aggressiven Überholmanövers, in Rage versetzt hat. Der Tumult lässt den Commendatore mit seiner Entourage die Flucht ergreifen, so dass Bruno um weitere Rechtfertigungen gegenüber seinem Gläubiger herumkommt.

Roberto hilft Bruno und steigt damit weiter in Brunos Ansehen. Nun brechen sie zu Brunos Ehefrau Gianna auf. Beide lernten einander, mit Anfang 20, 1945 kennen, als Bruno Gianna noch zu beeindrucken vermochte, indem er als falscher Marineoffizier auftrat. Als Gianna schwanger wurde, erfolgte die Hochzeit. Jetzt leben beide schon lange getrennt. Die von Gianna gewünschte Annullierung der Ehe hatte Bruno einst hintertrieben (Ehescheidungen wurden in Italien erst ab 1970 möglich). Die 600.000 Lire, die ihm Gianna für das Annullierungsprozedere gab, nutzte er für eigene Zwecke. Bruno unterhält noch losen Kontakt zu seiner Frau, hat aber sie und die gemeinsame, inzwischen 15-jährige Tochter Lilli zuletzt vor drei Jahren gesehen. Die resolute Gianna führt längst ein selbstbestimmtes Leben als Modezeichnerin. Sie arbeitet in Pisa, verbringt jedoch den Sommer in einem eigenen, modernen Landhaus. Bruno erfährt, dass Lilli mit einem nur „Bibi“ genannten Industriellen verlobt ist, der vom Alter her ihr Großvater sein könnte. Lilli mag, aber liebt Bibi nicht, schätzt an ihm aber, dass er ihr berufliches Fortkommen unterstützen will und ihr ein geordnetes Leben in Wohlstand verspricht. Bruno behagen Lillis Pläne nicht und er versucht, seine vermeintlichen Rechte als Vater und Ehemann auszuspielen. Er scheitert indes kläglich am selbstbewussten Verhalten von Mutter und Tochter. Als Gianna später auch noch einen sexuellen Annäherungsversuch Brunos zurückweist, bläst der frustriert zum Aufbruch. Schließlich verbringen er und Roberto die Nacht am Meer, in zwei Strandliegen.

Nach ihrem morgendlichen Erwachen geraten die beiden Männer in eine ausgelassene Badegesellschaft, zu der zufälligerweise auch Brunos Frau, Tochter und deren Verlobter stoßen. Gemeinsam verbringen sie den halben Tag am und auf dem Wasser. Bruno fährt Wasserski und gewinnt beim Pingpong gegen Lillis Verlobten Bibi 50.000 Lire, so dass er seine 10.000 Lire Schulden bei Roberto begleichen kann. Roberto findet den Mut, das Mädchen aus seiner Nachbarschaft, in das er verliebt ist, das er aber nie angesprochen hat, in ihrem Ferienort Viareggio anzurufen. Man teilt ihm mit, dass sie erst am Abend erreichbar sein wird. Spontan erklärt sich Bruno bereit, Roberto zu ihr zu fahren.

Unterwegs verkündet Roberto, er habe soeben die besten zwei Tage seines Lebens verbracht. Nun feuert er begeistert Bruno hinter dem Lenkrad an. Als der an einem steilen Abschnitt der Küstenstraße bergauf einen Fiat 2300 S Coupé zu überholen versucht, findet Brunos Wagen seinen Meister. Aufgrund der verschmutzten Zündkerzen kann Bruno nicht ausreichend beschleunigen, er gerät auf die Gegenfahrbahn, wo ihn ein entgegenkommender Laster zum Ausweichen zwingt. Bruno gelingt es gerade noch, aus dem Fahrzeug springen, bevor es die Klippen hinabstürzt und Roberto in den Tod reißt.

Figuren, Form und Themen Bruno und Roberto