mini|Edward Witten an der Technischen Hochschule Chalmers, Göteborg, Schweden (2008) Edward „Ed“ Witten (* 26. August 1951 in Baltimore, Maryland) ist ein US-amerikanischer Mathematiker und Physiker. Er ist vor allem bekannt als einflussreicher und vielzitierter Wissenschaftler im Bereich der Stringtheorien und Quantenfeldtheorien und zugehöriger Gebiete der reinen Mathematik. Im Jahr 1990 erhielt er als erster Physiker die Fields-Medaille, eine der höchsten mathematischen Auszeichnungen.

Leben Witten, der Sohn des Physikers Louis Witten, studierte zunächst Geschichte an der Brandeis University mit dem Bachelor-Abschluss 1971. Dann ging er an die Princeton University, wo er 1974 einen Master of Arts in Physik erhielt und 1976 bei David Gross promoviert wurde (Titel der Dissertation: Some problems in the short distance analysis of gauge theories). 1976 ging er als Post-Doc an die Harvard University, wo er 1977 bis 1980 Junior Fellow war. 1980 wurde er Professor in Princeton und 1987 Charles-Simonyi-Professor für Mathematische Physik am Institute for Advanced Study in Princeton. Seit Juni 2022 ist er Prof. Emeritus.

Im Oktober 2016 veröffentlichte Witten gemeinsam mit Todd Gitlin, Peter Beinart, Michael Walzer, Adam Hochschild u. a. einen offenen Brief im New York Review of Books, der zu einem gezielten Boykott israelischer Siedlungen in den besetzten Gebieten auffordert.For an Economic Boycott and Political Nonrecognition of the Israeli Settlements in the Occupied Territories, New York Review of Books, 13. Oktober 2016; Over 70 American Intellectuals Call for 'Targeted Boycott' of Israeli Settlements, Haaretz, 25. September 2016.

Witten ist seit 1979 mit der italienischen Physikerin Chiara Nappi verheiratet. Das Paar hat drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn (Daniela, Ilana und Rafael). Witten hat insgesamt vier Geschwister, drei Brüder und eine Schwester. Sein Bruder Matt Witten ist TV-Drehbuchschreiber und Produzent (u. a. Dr. House).

Sein Hobby ist das Tennis-Spiel.

Witten ist Agnostiker. Gegenüber seiner jüdischen Herkunft erklärte er 2010 in einem Interview: „Ich fühle mich emotional verbunden mit der jüdischen Tradition, in der ich aufgewachsen bin, aber ich nehme den Wahrheitsgehalt meiner eigenen Tradition oder anderer religiöser Traditionen nicht ernst.“ In einem Interview aus dem Jahr 2017 antwortete er auf die Frage, ob er eine Vorstellung vom Sinn des Lebens habe, mit „Nein“.

Wissenschaftliches Werk Edward Witten hat viele bedeutende Beiträge zur Physik und Mathematik geleistet. Am bekanntesten sind seine grundlegenden Arbeiten zur Stringtheorie der 1980er Jahre (er ist mit Michael Green und John Schwarz Autor des zweibändigen Standardwerks Superstrings von 1986), doch er war auch maßgeblich an der „Zweiten Superstring-Revolution“ in den 1990er Jahren beteiligt, der Entdeckung von Dualitäts-Zusammenhängen zwischen den verschiedenen damals bekannten Superstring-Theorien und ihrer Lösungen. Die Liste seiner wichtigen Arbeiten auf diesem Gebiet ist sehr lang.

Den letzten Schritt zu einer Vereinheitlichung der fünf verschiedenen Superstringtheorien und der elfdimensionalen Supergravitation in der M-Theorie legte er 1995 in einer Vorlesung an der University of Southern California dar. Die M-Theorie, die zurzeit noch nicht experimentell überprüft werden kann, wird von Stringtheoretikern als derzeit aussichtsreichster Kandidat für eine vereinheitlichende Theorie angesehen, welche die Quantenmechanik und die allgemeine Relativitätstheorie vereinen könnte. In Zusammenarbeit mit Petr Hořava entstand bei der Untersuchung von Anomalien der M-Theorie die Hořava-Witten-Theorie.

mini|Edward Witten bei einem Vortrag an der Technischen Hochschule Chalmers

Die Mathematiker beeindruckte Witten in den 1980er-Jahren durch neue Ideen für Knoteninvarianten (aus der Integration von Chern-Simons-Formen in den entsprechenden Quantenfeldtheorien)E. Witten: Quantum Field Theory and the Jones Polynomial. Comm. Math. Phys., Band 121, 1989, S. 351, Project Euclid und andere neue topologische Strukturen, die sich aus der Übertragung von Ideen der Quantenfeldtheorie ergeben (topologische QuantenfeldtheorienWitten, Topological Quantum Field Theory. Comm. Math. Phys., Band 117, 1988, S. 353–386, Project Euclid und andere). Auch die Invarianten von Simon K. Donaldson und Andreas Floer, siehe Donaldson-Invarianten, werden so neu interpretiert. Er erhielt dafür 1990 die Fields-Medaille. Insbesondere untersuchte er auch exakt lösbare Modelle von Yang-Mills-Theorien mit Nathan Seiberg, siehe Seiberg-Witten-Theorie. In „Supersymmetry and Morse theory“Witten, Supersymmetry and Morse Theory. J. Diff. Geom., Band 17, 1982, S. 661–692, Project Euclid leitete er 1982 die Morse-Ungleichungen aus der supersymmetrischen Quantenmechanik ab (diese Ideen führten kurze Zeit später auch zu neuen Beweisen des Atiyah-Singer-Indextheorems). 2007 brachte er mit Anton Kapustin das geometrische Langlands-Programm mit S-Dualität in Verbindung, siehe Kapustin-Witten-Theorie.Kapustin, Witten, Electric-magnetic duality and the geometric Langlands program, Communications in Number Theory and Physics, Band 1, 2007, S. 1–236, Arxiv Aus ähnlichen Überlegungen entstand zudem die Vafa-Witten-Theorie.

1981 gab er einen vereinfachten Beweis der Positivität der Energie in der Allgemeinen Relativitätstheorie (ursprünglich 1979 von Shing-Tung Yau und Richard Schoen bewiesen).Witten A simple proof of the positive energy theorem, Commun. Math. Phys., Band 80, 1981, S. 381–402.

Auszeichnungen 1982 war Witten MacArthur Fellow. Im Jahre 1985 wurde er mit der Dirac-Medaille (ICTP) und der Albert-Einstein-Medaille ausgezeichnet; 1990 erhielt er als erste Person ohne Promotion in Mathematik die Fields-Medaille, dies gelang später nur noch Martin Hairer. Witten erhielt 2000 den Nemmers-Preis für Mathematik, 2001 den Clay Research Award und 2004 die National Medal of Science. 2006 erhielt er den Henri-Poincaré-Preis. 2002 hielt er einen Plenarvortrag auf dem Internationalen Mathematikerkongress (ICM) in Peking (Singularities in String Theory) und 1986 war er Gastredner auf dem ICM in Berkeley (Physics and Geometry). 2010 wurde er mit der Lorentz-Medaille und der Isaac-Newton-Medaille ausgezeichnet. 2012 erhielt er den Fundamental Physics Prize, 2014 den Kyoto-Preis und 2016 den Albert Einstein World Award of Science sowie die APS Medal for Exceptional Achievement in Research. Für 2023 wurde Witten der Hamburger Preis für Theoretische Physik zugesprochen. 2024 wurde er mit dem Basic Science Lifetime Award for Theoretical Physics ausgezeichnet.Basic Science Lifetime Award 2024

Witten ist Fellow der American Mathematical Society und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences (1984), der National Academy of Sciences (1988), der American Philosophical Society (1993), der Royal Society (1999), der Académie des sciences und der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. 2019 wurde er Ehrenmitglied der London Mathematical Society.

Namensgebungen Nach Michail Gromow und Edward Witten wurde die Gromov-Witten-Invariante bezeichnet. Der Asteroid des inneren Hauptgürtels (11349) Witten wurde am 26. Juli 2000 nach Edward Witten benannt.

Siehe auch

Seiberg-Witten-Gleichungen Seiberg-Witten-Invariante Seiberg-Witten-Modulraum Seiberg-Witten-Fluss

Schriften (Auswahl) mit Michael Boris Green, John Schwarz: Superstring Theory (2 Bände), Cambridge University Press, 1987 1. Introduction. Cambridge u. a., ISBN 0-521-32384-3, ISBN 0-521-35752-7. 2. Loop amplitudes, anomalies and phenomenology. Cambridge u. a., ISBN 0-521-32999-X, ISBN 0-521-35753-5. mit Pierre Deligne und anderen: Quantum Fields and Strings: A Course for Mathematicians, 2 Bände, American Mathematical Society 1999 Herausgeber mit Bruno Zumino, Sam Treiman, Roman Jackiw: Current Algebra and Anomalies, World Scientific 1985

Sekundärliteratur Ludwig Faddejew, Michael Atiyah: On the Work of Edward Witten in Ichirō Satake (Hrsg.): Proceedings of the International Congress of Mathematicians, August 21–29, 1990, Kyoto, Japan, Springer, 1991 (englisch; Laudatio für Fields-Medaille 1990; online) Ich bevorzuge Einsteins Vision. Interview mit Rüdiger Vaas in bild der wissenschaft Nr. 5 (2013), S. 58–60.

Weblinks

Homepage von Edward Witten am Institute for Advanced Study, mit einigen seiner populäreren Arbeiten

Hier finden sich auch einige ältere Preprints vor 1990

Laudatio von Jaffe anlässlich der Verleihung des Poincare Preises 2006 Natalie Wolchover, A Physicist’s Physicist Ponders the Nature of Reality, Interview mit Witten, Quanta Magazine, 28. November 2017 Edward Witten in der Datenbank zbMATH

Einzelnachweise

Kategorie:Physiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Mathematiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Absolvent der Princeton University Kategorie:Hochschullehrer (Princeton University) Kategorie:Hochschullehrer (Institute for Advanced Study) Kategorie:MacArthur Fellow Kategorie:Fellow der American Physical Society Kategorie:Mitglied der Académie des sciences Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Sciences Kategorie:Mitglied der American Philosophical Society Kategorie:Mitglied der National Academy of Sciences Kategorie:Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Auswärtiges Mitglied der Royal Society Kategorie:Fellow der American Mathematical Society Kategorie:Ehrenmitglied der London Mathematical Society Kategorie:Kyoto-Preisträger Kategorie:Person als Namensgeber für einen Asteroiden Kategorie:Träger der National Medal of Science Kategorie:Träger der Fields-Medaille Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1951 Kategorie:Mann