mini|hochkant|B-24-Liberator-Bomber im Tiefflug über Ploiești, August 1943

Die Luftangriffe auf Ploiești der alliierten Mächte im Zweiten Weltkrieg fanden zwischen dem 13. Juli 1941 und dem 19. August 1944 statt. Im Umland der Stadt Ploiești im Königreich Rumänien befanden sich vom Deutschen Reich kontrollierte Ölförderanlagen. Die mittels unterschiedlicher Taktiken durchgeführten Luftangriffe sollten die elf ansässigen Erdölraffinerien zerstören und damit die Produktion von kriegswichtigen Gütern wie Treibstoff verhindern oder zumindest beeinträchtigen. Diese hatten für das „Dritte Reich“ militärstrategische Bedeutung.

Nach dem ersten US-Angriff am 6. Juni 1942 etablierte sich in Ploiești eine starke rumänisch-deutsche Flugabwehr; die Stadt erhielt den Beinamen Festung Ploiești. Die Operation Tidal Wave („Flutwelle“) am 1. August 1943 erwies sich als weitgehender Fehlschlag für die Alliierten. Erst die 1944 folgenden Flächenbombardements der United States Army Air Forces (USAAF) und der Royal Air Force (RAF) beschädigten die Ölanlagen zeitweise schwer und verringerten die Gesamtproduktionskapazität erheblich. Beide Kriegsparteien erlitten durch die Luftangriffe starke Verluste. Auch viele rumänische Zivilisten starben. Der letzte Luftangriff fand am 19. August 1944 statt.

Am 23. August 1944 führte der Königliche Staatsstreich in Rumänien zur Beendigung der Militärdiktatur von Marschall Ion Antonescu und des Militärbündnisses mit dem Deutschen Reich. Tags darauf wurden die Ölanlagen von der Roten Armee eingenommen, worauf die deutsche Heeresmission in Rumänien das Land verließ.

Zusammen mit den Angriffen auf Leuna und andere Hydrierwerke in Deutschland wurde 1944 die Treibstoffversorgung der Achsenmächte und insbesondere die Versorgung mit Flugbenzin entscheidend geschwächt. Als Reaktion darauf entstand 1944 der Mineralölsicherungsplan, das sogenannte Geilenberg-Programm, womit der schwächste Punkt der deutschen Rüstungsindustrie stabilisiert werden sollte, was letztendlich misslang.

Geschichte Politische Situation mini|Ion Antonescu und Adolf Hitler in München, 10. Juni 1941

Ploiești war seit dem 19. Jahrhundert bekannt für seine Ölfelder. Unter amerikanischer Mitwirkung wurde im nahegelegenen Rîfov zwischen 1856 und 1857 die erste rumänische und weltweit dritte Ölraffinerie erbaut. Ploiești stellte für das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg eine der wichtigsten Rohölquellen dar. Die Ölindustrie der Stadt entwickelte sich zu einer unter deutscher Vorherrschaft stehenden Kriegsindustrie, die hauptsächlich der Treibstoffversorgung der Wehrmacht diente.

Deutsches Reich Bereits für den Vierjahresplan von 1936 legten die Wehrmacht und das Reichsamt für Wirtschaftsausbau umfassende Denkschriften vor, in denen sie die Beschaffung von Öl als Kriegsziel beschrieben: Beherrschung der rumänischen Ölfelder und somit des gesamten Donauraums. Durchführung der Besetzung unter Vorbedacht der Erhaltung und Betriebsfähigkeit der rumänischen Erdölindustrie. Schutz der Transportwege, Erdölanlagen, Raffinerien und Tanklager. Der Leiter des Reichsamtes, Carl Krauch, gleichzeitig Wehrwirtschaftsführer und Aufsichtsratsvorsitzender der I.G. Farben, stellte fest, dass Rumänien und ganz Südosteuropa ein „wehrmachtmäßig zu sichernder Raum“ sei, dessen Öl ausschließlich für Deutschland „politisch und militärisch sichergestellt“ werden müsse. Er bezifferte bereits den Materialbedarf für eine Pipeline von etwa 2000 Kilometer Länge von Ploiești nach Regensburg.

Adolf Hitler äußerte bei seinem Besuch im verbündeten Finnland im Juni 1942:

+ Amerikanische Schätzung der Rohöldestillationskapazität der Raffinerien in Ploiești im Jahr 1943 Raffinerie Kapazität inTausend Tonnen Astra Română 1750 Concordia Vega 1450 Româno-Americană 1170 Unirea Orion 730 Columbia Aquila 535 Petrol Block 485 Unirea Speranța 440 Xenia290 Petrolmina 150 Dacia Româna 120 Noris 60

+ Amerikanische Schätzung der Erdöl- und Raffinerieproduktion in Europa im Jahr 1943 (PDF; 2,0 MB), Enemy Oil Committee, Western Axis Committee: Estimated Oil And Refinery Output In Axis, Europe, 1943. Abgerufen am 26. März 2011. Angaben in Tausend Tonnen, die Klammerinhalte zeigen die Ausbeute des Rohöls durch Raffination in Prozent. Land Rohölproduktion In Raffinerienbearbeitetes Rohöl Benzin Kerosin und Diesel Schmiermittel Schweröl Raffinerienutzungund Verlust Rumänien 5067 5067 2102 (41,5) 1064 (21) 152 (3) 1166 (23) 583 (11,5) Österreich 1000 500 60 (12) 135 (27) 125 (25) 135 (27) 45 (9) Deutschland 993 993 223 (22,5) 153 (15,4) 212 (21,4) 338 (34,0) 67 (6,7)Zum Betrieb der deutschen und polnischen Raffinerien wurde Kohle eingesetzt. Ungarn 800 600 144 (24) 270 (45) 24 (4) 108 (18) 54 (9) Polen 400 400 80 (20) 138 (34,3) 48 (12) 108 (27) 26 (6,7)Zum Betrieb der deutschen und polnischen Raffinerien wurde Kohle eingesetzt. Estland 95 95 10 (11) 38 (40) 0 (0) 42 (44) 5 (5) Frankreich und andere 95 95 22 (23) 25 (26) 21 (22) 22 (23) 5 (6) Italien und Albanien 77 (11 + 66) 177 41 (23) 75 (42) 9 (5) 37 (21) 15 (9) Jugoslawien 49 49 12 (24) 22 (45) 2 (4) 9 (18) 4 (9) Tschechoslowakei 32 632 63 (10) 202 (31) 127 (20) 183 (29) 57 (9) Gesamt 8608 8608 2757 2122 720 2148 861

mini|Ressourcen in Rumänien, Stand 1970 mini|Rumänien, 1941–1944

Der Schutz der rumänischen Ölressourcen spielte im Verlauf des Zweiten Weltkrieges eine strategisch bedeutende Rolle. Aus Sicht des Deutschen Reiches bedrohte das britische Engagement in Griechenland diese Ressourcen, da sie hierdurch in den Aktionsradius britischer Bomber gelangten. Besonders Kreta eröffnete als militärische Basis Großbritannien die Möglichkeit, den Zugang zur Ägäis zu kontrollieren und die Ölfelder in Rumänien zu bombardieren. Diese Überlegungen führten unter anderem im Verlauf des Balkanfeldzuges 1941 zur Einnahme Griechenlands und zur Luftlandeschlacht um Kreta. Die Insel verblieb bis 1945 unter deutscher Okkupation.dhm.de, Deutsches Historisches Museum: Der Balkanfeldzug 1941. Abgerufen am 14. Mai 2011.

Nach den Erinnerungen von Heinz Guderian wies Adolf Hitler am 23. August 1941 bei der Diskussion in der „Wolfsschanze“ zur Entscheidung für die Schlacht um Kiew erneut auf die Wichtigkeit der Krim hin, die „als Flugzeugträger der Sowjetunion im Kampfe gegen die rumänischen Ölfelder“ ausgeschaltet werden müsse. In diesem Zusammenhang äußerte Hitler: „Meine Generäle verstehen nichts von Kriegswirtschaft.“

Rumänien Der ehemalige Verbündete Frankreich spielte nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940) vorerst keine politische und militärische Rolle mehr.

Wie in den Geheimen Zusatzprotokollen des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von 1939 verabredet, erfolgte die sowjetische Besetzung Bessarabiens, der Nord-Bukowina und des Herța-Gebietes. 1940 sah Rumänien im nationalsozialistischen Deutschen Reich trotz des Zweiten Wiener Schiedsspruchs (1940) die einzige Europäische Macht, die dem Land beim Zusammenhalt des verbleibenden Gebietes und beim Wiedererhalt des verlorenen Gebietes helfen konnte. Der ein faschistisches Regime errichtende rumänische „Staatsführer“ Marschall Ion Antonescu umriss seine Politik mit den Worten:

Nach anfänglicher Neutralität trat Rumänien am 23. November 1940 dem Bündnis der Achsenmächte bei und stellte an der Seite des Deutschen Reiches im Juni 1941 das stärkste nicht-deutsche Truppenkontingent im mit dem Unternehmen Barbarossa begonnenen und zunächst erfolgreichen Deutsch-Sowjetischen Krieg, in dessen Verlauf die an die Sowjetunion verlorenen Großrumänischen Gebiete wieder zurückerobert werden konnten. Ab Dezember 1941 befand sich Rumänien mit dem Vereinigten Königreich und ab Juni 1942 mit den Vereinigten Staaten im Kriegszustand. Militärische Erfolge wurden nun seltener; schließlich wurden Ende 1942 bedeutende Teile der rumänischen Armee in die Schlacht von Stalingrad verwickelt. Ab 1943 befanden sich die rumänischen Einheiten – wie auch die deutsche Wehrmacht – überwiegend im Rückzug, worauf Rumänien sein Engagement als Verbündeter verringerte.dhm.de, Deutsches Historisches Museum: Rumänien als Verbündeter des Deutschen Reiches. Abgerufen am 29. Juni 2016. Bis zum November 1943 hatte das Land Verluste von etwa 250.000 Soldaten zu beklagen. Der für die Achsenmächte an der Ostfront ungünstig verlaufende Krieg führte zu Beginn des Jahres 1944 sowohl in der rumänischen Führung als auch in deren Opposition zu Überlegungen, den Bündnispartner zu wechseln.

Die deutschen Verbündeten wurden von der rumänischen Bevölkerung oft als arrogant und grausam empfunden. Gegenüber der Sowjetunion bestand die Furcht vor der „Roten Gefahr“, die von der rumänischen Regierungspropaganda auch als „jüdisch-bolschewistische Plage“ bezeichnet wurde. Den ehemaligen Verbündeten aus dem Ersten Weltkrieg Frankreich und Großbritannien hingegen gehörten Sympathien, auch gingen die Zivilbevölkerung Ploieștis und das rumänische Militär mit amerikanischen Gefangenen trotz der Luftangriffe respektvoll um.

Ploiești mini|Lage von Ploiești (rotes Viereck) mini|Ölförderung bei Moreni um 1920. In dem 28 Kilometer westlich von Ploiești gelegenen Ort wurde 1691 erstmals in Rumänien Erdöl gefördert. mini|Karte der Raffinerien in der unmittelbaren Umgebung Ploieștis um 1940 mini|hochkant|Ein von der R.A.F. abgeworfenes Flugblatt fordert Rumänen auf, die Allianz mit dem Deutschen Reich zu beenden und damit den Krieg zu verkürzen.

Stadt In den Anfängen der Ölförderung im Prahova-Tal () hatte die Stadt eine starke Bevölkerungszuwanderung von Menschen aus ländlichen Gebieten. Auf industrielle Entwicklung ausgelegte Strategien transformierten die Region in eines der größten Ölförderungszentren. Die Produktion in Rumänien lag in der Zwischenkriegszeit auf dem zweiten Platz der Liste der Öl produzierenden Länder in Europa. Nur die Sowjetunion produzierte mehr. Rumänien lag mit einem Anteil von 2,2 Prozent auf dem sechsten Platz der Weltrangliste. In der Gegend siedelten sich zahlreiche Raffinerien zur Weiterverarbeitung an, was im Kontrast zur Agrarwirtschaft in großen Teilen des Landes stand. Die gute Anbindung an das Straßen- und Eisenbahnnetz bescherte der Stadt eine verkehrsgünstige Lage. Die Donau ist zudem ein leistungsfähiger Wasserweg zum Schwarzen Meer.

Die städtebauliche Struktur von Ploiești unterschied sich von derjenigen der meisten deutschen Städte. Die Innenstadt bestand aus zwei- beziehungsweise dreistöckigen Verwaltungsgebäuden, die übrige Stadt aus eingeschossigen und in der Regel von Gärten umgebenen kleinen Häusern. Im Gegensatz zu den oftmals wegen ihrer baulichen Struktur brandgefährdeten Innenstädten Deutschlands konnten Phosphorbomben ihr Potential mangels brennbarem Material in der hier gegebenen Architektur kaum entfalten, wohl hingegen in den Ölanlagen.

Bevölkerung Die Gesamtzahl der Einwohner der Stadt lag 1930 bei 77.341, 1941 bei etwa 90.000 und 1948 bei 96.229 Menschen, damit hatte Ploiești zeitweise das größte Bevölkerungswachstum im Land. 1940 arbeiteten fast 18.500 Menschen in der Ölindustrie, die auch oft in der deutschen Sprache unterwiesen wurden. Viele Menschen arbeiteten im Papier- und Druckbereich, im Handel, in der Landwirtschaft, im Transport und in Produktionsbetrieben. Metallverarbeitende Betriebe (zum Beispiel Concordia) stellten auch Kriegsmaterial wie Geschütze und Munition sowie Hangars für die rumänischen Luftstreitkräfte her.

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung gehörten Minderheiten an, darunter Magyaren, Rumäniendeutsche und Roma. 34 Prozent der Juden der Stadt, deren Anteil an der Bevölkerung bei fünf Prozent lag, waren im Handel tätig. Der übrige Teil übte freie Berufe aus oder arbeitete im Bankwesen, im medizinischen Bereich oder in der Industrie. Die Juden galten als ein wichtiges Bevölkerungssegment der Mittelschicht der Stadt. Die antisemitischen Repressalien erreichten mit dem Abtransport vieler Juden aus Ploiești wegen der „Gefahr der Sabotage“ ihren Höhepunkt.

Ölindustrie