mini|hochkant|B-24 Liberator Bomber im Tiefflug über Ploiești, August 1943
Die Operation Tidal Wave (engl. „Flutwelle“) war einer der Luftangriffe auf Ploiești im Zweiten Weltkrieg. Am 1. August 1943 starteten 177 B-24 Liberator-Bomber der USAAF zu einem Luftangriff, um die dortigen vom Deutschen Reich kontrollierten Ölförderanlagen und Erdölraffinerien zu zerstören oder zu beschädigen, damit die Wehrmacht weniger Treibstoff und andere Öle bekam.
Nach dem ersten amerikanischen Angriff am 6. Juni 1942 war in Ploiești eine starke rumänisch-deutsche Flugabwehr aufgebaut worden. Die Flugabwehr schoss über 50 der US-Bomber ab; der Angriff hatte „keine Einschränkung der allgemeinen Produktion“ zur Folge.Enemy Oil Committee, Western Axis Committee: Estimated Oil And Refinery Output In Axis, Europe, 1943. (PDF, 2 MB, abgerufen am 26. März 2011)
Geschichte Vorgeschichte Ploiești war seit dem 19. Jahrhundert bekannt für seine Ölfelder. Unter amerikanischer Mitwirkung wurde hier zwischen 1856 und 1857 die erste große Ölraffinerie der Welt erbaut. Für das Deutsche Reich war Ploiești im Zweiten Weltkrieg eine der wichtigsten Rohölquellen. Die Ölindustrie Ploieștis entwickelte sich zu einer unter deutscher Vorherrschaft stehenden Kriegsindustrie, die hauptsächlich der Treibstoffversorgung der Wehrmacht diente.Marin Sorin: The Social Consequences of the 1944 Anglo-American Bombing of Ploiești: A Grassroots Perspective. Central European University, Budapest 2008, etd.ceu.hu (PDF; 2,20 MB) abgerufen am 26. März 2011. (englisch)
Alliierte Wirtschaftsanalytiker befürworteten einen Angriff gegen das Zentrum der rumänischen Erdölindustrie.Höllenritt der Liberators – Luftangriffe gegen die Versorgungslinien der Achsenmächte. Operation Tidal Wave. Av Medien Produktion, 2010, EAN 4-260110-581677, US-Archivfilm, 60 Minuten. (deutsch, englisch) Am 12. Juni 1942 hatten bereits 13 B-24-Bomber Raffinerien in Ploiești bombardiert. Obwohl der amerikanische Angriff als Fehlschlag gewertet wurde, hatte sowohl die rumänische als auch die deutsche Führung die von Luftangriffen auf Ploiești ausgehende Gefahr erkannt. Bis zum Angriff wurde die Luftverteidigung um die Stadt mit 237 Flugabwehrkanonen aller Kaliber, mehreren hundert Maschinengewehren, Sperrballons und Jagd- und Nachtjagdgeschwadern, zusammengefasst unter dem Jagdfliegerführer Rumänien, mit 89 deutschen und rumänischen Jagdflugzeugen umfassend verstärkt. Die schwache Gegenwehr der deutsch-rumänischen Luftabwehr bei dem ersten Angriff 1942 ließ die US-Führung vermuten, dass die Ölanlagen in Ploiești erfolgreich im Tiefflug angeflogen und zerstört werden könnten.
Planungen Bei der Operation Tidal Wave unter dem Kommandeur der 9th Air Force General Lewis H. Brereton im libyschen Bengasi sollte das Überraschungsmoment der entscheidende Vorteil für das Abwerfen einer Bombenlast von über 300 Tonnen sein; die amerikanischen Erwartungen waren hoch. Um die Raffinerien in Ploiești mit Bodentruppen auszuschalten, nahm Brereton die Notwendigkeit einer gewaltigen Invasion an, die bis zu einem Jahr andauern konnte. Ein klassischer strategischer Einsatz mit Langstreckenbombern hingegen konnte mit weniger Mann und Material „den Job in einem Tag erledigen“.
Ploiești war zu weit von Großbritannien entfernt; ein Angriff westalliierter Luftstreitkräfte von dort war unmöglich. Von Bengasi in Libyen konnten die Liberators das Zielgebiet gerade noch erreichen. Aufgrund der großen Entfernung konnten die Bomber aber nicht von eigenen Begleitjägern gesichert werden; ihr einziger Schutz war ihre aus je zehn 12,7-mm-Maschinengewehren bestehende Abwehrbewaffnung.
Der ehemalige Jagdflieger Colonel Jacob Smart hatte den Plan ausgearbeitet, die Raffinerien im Tiefflug zu bombardieren. Ein Angriff hochfliegender Bomber hätte die Abwehr des Feindes frühzeitig alarmiert und die Abwurfgenauigkeit der Bomben vermindert. Nach Smarts Plan sollten die Liberators durch den Tiefflug die gegnerische Ortung unterlaufen und das Überraschungsmoment nutzen. Die Treffsicherheit war darüber hinaus im Tiefflug ungleich höher als bei einem aus größerer Höhe geflogenen Einsatz. Die Bomberbesatzungen hatten das anhand eines in Libyen aufgebauten maßstabgetreuen Modells von Ploiești oft geübt. Alle Besatzungen erhielten zur Vorbereitung Karten des Zielgebietes; die Anflug- und Rückflugmöglichkeiten wurden immer wieder erläutert.
Winston Churchill war von den US-Plänen freudig überrascht und unterstützte diese Initiative. Militärexperten der Royal Air Force sahen den geplanten Anflug in niedriger Höhe eher kritisch und sagten aufgrund der ihnen bekannten Fortifizierung Ploieștis schwere Verluste bei dem Einsatz voraus.
mini|Karte der Raffinerien in der unmittelbaren Umgebung Ploieștis um 1940
Die 9th Air Force verfügte größtenteils über ausrangierte B-24-Bomber der 8th Air Force und musste diese vor dem Einsatz überholen. Zur Erhöhung der Reichweite wurden zusätzliche Treibstofftanks in einen Teil der Bombenschächte eingebaut, daher konnten die Flugzeuge nur eine Bombenlast von je zwei Tonnen aufnehmen. Das vorgeschriebene maximale Startgewicht der Flugzeuge wurde trotzdem überschritten. Der Verband bestand aus den Gruppen Eight Balls (44th Bombardment Group), Travelling Circus (93rd Bombardment Group), Sky Scorpions (389th Bombardment Group) der 8th Air Force, die mit neuwertigen Liberators ausgestattet waren, und zwei Gruppen mit den Namen Liberando (376th Bombardment Group) und Pyramiders (98th Bombardment Group) der 9th Air Force, die mit alten Liberators ausgestattet war.
Die Besatzungen wurden mehrere Wochen für den Einsatz trainiert. Die Taktik des Tiefangriffs wurde bei Angriffen auf italienische Stützpunkte geprobt. Auch an einem in Libyen aufgebauten Modell von Ploesti mit seinen Raffinerien in Originalgröße wurde geprobt.Janusz Piekałkiewicz: Luftkrieg 1939–1945. Südwest-Verlag, München 1978, ISBN 3-517-00605-X, S. 270 ff
Am Abend des 31. Juli 1943 fand unter der Leitung von Lewis Brereton die letzte Einsatzbesprechung statt. Die Besatzungen wurden nachdrücklich auf die Bedeutung ihres Einsatzes hingewiesen. Die Fluggruppen erhielten ihre Befehle zur Zerstörung der folgenden Raffinerien:
White 1 – Româno-Americană White 2 – Vega, Concordia White 3 – Orion, Speranța, Standard, Petrol Block White 4 – Astra Română White 5 – Columbia Aquila Blue – Creditul Minier Red – Steaua Româna, Câmpina
Einsatz mini|Ein B-24 Bomber beim Flug über eine brennende Raffinerie, Ploiești, 1. August 1943 mini|B-24 Bomber beim Angriff auf die Raffinerie Astra Română , Ploiești, 1. August 1943 mini|Öltanks der Raffinerie Columbia Aquila brennen nach der Operation Tidal Wave am 1. August 1943 mini|Raffinerie Columbia Aquila, 1943 mini|Ploiești, rumänische Flak und abgeschossener Bomber, 1943
Am 1. August 1943 starteten um 6 Uhr morgens in Abständen von zwei Minuten insgesamt 178 Maschinen mit 1765 Mann Bordbesatzung. Die bereits aufgestiegenen Maschinen kreisten in einer Warteschleife, bis der Verband komplett in der Luft war. Bei einer Maschine fiel nach dem Start ein Motor aus. Bei der Landung auf dem Flugplatz berührte sie einen Telegrafenmast und explodierte. Damit befanden sich 177 Flugzeuge auf dem sieben Stunden dauernden Anflug auf das Zielgebiet. Die ersten drei Stunden des Fluges führten über das Mittelmeer. Über den gesamten Verband war eine absolute Funkstille verhängt worden, um eine Funkanpeilung der Maschinen durch den Gegner zu verhindern. Der Abstand zwischen den Gruppen sollte während des Anflugs etwa 500 Meter betragen, aber schon bald konnte die 98th Bombardment Group nicht mehr mithalten und fiel immer weiter zurück.
Als sich die Liberators der Insel Korfu näherten, stürzte plötzlich die Führungsmaschine mit dem Chefnavigator an Bord aus unbekannten Gründen ins Meer. Eine weitere Maschine suchte nach Überlebenden und flog später nach Libyen zurück. Weitere zehn Flugzeuge mussten wegen Motorproblemen noch über dem Meer umkehren.
Der Verband flog nun führungslos seinem Ziel entgegen, bis sich schließlich eine B-24 mit einem jungen und noch unerfahrenen Navigator zur weiteren Führung an die Spitze des Verbandes setzte. Über der albanischen Küste löste sich der Verband endgültig in zwei Teile auf; der Abstand zwischen beiden Gruppen betrug nun 100 km. Damit konnte kein gemeinsamer geordneter Zielanflug mehr durchgeführt werden. Insgesamt erfolgte dreimal ein Wechsel in der Verbandsführung.
Die Liberators wurden bereits über dem Mittelmeer von einem deutschen Schiff und über Korfu von einem Luftraumbeobachter gesichtet. Über Albanien wurden sie von einem den alliierten Geheimdiensten nicht bekannten deutschen Lauschposten bei Athen erfasst. Die deutsche Seite war nun darüber informiert, dass ein großer Bomberverband in Nordafrika aufgestiegen war, und hatte das an die zuständigen Stellen weitergemeldet. Aus den nun vorliegenden Informationen konnte ein ungefährer Kurs abgeleitet werden, obwohl das eigentliche Ziel immer noch unbekannt war. Mittlerweile war die aus zwei Gruppen bestehende erste Abteilung über einem Navigationspunkt südwestlich von Belgrad angekommen; ab hier begann der Anflug auf Ploiești. Die Maschinen gingen, ohne auf die zweite Abteilung zu warten, in den Tiefflug über, wodurch die deutschen Leitstellen die Ortung verloren.
Nach dem Überfliegen der Donau wurden die Angreifer von einem rumänischen Aufklärungsflugzeug ausgemacht. Allmählich begann die deutsche Führung das mögliche Ziel zu erahnen und traf Vorsichtsmaßnahmen für die betroffenen Gebiete. In Ploiești wurden alle Truppen in höchste Alarmbereitschaft versetzt und die Flakgeschütze einsatzbereit gemacht. Sperrballone zur Abwehr von Tieffliegern wurden aufgelassen. Nur die Verbände, welche mit Nebelsäure künstlichen Nebel erzeugen sollten, wurden nicht informiert. Daher wurde mit der Einnebelung der Raffinerien erst während des Luftangriffs begonnen und diese Verteidigungsmaßnahme blieb praktisch wirkungslos. Auf den nahegelegenen Flugplätzen standen insgesamt 69 deutsche Abfangjäger zum Alarmstart bereit.
Für eine sichere Zielfindung mussten die drei rumänischen Städte Pitești, Târgoviște und Florești erkannt werden; erst dann konnte der Anflug auf Ploiești beginnen. Ungefähr 80 km vor Ploiești überflogen die Liberators die kleine Stadt Pitești, ihren ersten Orientierungspunkt. Die Orientierungspunkte Târgoviște und Florești waren wegen ihrer geringen Größe schwer auszumachen. Nach einem Navigationsfehler drehte die 93. Bombergruppe in Richtung der Hauptstadt Bukarest ab.
Damit war nun der Verband in drei Teile zerrissen. Die erste Gruppe flog wie geplant nach Ploiești, die zweite Gruppe gegen Bukarest, und die dritte Gruppe hinkte der ersten mit mehr als 100 km Abstand hinterher. Kurz nach der Teilung der Gruppen wurde nun auch die Funkstille gebrochen. Einige Piloten hatten bemerkt, dass ihr Führer einen falschen Kurs eingeschlagen hatte, und versuchten ihn auf seinen Irrtum aufmerksam zu machen. Er flog jedoch davon unbeeindruckt weiter und gab keine Antwort. Erst als er die Außenbezirke von Bukarest erreichte, korrigierte er seinen Fehler und flog in Richtung Ploiești zurück. Der Anflug auf das Ziel erfolgte nun nicht in geschlossener Formation, sondern in drei Schüben. Damit war für über zwei Drittel der Maschinen der Überraschungseffekt zunichtegemacht. Die deutsche Flugabwehr konnte sich auf die nacheinander anfliegenden Gruppen einstellen und sie mit Flakfeuer empfangen.