mini|Kirche von Schinznach-Dorf mini|Kirchenschiff mit Orgelprospekt
Die reformierte Kirche Schinznach-Dorf ist die Dorfkirche der aargauischen Gemeinde Schinznach in der Schweiz.
Geschichte Die Kirche in Schinznach-Dorf ist erstmals in einer Urkunde aus dem Jahre 1227 bezeugt. Sie war im romanischen Stil erbaut worden. An diesen Turm wurde später ein gotischer Turm angebaut und 1650 an der Südseite desselbigen die sogenannte Erlachkapelle angefügt. Diese Kapelle ist die Begräbnisstätte von Johann Ludwig von Erlach, einem bedeutenden Vertreter dieses bernischen Patriziergeschlechts, der am 26. Januar 1650 im badischen Breisach gestorben war. Auch seine Frau ist in der Kapelle begraben.
Etwa zur selben Zeit wurde auf den Kirchturm ein Glocken- und Giebelgeschoss aufgesetzt, das bis heute dem Turm seine barocke Erscheinung gibt. Als die ursprüngliche Kirche gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu klein wurde, entschied man sich zu deren Abbruch und einem Neubau. Dieser 1779 erstellte Bau ist bis heute erhalten. Die letzte Renovation der Kirche wurde im Jahre 2006 durchgeführt.
Ausstattung mini|Eingang zur Erlachkapelle mini|Johann Ludwig von Erlachs barockes Grabdenkmal in der Kirche Schinznach-Dorf mit einem lateinisch-griechischen Epitaph (siehe hiernach)
Die Kirche verfügt über eine zweimanualige Metzler-Orgel mit neunzehn Registern aus dem Jahr 1977, die 2008 revidiert wurde.
Im Chor befinden sich Epitaphien für drei bernische Landvögte von Kasteln: Emanuel Lerber (1641–1738), Johann Rudolf von Mülinen (1703–1743), und Gottlieb Morlot (1703–1756). In der eigens von Johann Ludwig von Erlach erbauten Grabkapelle findet sich ihm zu Ehren ein Epitaph. Diese Erlachkapelle stellt neben den Memorialkapellen für Hieronymus von Erlach (1667–1748) in der Kirche von Hindelbank (Kanton Bern) und für Albrecht von Wattenwyl (1617–1671) in der Kirche von Oberdiessbach (Kanton Bern) das bedeutendste barocke Grabdenkmal der Schweiz dar.
Interlinearübersetzung des lateinisch-griechischen Epitaphtextes mit ergänzten Abkürzungen in eckigen Klammern und wo nötig eingefügten Abständen: alternativtext=|rechts|494x494px|Epitaph für Hans Ludwig von Erlach in der Erlachkapelle der Kirche von Schinznach-Dorf D[eo]. O[ptimo]. M[aximo]. S[acrum].
Gott dem Allmächtigen geweiht
ΣΚΙΑς ΟΝΑΡ ΑΝΘΡΩΠΟςΣκιᾶς ὄναρ ἄνθρωπος = skiás ónar ánthropos: Sentenz des altgriechischen Lyrikers Pindar (ca. 518–438 v. Chr.) aus seiner achten Pythischen Ode (Verse 95–96), wo über die Unbeständigkeit (notabene nicht die Vergänglichkeit) der menschlichen Existenz reflektiert wird, allerdings nicht im Kontext von Tod und Sterben. Im barocken Epitaph oben dürfte die Sentenz hingegen als einleitendes Memento mori dienen.
Eines Schattens Traum [ist] der Mensch
IOHANNES LUDOVICUS AB ERLACH
Johann Ludwig von Erlach,
DNS [= dominus] IN CASTELEN ET GAUENSTEINCastelen et Gauenstein: historische Formen der Toponyme Kasteln und Auenstein im Kanton Aargau; letztere Ortschaft trat urkundlich erstmals Anfang des 13. Jh. als «Gowenstein» in Erscheinung.
Herr zu Kasteln und Auenstein,
CHRISTIANISSIMI REGIS LUDOVICI XIV
des allerchristlichsten Königs Ludwig des Vierzehnten
IMPERATOR BELLICUS, FORTALITII
Feldherr, der Festung
BREISACENSIS PROVINCIARUMQ[ue] INDEprovinciae dependentes: wohl zehn Festungen, die sich von Mainz bis zum Hohentwiel hinunterzogen. Vgl. Hans Ulrich von Erlach: 800 Jahre Berner von Erlach. Die Geschichte einer Familie, Bern 1989, S. 247.
Breisach und der Gebiete, die davon
DEPENDENTIUM DIFFICILL[imo] TEMPOR[e]difficillimum tempus: der gesamte Dreissigjährige Krieg oder eine seiner Phasen.
abhingen, in schwerster Zeit
XI ANN[orum] GUBERNATOR, POSTEAQUAM
11 Jahre Gouverneur; nachdem
BELLICAS MAIORUM LAUDES AEMULA[-]
er dem militärischen Ruhm der Vorfahren nachgeeifert,
TUS DEO FIDEM, REGI VIRTUTEM
er Gott seine Treue, dem König seine Tapferkeit
INTEGRITATEMQ[ue] SUAM PROBASSET,
und Redlichkeit bewiesen hatte,
RELIG[ionem] ORTHODOXAM PRAECLARE IUVISSETreligio orthodoxa: der Protestantismus.
er die rechtgläubige Religion glänzend unterstützt hatte,
NOMINIS SIBI PARASSET EXISTIMATIONEM
er sich Ansehen des Namens erworben hatte,
NUNQUAM INTERMORITURAM, LENTA TAN-
das niemals erlöschen würde; schliesslich durch anhaltendes
DEM FEBRICULA EXSICCATUS, EX IPSIS TERR[enae]
Fieber ausgelaugt, von diesen
MILITIÆ LABORIB[us] SUPERNOS AD TRIUMPHOS
Mühen des irdischen Kriegsdienstes zu himmlischen Triumphen
EVECTUS, MORTALE Q[uod] SUPERERAT MAGNAE
emporgeführt, er das Sterbliche, das übrigblieb, der grossen
MORTALIUM MATRImagna mortalium mater: die Erde. HEIC REDDIDIT
Mutter der Sterblichen hier zurückgab.
MARGARETA AB ERLACH XXIII ANN[orum] CONIUNX,
Margaretha von Erlach, 23 Jahre [seine] Ehefrau,
CATH[arina] SUSANNA, MARIA ET IOHANNA LOISA FILIAE
Katharina Susanne, [SusannaHans Ulrich von Erlach: 800 Jahre Berner von Erlach. Die Geschichte einer Familie, Bern 1989, Tafel D2 XI.] Maria und Johanna Louisa [seine] Töchter,
SUPERST[ites] MOESTISS[im]ae MARIT[o] PARENT[i] DESIDERATISS[im]o
die ihn tieftraurig überlebten, dem innig vermissten Gatten [und] Vater
AMARIS CUM LACRUMISlacruma: Altlateinische Form von lacrima („Träne“), die auf Epitaphien häufig verwendet wird. P[onendeum] C[uraverunt]
mit bitteren Tränen liessen [dieses Denkmal] errichten.
NATUS BERNAE AN[no] CIϽCIϽ entspricht dem römischen Zahlzeichen M = 1000. IϽIϽ entspricht dem römischen Zahlzeichen D = 500, nicht zu verwechseln mit der nachfolgenden Abkürzung D für dies ("Tag"). XCV [ante] D[iem] III KAL[endas]kalendae (auch calendae): die Kalenden, sprich der erste Monatstag im altrömischen Kalender; ante diem tertium kalendas novembris entspricht dem 30. Oktober und ante diem septimum kalendas februarias dem 26. Januar. IXBR [= Novembris]IXBRIS: Ligatur aus IX = NOVEM und BRIS („November“).
Geboren in Bern im Jahre 1595, am dritten Tag vor den November-Kalenden,
DENATUS BRISACI AN[nno] CIϽ IϽ C L [ante] D[iem] VII KAL[endas] FEBR[uarias]
gestorben in Breisach im Jahre 1650, am siebten Tag vor den Februar-Kalenden.Eine weitere Übersetzung findet sich in: Hans Ulrich von Erlach: 800 Jahre Berner von Erlach. Die Geschichte einer Familie, S. 283.
Siehe auch Liste der Kulturgüter in Schinznach
Weblinks
Einzelnachweise
Schinznach Dorf Kategorie:Bauwerk der Romanik in der Schweiz Schinznach-Dorf Schinznach-Dorf Schinznach-Dorf Schinznach-Dorf Kategorie:Schinznach Schinznach-Dorf Kategorie:Ersterwähnung 1227 Kategorie:Epitaph (17. Jahrhundert)