Der Begriff sexuelle Denunziation stammt von dem Hamburger Erziehungswissenschaftler Friedrich Koch, der 1986 mit seinem gleichnamigen Buch auf die Systematik der sexuellen Diffamierung in der politischen Auseinandersetzung aufmerksam gemacht hat. Buch und Begriff wurden breit diskutiert, waren Grundlage für eine Große Anfrage der Grünen an die Bundesregierung sowie eine Plenardebatte im Deutschen Bundestag. Der Begriff fand schnell Eingang in die einschlägigen Auseinandersetzungen.

Bedeutung „Sexuelle Denunziation“ liegt vor, wenn Menschen aufgrund von Verhaltensweisen oder Veranlagungen im Bereich der Sexualität diffamiert werden. Impotenz oder fehlende sexuelle Erfahrung können ebenso Stigma sein wie sexuelle Überaktivität (Hypersexualität), sexuelles Desinteresse, Homosexualität, der Konsum von Pornografie, Masturbation (Onanie), Sadismus oder Masochismus. Weitere Gegenstände der Stigmatisierung können „maskulines“ Verhalten bei Frauen, „feminine“ Attitüden bei Männern oder Sexualität im Alter sein. Die Streuung des Gerüchts, dass jemand in zerrütteten Partner-, Ehe- und Familienverhältnissen lebt, ist eine besonders verbreitete Form der sexuellen Denunziation. In der politischen Auseinandersetzung ist die sexuelle Denunziation die gezielt eingesetzte Technik zur Ausschaltung des politischen Gegners.

In der modernen Sexualwissenschaft und Psychologie wurden viele ehemals stigmatisierte Verhaltensweisen entpathologisiert und als akzeptabel eingestuft, sofern sie einvernehmlich stattfinden.

Beispiele Täter und Opfer sind in allen politischen Gruppierungen zu finden – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Im deutschen Kaiserreich (Harden/Eulenburg), in der Zeit des Nationalsozialismus (Blomberg/Fritsch; Ernst Röhm) sowie in der jüngsten Vergangenheit (Kießling-Affäre; Barschel-Affäre). Opfer können auch gesellschaftliche Minderheiten sein, so wurden insbesondere die Juden in der Zeit des Nationalsozialismus systematisch sexuell denunziert.

Literatur Friedrich Koch: Sexuelle Denunziation. Die Sexualität in der politischen Auseinandersetzung. Frankfurt 1986; 2., erweiterte Auflage Hamburg 1995. Friedrich Koch: Sexualität und politische Kultur. In: Friedhelm Zubke (Hrsg.): Politische Pädagogik. Beiträge zur Humanisierung der Gesellschaft. Hans-Jochen Gamm zum 65. Geburtstag. Weinheim 1990, S. 259 ff. Siegfried Rudolf Dunde (Hrsg.): Handbuch Sexualität. Weinheim 1992, S. 33 ff. Die sexuelle Denunziation … als Mittel der politischen Auseinandersetzung. Bundestag, große Anfrage von DIE GRÜNEN (24. Januar 1989) Drucksache 11/3901 (PDF; 534 kB) und Antwort der Bundesregierung (30. August 1989) Drucksache 11/5107 (PDF; 403 kB) sowie Drucksache 11/5482 (PDF; 312 kB).

Kategorie:Sexismus Kategorie:Handlung und Verhalten