mini|Ventralansicht von Poecilotheria regalis

Poecilotheria ist eine Gattung aus der Familie der Vogelspinnen (Theraphosidae) mit 15 anerkannten Arten, die ausschließlich auf dem indischen Subkontinent (inkl. Sri Lanka) verbreitet sind (Stand: September 2018). Sie ist die einzige Gattung in der Unterfamilie Poecilotheriinae. Im deutschsprachigen Raum werden die Arten der Gattung manchmal auch Ornamentvogelspinnen oder Tigervogelspinnen genannt, wobei sich diese Namen mit den deutschen Bezeichnung für andere Vogelspinnenarten überschneiden. Der wissenschaftliche Gattungsname Poecilotheria setzt sich aus den altgriechischen Wörtern „poikilos“ (= bunt) und „ther“ bzw. „therion“ (= Tier) zusammen und bedeutet somit in etwa „buntes Tier“. Durch ihr ansprechendes Aussehen und die teils beachtliche Größe der Weibchen haben sie sich zu sehr beliebten Tieren in der Terraristik entwickelt und können heute mit relativ wenig Aufwand in Terrarien gepflegt und vermehrt werden.

Alle Vertreter dieser Gattung sind seit dem 28. August 2019 per CITES-Anhang II geschützt.

Verbreitung Sämtliche Arten der Gattung kommen in Indien und Sri Lanka vor. Das Vorkommen in Sri Lanka ist flächendeckend. In Zentral-Indien gibt es keine Nachweise, ebenso wenig im Norden oberhalb 23,5° nördliche Breite. Somit wird das Vorkommen scheinbar von der geografischen Tropengrenze bestimmt. Jedoch gibt es Vermutungen, dass im Norden Indiens noch weitere Arten vorkommen könnten. Die Verbreitung in Indien ist durch die Bewaldung bestimmt, die entlang der Küsten in einem etwa 400 km breiten Streifen auftritt. Durch die Breite des Landes bedingt laufen die beiden Streifen nach Süden hin zusammen und die Gattung kommt ab etwa der Hälfte Indiens nach Süden hin ebenfalls flächendeckend vor. Die Gesamtausdehnung des Verbreitungsgebietes umfasst somit über 2000 km in Nord-Süd-Richtung, über 1500 km in Ost-West-Richtung und reicht von Meeresspiegelhöhe bis auf Höhenlagen über 2000 m.

Lebensraum Den natürlichen Lebensraum aller Arten der Gattung bilden Wälder unterschiedlicher Klimazonen. Es treten alle Übergänge auf, vom heißen Trocken- oder Dornwald bis hin zu feuchten Monsunwäldern und den kühleren Bergnebelwäldern. Aufgrund der Einflüsse des Menschen sind manche Arten auf sehr kleine Areale zurückgedrängt worden (Poecilotheria smithi) oder konnten sich aufgrund eher geringer Ansprüche an das Habitat über weite Teile Indiens verbreiten und kommen in landwirtschaftlich genutzten Monokulturen (meist Ölpalmen) mit teilweise sehr hohen Populationsdichten vor (Poecilotheria fasciata). Bei manchen Arten gibt es sogar Vorkommen in Gärten und in menschlichen Behausungen, sodass manche Arten sogar als Kulturfolger zu bezeichnen sind.

Merkmale Es handelt sich um mittelgroße bis große Vogelspinnen von 5 cm (Poecilotheria subfusca) bis 9 cm (Poecilotheria rufilata) Körperlänge und 12 bis 20 cm Beinspannweite. Zwischen den Geschlechtern liegt ein Geschlechtsdimorphismus bezüglich der Größe und der Färbung vor. Adulte Weibchen sind wesentlich kräftiger gebaut und kontrastreicher gezeichnet als die Männchen. Die adulten Männchen hingegen sind im Verhältnis wesentlich zierlicher und langbeiniger gebaut als die weiblichen Tiere und ihre kontrastreiche Zeichnung der Körperoberseite löst sich (außer bei Poecilotheria metallica) schrittweise ab einem gewissen Entwicklungsstadium oder erst nach der Reifehäutung fast vollständig auf. Als Besonderheit besitzen alle Arten ein aus Haaren und Borsten bestehendes Stridulationsorgan zwischen Cheliceren und Tastern, mit dem sie bei Bedrohungen zischende Laute von sich geben können. Ähnlich gebaute Organe finden sich bei der (wahrscheinlich näher verwandten) Vogelspinnengattung Psalmopoeus.

Alle Arten haben dorsal eine eichenblattartige Blattzeichnung (Folium) auf dem Opisthosoma und unterschiedliche Streifen- und Fleckenmuster auf des Peltidiums oder Carapax und den Beinen. Bei den meisten Arten dominieren auf der Dorsalseite Grautöne mit einzelnen schwarzen Elementen, wie etwa den Tigerstreifen auf dem Opisthosoma. Einige Arten zeigen aber auch Brauntöne (Poecilotheria miranda, Poecilotheria subfusca), besitzen gelbliche Zeichnungselemente (Poecilotheria rufilata, Poecilotheria subfusca, Poecilotheria metallica) oder sind sogar blau gefärbt (Poecilotheria metallica). Zusätzlich können rote (Poecilotheria formosa) oder rosa (Poecilotheria regalis, Poecilotheria striata) Haare bestimmte Stellen des Körpers bedecken.

Auf der Ventralseite sind die Beine gelb-schwarz oder weiß-schwarz gebändert. Bei Poecilotheria metallica und Poecilotheria rufilata kommen noch blau-irisierende Elemente hinzu. Sind gelbe Bänder vorhanden ersetzen diese die weißen Bänder der Dorsalseite der Beinen, wodurch sich ein besonders starker Kontrast zwischen gelben und schwarzen Bändern ergibt. Bei dieser sehr auffälligen Warnfärbung handelt es sich um einen Aposematismus, mögliche Fressfeinde abzuschrecken, denen drohend die Unterseite des erhobenen Vorderleibs gezeigt wird. Die Poecilotheria warnen damit vor ihrem Toxin.Alejandro García-Arredondo, Luis Rodríguez-Rios, Luis Fernando Díaz-Peña, Ricardo Vega-Ángeles: Pharmacological characterization of venoms from three theraphosid spiders: Poecilotheria regalis, Ceratogyrus darlingi and Brachypelma epicureanum. In: Journal of Venomous Animals and Toxins including Tropical Diseases, Band 21, Nr. 15, 2015, doi:10.1186/s40409-015-0017-8 (PDF). Diese Zeichnungen können in den meisten Fällen zur eindeutigen Bestimmung der Art herangezogen werden.

Die Nymphen sehen zu Beginn noch recht unscheinbar aus, auch wenn sich schon die zukünftige Zeichnung erkennen lässt. Sie entwickeln schon in einem früher Stadium die typische, kontrastreiche Zeichnung der Dorsalseite. Die Warnfärbung auf der Ventralseite der Laufbeine folgt jedoch erst später.

Lebensweise Alle Arten sind Baumbewohner und leben bevorzugt in Baumhöhlen, Astlöchern oder seltener unter lockerer Rinde. Offene Verstecke werden selten benutzt. Eine Population von Poecilotheria regalis, als anpassungsfähigste Art der Gattung, soll sogar Felsspalten bewohnen und einige Individuen wurden auf der Flucht beim Tauchen in mit Wasser vollgelaufenen Baumstümpfen beobachtet. Der Durchmesser der Baumhöhlen wird so gewählt, dass er in etwa der Körperlänge der Tiere entspricht. Arten, die weniger soziale Tendenzen zeigen und somit auch eine geringere Individuendichte im Verbreitungsgebiet zeigen, wählen relativ schmale, hohe Bäume. Im Gegensatz zu solchen Arten zeigt vor allem Poecilotheria subfusca eine starke Neigung zur Koloniebildung. Tiere dieser Art bewohnen öfter sehr alte Bäume mit großem Stammdurchmesser. In diesen Bäumen (z. B. Zypressen) gibt es viele Hohlräume, die den relativ kleinen Tieren ausreichend Platz bieten und somit von mehreren adulten Tieren bewohnt werden. Jungtiere leben in Ausnahmefällen in Verstecken am Boden, was jedoch untypisch ist.

Die Verstecke werden in den meisten Fällen nach ganz bestimmten Kriterien gewählt. Bevorzugt werden Hohlräume, deren Öffnung tief liegt oder nach unten gerichtet ist, sodass Regenwasser kaum eindringen kann (es gibt hier Ausnahmen bei manchen Arten). Die Öffnungen sind oft nur so groß, dass die Tiere gerade noch hindurch passen. Dies hat zum Vorteil, dass in trockenen Klimazonen durch die kleinen Öffnungen, die zudem tagsüber noch sehr dicht mit Gespinst verschlossen werden, nur wenig Feuchtigkeit entweichen kann. Dies sichert den Tieren ein Mikroklima, in dem sie während der teils sehr harschen Trockenzeit überhaupt überleben können. Da die Tiere hauptsächlich dämmerungs- und nachtaktiv sind, erfahren sie durch dieses konstante Mikroklima auch kaum Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsunterschiede beim Verlassen des Unterschlupfes, da das Mikroklima den Verhältnissen bei Nacht meist sehr nahekommt.

Manche Arten zeigen ein für Vogelspinnen ungewöhnlich tolerantes Verhalten gegenüber Artgenossen, sodass manchmal eine große Höhle von mehreren adulten Weibchen bewohnt wird und sogar Brutpflege in Form von Verteidigung und Fütterung der geschlüpften Jungspinnen beobachtet wurde. Da Beobachtungen von Kooperation zwischen adulten Tieren fehlen, kann jedoch noch nicht von echter Sozialität gesprochen werden.

Abwehrverhalten und Giftwirkung Die Vogelspinnen der Gattung Poecilotheria sind, entgegen der weit verbreiteten Meinung, nur leicht aggressiv, wobei individuelle Unterschiede existieren können. Sie ziehen sich meist schon bei geringen Störungen schnell in ihren Unterschlupf zurück und vermeiden eine direkte Konfrontation mit dem Störenfried. Bei einem Fehlen von geeigneten Verstecken oder Fluchtmöglichkeiten wenden sich die Tiere dem Angreifer zu und gehen in eine Abwehrstellung. Dabei präsentieren sie die Warnfärbung unter den Vorderbeinen und erzeugen zischende Laute mittels ihres Stridulationsorgans. Bei anhaltender Störung schlagen sie zunächst mit den Vorderbeinen nach dem Angreifer, bevor sie als letzte Option den Giftbiss wählen, um den Angreifer in die Flucht zu schlagen.

Das Gift der Poecilotheria-Arten ist stärker als das der meisten anderen Vogelspinnen. Die Letale Dosis wurde für Mäuse als LD50 von 5–14 mg per 1 kg Körpergewicht bestimmt.Alexander Andreev-Andrievskiy, Anfisa Popova, Evgeniia Lagereva, Daniil Osipov, Antonina Berkut, Eugene Grishin, Alexander Vassilevski: Pharmacological analysis of Poecilotheria spider venoms in mice provides clues for human treatment. In: Toxicon, Band 138, November 2017, S. 59–67, doi:10.1016/j.toxicon.2017.08.013. Insekten und andere Kleintiere sterben infolge eines Giftbisses meist. Auftretende Folgen für Menschen sind lokale, teils strahlende Schmerzen, lokale Schwellungen und starke Rötungen, die bis zu einer Woche anhalten können sowie Krämpfe, typischerweise mit motorischer Stereotypie, die verschiedene Muskeln betreffen können und mehrere Tage andauern können, in Ausnahmefällen auch mehrere Wochen. Eine Begutachtung durch einen Arzt sollte daher in jedem Fall erfolgen. Besonders für Allergiker ist Vorsicht geboten, da die Giftwirkung hier stärker ausfallen kann. Als erste Gegenmittel scheinen sich Chlorpromazin, Oxcarbazepin, Tolperison und Xylazin zu bewähren. Chlorpromazin wirkt der Muskelverkrampfung entgegen, während Oxcarbazepin und Xylazin die Stereotypie mildern.

Entwicklung Wie bei allen Vogelspinnen kümmern sich die Muttertiere um den Kokon, indem sie ihn regelmäßig drehen und in ihrer Höhle umhertragen. Im Gegensatz zu der üblichen Entwicklung bei Jungspinnen vom Ei über eine Prälarve und eine Larve zur Nymphe und schließlich zum geschlechtsreifen Tier, gibt es bei den Arten Poecilotheria formosa, Poecilotheria metallica, Poecilotheria miranda und Poecilotheria tigrinawesseli ein weiteres Entwicklungsstadium. Bei diesen Vogelspinnen wird während der Larvenentwicklung zwischen Larve I und Larve II unterschieden. Die Larve II entspricht bei diesen Arten der „normalen“ Larve anderer Spinnen, wohingegen die Larve I eine Zwischenform in der Entwicklung darstellt. Diese Form scheint durch eine Verzögerung der Entwicklung um etwa 3 Wochen und kannibalische Tendenzen (gerade bei ansonsten sehr verträglichen Arten) eine Anpassung an das Klima zu sein. In der Zeit, in der dieses Entwicklungsstadium auftritt (Prämonsun) gibt es aufgrund von Trockenheit und Hitze wenig Nahrung, sodass Entwicklungsverzögerungen und Kannibalismus das Überleben wenigstens einiger Jungtiere sichern, bis die klimatischen Bedingungen günstiger sind und das Nahrungsangebot größer ist.

Das gleiche Entwicklungsstadium wurde bei Vogelspinnenarten der Gattung Psalmopoeus beobachtet.

Systematik