Die Sozialarbeitswissenschaft ist eine Handlungswissenschaft, die zur Gruppe der Humanwissenschaften zählt. Sie wird vorrangig an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (Fachhochschulen) gelehrt und bildet das Äquivalent zum international gebräuchlichen Begriff „Social Work“.

Definition Die Sozialarbeitswissenschaft bedient sich neben ihren eigenen Theorien und Modellen ebenso der Ansätze aus Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Anthropologie, Rechts- und Verwaltungswissenschaften und der Pädagogik. Die Diskussion über eine genaue Definition der Sozialarbeitswissenschaft verläuft sehr kontrovers. Ebenso gibt es verschiedene Definitionen der Arbeitsfelder. Zu den bekanntesten Theoretikerinnen zählt Silvia Staub-Bernasconi, die als Erste einen zusammenhängenden Theorieentwurf gestaltet hat. Sie definiert Soziale Arbeit als eine „Menschenrechtsprofession“. Darüber hinaus definiert die International Federation of Social Workers Soziale Arbeit wie folgt:

Professionelle soziale Arbeit unterstützt sozialen Wandel, Problemlösungen in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die Befähigung und Befreiung der Menschen zur Steigerung ihres Wohlbefindens. Soziale Arbeit interveniert an der Schnittstelle, wo Menschen mit ihrer Umwelt interagieren. Die Prinzipien der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit sind für die Soziale Arbeit fundamental.

Auf der Suche nach dem Gegenstand haben sich verschiedene Theorieansätze entwickelt. Eine einheitliche Gegenstandsdefinition gestaltet sich daher schwierig. Lothar Böhnisch definiert den Gegenstand als eine gesellschaftliche Reaktion auf die Bewältigungstatsache, Hans Thiersch als Probleme der Unterprivilegierung, der fehlenden materiellen Ressourcen, also der Armut und der Unterstützung in belasteten, unterprivilegierten, ausgrenzenden Lebensverhältnisse. Silvia Staub-Bernasconi deklariert den Gegenstand der Sozialarbeitswissenschaften als soziale Probleme im engeren und weiteren Sinne sowie deren Lösungen.

„Soziale Arbeit ist der Geschichte, der Gerechtigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen verpflichtet“.Ernst Engelke, Christian Spatscheck, Stefan Borrmann: Die Wissenschaft Soziale Arbeit. Lambertus Verlag, Freiburg 2009, S. 240. Sie definiert soziale Sachverhalte, macht sie öffentlich und verändert sie, daher steht sie auch in einem engen Zusammenhang mit der Sozialpolitik.

„Mit der Industrialisierung und der Entstehung der modernen Gesellschaft haben sich die Sozialarbeitswissenschaften als Praxis, Wissenschaft und Ausbildung weltweit herausgebildet“.Ernst Engelke, Christian Spatscheck, Stefan Borrmann: Die Wissenschaft Soziale Arbeit. Lambertus Verlag, Freiburg 2009, S. 242. Der Werdegang ist unter anderem durch eine enge Verknüpfung von Wissenschaft und Ausbildung gekennzeichnet.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es internationale Kongresse, Konferenzen und internationale Organisationen mit Mitgliedern aus der ganzen Welt. Forschung und Entwicklung werden von verschiedenen Organisationen betrieben, zu denen derzeit über 2000 Schulen, Universitäten und Institutionen zählen. „Jährlich schließen etwa 9000 AbsolventInnen in Deutschland ein Studium der Sozialen Arbeit oder Pädagogik mit dem Studienschwerpunkt Sozialpädagogik ab.“ (Stand: 2009.)Ernst Engelke, Christian Spatscheck, Stefan Borrmann: Die Wissenschaft Soziale Arbeit. Lambertus Verlag, Freiburg 2009, S. 250. „In Deutschland werden regelmäßig Bibliographien zur Sozialen Arbeit veröffentlicht, sie stammen aus mehreren Fachdisziplinen und beziehen sich auf das gesamte weite Handlungsfeld der Sozialen Arbeit“.Ernst Engelke, Christian Spatscheck, Stefan Borrmann: Die Wissenschaft Soziale Arbeit. Lambertus Verlag, Freiburg 2009, S. 251. „Es gibt seit 150 Jahren deutschsprachige Fachzeitschriften, die wissenschaftliche Beiträge enthalten und in denen über Forschungen der Sozialen Arbeit berichtet wird“.Ernst Engelke, Christian Spatscheck, Stefan Borrmann: Die Wissenschaft Soziale Arbeit. Lambertus Verlag, Freiburg 2009, S. 252. In Deutschland sind Mitglieder der Scientific community der Sozialen Arbeit regelmäßig federführend an der Erstellung der Jugend-, Armuts- und Familienberichten im Auftrag der Bundesregierung und der Länderregierungen beteiligt.

Geschichte Die Begründung einer Sozialarbeitswissenschaft wird seit den 1950er Jahren verstärkt gefordert. Sie knüpft vorrangig an die nordamerikanischen und fürsorgewissenschaftlichen Theorietraditionen der Sozialen Arbeit an. Aber trotz klarer Zielvorgabe, setzen sich nur wenige Hochschullehrer mit den Problemen, dieses Ziel zu erreichen, auseinander. Es ist wichtig, die Traditionslinien, die Geschichte und Entwicklung zu kennen und freizulegen, um Sozialarbeit als Wissenschaft zu benennen (Wilken 1999). Der Begriff Soziale Arbeit liegt im Spannungsfeld zwischen Alltag und Professionalität bzw. beginnender Wissenschaftlichkeit. Es folgen exemplarisch wichtige Stationen der sozialarbeitswissenschaftlichen Historie:

1950er: Gesamtgesellschaftliche Bemühung um einen Neuanfang der Sozialen Arbeit nach dem Kriegsende In diesem Zusammenhang mussten die Fragen nach der Neustrukturierung der Akademisierung der Sozialen Arbeit und der Reorganisierung wohlfahrtspflegerischer Dienste und Fürsorgeeinrichtungen geklärt werden Die Überlegung war Grundlage für eine autonome und von der Sozialpädagogik abgrenzbare Sozialarbeitswissenschaft zu entwickeln Resonanz der Verwissenschaftlichungs- und Akademisierungsversuche der Sozialarbeit blieb gering

1960er: Mehrere Versuche, dass die Ausbildung für Diplompädagogen mit sozialpädagogischer Ausrichtung an Universitäten vollakademisiert wird Sozialpädagogik wurde bereits 1962 als eigener Studiengang an einigen Universitäten etabliert, und somit als wissenschaftliche Disziplin anerkannt Die Sozialpädagogik scheint sich als für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Sozialen Arbeit als zentrale und bedeutsame Disziplin durchgesetzt zu haben, trotzdem taucht der Begriff der SAW in einer Publikation von Anton Hunziker auf. Den Kern identifiziert Hunziker in der Methodenlehre (ähnlich wie Lattke), um der Sozialen Arbeit ihren Status als praktische und wissenschaftliche Disziplin zu attestieren. Hunziker will sich damit von der Sozialpädagogik abgrenzen Lattke sieht eine enge Beziehung zwischen Sozialpädagogik und Sozialarbeit Erneute Forderung nach einer selbstständigen SAW weckt reges Interesse

1970er: Hans Pfaffenberger legt eine Skizze zur Verhältnisbestimmung zwischen Sozialpädagogik und SAW vor, in welcher deutlich wird, dass trotz vieler Gemeinsamkeiten unterschiedliche Themen bearbeitet werden

1980er: Entstehung von neuen Leitbegriffen „Selbsthilfe und Selbstorganisation“. Diese sind wichtig für die Entwicklung der Sozialen Arbeit und ihrer Methoden Ruf nach Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit Hans Thiersch entwickelt das Konzept der „lebensweltorientierten Sozialen Arbeit“ und prägt die Theorieentwicklung der Sozialen Arbeit Albert Mühlum und Silvia Staub-Bernasconi fördern die Theoriebildung durch den gesellschaftlichen Bedeutungszuwachs, soziale Probleme als Gegenstand und steigende Ansprüche an die Aufgaben der Sozialen Arbeit im Verbund von Praxis, Ausbildung und Forschung und fordern erneut die Anerkennung der Disziplin Gründung der Deutschen Gesellschaft für Sozialarbeit (DGS), um die wissenschaftliche Eigenständigkeit und den akademischen Diskurs voranzubringen; heute Deutsche Gesellschaft für die Soziale Arbeit (DGSA)

1990er: (= chaotische Phase) Anstoß für Diskussionen über die Wissenschaftlichkeit der Sozialen Arbeit durch das Buch „Soziale Arbeit als Wissenschaft“ von Ernst Engelke (1992) weitere Debatten und Auseinandersetzungen mit dem Thema Wissenschaft im Allgemeinen und der Wissenschaftlichkeit von Sozialer Arbeit, gleichsam einer „wissenschaftlichen Revolution“ Soziale Arbeit (für viele damals die weniger angesehene Zwillingsschwester der Sozialpädagogik) wurde lediglich ein bescheidener Platz als Studiengang an Fachhochschulen zugeordnet, obwohl es ebenso wichtig wäre, auch soziale Probleme und deren Lösungen wissenschaftlich anzugehen Die Alleinstellung der erziehungswissenschaftlichen Sozialpädagogen, Soziale Arbeit als eine eigene Wissenschaft zu etablieren, wird seit Anfang 1990 durch die Konstituierung der Sozialarbeitswissenschaft in Frage gestellt Sozialpädagogikwissenschaft beansprucht, die Sozialarbeit zu integrieren Sozialarbeitswissenschaftler beharren zur Vermeidung einer pädagogischen Engführung auf der eigenständigen Disziplin Es gab drei verschiedene Positionen in der Diskussion und in den Machtkämpfen:

Befürworter (v. a. Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit/hauptsächlich aus den Fachhochschulen kommend): fordern wissenschaftliche Anerkennung und disziplinäre Eigenständigkeit; Gegner (v. a. Sektion Sozialpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft/hauptsächlich aus den Reihen der universitären Sozialpädagogik): sehen die Anliegen der Sozialarbeit in der wissenschaftlichen Sozialpädagogik aufgehoben und bestreiten Notwendigkeit einer Sozialarbeitsdisziplin; Vermittler (aus beiden Fachrichtungen): legitime Interessen beider Parteien werden verbunden, indem die unterschiedlichen Theoriestränge anerkannt werden und sie einer übergreifenden Wissenschaft der „Sozialen Arbeit“ oder „Wissenschaft des Sozialwesens“ zugeordnet werden.Bernd Birgmeier: Soziale Arbeit als Wissenschaft. Band 1: Entwicklungslinien 1990–2000. Wiesbaden 2012.

Theorien Theorien sind in der Sozialarbeitswissenschaft relevant, da sie Instrumente sind, mit denen wir unsere Wirklichkeit beschreiben und erklären können. Sie sind ebenso Werkzeuge für die professionelle Praxis und Grundlage für die Entscheidungen sozialarbeiterischen Handelns.Johannes Herwig-Lempp: Welche Theorie braucht Soziale Arbeit? In: sozialmagazin. 2/2003, S. 12–21.

In der Sozialarbeitswissenschaft ist die Gegenstandsbestimmung sehr vielfältig und heterogen. Da es unterschiedliche Denkansätze gibt, die Wirklichkeit zu erfassen, wie z. B. Phänomenologie, Hermeneutik, Konstruktivismus, Kommunitarismus usw. sind auch die theoretischen Ansätze in der Sozialarbeitswissenschaft sehr breit gefächert. Dies erklärt die Vielfalt der Theorien und Theoriemodelle, die ein unterschiedliches Erkenntnisinteresse verfolgen und verschiedene Erkenntnisgegenstände beforschen. Die endgültige Theoriebildung ist letztlich von der Denkmethode, dem Gegenstand sowie dem Erkenntnisziel und -interesse des Vertreters bzw. der Vertreterin der Sozialen Arbeit abhängig. Aber auch die theoretischen Ansätze der Bezugswissenschaften und deren Erkenntnisse sind für die Theoriediskussionen in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit von Relevanz. Somit stellt sich die Frage, ob und inwieweit die Theorien der Bezugswissenschaften in das Theorierepertoire der Sozialarbeitswissenschaft aufzunehmen sind.

Aufgrund dieser sehr vielfältigen Faktoren, die für die Theoriebildung eine wichtige Rolle spielen, lässt sich in der Sozialarbeitswissenschaft eine Vielzahl an unterschiedlichen Theorien systematisieren.B. Birgmeier, E. Mührel: Wissenschaftliche Grundlagen der Sozialen Arbeit. Hofheim/Ts. 2012, S. 92–96. Die Kategorisierungen der Theorien decken sich jedoch nicht immer, sodass es viele unterschiedliche Einteilungen gibt.Johannes Herwig-Lempp: Welche Theorie braucht Soziale Arbeit? In: sozialmagazin. 2/2003, S. 17. Werner TholeWerner Thole: Die Soziale Arbeit – Praxis, Theorie, Forschung und Ausbildung. In: Werner Thole (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Wiesbaden 2011, S. 19–70. beispielsweise differenziert die Theorieansätze in Theorietraditionen der Sozialen Arbeit: sozialpädagogische Traditionslinien: Vertreter dieser Traditionslinie sind u. a. Natorp, Nohl, Aichhorn, Mollenhauer fürsorgerische, wohlfahrtspflegerische und sozialarbeiterische Traditionslinien: Vertreter dieser Traditionslinie sind u. a. Wichern, Salomon, Klumker, Scherpner