Die Pflanzengattung Nieswurz (Helleborus), auch Christrosen, Schneerosen oder Lenzrosen genannt, gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Die 15 bis 25 Arten sind von Europa über Kleinasien bis Zentralasien verbreitet; eine Art kommt in China vor.

Namensherkunft Der deutschsprachige Trivialname Nieswurz (von mittelhochdeutsch niesewurz „Schwarze Nieswurz“ oder „Weiße Nieswurz“Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 180 („Elleborus albus – wyß nyeßwortz […] Elleborus – nyeseworz“).) ist auf den Umstand zurückzuführen, dass das geriebene Pulver der unterirdischen Pflanzenteile Niesreiz auslöst. Das gilt auch für manche anderen Pflanzenarten,Ferdinand Wick: Beiträge zur Geschichte von Helleborus und Veratrum. Phil. Diss. Basel 1939. z. B. aus der Gattung Veratrum (ebenfalls mitunter als „Nieswurz“ bezeichnet).

Der wissenschaftliche Gattungsname Helleborus war schon in der Antike als Pflanzenname bekannt (ursprünglich ). Er erscheint bereits in Theophrasts Historia plantarum.Rudolf von Grot: Ueber die in der hippokratischen Schriftensammlung enthaltenen pharmakologischen Erkenntnisse. In: Rudolf Kobert (Hrsg.): Historische Studien aus dem Pharmakologischen Institute der Kaiserlichen Universität Dorpat. Tausch & Grosse, Halle 1889, S. 58–133, hier: S. 89. Pedanios Dioskurides führte im vierten Band seiner Arzneimittellehre De materia medica aus dem 1. Jahrhundert nach Christus zwei Helleborus-Arten auf, eine weiße und eine schwarze. Es wird vermutet, dass die schwarze Art tatsächlich der heutigen Gattung Helleborus zuzuordnen ist, während die weiße Art wahrscheinlich eher mit dem Weißen Germer identisch ist, also in die Gattung Veratrum zu stellen ist.Des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos Arzneimittellehre in fünf Büchern. Übersetzt und mit Erklärungen versehen von Prof. Dr. J. Berendes. Enke, Stuttgart 1902, S. 444 ff. Die Etymologie des Namens Helleborus bzw. ἑλλέβορος ist ungeklärt. Unter anderem ist eine Ableitung aus den griechischen Wörtern ellós für „Hirschkalb“ und borá für „Speise“ vorgeschlagen worden, also etwa „von Hirschkälbern gefressen“, doch gibt es dafür keine Bestätigung. In älterer Literatur kommen auch Versuche vor, den Namen von elein (verdrängen, wegnehmen) herzuleiten, etwa im Sinn von „Speise, um das Leben wegzunehmen“, die jedoch schon im 19. Jahrhundert als unhaltbar kritisiert wurden.Beispielsweise bei Antoine Delarbre: Flore d'Auvergne, ou Recueil des plantes de cette ci-devant province, Landriot & Rousset, Clermont und Riom 1800, S. 494; auch bei Georg Christian Wittstein: Etymologisch-botanisches Handwörterbuch. 2. Ausgabe, Palm & Enke, Erlangen 1856, S. 427. Kritik bei Rudolf von Grot: Ueber die in der hippokratischen Schriftensammlung enthaltenen pharmakologischen Erkenntnisse. In: Rudolf Kobert (Hrsg.): Historische Studien aus dem Pharmakologischen Institute der Kaiserlichen Universität Dorpat. Tausch & Grosse, Halle 1889, S. 58–133, hier: S. 89. Helmut Genaust hält eine Umbildung eines vorgriechischen Fremdworts für möglich. Der abgeleitete Begriff (h)elleborosus = „verrückt“ weist auf die Tatsache hin, dass Nieswurz im Altertum als Mittel für Geisteskranke Verwendung fand. Durch Medikamente ausgelöstes Niesen, Erbrechen und Durchfall war bis in das 18. Jahrhundert ein wichtiges psychiatrisches Therapeutikum.Hans Bangen: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie. Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4, S. 15.

Beschreibung

mini|Nieswurz-Hybride (Helleborus ×hybridus)

Vegetative Merkmale Helleborus-Arten sind ausdauernde krautige Pflanzen, die meist Rhizome als Überdauerungsorgane ausbilden.

Die relativ großen Laubblätter sind in Blattstiel und Blattspreite gegliedert. Die Blattspreite ist meist geteilt. Die Arten besitzen laubblattförmige Hochblätter.

Generative Merkmale An einem zymösen Blütenstand befinden sich eine bis viele Blüten. Diese sind zwittrig und radiärsymmetrisch. Die Blütenfarben reichen von rot bis violett und weiß bis grün. Die fünf Kelchblätter sind groß und dekorativ in unterschiedlichen Farben und sind meist auch noch während der Fruchtreife vorhanden. Die 5 bis 15 Kronblätter sind klein. In jeder Blüte sind viele (30 bis 60) Staubblätter und zwei bis zehn freie Fruchtblätter vorhanden.

Giftigkeit

Alle Arten sind giftig.

Analytik der Inhaltsstoffe Zur qualitativen und quantitativen Bestimmung einzelner Inhaltsstoffe der Pflanzen kommt nach angemessener Probenvorbereitung die Kopplung der Gaschromatographie oder HPLC mit der Massenspektrometrie zur Anwendung.T. Brillatz, M. Jacmin, K. Vougogiannopoulou, E. A. Petrakis, E. Kalpoutzakis, J. Houriet, L. Pellissier, A. Rutz, L. Marcourt, E. F. Queiroz, A. D. Crawford, A. L. Skaltsounis, J. L. Wolfender: Antiseizure potential of the ancient Greek medicinal plant Helleborus odorus subsp. cyclophyllus and identification of its main active principles. In: J Ethnopharmacol. 259, 15. Sep 2020, S. 112954. PMID 32445663.M. H. Franz, R. Birzoi, C. V. Maftei, E. Maftei, G. Kelter, H. H. Fiebig, I. Neda: Studies on the constituents of Helleborus purpurascens: analysis and biological activity of the aqueous and organic extracts. In: Amino Acids. Band 50, Nr. 1, Jan 2018, S. 163–188. PMID 29027024.A. E. Segneanu, I. Grozescu, F. Cziple, D. Berki, D. Damian, C. M. Niculite, A. Florea, M. Leabu: Helleborus purpurascens-Amino Acid and Peptide Analysis Linked to the Chemical and Antiproliferative Properties of the Extracted Compounds. In: Molecules. Band 20, Nr. 12, 11. Dez 2015, S. 22170–22187. PMID 26690401.S. M. Duckstein, F. C. Stintzing: Comprehensive study of the phenolics and saponins from Helleborus niger L. Leaves and stems by liquid chromatography/tandem mass spectrometry. In: Chem Biodivers. Band 11, Nr. 2, Feb 2014, S. 276–298. PMID 2455591317.

Verbreitung Helleborus-Arten sind von Europa über Kleinasien bis Zentralasien verbreitet.

Eine von den ersten Siedlern als Heilpflanze genutzte Art, die Grüne Nieswurz (Helleborus viridis) hat sich in Nordamerika ausgebreitet. Einige Arten und Sorten werden als Zierpflanzen verwendet und sind in manchen Ländern verwildert. Die am häufigsten als Zierpflanzen verwendeten Arten sind neben der Schneerose/Christrose (Helleborus niger) die Orientalische Nieswurz (Helleborus orientalis), die Purpur-Nieswurz (Helleborus purpurascens), die Korsische Nieswurz (Helleborus argutifolius) sowie die Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus). Beliebt sind diese Arten wegen ihrer frühen und auffälligen Blüte im Winter und Frühjahr und der wintergrünen Blätter.

Durch die Verwendung als Heilpflanzen wurden zwei Nieswurz-Arten in Mitteleuropa eingebürgert. Sowohl die Christrose als auch die Grüne Nieswurz wurden über Samen und Gartenabfälle verschleppt und siedelten sich in der freien Natur an. Die Grüne Nieswurz ist besonders im Alpenvorland in lichten Wäldern und an Weinbergrändern zu finden. Der erste schriftliche Nachweis stammt aus dem Jahre 1798.

Einige Arten stehen unter Naturschutz.

Systematik Die Gattung Helleborus wurde 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum Band 1 Seite 557–558 aufgestellt. Ein Homonym ist Helleborus

Die Gattung Helleborus gehört zur Tribus Helleboreae in der Unterfamilie Ranunculoideae innerhalb der Familie Ranunculaceae.

Die folgende Zusammenstellung der Helleborus-Arten nennt jeweils den wissenschaftlichen Namen, ggf. einen Trivialnamen, die deutsche Bedeutung des wissenschaftlichen Namens, das Verbreitungsgebiet sowie die Blütenfarbe und zeigt, wenn vorhanden, eine Abbildung.

Name TrivialnameWortbedeutung deswissenschaftlichen Namens Gebiet der Verbreitung Blütenfarbe Abbildung Subgenus Helleborus Hochblätter laubartig (frondos), sieben- bis dreiteilig, frischgrün; Nieswurz (Heilmittel geg. Wahnsinn u. Epilepsie; Brechmittel) I. sect. Griphopus Fuß eines Greifen Helleborus foetidus Stinkende Nieswurz stinkend, übelriechendSüdwest- bis Mitteleuropagrün, verbreitet roter Rand 100pxII. sect. Chenopus gewundenHelleborus lividus Mallorquinische Nieswurz bleifarbig, bläulich Mallorca grün 100pxHelleborus argutifolius Korsische Nieswurzhäufig auch Helleborus lividus subsp. corsicus reichblättrig Korsika, Sardinien grün, weißlich 100px III. sect. Helleborus[sect. Chionorhodon ]Schnee, Rose Helleborus niger Schneerose schwarz / scharf Kroatien, Slowenien, Norditalien, Schweiz, Österreich, Süddeutschland weiß, später auch rosa 100px Helleborus niger subsp. macranthus Helleborus niger major mit großer Blüte weiß, später auch rosa Helleborus niger subsp. niger weiß, später auch rosa 100px Subgenus Helleborastrum Hochblätter schuppenförmig (brakteos), ungeteilt, bleichgrüne Deckblätter / Hüllblätter belaubt, 7-3, Samen ohne Elaiosom IV. sect. Syncarpus ähnlich wie die Handwurzel Helleborus vesicarius mit Blasen Südöstliche Türkei, nordwestliches Syrien rot V. sect. Dicarpon nicht wie die Handwurzel Helleborus thibetanus Tibet-Nieswurz tibetanisch China rosa 100px VI. sect. Helleborastrum Ähnlichkeit mit Helleborus Helleborus abruzzicus aus den Abruzzen Mittel-Italien weißlich, grünlich Helleborus atrorubens dunkel-rot Slowenien, Nord-Kroatien, Bosnien, früheres Jugoslawien rötlich, violett 100px Helleborus bocconei von Botaniker Paolo Boccone Süditalien, Sizilien weiß 100px Helleborus croaticus 1973 aus Kroatien Nordöstliches Kroatien rötlich violett 100px Helleborus cyclophyllus mit kreisrunden Blättern Griechenland, Nordmazedonien Albanien, Bulgarien grün, hellgrün, weißlich 100px Helleborus dumetorum Hecken-Nieswurz Slowenien, Ungarn, Kroatien, Rumänien, Österreich grün bis weiß 100px Helleborus liguricus aus Ligurien Italien (Ligurien, Toskana) grün bis weiß Helleborus multifidus vielgespalten Kroatien, Herzegovina grün Helleborus multifidus subsp. hercegovinus aus Herzegovina Montenegro, Herzegowina gelb-grün Helleborus multifidus subsp. istriacus aus Istrien Nordostitalien, Kroatien, Bosnien, Montenegro grün Helleborus multifidus subsp. multifidus vielspaltig (gefiedert) Albanien und das frühere Jugoslawien Helleborus odorus duftend Süd- und Südosteuropa mitSchwerpunkt auf der Balkanhalbinsel grün bis gelb-grün100pxHelleborus odorus subsp. odorus duftend Helleborus odorus subsp. abchasicus aus Abchasien Georgien pink, rötlich 100px Helleborus odorus subsp. guttatus gepunktet 100pxHelleborus odorus subsp. orientalis Helleborus caucasicus, Helleborus kochii aus dem Orient gelegentlich verwendet für subsp. guttatus + abchasicus rötlich 100px Helleborus orientalis 1789 (Syn.: Helleborus caucasicus ) Orientalische Nieswurzaus dem Osten Nördliche Türkei, Bulgarien, Ukraine, Georgien, Kaukasus weiß, gelblich, pink 100px Helleborus purpurascens Purpur-Nieswurz purpurrot werdend Ungarn, Slowakei, Polen, Rumänien violett, braun 100px Helleborus torquatus mit Halskette geschmückt Kroatien, Bosnien, Serbien, Montenegro grün, violett 100px Helleborus viridis Grüne Nieswurz grün Südwest-, West- und Mitteleuropa grün 100pxHelleborus viridis subsp. occidentalis aus dem Westen Südwest-, West- und Mitteleuropa grün

Die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Gattung Helleborus sind im untenstehenden Kladogramm nach Meiners et al. dargestellt.

Nutzung

Verwendung als Zierpflanze Unter den Nieswurz-Arten werden insbesondere die Christrose (Helleborus niger) und ihre Sorten als Zierpflanzen verwendet. Als Art, die am besten auch Sonne und Trockenheit toleriert, gilt die Korsische Nieswurz mit ihren becherförmigen, grünen Blüten.

Es wurden auch eine Reihe von Hybriden gezüchtet. Zu diesen gehört beispielsweise die Sorte Helleborus ‘Queen of the Night’, eine Kreuzung der Orientalischen Nieswurz (Helleborus orientalis) und der Purpur-Nieswurz (Helleborus purpurascens).

Nieswurzen als Gift- und Heilpflanze