mini|Heinrich Himmler (1942) rahmenlos

Heinrich Luitpold Himmler (* 7. Oktober 1900 in München; † 23. Mai 1945 in Lüneburg) war ein deutscher Politiker der NSDAP und einer der Hauptverantwortlichen des Holocaust.

Himmler machte in den 1920er-Jahren als Reichsredner und Parteifunktionär Karriere und wurde 1929 von Adolf Hitler an die Spitze der damals noch der Sturmabteilung (SA) unterstellten Schutzstaffel (SS) berufen. Himmler gelang es in der Zeit des Nationalsozialismus, vor allem in den Jahren 1934–1936, insbesondere durch den sogenannten Röhm-Putsch, der von ihm geleiteten Organisation und damit auch sich selbst immer mehr Befugnisse innerhalb des NS-Regimes zu verschaffen. Dazu gehörten insbesondere das Erlangen der vollständigen Kontrolle über die Polizei und den Inlandsgeheimdienst sowie der Aufbau militärischer, nicht direkt der Wehrmacht unterstehender Verbände (Waffen-SS).

Als Reichsführer SS, Chef der deutschen Polizei sowie Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (ab 1939), später auch Reichsinnenminister (ab 1943) und Befehlshaber des Ersatzheeres (ab 1944) hatte Himmler vor allem während des Zweiten Weltkriegs eine Machtposition, die nur von der Hitlers übertroffen wurde. Mit Hilfe der SS, des Sicherheitsdienstes, der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und anderer von ihm direkt oder indirekt kontrollierter Organe hatte Himmler ein System der Überwachung, der Willkür und des Terrors etabliert, mit dem die Menschen im Einflussbereich des NS-Regimes eingeschüchtert und kontrolliert, vermeintliche oder tatsächliche politische Gegner verfolgt, inhaftiert, entrechtet und ermordet wurden. Er ist einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, den Völkermord an den Sinti und Roma, die Ermordung von Millionen von Zivilisten und Kriegsgefangenen im Rahmen seines Generalplans Ost sowie für zahlreiche andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Himmler sorgte durch seine Befehle in der Endphase des Krieges für die Ausweitung von Terror und Selbstjustiz selbst auf deutsche Zivilisten und sondierte gleichzeitig auf vielfältige Weise seine persönlichen Optionen für eine Zeit nach Adolf Hitler. Eigenmächtige Verhandlungsversuche mit den westlichen Alliierten wurden von diesen abgewiesen und öffentlich gemacht. Hitler enthob ihn in seinem politischen Testament am 29. April 1945 all seiner Ämter und Titel und erließ Haftbefehl gegen ihn. Himmler tauchte nach Kriegsende unter, wurde aber am 21. Mai 1945 bei Zeven festgenommen und kam in britische Gefangenschaft. Zwei Tage später deckte er dort seine Identität auf und beging mit einer Zyankalikapsel Suizid. Sein Leichnam wurde an unbekannter Stelle in der Lüneburger Heide vergraben.

Leben mini|hochkant|Himmler (ca. 7 Jahre alt) Familie und erste berufliche Entwicklung mini|hochkant|Joseph Gebhard und Anna Himmler mit den Kindern Heinrich, Ernst und Gebhard (von links, 1906) Heinrich Himmler wurde als zweiter von drei Söhnen des Oberstudiendirektors Joseph Gebhard Himmler (* 17. Mai 1865 in Lindau (Bodensee); † 29. Oktober 1936 in München) und dessen Frau Anna Maria Heyder (* 16. Januar 1866 in Bregenz, Kaisertum Österreich; † 10. September 1941 in München) geboren. Die Familie kam aus einem bürgerlichen, römisch-katholischen bayerischen Umfeld. Heinrichs Brüder, Gebhard Ludwig (1898–1982) und Ernst Hermann Himmler (1905–1945), schlossen sich später ebenfalls der SS an, spielten jedoch in der weiteren Geschichte dieser Organisation keine große Rolle. Ernsts Enkelin ist die Autorin Katrin Himmler, die sich kritisch mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzt. Der Vater war Rektor des angesehenen humanistischen Wittelsbacher-Gymnasiums in München. Heinrich erhielt seinen Vornamen nach seinem Paten Prinz Heinrich von Bayern, der von Gebhard Himmler erzogen worden war.

Himmler wuchs in geordneten Verhältnissen in der Amalienstraße 16 im Münchner Stadtteil Maxvorstadt auf. Er besuchte das humanistische Wilhelmsgymnasium München bis zu seinem 13. Lebensjahr. Danach zog die Familie nach Landshut, wo er seine Gymnasialzeit auf dem Humanistischen Gymnasium Landshut, dem heutigen Hans-Carossa-Gymnasium, fortsetzte und 1919 mit dem Abitur abschloss. Er galt als überaus fleißiger Schüler. Am Ende des Ersten Weltkrieges hatte er die Offiziersausbildung durchlaufen, jedoch nicht beendet. Er hatte mit Kriegsende 1918 aus der Armee ausscheiden müssen, ohne jemals an der Front eingesetzt gewesen zu sein (Kriegsjugendgeneration). Dies erschien ihm als persönlicher Makel.Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. 2. Auflage. Siedler, München 2008, S. 28–34. Nach der Gleichschaltung der Presse im NS-Regime wurde offiziell wahrheitswidrig behauptet, dass Himmler an der Front gewesen sei.

Nach dem Scheitern der Münchner Räterepublik, an deren Niederschlagung Himmler sich als Angehöriger des Freikorps Oberland beteiligt hatte,Klaus Mües-Baron: Heinrich Himmler – Aufstieg des Reichsführers SS (1900–1933). V&R unipress, Göttingen 2011, ISBN 978-3-89971-800-3, S. 102–110. studierte er von 1919 bis 1922 an der Technischen Hochschule München Landwirtschaft. Am 22. November 1919 trat er der schlagenden und schwarzen Studentenverbindung Apollo München im RVSV (ab 1933 Münchener Burschenschaft Apollo in der DB) bei, der auch sein Vater als Alter Herr angehörte.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 199.Helge Dvorak, Christian Hünemörder: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft: Politiker, Bd. I, Teil 2 (F–H). Heidelberg 1999, S. 339–341, hier: S. 339; Münchner Burschenschaft Apollo: Festschrift zur Hundertjahrfeier 1865–1965. München 1965, S. 160 (Mitgliederverzeichnis – 2. Die Toten 1940–1965). Apollo wurde erst 1933 eine Burschenschaft. Er schloss sein Studium mit der Diplomhauptprüfung für Landwirte ab. Anschließend arbeitete er bis zum Hitlerputsch als Laborant in einer Fabrik für künstliche Düngemittel im Norden Münchens.

mini|hochkant|Margarete und Heinrich Himmler mit Tochter Gudrun (links) Himmler war seit dem 3. Juli 1928 mit Margarete Boden verheiratet und hatte mit ihr eine leibliche Tochter, Gudrun Burwitz (1929–2018), sowie ab März 1933 den Adoptivsohn Gerhard von der Ahé (28. Juli 1928 – Dezember 2010).Jürgen Matthäus: „Es war sehr nett“. Auszüge aus dem Tagebuch der Margarete Himmler, 1937–1945. In: WerkstattGeschichte. Bd. 25, 2000, S. 75 (PDF; 7,9 MB). Das geringe Einkommen als Parteiangestellter versuchte das Ehepaar erfolglos durch Hühnerhaltung aufzubessern.Heinrich Himmler. Lebendiges Museum Online, abgerufen am 15. September 2022.

alt=Porträt von Hedwig Potthast, 1933|mini|hochkant|links|Hedwig Potthast um 1933 Mit seiner Privatsekretärin und späteren Geliebten Hedwig Potthast (1912–1994) hatte er zwei Kinder, einen Sohn, Helge (* 15. Februar 1942), und eine Tochter, Nanette-Dorothea (* 20. Juli 1944).Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler, München 2008, S. 482.Katrin Himmler, Michael Wildt: Himmler privat, Briefe eines Massenmörders. Piper, 2014, S. 422 Sven Felix Kelerhoff, Simone Meyer, Jacques Schuster, Ulrich Exner: Himmlers Nachwuchs. welt.de, 1. Februar 2014. Diese „Zweitehe“ entsprach seinem Familienkonzept seit Ende der 1930er Jahre, das er mit dem Hinweis auf eine Zweit- oder Friedelehe bei den „gutrassigen, freien Germanen“ auch bei anderen SS-Leuten als legitimiert ansah, vorausgesetzt, es waren gemeinsame Kinder geplant.Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler, München 2008, S. 389.

Im Oktober 2025 erschien ein Interview mit dem Enkel Himmlers, Henrik Lenkeit. Seine Herkunft fand er demnach rein zufällig über Wikipedia heraus. Seine Mutter, Nanette-Dorothea, hatte ihm diese über Jahrzehnte verschwiegen. Die Geschichte wurde auch vom SPIEGEL in verschiedenen Formaten aufgegriffen.

Partei-politische Entwicklung bis zur NSDAP mini|hochkant|Hermann Göring ernennt Himmler zum Inspekteur des Preußischen Geheimen Staatspolizeiamtes, 20. April 1934 mini|Himmler besichtigt das Konzentrationslager Dachau, 1936 mini|Hitler und Himmler betrachten im September 1939 in Polen eine erbeutete Regimentsfahne der polnischen Armee Von 1919 bis 1923 engagierte sich Himmler bei der katholisch orientierten Bayerischen Volkspartei (BVP), aus der er aber wieder austrat.Andreas Schulz, Günter Wegmann, Dieter Zinke: Deutschlands Generale und Admirale. Teil V: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei 1933–1945. Band 2. Biblio, Bissendorf 2004, S. 226. Über seine Mitgliedschaft bei den Artamanen kam Himmler in Kontakt mit der NSDAP, der er am 1. August 1923 beitrat (Mitgliedsnummer 42.404).Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform: Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, S. 245; Klaus Mües-Baron: Heinrich Himmler – Aufstieg des Reichsführers SS (1900–1933). V&R Unipress, Göttingen 2011, ISBN 978-3-89971-800-3, S. 188. Am 9. November 1923 beteiligte er sich in seiner Eigenschaft als Mitglied des Röhmschen „Bund Reichskriegsflagge“ am gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsch.

Anfang 1924 schloss sich Himmler der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung (NSFB) Erich Ludendorffs an. Bereits im Februar 1924 war er deren Parteiredner in Nordbayern. Ferner erneuerte er seine alten Kontakte zu Ernst Röhm und anderen Freikorps-Mitgliedern, als er dem Deutschvölkischen Offiziersbund (DVOB) und der Altreichsflagge beitrat. Diesen Organisationen gehörte Himmler bis 1926 an.Andreas Schulz, Günter Wegmann, Dieter Zinke: Deutschlands Admirale und Generale. Teil V: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei 1933–1945. Band 2. Biblio, Bissendorf 2004, S. 226 f.

Anfang 1925 begann sein Aufstieg in der neu gegründeten NSDAP (Mitgliedsnummer 14.303)Gerhard Paul: Aufstand der Bilder. Die NS-Propaganda vor 1933. Dietz, Bonn 1990, ISBN 3-8012-5015-6, S. 64.. 1925 trat er auch in die SA ein, wechselte aber bereits am 8. August 1925 in die SS über (SS-Nummer 168). Bis 1927 führte er zahlreiche hauptamtliche Partei-Tätigkeiten aus, schärfte als Redner seine antikapitalistische und antisemitische Rhetorik und profilierte sich als Agrarexperte, bis er 1927 zum stellvertretenden Reichsführer SS ernannt wurde.Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler, München 2008, S. 97–111.

In dieser Entwicklungsphase hatte er folgende Funktionen inne: 1925: Reichsredner der NSDAP 1925: Leiter der NSDAP-Parteipropaganda für Niederbayern 1925: Schriftführer der Gauleitung Niederbayern 1926: Gaugeschäftsführer und stellvertretender Gauleiter für Niederbayern-Oberpfalz 1926: Stellvertretender Gauleiter für Oberbayern-Schwaben 1926: Gau-SS-Führer Niederbayern 1926: Stellvertretender Reichspropagandaleiter 1927: Stellvertretender Reichsführer SS 1927: Mitglied des Stabes der Obersten SA-Führung

Nach der Absetzung Erhard Heidens als Reichsführer SS wurde Himmler am 6. Januar 1929 durch Adolf Hitler an die Spitze der Schutzstaffel berufen. Der Titel „Reichsführer SS“ war zwischen 1926 und 1934 eine reine Dienststellung innerhalb der SA und anfänglich ohne jede rechtliche Bedeutung.Vgl. u. a.: Personalabteilung des RF-SS: Dienstaltersliste der Schutzstaffel der N.S.D.A.P. Stand vom 1. Oktober 1934. Birkner, vorm. Hermes, München 1934, S. 2 f. Nr. 1. Dementsprechend trug er zunächst die Dienstgradabzeichen eines SS-Oberführers und folgend eines SS-Gruppenführers. Den Rang SS-Obergruppenführer erhielt Himmler erst Anfang 1933, gleichrangig für ihn die des SA-Obergruppenführers, als nachgeordneten Teil der Obersten SA-Führung. Dieses änderte sich erst nach dem 20. Juli 1934 respektive im August des gleichen Jahres.

Sicherung der politischen Macht