mini|hochkant|Wetterfrosch im Glas. Radierung nach einem Gemälde von Hans Pöck, aus Die Gartenlaube, 1887 Der Wetterfrosch ist ein Frosch, dem unterstellt wird, das Wetter, genauer Regen, vorhersagen zu können. In deutschsprachigen Volkserzählungen wird die Vorstellung von einem Laubfrosch überliefert, der in einem Glasgefäß sitzt und angeblich schönes Wetter ankündigt, wenn er die Leiter im Glas nach oben steigt. Solche „Froschhäuser“ waren bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verbreitet.

„Wetterfrosch“ ist häufig ein scherzhafter Ausdruck für einen Meteorologen. Darüber hinaus sind in vielen Weltgegenden Frösche in Mythen und magischen Vorstellungen mit Regen verbunden.

Der Wetterfrosch im Glas Die Legende vom „Wetterfrosch“ geht auf die Beobachtung zurück, dass europäische Laubfrösche (Hyla arborea) bei sonnigem Wetter an Pflanzen weit nach oben klettern, wobei ihnen die spezielle Ausbildung ihrer Zehen dienlich ist. Das Verhalten, in seinem Lebensraum in feuchten Wiesen und an Waldrändern auf Büsche und Bäume zu klettern, ist damit zu erklären, dass bei warmem sonnigem Wetter die Insekten, die als Nahrung dienen, höher fliegen als bei kaltem Wetter. Der Laubfrosch ist die einzige europäische Amphibienart, die derart gut klettern kann. Durch ihre am Rücken hellgrüne Färbung sind Laubfrösche gut getarnt, um sich unerkannt zwischen Laub aufhalten zu können. Dieser Eigenschaft haben sie ihren Namen zu verdanken.

Aus ihrem Verhalten schlussfolgerte man, der Frosch könne das Wetter nicht nur anzeigen, sondern auch vorhersagen. In früheren Zeiten wurden dazu die rund vier Zentimeter großen Frösche in Gläser gesteckt, in denen sich am Boden eine Schicht Wasser und darüber eine in den oberen Bereich reichende kleine Leiter befand. Die Öffnung war mit einem Stoff oder Netz luftdurchlässig verschlossen. Es gab auch eine Art Froschterrarium („Froschhaus“) in Form von vier Glasplatten, die mit Holzstäbchen oder Blech an den Ecken zu einer quadratischen Laterne zusammengefügt und von einem Pyramidendach aus einem Drahtnetz bekrönt waren. Durch ein kleines Loch mit einer Abdeckklappe im Dach ließen sich die Frösche mit lebenden Fliegen, ihrer Hauptnahrung, versorgen. In Katalogen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts verschiedene Modelle beworben. Stieg der Frosch die Leiter nach oben, bedeutete das trockenes Wetter, blieb er unten, war feuchtes Wetter zu erwarten. Dabei wird zweierlei übersehen: Der Frosch reagiert zum einen immer nur auf das aktuelle Wetter. Zum anderen herrscht im Glas ein Mikroklima, das wenig mit den Verhältnissen in der Natur zu tun hat. Analog zu den Fröschen verhalten sich Schwalben, die bei sonnigem Wetter in höheren Luftschichten nach Insekten jagen. Deren Anblick liefert auch keine Aussage über einen möglicherweise bevorstehenden Wetterumschwung.

mini|hochkant|Titelblatt für die Noten der Picayune Frog Polka in Anlehnung an die Picayune Frog-Karikatur der Tageszeitung The Times Picayune von New Orleans, 1894. Unten sind Varianten der originalen Froschkarikatur abgebildet mini|hochkant=0.5|links|Der Picayune Frog als Wetterprophet. Maskottchen der Tageszeitung The Times Picayune von New Orleans seit 1894 Laubfrösche zur Wettervorhersage in einem Glas einzusperren war ein vor allem in Deutschland praktizierter Brauch. Die Tageszeitung The Independent in der Kleinstadt Collegeville im US-amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania berichtet 1899 unter der Überschrift „Wetterfrösche. Kleine lebende Barometer, die aus Deutschland importiert werden“ über ein exotisches Phänomen: Eine größere Menge von aus Deutschland eingeführten Laubfröschen würden als Wetterfrösche in Gläsern für 20 Cents pro Stück in Geschäften verkauft, heißt es in dem Artikel.Weather Frogs. Small Living Barometers Which Are Imported From Germany. In: The Independent, Collegeville, Pa, 25. Mai 1899

Die Leitung der in New Orleans im Bundesstaat Louisiana ansässigen Tageszeitung The Times-Picayune/The New Orleans Advocate übernahm 1876 nach dem Tod ihres Mannes die Journalistin Eliza Jane Nicholson (Pearl Rivers). Sie war die erste Frau, die in den Vereinigten Staaten eine größere Tageszeitung herausgab.Eliza Jane Nicholson, The Small-Town Poet Who Became The First Woman Publisher Of The Picayune. TriPod. The Historic New Orleans Collection Im Jahr 1894 führte sie die Kolumne Weather Frog ein, die eine Wettervorhersage für den nächsten Tag brachte. Zur Kolumne gehörte als Maskottchen eine am 11. Januar jenes Jahres erstmals erschienene und ab dem 13. Januar auf der Titelseite platzierte Froschkarikatur,Vicki Lee Brumagin: A Study of Women in American Journalism from 1696 to 1972. (Masterarbeit) California State University, Northridge 1972, S. 39f die als Picayune Frog in New Orleans Kultstatus erlangte und zum Maskottchen für sämtliche Wohltätigkeitsveranstaltungen, außerdem für Kindergeburtstage und sonstige organisierte Unterhaltungsformen wurde. Die Froschfigur wurde in verschiedenen Varianten abgebildet.Stefene Russell: The Picayune Frog vs. Pogo vs. Weather Bird. Historiola, 3. März 2023 Nach seinem Verschwinden für einige Jahrzehnte erschien die Wetterfroschfigur Picayune Frog 1952 wieder in der Zeitungsrubrik als ein Phänomen der Popkultur von New Orleans.

Die „Wetterstation“ mit dem Laubfrosch hat sich, ohne noch ernst genommen zu werden, bis heute als ein mit Humor aufgefasstes Klischee erhalten. Fähigkeiten zur Wettervorhersage wurden außerdem Spinnen und Egeln (in einem Sturmvorhersager genannten Apparat) zugeschrieben,Valentin Hegmann: Allgemeine Witterungskunde. Ein tägliches Taschenbuch für Jedermann: besonders für Reisende, Forstbeamte, Landwirthe, Jagd- u. Gartenfreunde. Joh. Chr. Kempf, Herborn 1834 wobei der Glaube so weit ging, dass man aus bestimmten Beobachtungen der Tiere das Wetter in einer bestimmten Stunde über eine Woche später ableiten wollte, so teilte es der Zoologe Alfred Brehm – mit einer gewissen stilistischen Distanzierung – in einem Aufsatz von 1859 mit.Alfred Brehm: Die Hausthiere als Wetterpropheten, 1859

Der Frosch im Glas war kein Tierorakel, denn sein ersichtliches Verhalten musste nicht „befragt“ werden. Schwalben am Himmel bedürfen ebenso wenig der Interpretation. Eine rationale Einordnung traf Johannes von Salisbury (um 1115–1180), ein bedeutender englischer Theologe des Mittelalters, der zwar Wasservögeln die Fähigkeit zur Wettervorhersage zusprach („Wenn du nämlich die Körper der Wasservögel besonders gierig ins Wasser tauchen siehst, erwarte Regen. Wenn du am Morgen das Schreien der Krähe hörst, holt es Regen.“), zur einschränkenden Begründung aber nicht auf ihre hellseherische Gabe, sondern auf ihr gegenwärtiges Empfinden der Luftbewegungen verwies („weil sie in der Luft weilen, spüren sie deren Bewegung schneller in sich selbst und empfangen davon Freude oder Trauer“).Christa Agnes Tuczay: Kulturgeschichte der mittelalterlichen Wahrsagerei. De Gruyter, Berlin 2012, S. 122

In der Umgangssprache werden Meteorologen und Wettermoderatoren beiderlei Geschlechts humorvoll als „Wetterfrosch“ bezeichnet. Für das Wetter moderierende Frauen haben Medien außerdem scherzhaft die Bezeichnung „Wetterfee“ eingeführt. Die vermeintlich magischen Fähigkeiten eines realen Tiers werden damit an die Fee, ein aus Märchen bekanntes übernatürliches Wesen in weiblicher Gestalt übergeben.

Der Frosch als Wetterprophet im deutschen Volksglauben mini|hochkant|„Wetterpropheten“. Zeichnung von Adolf Hengeler, 1894 Der süddeutsche Geistliche Konrad von Megenberg (1309–1374) beschreibt die grundlegende Vorstellung von der prophetischen Gabe der Frösche: „daz fröschel hat die art daz es vor hin schreit, wenn ain regen wil komen, aber ze anderr teit singet ez selten oder nümmer“. Seine um 1350 verfasste Schrift Das Buch der Natur ist die erste bedeutende wissenschaftliche Abhandlung in deutscher Sprache. Das Ausdrucksmittel des Frosches, um Regen mitzuteilen, ist hier sein lautstarkes Quaken, was bereits der Römer Claudius Aelianus (um 170 – um 235) feststellte: „Wenn die Frösche lauter und heller als sonst schreien, so zeigen sie das Herannahen des Regens an.“ Denselben Zusammenhang von Froschquaken und Regen oder Gewitter hebt der Schweizer Gelehrte Conrad Gessner (1516–1565) hervor. Auch beim Laubfrosch im Glas wurde gleichermaßen auf seinen Platz an der Leiter und auf sein Quaken geachtet.Ludwig Hopf: Thierorakel und Orakelthiere in alter und neuer Zeit. Eine ethnologisch-zoologische Studie. W. Kohlhammer, Stuttgart, 1888, S. 195 Ganz übereinstimmend scheint die Kausalität, wonach es schönes Wetter gibt, wenn der Frosch die Leiter hinaufsteigt, nicht geglaubt worden zu sein, denn laut dem Schweizer Pfarrer Jeremias Gotthelf (Bilder und Sagen aus der Schweiz, 1917) sei es ein sicheres Zeichen einer nahen Wasserflut, wenn sich die Frösche in die Höhe flüchteten. Das Auf und Ab des Frosches in Bezug auf Regen findet sich jedenfalls in vielerlei mythischen Vorstellungen. In Westböhmen war Anfang des 20. Jahrhunderts der Glaube verbreitet, dass, wenn die Sonne scheint und Wasser verdunsten lässt, sie auch die kleinen Frösche mit hinaufzieht, die dann bei Regen wieder herunterfallen.Hanns Bächtold-Stäubli, Eduard Hoffmann-Krayer (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 3: Freen – Hexenschuss. Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1930/1931, s. v „Frosch“, Sp. 124–142, hier Sp. 125 (Digitalisat)

Die Vorstellung vom Wetterfrosch war im 19. Jahrhundert auch in Wörterbüchern Allgemeingut. Der Sprachforscher Joachim Heinrich Campe erklärt in seinem Wörterbuch der Deutschen Sprache 1811 unter dem Stichwort „Der Wetterfrosch“: „Frösche, welche nach einem Regen, Gewitter in Menge zum Vorschein kommen und von welchen der gemeine Mann glaubt, daß sie mit dem Regen herabgekommen sind.“ Aus dieser Naturbeobachtung folgt die zweite Bedeutung als Konsequenz im magischen Volksglauben: „Ein Frosch, welcher die Veränderungen des Wetters im voraus anzeigt, dergleichen der Laubfrosch ist.“Joachim Heinrich Campe: Wörterbuch der Deutschen Sprache. Band 5, Braunschweig 1811, S. 692 Im Deutschen Wörterbuch werden ebenfalls mit Verweis auf Campe zwei Bedeutungen aufgeführt, allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Zunächst geht es um den Laubfrosch im Glas, der die Veränderung des Wetters anzeige, und an zweiter Stelle um die nach einem Regen in der Natur zum Vorschein kommenden Frösche.Wetterfrosch. In: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Band 29, Sp. 726

Mythen von Fröschen und Regen mini|hochkant|Hyla venulosa, eine in Südamerika beheimatete Laubfroschart. Zeichnung in einem zoologischen Werk, angefertigt zwischen 1700 und 1880 Ein Spruch in den Volkserzählungen der von den Akadiern abstammenden Bewohner des US-amerikanischen Bundesstaates Louisiana lautet: „Wenn der Regenfrosch quakt, erwarte Regen.“Hilda Roberts: Louisiana Superstitions. In: The Journal of American Folklore, Band 40, Nr. 156, April–Juni 1927, S. 144–208, hier S. 187

Verwandte Vorstellungen eines „Wetterfroschs“ sind auch in anderen Regionen geläufig. Die Gattung Regenfrösche (Breviceps) kommt hauptsächlich in Ost- und Südafrika vor. Die in trockenen steppenartigen Gebieten lebenden Frösche haben sich ihren Trivialnamen durch ihr Verhalten erworben, nach Regenfällen zu erscheinen, um Nahrung (Insekten) zu suchen, und sich in den Sommermonaten der Südhalbkugel nach starken Regenfällen zu paaren. Die Polarität von Trockenheit und Regen, in der sich die Regenfrösche bewegen, namentlich der Wüstenregenfrosch (Breviceps macrops), spielt eine wesentliche Rolle im Alltag und in den Mythen einer agrarisch lebenden Bevölkerung.