mini|hochkant=1.66|Die Rieterkirche von Süden 2019 mini|hochkant=1.33|Blick in den Chorraum mini|hochkant|Portal mit Grundstein St. Marien und Christophorus, gewöhnlich Rieterkirche genannt, ist die evangelisch-lutherische Kirche in Kalbensteinberg, einem Gemeindeteil des Marktes Absberg im mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Sie ist Pfarrkirche des Pfarrverbunds Kalbensteinberg/Fünfbronn im Evangelisch-Lutherischen Dekanat Gunzenhausen. Die namensgebenden Rieter von Kornburg haben als Stifter die Kirche als persönliches Denkmal betrachtet und mit zahlreichen Kunstwerken ausgestattet. Bemerkenswert dabei ist, dass die Kirche und ihr Inventar nie einem Brand, einem Krieg oder dem Ikonoklasmus zum Opfer fielen, weswegen ihre im Original erhalten gebliebenen Kunstschätze das „Fränkische Schatzkästchen“ zu den kulturhistorisch wertvollsten Baudenkmälern der Region machen.Werner Spoerl: Die Rieterkirche zu Kalbensteinberg St. Marien und Christophorus. Überarbeitet von Daniel Schönwald und Thomas Müller, Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2015, S. 14.Leif Geiges und Adolf Lang: Altmühlfränkisches Mosaik. 1. Auflage. Freiburg im Breisgau 1982, S. 178.Johann Schrenk, Karl Friedrich Zink: Gotteshäuser. Kirchenführer Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Treuchtlingen 2008, S. 112. Zum Inventar zählen – für eine evangelische Kirche ungewöhnlich – eine große Anzahl katholischer Bildwerke und Heiligenstatuen, eine russisch-orthodoxe Ikone des Theodor Stratelates als wertvollstes Exemplar der Sammlung sowie eine Marienfigur mit Kind aus Terrakotta, die dafür sorgte, dass die Rieterkirche bis zur Reformation eine Wallfahrtskirche war.
Geographische Lage mini|Straße vor der Kirche mit Blick auf den Pfarrhof Die ortsbildprägende Rieterkirche befindet sich östlich der Hauptstraße des Ortes an einer Gasse im Ortskern Kalbensteinbergs, der als Bauensemble (Aktennummer E-5-77-111-1) denkmalgeschützt ist. Das Bauwerk ist die einzige Kirche des Dorfes. Sie steht auf 487 Meter über NHNTopographische Karten, Bayerisches Vermessungsamt (BayernAtlas). und ist von denkmalgeschützten Bauernhäusern wie den Hausnummern 72 und 61 umgeben. An einem kleinen Platz vor der Südfront der Kirche liegen auch der Pfarrhof und das Alte Pfarrhaus. Die postalische Adresse lautet Kalbensteinberg 63. Der neue Friedhof der Kirche steht am Ortsrand rund 100 Meter östlich der Kirche. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela führt an der Kirche vorbei.Jakobusweg Nürnberg-Ulm-Konstanz, Evangelisch-lutherische Kirche in Bayern, abgerufen am 15. September 2016. Zur Pfarrgemeinde gehören die Orte Obererlbach und Straßenhaus (beide Gemeinde Haundorf) und Untererlbach (Stadt Spalt).
Namensgebung Die Pfarrkirche hat die heilige Maria, Mutter Jesu, und den heiligen Christophorus als Patrozinium. Urkundlich gesichert ist nur das Marienpatrozinium. Wann Christophorus als zweites Patrozinium hinzukam, ist unbekannt; es stammt jedenfalls nicht aus vorreformatorischer Zeit. Möglicherweise geht es auf eine unzuverlässige Pfarrbeschreibung des 19. Jahrhunderts zurück, vielleicht auf einen Irrtum von Pfarrer Medicus.Daniel Schönwald: 550 Jahre Grundsteinlegung. Errichtung und Weihe der Kalbensteinberger Rieter-Kirche und ihre Vorgeschichte. Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2014, S. 12–16.
Die Kirche wird jedoch meist nicht Marien- und Christophoruskirche, sondern „Rieterkirche“ genannt. Der Name stammt von den Rietern von Kornburg, einer Patrizierfamilie der Reichsstadt Nürnberg, die bis in das 18. Jahrhundert Herrschaftsinhaber des Dorfes war, das Bauwerk als persönliches Denkmal betrachtete und es mit Kunstschätzen ausstattete. Dies führte dazu, dass die Kirche den Spitznamen „Fränkisches Schatzkästchen“ bekam. Mundartlich wird das Bauwerk im lokalen ostfränkischen Dialekt als „Kalber Kirch“ bezeichnet.
Geschichte Das Mittelalter mini|Historienschilder mit den Wappen von Oettingen, Stromer und Wernitzer Die früheste Erwähnung Kalbensteinbergs findet sich in einer Urkunde vom 20. Juni 1248, in der Papst Innozenz IV. dem Kloster Roggenburg seinen Besitz in Kalbensteinberg bestätigt. Das Kloster besaß anfangs etwa zwei Drittel der Anwesen des Ortes. Am 4. Januar 1412 kaufte Graf Ludwig XI. von Oettingen die Besitztümer dem Kloster abSiglinde Buchner: Kalbensteinberg: Einblicke in die Orts- und Kirchengeschichte bis 1613. In: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen (Hrsg.): Alt Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung. Heft 72, 2017, S. 8–10. und veräußerte sie am 20. Januar 1412 an die Nürnberger Patrizierwitwe Agnes Stromer. Deren Tochter Margaretha war seit 1402 mit Andreas Wernitzer aus Rothenburg ob der Tauber verheiratet und übernahm 1414, nach dem Tod der Mutter, zusammen mit ihrem Mann das Erbe. Nach dem Auftreten von juristischen Problemen wurden die Güter am 10. April 1418 an Andreas Wernitzer vom Reichshofgericht in Konstanz übergeben. Die drei Kinder von Andreas Wernitzer erbten 1437 je ein Drittel seines Kalbensteinberger Besitzes. Tochter Klara war mit dem Nürnberger Patrizier Hans Rieter († 1437) verheiratet, der am 25. Oktober 1437 Klaras Geschwistern ihre Erbteile abkaufte. So gelangte Kalbensteinberg 1437 in den Besitz der Rieter.Siglinde Buchner: Kalbensteinberg: Einblicke in die Orts- und Kirchengeschichte bis 1613. In: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen (Hrsg.): Alt Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung. Heft 72, 2017, S. 20–22. Zu dieser Zeit gab es eine Vorgängerkirche an gleicher Stelle, die kleiner und niedriger war als die heutige Kirche und Maria, ihrer Mutter Anna und den Heiligen Georg und Nikolaus geweiht war.Daniel Schönwald: 550 Jahre Grundsteinlegung. Errichtung und Weihe der Kalbensteinberger Rieter-Kirche und ihre Vorgeschichte. Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2014, S. 4.
Bauherr Paul Rieter (1430–1487), der das Majorat Kalbensteinberg von seinem Bruder Andreas (1428–1488) gepachtet hatte, ließ am 13. Juli 1464, dem Tag der heiligen Margarete, den Grundstein für eine neue Kirche legen.Werner Spoerl: Die Rieterkirche zu Kalbensteinberg St. Marien und Christophorus. Überarbeitet von Daniel Schönwald und Thomas Müller, Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2015, S. 13. Die Bauarbeiten dauerten bis 1488.Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bayern I: Franken. Die Regierungsbezirke Oberfranken, Mittelfranken und Unterfranken. 2. durchgesehene und ergänzte Auflage, Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1999, ISBN 3-422-03051-4, S. 501. Die Finanzierung erfolgte durch Ablassbriefe.Daniel Schönwald: 550 Jahre Grundsteinlegung. Errichtung und Weihe der Kalbensteinberger Rieter-Kirche und ihre Vorgeschichte. Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2014, S. 8. Die Kirchweihe als Marienkirche mit einer Altarweihe im Langhaus erfolgte am 10. September 1469, dem Sonntag nach Mariä Geburt, durch Weihbischof Leonhard Pilhamer; die Weihe des Chores, des Hochaltares und der Kirche nach ihrer Fertigstellung nahm Weihbischof Jakob Raschauer am 5. Mai 1488 vor. Das Fest der Kirchweihe bezieht sich auf die Weihe von 1469, wurde 1870 aber vom Sonntag nach Mariä Geburt auf den zweiten Sonntag im Oktober verschoben.Daniel Schönwald: 550 Jahre Grundsteinlegung. Errichtung und Weihe der Kalbensteinberger Rieter-Kirche und ihre Vorgeschichte. Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2014, S. 11/12. Bis zur Reformation war die Rieterkirche eine Wallfahrtskirche. Das Ziel der Wallfahrt war eine Marienfigur mit Kind aus Terrakotta, die der Legende nach Blutstropfen weinte und sich heute im Chorraum befindet. Bevor 1542 die Reformation unter Pfarrer Wolfgang Reutaler (oder Reintaler) eingeführtSiglinde Buchner: Kalbensteinberg: Einblicke in die Orts- und Kirchengeschichte bis 1613. In: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen (Hrsg.): Alt Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung. Heft 72, 2017, S. 29. und der größte Teil des Inventars aus der Kirche entfernt wurde, befanden sich auch Reliquien der heiligen Walburga, der 11.000 Jungfrauen und des heiligen Christophorus in der Kirche.Daniel Schönwald: 550 Jahre Grundsteinlegung. Errichtung und Weihe der Kalbensteinberger Rieter-Kirche und ihre Vorgeschichte. Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2014, S. 14.
Die Umgestaltung der Kirche durch Hans Rieter zu Beginn des 17. Jahrhunderts mini|Totenschilde an der Langhausnordwand Von 1609 bis 1613 ließ Hans Rieter (1564–1626), ein Kunstsammler, seine Kirche restaurieren und mit spätgotischen Kunstwerken, die aufgrund der Reformation aus Nürnberger Kirchen entfernt worden waren, neu ausschmücken.Daniel Schönwald: Die Rieter-Gruft in der Kalbensteinberger Kirche. Errichtung, Belegung, Besonderheiten. In: Verein für Heimatkunde Gunzenhausen (Hrsg.): Alt Gunzenhausen. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung. Heft 73, 2018, S. 128/129. Auch Werke, die bereits vor der Reformation zur Ausstattung der Rieterkirche gehört hatten und dann auf den Dachboden ausgelagert worden waren, wurden wieder präsentiert. Er ließ drei Flügelaltäre anfertigen und die mittelalterlichen Bilder und Statuen in diese einfügen. Hersteller, Herstellungsort und -zeit der meisten Objekte sind nicht genau bekannt. Die Auswahl der Werke erklärt den ungewöhnlichen Bestand an katholischen Bildern und Skulpturen in einer evangelischen Kirche. Aufträge für neue Werke vergab Hans Rieter an die beiden Maler Georg Gärtner und Nicolaus Oeller (1554–1633) (auch als Nikolaus Öhler bezeichnet) sowie an den Bildschnitzer Christoph Großdietz (auch Christoph Grostitz genannt und 1590 als Bürger in Nürnberg nachgewiesen). Im Rahmen der Umbaumaßnahmen wurden Kanzel und Emporen errichtet, die Gruft angelegt und im Langhaus die Felderdecke eingezogen. Die Chorwände wurden mit Fresken versehen, im Langhaus und entlang der Gemeindeemporen knapp unterhalb der Decke wurden insgesamt 204 Wappen als Fries gemalt, die später übertüncht und von denen einige wenige bei Renovierungen in den Jahren 1929 bis 1930 sowie 1990 bis 1992 freigelegt wurden.Thomas Müller: Kirchenrenovierung 1609–1613, online abrufbar, abgerufen am 16. September 2016. Unter dem Fries wurden 15 neu geschaffene Totenschilde aufgehängt. Besonders aufwändig war der Neubau des Dachstuhls des Langhauses, der aufgrund massiver Schäden am Dachtragwerk notwendig geworden war. Insgesamt betrugen die Baukosten 2866 Gulden, 5 Pfund und 12 1/2 Pfennig und wurden durch Gelder der Frühmesse in Kornburg, den Zehnten und aus vorhandenem Barvermögen der Kirchengemeinde finanziert.
Das 17. bis 20. Jahrhundert mini|Sakristei und Fachwerkturm mit Aufstieg zu den Herrschaftslogen Den Dreißigjährigen Krieg überstand die Kirche unbeschadet. 1649 erhielt die Pfarrgemeinde wieder einen Pfarrer, ab 1654 wurden wieder eigene Kirchenbücher geführt.Werner Spoerl: Die Rieterkirche zu Kalbensteinberg St. Marien und Christophorus. Überarbeitet von Daniel Schönwald und Thomas Müller, Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2015, S. 8.
Nach dem Aussterben der Rieter 1753 kam das Kirchengebäude in den Besitz des Nürnberger Heilig-Geist-Spitals. 1806 verlor die Stadt das Patronatsrecht im Rahmen der Mediatisierung an das Königreich Bayern und erlangte es 1818 zurück, unter der Bedingung, die Kirche zu erhalten. Bis 1970 wurde das Bauwerk von der Stadt Nürnberg als Administratorin der Rieterstiftung verwaltet und wurde dann der bayerischen Landeskirche übertragen.Werner Spoerl: Die Rieterkirche zu Kalbensteinberg St. Marien und Christophorus. Überarbeitet von Daniel Schönwald und Thomas Müller, Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2015, S. 9.
Bis ins 19. Jahrhundert kamen katholische Pilger in die evangelische Rieterkirche und verehrten die Marienfiguren.Daniel Schönwald: 550 Jahre Grundsteinlegung. Errichtung und Weihe der Kalbensteinberger Rieter-Kirche und ihre Vorgeschichte. Evang.-Luth. Pfarramt Kalbensteinberg 2014, S. 17–18.