mini|Sullam al-Atfāl fī Buyū‘ al-Ājāl (‚Führer für Anfänger in Handelstransaktionen‘) wurde von Ahmad ibn Bawd ibn Muhammad al-Fulānī im 19. Jahrhundert in Reimform verfasst, um es leichter memorieren zu können; arabisches Manuskript, TimbuktuKnappe Erläuterung und Link zum Digitalisat mini|Karte Malis mini|Sitzende Figur, Binnendelta des Niger, 13. Jahrhundert, Metropolitan Museum. Die meisten dieser Figurinen stammen aus Raubgrabungen, die vom Kunstmarkt befeuert werden, und die das kulturelle Erbe Malis gefährden. mini|Djinguereber-Moschee in Timbuktu aus dem 14. Jahrhundert (nicht dem 11. Jahrhundert, wie die Postkarte vermerkt), François-Edmond Fortier 1905/06
Die Geschichte Malis umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Mali und historischer malischer Reiche von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die vorschriftliche Geschichte Malis reicht derzeit etwa 150.000 Jahre zurück, während schriftliche Quellen erst mit der Islamisierung ab dem 8. bis 11. Jahrhundert einsetzen. Dabei war die Besiedlung vor dem Beginn der produzierenden Lebensweise und auch lange Zeit danach in überaus hohem Maße von der stark schwankenden Ausdehnung der Sahara abhängig. Ab etwa 9500 v. Chr. stellten Jäger und Sammler Keramik her, später wurden Rinder domestiziert und Schafe und Ziegen aus Westasien eingeführt. Um 2000 v. Chr. lebte man im Süden des Landes ganz überwiegend vom Ackerbau, insbesondere von Hirse und anderen Grassamen; nach 800 v. Chr. kam Reis hinzu. Im Binnendelta des Niger entstand aus eigener Wurzel eine Stadtkultur um 300 v. Chr., wobei die Stadt Djenne-Djeno bis zu 33 ha groß wurde, der Dia-Komplex umfasste etwa 100 ha.
Möglicherweise seit den Phöniziern, dann den Römern betrieben Berber einen Etappenhandel durch die Sahara, der sich mit dem zeitlich nicht näher bestimmbaren Entstehen des Ghanareiches intensiviert haben dürfte. Dabei spielte zunächst Gold eine wesentliche Rolle. Innerislamische Richtungskämpfe zwischen Berbern und Arabern brachten zahlreiche muslimische Flüchtlinge nach Mali, zugleich wird der Handel mit Gold deutlicher fassbar.
Im 11. bis 13. Jahrhundert konvertierten die einflussreichsten Könige der Region zum Islam, was im Widerspruch zur angeblichen militärischen Unterwerfung der Region stand, mit der die Sklavenjagd gerechtfertigt wurde. Berühmt wurde das gleichfalls auf der lokalen Goldgewinnung basierende Malireich, dessen Goldtransaktionen eine solche Größenordnung aufwiesen, dass sie das mittelmeerische Münz- und damit das Handelssystem ins Wanken brachten. Auch kulturell und politisch wurde das Reich zu einem der bedeutendsten Zentren der Alten Welt. Mitte des 14. Jahrhunderts machte sich das Songhaireich von Mali unabhängig und dominierte bis 1591 den Großraum.
Diese Vorherrschaft endete durch einen Feldzug Marokkos, das Gao und Timbuktu eroberte und den Gold- und Salzhandel für kurze Zeit kontrollierte. Die entstehenden Kleinreiche konnten infolgedessen immer weniger am Transsaharahandel partizipieren, der sich ostwärts verlagerte. Zugleich wuchs der technologische, organisatorische und finanztechnische Rückstand gegenüber dem Norden und vor allem denjenigen Ländern, die den Atlantikhandel dominierten, weiter. Mit dem ökonomischen Niedergang nahm der Sklavenhandel zu, der sowohl von Arabern als auch von den frühkolonialen Mächten angetrieben wurde. Die fehlenden staatlichen Strukturen in weiten Teilen des Landes spielten weniger formellen Verbänden, wie den Sufi-Orden in die Hände, vor allem der Qādirīya und der Tidschānīya, die zunehmend den Handel und das Geistesleben kontrollierten. ʿUmar Tall, wichtigster Vertreter der Tidschānīya, begann ab 1851 einen „heiligen Krieg“ (Dschihad) gegen seine Nachbarn, wobei er mit den Franzosen im Senegal in Konflikt geriet. Zugleich aber erlangten die Richter von Timbuktu, die dem neuen Herrn skeptisch gegenüberstanden, weit über Mali hinausreichenden Einfluss.
1883 besetzten französische Truppen Bamako, das erst durch die Kolonialmacht zum Mittelpunkt Malis wurde, 1894 folgte Timbuktu. Hinter dieser Expansion stand das Vorhaben, die anderen Kolonialmächte aus der Region abzudrängen, angetrieben durch Kaufleute aus Bordeaux, die am Handel in Westafrika interessiert waren. Neben der administrativen Durchdringung, die die lokalen Honoratioren im Amt beließ oder neue gegen die etablierten ausspielte, stellten Forts die französische Herrschaft ebenso sicher, wie Eisenbahn- und Schiffsverbindungen. Die Bevölkerung wurde durch Steuern, mitunter auch durch Zwangsarbeit dazu gebracht, an öffentlichen Arbeiten teilzunehmen und Produkte für den internationalen Markt herzustellen. Die entsprechenden bürgerlichen Rechte wurden den Bewohnern jedoch bis kurz vor der Unabhängigkeit im Jahr 1960 vorenthalten.
Der Staat Mali ist wie die meisten Staaten Afrikas in seiner heutigen Form erst aufgrund kolonialer Grenzziehungen entstanden. Von 1960 bis 1991 herrschte dort ein zunächst marxistisch orientiertes Einparteien-Regime, das ab 1992 durch gewählte Regierungen und durch ein Parteiensystem abgelöst wurde. Auseinandersetzungen mit den im Norden lebenden Tuareg führten immer wieder zu Aufständen, doch erst das Auseinanderbrechen Libyens und die Intervention verschiedener terroristischer Organisationen führten zum Bürgerkrieg, in dessen Verlauf es in Timbuktu zu erheblichen Zerstörungen am Weltkulturerbe kam. 2013 griff Frankreich auf Seiten der Regierung in den Krieg ein, später kamen deutsche Soldaten hinzu. Mali gehört dabei zu den ärmsten Ländern der Welt.
Ur- und Frühgeschichte Paläolithikum mini|Dogon-Dorf am Fuß der Felsen von Bandiagara
Die Sahara war vielfach trockener, aber auch über lange Zeiten regenreicher als heute. So war sie vor 325.000 bis 290.000 und vor 280.000 bis 225.000 Jahren ein für Menschen unbewohnbarer Ort, sieht man von günstigen Stellen, wie dem Tihodaïne-See am wasserspeichernden Tassili n'Ajjer ab.Ouardia Oussedik: Les bifaces acheuléens de l’Erg Tihodaine (Sahara Central Algérien): analyse typométrique, in: Libyca 20 (1972) 153-161. In diesen und weiteren Trockenphasen dehnte sich die Wüste mehrfach weit nach Norden und Süden aus; ihre Sanddünen finden sich weit jenseits der heutigen Grenzen der Sahara. Mit menschlichen Spuren ist also nur in den regenreicheren Grünphasen zu rechnen. Möglicherweise durchquerten anatomisch moderne Menschen (auch archaischer Homo sapiens genannt), die sich vielleicht in der besagten isolierten Phase vor 300.000 bis 200.000 Jahren südlich der Sahara entwickelten, bereits in der langen Grünphase vor über 200.000 Jahren das zu dieser Zeit gewässerreiche Gebiet. Auch vor etwa 125.000 bis 110.000 Jahren existierte ein ausreichendes Wasserwegenetz, das die Ausbreitung zahlreicher Tierarten nach Norden ermöglichte, denen menschliche Jäger folgten. Dazu trugen riesige Seen bei, wie der Mega-Tschadsee, der zeitweise über 360.000 km² umfasste.S. J. Armitage, N. A. Drake, S. Stokes, A. El-Hawat, M. J. Salem, K. White, P. Turner, S. J. McLaren: Multiple phases of North African humidity recorded in lacustrine sediments from the Fazzan Basin, Libyan Sahara, in: Quaternary Geochronology 2,1-4 (2007) 181–186. Hingegen dehnte sich die Wüste vor 70.000 bis 58.000 Jahren wieder weit nach Norden und Süden aus und dürfte damit einen schwer zu überwindenden Riegel dargestellt haben. Erneut folgte eine grüne Phase vor 50.000 bis 45.000 Jahren.Isla S. Castañeda et al.: Wet phases in the Sahara/Sahel region and human migration patterns in North Africa. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 106,48 (2009) 20159–20163, doi:10.1073/pnas.0905771106.
In Mali ist die Fundsituation ungünstiger als bei den nördlichen Nachbarn. Grabungen am Fundkomplex OunjougouDas Projekt Peuplement humain et paléoenvironnement en Afrique begann 1997 in Ounjougou (Pays dogon – Mali). auf dem Dogon-Plateau bei Bandiagara ergaben, dass nunmehr nachweislich bereits vor mehr als 150.000 Jahren Jäger und Sammler in der Region lebten. Gesichert sind Datierungen aus der Zeit zwischen 70.000 und 25.000 Jahren vor heute. Das Paläolithikum endete in Mali sehr früh, weil es nach diesem Abschnitt vor 25.000 bis 20.000 Jahren zu einer weiteren extremen Trockenphase kam, dem Ogolien. Als sich gegen Ende der letzten Kaltzeit die Tropen um 800 km nordwärts ausdehnten, verwandelte sich die Sahara abermals in eine fruchtbare Savannenlandschaft.Stefan Kröpelin et al.: Climate-Driven Ecosystem Succession in the Sahara: The Past 6000 Years. In: Science, 320,5877 (2008) 765–768, doi:10.1126/science.1154913.
Neolithikum mini|Blick auf einen Teil des Komplexes archäologischer Fundstätten bei Ounjougou im Yamétal bei Bandiagara
Nach dem Ende des letzten Ausdehnungsmaximums der nördlichen Eismassen gegen Ende der letzten Kaltzeit war das Klima von sehr viel höherer Feuchtigkeit gekennzeichnet als heute. Dabei entstand durch den Niger ein gewaltiger Binnensee im Raum um Timbuktu und Araouane sowie ein ähnlich großer See im Tschad. Gleichzeitig entstanden Savannenlandschaften und im Norden Malis eine Landschaft, vergleichbar der, die heute den Süden kennzeichnet. Diese um 9500 v. Chr. einsetzende feuchte Phase nach der Jüngeren Dryaszeit, einer kalten Periode nach der letzten Kaltzeit, wurde um 5000 v. Chr. zunehmend von einer immer trockeneren Phase abgelöst.
Das Neolithikum, die Zeit, in der die Menschen ihre Lebensmittel zunehmend selbst produzierten, statt sie, wie bisher, zu jagen, zu fischen oder zu sammeln, entwickelte sich während dieser Feuchtphase. Diese wird üblicherweise in drei Abschnitte eingeteilt, die voneinander durch ausgeprägte Trockenphasen getrennt sind. Sorghum und Hirse wurden angepflanzt und um 8000 v. Chr. weideten große Herden von Rindern, die den Zebus nahestanden, in der heutigen Sahara; erst viel später kamen aus Westasien Schafe und Ziegen hinzu, während Rinder zuerst in Afrika domestiziert wurden.
Dabei erscheint Keramik, die lange für eine Begleiterscheinung der Neolithisierung gehalten wurde, bereits im frühesten Neolithikum,Eric Huysecom, M. Rasse, L. Lespez, K. Neumann, A. Fahmy, A. Ballouche, S. Ozainne, M. Maggetti, Ch. Tribolo, S. Sorian: The emergence of pottery in Africa during the tenth millennium cal BC: new evidence from Ounjougou (Mali), in: Antiquity (2009), S. 906. also zwischen 9500 und 7000 v. Chr., im Aïr nach Marianne Cornevin sogar bereits um 10.000 v. Chr.Erid Ross: A Historical Geography of the Trans-Saharan Trade, in: Graziano Krätli, Ghislaine Lydon (Hrsg.): The Trans-Saharan Book Trade. Manuscript Culture, Arabic Literacy and Intellectual History in Muslim Africa, Brill, 2011, S. 15–34, hier: S. 4. Damit wird das früheste Neolithikum der Phase der produzierenden Lebensweise zugerechnet, obwohl noch keine Pflanzen kultiviert und kein Vieh gehalten wurde. In Mali wurde der hierher gehörende Fundplatz Ravin de la Mouche auf ein Alter von 11.400–10.200 Jahren datiert.Katharina Neumann, Ahmed Fahmy, Laurent Lespez, Aziz Ballouche, Eric Huysecom: The Early Holocene palaeoenvironment of Ounjougou (Mali): Phytoliths in a multiproxy context, in: Palaeogeography Palaeoclimatology Palaeoecology 276,1-4 (2009) 87-106. Diese Fundstätte gehört zum Komplex Ounjougou am Yamé, wo alle Epochen seit dem Jungpaläolithikum Spuren hinterlassen habenBarbara Eichhorn, Katharina Neumann: Holocene Vegetation Change and Land Use at Ounjougou, Mali, in: S. 83–96, hier: S. 83. und die älteste Keramik Malis auf 9400 v. Chr. datiert wurde. In Ravin de la Mouche konnten Artefakte auf die Zeit zwischen 9500 und 8500 v. Chr. datiert werden, die Fundstätte Ravin du Hibou 2 auf 8000 bis 7000 v. Chr. Danach kam es dort, wo die besagten ältesten Keramikreste im Laufe eines seit 1997 laufenden Forschungsprogramms in den beiden Schluchten gefunden wurden, zu einem Hiatus zwischen 7000 und 3500 v. Chr., weil das Klima zu ungünstig war – selbst für Jäger und Sammler.