Die Seeschlacht bei Grönham (auch Seeschlacht bei Grengam, schwedisch Slaget vid Föglöfjärden beziehungsweise Slaget vid Ledsund) vom war die letzte größere Seeschlacht des Großen Nordischen Krieges. Sie fand in der Ostsee bei den Ålandinseln in der Ledsundstraße zwischen den Inselgemeinden Föglö und Lemland statt. Eine russische Galeerenflotte unter dem Kommando von Michail Michailowitsch Golizyn besiegte dort einen schwedischen Verband unter Carl Georg Siöblad und eroberte vier schwedische Schiffe. Das Gefecht wird daher überwiegend als russischer Sieg gewertet; umstritten sind jedoch das Ausmaß der russischen Verluste sowie die Frage, in welchem Umfang die Schäden an der russischen Galeerenflotte den strategischen Wert des Erfolges einschränkten.
Vorgeschichte
Nach der Seeschlacht bei Rilax 1714 hatte Russland seine Möglichkeiten für Operationen mit Galeeren und anderen Ruderfahrzeugen in den Schären des nördlichen Ostseeraums erheblich erweitert. In den folgenden Jahren unternahmen russische Galeerenverbände wiederholt Angriffe gegen die schwedische Küste. Die großen schwedischen Segelkriegsschiffe konnten in den engen und flachen Schären nur eingeschränkt gegen die beweglicheren russischen Ruderfahrzeuge eingesetzt werden.
Gleichzeitig veränderte sich die politische Lage im Ostseeraum. Nach dem Tod Karls XII. näherte sich das Königreich Großbritannien Schweden an und entsandte Verbände der Royal Navy in die Ostsee. Peter I. rechnete 1720 mit der Möglichkeit eines britischen Eingreifens; Golizyn hatte den russischen Galeerenverband deshalb zeitweise aus dem Åland-Archipel nach Helsingfors zurückgezogen.
Die Stärke des russischen Verbandes wird in den Quellen unterschiedlich angegeben. Neuere Darstellungen nennen entweder 52 oder 61 Galeeren; hinzu kamen kleinere Fahrzeuge und insgesamt etwa 11.000 Soldaten und Seeleute. Der schwedische Verband unter Vizeadmiral Siöblad bestand aus einem Linienschiff, vier Fregatten und mehreren kleineren Fahrzeugen mit insgesamt mehr als 1000 Mann.
Am 26. Juli nach julianischem Kalender wurde der schwedische Verband bei Lemland entdeckt. Golizyn entschied sich, in Richtung Grönham beziehungsweise Ledsund zu gehen, wo die schwedischen Segelschiffe wegen der Enge, Untiefen und Felsen weniger Bewegungsfreiheit hatten.
Verlauf mini|rechts|Zeitgenössische schwedische Darstellung der Schlacht bei Ledsund (Grönham). Links die schwedischen Schiffe, rechts die russische Galeerenflotte.
Am kam es zum Gefecht. Wegen der stärkeren schwedischen Schiffsartillerie wich der russische Galeerenverband zunächst in die Schären und in flacheres Wasser zurück. Die schwedischen Schiffe folgten ihm. Unter den dortigen Bedingungen verloren die größeren Segelschiffe jedoch einen Teil ihrer Manövrierfähigkeit.
Nach dem russischen Angriffssignal gingen die Galeeren auf den Gegner zu und griffen die schwedischen Schiffe aus mehreren Richtungen an. Ein Teil der russischen Fahrzeuge gelangte hinter die vorderen schwedischen Schiffe und erschwerte ihnen den Rückzug. Der Kampf entwickelte sich zu einem Gefecht auf kurze Distanz mit intensivem Artillerie- und Musketenfeuer sowie Enterkämpfen. Nach der von dem russischen Historiker Pawel A. Krotow ausgewerteten russischen Dokumentation wurden während des Gefechts 31.506 Gewehrpatronen und 23.971 Kartätschenladungen verbraucht sowie 546 Handgranaten geworfen.
Vier schwedische Schiffe wurden von den Russen geentert und erobert: die 34-Kanonen-Fregatte Stor Phoenix, die 30 Kanonen führende Vainqueur, die 22 Kanonen führende Kiskin und die 18 Kanonen führende Danska Örn. Siöblads Linienschiff und die übrigen schwedischen Fahrzeuge konnten sich aus dem Gefecht lösen.
Nach der ersten russischen Verlust- und Beuteliste wurden auf den vier eroberten Schiffen 103 Schweden getötet und 407 gefangen genommen; außerdem fielen 104 Geschütze in russische Hände.
Auch die russische Galeerenflotte erlitt erhebliche Schäden. Eine zeitgenössische russische Schadensliste führt 43 beschädigte Galeeren auf: 13 in der Vorhut, 17 im Zentrum und 13 in der Nachhut. Eine 30-rudrige Galeere namens Wesfish wird gesondert als schwer beschädigt beschrieben. Sie sank in Ufernähe und wurde nach der Bergung ihrer Vorräte verbrannt.
Die zeitgenössische russische Verlustliste verzeichnete 82 Tote, 203 Verwundete sowie weitere 43 Männer in einer gesonderten Kategorie, die mit dem russischen Begriff opaleno („versengt“ beziehungsweise „verbrannt“) bezeichnet wurden. Damit belief sich die angegebene Gesamtzahl auf 328 Mann. In späteren Darstellungen wurden die 43 letztgenannten Männer teilweise zu den Verwundeten gerechnet, woraus die ebenfalls häufig anzutreffende Angabe von 246 Verwundeten entstand.
Folgen mini|rechts|Feierliche Einfahrt der vier eroberten schwedischen Schiffe in Sankt Petersburg nach der Schlacht von Grönham. Kupferstich von Alexei Subow.
Das unmittelbare materielle Ergebnis der Schlacht war ein russischer Sieg: Vier schwedische Schiffe wurden samt ihrer Geschütze und einem großen Teil ihrer Besatzungen erobert. Gleichzeitig erlitt die russische Galeerenflotte erhebliche Schäden, weshalb das Ausmaß und die strategische Bedeutung des Erfolges in der späteren russischen und schwedischen Geschichtsschreibung unterschiedlich bewertet wurden.
In der russischen Geschichtsschreibung wurde das Gefecht vor allem wegen der vier eroberten schwedischen Schiffe als Sieg gewertet. Schwedische Historiker betonten dagegen stärker die Schäden an der russischen Galeerenflotte und die Frage, in welchem Umfang diese die weiteren russischen Operationen der Kampagne von 1720 einschränkten.
Streit um die russischen Galeerenverluste In der späteren Literatur verbreitete sich die Behauptung, 43 der russischen Galeeren seien nicht lediglich beschädigt, sondern zerstört oder so schwer getroffen worden, dass die Russen sie nach der Schlacht hätten verbrennen müssen.
Eine wichtige Quelle für diese Darstellung war der russische Marinehistoriker Feodossi Fjodorowitsch Wesselago. Wesselago gehörte zu den bedeutenden russischen Historikern der Marinegeschichte des 19. Jahrhunderts und leitete Arbeiten zur Aufarbeitung und Veröffentlichung der Akten des russischen Marineministeriums.
Der finnlandschwedische Historiker Eirik Hornborg berief sich in seiner Untersuchung von 1944 ausdrücklich auf Wesselago und schrieb, von 61 russischen Galeeren seien 43 zerstört oder so schwer beschädigt worden, dass sie nach dem Gefecht verbrannt worden seien.Eirik Hornborg: Karl Siöblad och slaget vid Flisö. In: Skrifter utgivna av Sjöhistoriska Samfundet. Band 4, 1944, S. 42–68 (PDF; schwedisch). Ausgehend von der Annahme, dass mehr als zwei Drittel der russischen Galeeren verloren gegangen seien, hielt Hornborg die offiziell angegebenen 328 russischen Personalausfälle für zu niedrig und vermutete wesentlich höhere tatsächliche Verluste.
Der russische Historiker Pawel Alexandrowitsch Krotow widersprach später dieser Interpretation. Nach seiner Auswertung der zeitgenössischen russischen Schadensliste bezeichnet die Zahl 43 die Zahl der beschädigten Galeeren und nicht die Zahl der zerstörten oder anschließend verbrannten Fahrzeuge. In der Liste werde nur die Wesfish ausdrücklich als gesunken und anschließend verbrannt erwähnt.Pawel A. Krotow: Гренгамское сражение 27 июля 1720 г. (по новым данным) [Die Schlacht von Grengam am 27. Juli 1720 nach neuen Quellen]. In: Меншиковские чтения — 2004, 2004, S. 59–106 (PDF; russisch).
Die Zahl „43 Galeeren“ findet sich somit sowohl in der zeitgenössischen russischen Schadensdokumentation als auch in späteren Darstellungen, wird dort jedoch unterschiedlich interpretiert. Die russische Liste führt 43 beschädigte Schiffe auf, während Wesselago und ihm folgend mehrere spätere Autoren daraus eine Zahl von angeblich nicht mehr verwendbaren beziehungsweise verbrannten Galeeren machten.
Höhere Schätzungen der russischen Personalverluste, die auf der angenommenen Vernichtung von 43 Galeeren beruhen, sind daher spätere Rekonstruktionen und keine eigenständigen zeitgenössischen Verlustlisten. Dies schließt eine mögliche Unvollständigkeit der offiziellen russischen Berichterstattung nicht grundsätzlich aus; die Zahl von 43 beschädigten Galeeren allein belegt jedoch nicht den Verlust von 43 Schiffen.
Im folgenden Jahr führten russische Galeeren erneut Operationen und Angriffe an der schwedischen Küste durch. Der Große Nordische Krieg endete 1721 mit dem Frieden von Nystad.
Einzelnachweise Материалы для истории русского флота [Materialien zur Geschichte der russischen Flotte], Teil 2: Baltische Flotte 1702–1725. Hrsg. Sergei Iwanowitsch Jelagin, Typographie des Marineministeriums, Sankt Petersburg 1865, S. 506–511 (Digitalisat; russisch).
Literatur Eirik Hornborg: Karl Siöblad och slaget vid Flisö. In: Skrifter utgivna av Sjöhistoriska Samfundet. Band 4, 1944, S. 42–68. Pawel A. Krotow: Гренгамское сражение 27 июля 1720 г. (по новым данным). In: Меншиковские чтения — 2004. 2004, S. 59–106. Feodossi F. Wesselago: Очерк русской морской истории. Band 1, Sankt Petersburg 1875, S. 338–340. Материалы для истории русского флота. Teil 2: Baltische Flotte 1702–1725. Hrsg. Sergei I. Jelagin, Sankt Petersburg 1865. Alastair Wilson, Joseph F. Callo: Who’s who in Naval History: From 1550 to the Present. Routledge, 2004, ISBN 0-415-30828-3. William Richard Morfill: A History of Russia: From the Birth of Peter the Great to Nicholas II. James Pott Publisher, London 1902. George Bruce: Harbottle’s Dictionary of Battles. Van Nostrand Reinhold, 1981, ISBN 0-442-22336-6. Gunnar Unger: Illustrerad svensk sjökrigshistoria, omfattande tiden 1680–1814. Albert Bonniers Förlag, Stockholm 1923. Magnus Ullman: Rysshärjningarna på Ostkusten sommaren 1719. Stockholm 2006, ISBN 91-631-7602-5.
Weblinks
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