Als Western Swing wird eine Musikrichtung bezeichnet, die Anfang der 1930er Jahre im Südwesten der Vereinigten Staaten aus einer Verbindung von traditioneller texanischer Musik mit Elementen des Blues und verschiedenen Spielarten des Jazz entstanden ist. Im Laufe seiner Entwicklung wurde er von weiteren Stilrichtungen beeinflusst. Ähnlich wie die Western Music wird der Western Swing heute überwiegend als eines der zahlreichen Subgenres der Country-Musik angesehen. Diese Einordnung ist jedoch umstritten.

Der Western Swing war in erster Linie als Tanzmusik für Livebands konzipiert. Sein charakteristisches Merkmal ist die Verbindung von eigentlich eher urbanen Big Bands bzw. ihres typischen Sounds und dem eher ländlichen Cowboy-Image. Während es sich ursprünglich um ein regionales Phänomen in Texas handelte, breitete er sich in den 1930er und 1940er Jahren auch in Oklahoma und an der Westküste der USA aus, insbesondere in Kalifornien.

Geschichte Der Begriff Western Swing wurde 1942 von Spade Cooley (bzw. seinem damaligen Manager Foreman Phillips) geprägt, der sich nach einem musikalischen Wettstreit mit Bob Wills selbst als „King of Western Swing“ bezeichneteGuy Logsdon: The Cowboy’s Bawdy Music. In: Charles W. Harris (Hrsg.): The Cowboy: Six-Shooters, Songs, and Sex. University of Oklahoma Press, 2002, ISBN 0-8061-1341-3, S. 127–138, hier: S. 137. und 1945 in einem gleichnamigen Kurzfilm auftrat. Als eigentliche Begründer des Genres gelten jedoch Bob Wills und vor allem Milton Brown, die seit Anfang der 1930er Jahre aus verschiedenen Einflüssen einen neuen Stil entwickelt hatten. Brown kam jedoch bereits 1936 bei einem Verkehrsunfall ums Leben, so dass sich Wills zunehmend zur dominierenden „Vaterfigur“ des Western Swing entwickelte. Daneben brachten aber auch zahlreiche andere Bands ihre jeweiligen eigenen Einflüsse ein und trugen so maßgeblich zur Entwicklung der neuen Musik bei.

Die Wurzeln des Western Swing liegen neben der überlieferten musikalischen Tradition des amerikanischen Südwestens auch in afroamerikanischen Einflüssen wie Blues, Swing und Dixieland. Daneben spielte auf soziologischer Ebene die Landflucht der damaligen Zeit eine Rolle, später zudem das Umfeld der Rüstungsindustrie während des Zweiten Weltkriegs: Einerseits zog mit der Landbevölkerung auch ihre Musik in die Ballungszentren und vermischte sich dort mit den eher urbanen Stilen. Andererseits stieg in den Städten die Nachfrage nach Darbietungen ländlicher Musik.

Ursprünge Fiddle-Musik hatte in Texas seit jeher eine große Rolle gespielt, war jedoch zunächst weniger von Elementen des Blues beeinflusst als die Musik im Südosten der USA. Die Ursprünge dieser musikalischen Tradition lassen sich bis in die Zeit der spanischen Kolonisation zurückverfolgen, die Texas tiefgreifend prägte. Die Spanier etablierten dort nicht nur die Rinderzucht mit ihren kulturellen Begleiterscheinungen, sondern führten dort auch ihre speziellen Instrumente wie Violine und Gitarre ein sowie charakteristische Tanzveranstaltungen: die ausschweifenden Fandangos (abgeleitet von dem gleichnamigen Tanz) und die eher beschaulichen Bailes. Das Tanzen war ein wichtiger Bestandteil der spanisch-texanischen Kultur, da es die Möglichkeit bot, dem entbehrungsreichen Leben wenigstens für kurze Zeit zu entfliehen.Jean A. Boyd: Western Swing – Working-Class Southwestern Jazz of the 1930s and 1940s. In: Michael Saffle (Hrsg.): Perspectives on American Music, 1900–1950. Taylor & Francis, 2000, ISBN 0-8153-2145-7, S. 193–214, hier: S. 195 f.

Im Laufe der Zeit wurde diese Kultur von Einwanderern aus anderen Kulturkreisen mit immer neuen Elementen angereichert, vor allem unter dem Eindruck der zunehmenden Verdrängung der spanischen bzw. mexikanischen Machthaber im Zuge der Eingliederung von Texas in die Vereinigten Staaten. Außerdem kamen weitere kontinentaleuropäische Einflüsse hinzu, etwa Märsche, Walzermelodien, Schottische und Polkas. Beispielsweise beruht Under The Double Eagle, einer der Klassiker des Western Swing und 1936 ein großer Hit für Bill Boyd & His Cowboy Ramblers, auf dem Marsch Unter dem Doppeladler von Josef Franz Wagner, den Bob Wills später mit Texas Double Eagle in eine klassische Polka umwandelte.George Lipsitz: Rainbow at Midnight: Labor and culture in the 1940s. University of Illinois Press, 1994, ISBN 0-252-06394-5, S. 323. Teilweise wurden diese Einflüsse zunächst von afroamerikanischen Musikern adaptiert, indem sie die Polkas synkopierten und die Offbeats der Polkas auf Märsche anwendeten. Daraus entwickelte sich die typische afroamerikanische Tanzmusik im 2/4-Takt, die wiederum für weiße Musiker wie Bob Wills interessant wurde.George Lipsitz: Rainbow at Midnight: Labor and culture in the 1940s. University of Illinois Press, 1994, ISBN 0-252-06394-5, S. 323.

mini|Eck Robertson um 1922 Die Fiddle blieb jedoch trotz dieser neuen Einflüsse das vorherrschende Instrument der texanischen Musikszene, das auch von den angelsächsischen Einwohnern bevorzugt wurde. Im frühen 20. Jahrhundert wurden sowohl auf lokaler als auch überregionaler Ebene zahlreiche sogenannte „Fiddle-Contests“ veranstaltet. Mit Eck Robertson ging später ein Vertreter dieser Musik als erster kommerzieller Country-Musiker in die Geschichtsbücher ein. Andere Vertreter dieser Musik waren die East Texas Serenaders, die Southern Melody Boys oder Prince Albert Hunt’s Texas Ramblers. Allerdings sind die Grenzen zwischen diesen „Vorstufen“ und dem eigentlichen Western Swing im Einzelnen umstritten. So sollen etwa die Serenaders noch nicht dazu zählen, da ihnen drei wesentliche Schlüsselelemente fehlten, die die frühen Western Swing Bands von den traditionellen Stringbands, die meist nur Instrumentalstücke spielten, absetzten: neben dem Improvisieren sowohl das Hinzufügen von Nicht-Streichinstrumenten als auch von „pop-style vocals“, also gefälligen Gesangsstimmen.Cary Ginell, Kevin Coffey: Discography of western swing and hot string bands, 1928–1942. Greenwood Publishing Group, 2001, ISBN 0-313-31116-1, Einleitung xiii. Allerdings erweiterten die Serenaders das gängige Repertoire um Elemente aus dem Ragtime, um den Wünschen des Publikums nach Tänzen wie dem Two Step oder dem Foxtrott zu entsprechen.Cary Ginell, Roy Lee Brown: Milton Brown and the founding of Western Swing. University of Illinois Press, 1994, ISBN 0-252-02041-3, S. 251, Anm. 22. Auf diese Weise bereiteten sie den Weg für andere Bands und haben für manche Kritiker den Grundstein des Western Swing gelegt.Patrick Henry Bogan, Jr.: East Texas Serenaders. Handbook of Texas Online. Auch die Väter von Bob Wills und Milton Brown waren beide begeisterte Fiddler in der Breakdown-Tradition gewesen. Wills war bereits im Alter von zehn Jahren beim Square Dance und bei so genannten Ranch Dances und House Dances öffentlich aufgetreten.

Die Zeit der reinen Fiddlemusik neigte sich damals jedoch dem Ende zu. Bis Mitte der 1930er Jahre hatte sich auch der Geschmack des Publikums auf dem Land gewandelt. Einer der Organisatoren des Georgia Fiddling Contest sagte 1935: „The country folks aint’t satisfied with the simple old fiddle tunes no more. They want this jazz band music.“Cusic, Don: Discovering country music, Praeger Publishers, 2008, S. 36. ISBN 978-0-313-35245-4 Entsprechend hatten auch viele ländliche Musiker begonnen, mit neuen Stilmitteln zu experimentieren. Großer Beliebtheit erfreute sich dabei als Inspiration auch die Musik im Stil der Jazzgitarristen Eddie Lang und Joe Venuti.

Außerdem spielten die damals sehr populären Minstrel- und Vaudeville-Shows eine große Rolle, die starke afroamerikanische Elemente wie Blues und Jazz aufweisen. Seit ca. 1929 zog Wills mit einer Medicine Show durchs Land und wurde dabei stark von deren jazzigen Arrangements und dem temperamentvollen Auftreten der Darsteller beeinflusst. Insbesondere die Musik von Emmett Miller, einem der einflussreichsten Vertreters der Minstrelszene, hat nachhaltig auf ihn eingewirkt. Besonders deutlich wird dies an seiner Aufnahme von I Ain’t Got Nobody (1935), die sich gewissenhaft an Millers früherer Version orientiert.Nick Tosches: Country: The Twisted Roots of Rock’n’Roll. Da Capo Press, 1996, ISBN 0-306-80713-0, S. 102. Wills typischen Zwischenrufe, seine „hoots and hollers“, finden sich auch schon bei Miller. Zu dieser Zeit wendeten sich auch viele Minstrelbands von ihrem traditionellen String-Band-Lineup ab und ersetzten die Fiddle durch Blasinstrumente.Robert Christgau: Grown up all wrong: 75 great Rock and Pop artists from Vaudeville to Techno. Harvard University Press, 1998, ISBN 0-674-44318-7, S. 40. Ebenfalls vom Vaudeville beeinflusst wurden die Brüder Bill und Jim Boyd, die neben Bob Wills und Milton Brown zu den Pionieren des Genres zählen. Aufgewachsen im Grenzgebiet zwischen Texas und Oklahoma, sahen sie 1926 in der nahe gelegenen Stadt bei einer Minstrelshow einem Blackface-Künstler mit seiner Gitarre, von dessen Auftritt sie derart beeindruckt waren, dass sie sich gemeinsam eine billige Gitarre kauften und sich selbst das Spielen beibrachten.Jean A. Boyd: The Jazz of the Southwest: An Oral History of Western Swing. University of Texas Press, 1998, ISBN 0-292-70860-2, S. 171.

Überhaupt spielt der afroamerikanische Einfluss eine große Rolle bei der Entstehung des Western Swing. Ähnlich wie bei der Entwicklung des Blue Yodeling aus dem Blues, nahmen auch im Südwesten weiße Künstler, die auf der Suche nach neuen Impulsen waren, gerne die stilistischen Anregungen ihrer schwarzen Kollegen auf. Dies stieß jedoch nicht immer auf Verständnis: So soll Bob Wills einmal in betrunkenem Zustand einen schwarzen Trompeter engagiert haben, der jedoch vom Publikum, das diesbezüglich weit weniger fortschrittlich war als die Musiker, in einer ansonsten ausschließlich weißen Band nicht akzeptiert wurde.Charles W. Joyner: Shared Traditions: Southern History and Folk Culture. University of Illinois Press, 1999, ISBN 0-252-06772-X, S. 205. mini|Ted Daffan's Texans – Bluest Blues (1942) Die enge Verbindung etwa mit dem Blues zeigt sich bspw. an dem bekannten Stück St. Louis Blues, das zunächst von Bluesmusikern wie Bessie Smith, Bob Wills’ Lieblingssängerin, populär gemacht worden war und später einer der großen Klassiker des Western Swing wurde.

Ein weiterer Baustein im Fundament des Western Swing waren die so genannten „House Dances“. Diese fanden in Privathaushalten statt, der Eigentümer räumte das Wohnzimmer leer und engagierte verschiedene Musiker oder eine Band. Hintergrund dieser Veranstaltungen war zum einen, dass sich die einfache Bevölkerung die Preise der Dance Halls nicht leisten konnte. Zum anderen fühlten sich diese Personen in den vornehmen Tanzhallen nicht wohl, wo große Orchester und Blechbläser Gesellschaftsmusik spielten. Zudem konnte das Alkoholverbot der Prohibition im privaten Umfeld leichter umgangen werden.

Anfänge