Die Soziologie der Emotionen beschäftigt sich mit der soziologischen Analyse menschlicher Emotionen. Innerhalb der Soziologie rückte sie Ende der 1970er Jahre in den Blickpunkt der Wissenschaft. In vorherigen Jahren war die Emotionsforschung in den Bereichen der Psychologie (z. B. Evolutionäre Emotionsforschung im Rahmen der Evolutionären Psychologie) und Anthropologie angesiedelt und fand erst später ihren Platz in der Soziologie.
Wichtige Vertreter Besonders ausgiebig mit der Entstehung befassten sich Arlie Hochschild und Theodore D. Kemper. Ihre Theorien lassen sich zwei gegensätzlichen Ansätzen, dem symbolisch-interaktionistischen und dem austauschtheoretischen, zuordnen.
Arlie Hochschild Hochschild vertritt die Auffassung, dass Emotionen durch die Antizipation der Gefühlsregeln entstehen. Man ist sich dieser Regeln bewusst und versucht, seine Emotionen und den Ausdruck seiner Emotionen an diese Regeln anzupassen. Falls es eine Diskrepanz zwischen Empfundenem und sozial Erwartetem gibt, muss Emotionsarbeit geleistet werden. Die Individuen versuchen, diese Diskrepanz nach Möglichkeit aufzulösen.
Theodore D. Kemper Kemper erklärt die Entstehung von Emotionen als Resultat sozialer Beziehungen (siehe auch Kempers Macht-Status-Theorie). Alles Soziale, also jede Interaktion, spielt sich in den beiden Dimensionen Macht und Status ab. Dies führt dazu, dass jede spezifische Situation zu einem spezifischen physiologischen Zustand führt und dieser dann eine spezifische Emotion entstehen lässt. Es entsteht also die Emotion Angst, wenn man weniger Macht erhält, als es nach eigener Meinung angemessen wäre.
Jürgen Gerhards Jürgen Gerhards hat 1988 die beiden Modelle von Hochschild und Kemper zusammengeführt und daraus sein eigenes Modell entwickelt, das soziale Bedingungen zur Entstehung von Emotionen beschreibt.
Gerhards Modell Gerhards Emotionsdefinition „Emotionen sind positive oder negative Erlebnisarten eines Subjekts, die durch die Abschätzung und Wertung der Situation entstehen und eine physiologische Aktivierung hervorrufen können“.Siehe Gerhards 1988, S. 191.
Modell Nach Gerhards spielen bei der Entstehung von Emotionen die vier Systeme Persönlichkeit, Organismus, Sozialstruktur und Kultur zusammen.
Persönlichkeit Die Persönlichkeit, also das idiosynkratische Moment, sei entscheidend für die Entstehung von Emotionen, da es für die individuelle Interpretation von Situationen entscheidend ist. Eine physiologische Erregung eines Individuums habe noch nicht zur Folge, dass eine Emotion entsteht. Erst die Interpretation durch die Persönlichkeit könne zu einer Emotion führen. Diese Auffassung vertreten die Anhänger des symbolisch-interaktionistischen Ansatzes, wie zum Beispiel Hochschild. Laut dem austauschtheoretischen Ansatz von Kemper entstünden Emotionen durch Interaktionen in den beiden Dimensionen Macht und Status. Gerhards weist darauf hin, dass nur die Interpretation beider Dimensionen zu einer Emotion führen könne. Auch wenn die Analyse der Emotionen eine soziologische sei, sei zu beachten, dass das idiosynkratische Moment eine entscheidende Bedeutung habe, da zwar jeder Umwelteinflüssen unterlegen sei, doch die Verarbeitung dieser Prägungen individuell verschieden ist. Durch die Interpretation der Situation durch das Persönlichkeitssystem sei noch nicht entschieden, welche Emotion entsteht. Dieses System determiniere also nicht die anderen sozialen Bedingungen, die bei der Entstehung von Emotionen eine Rolle spielen.Siehe Gerhards 1988, S. 189.
Organismus Der Organismus kann, so Gerhards, auf zwei Arten eine Rolle bei der Entstehung von Emotionen spielen. Er sei zwar keine zwingende Bedingung für die Entstehung einer Emotion, es ist jedoch möglich, dass man eine diffuse physiologische Erregung bestimmter Stärke wahrnähme, diese dann mit Hilfe der anderen Systeme interpretiere und dass dies zu einer Emotion führe. Beispiele für solche Erregungen seien Zittern oder Schwitzen. Diese Erregung kann aber auch einer falschen Ursache zugeordnet werden, was dann zu einer ‚falschen‘ Emotion führe. Der Organismus könne aber auch noch nach der Entstehung einer Emotion eine Rolle spielen. Wenn diese bereits entstanden sei und dieser daraufhin eine physiologische Erregung verspüre, könne das wiederum zur Neuinterpretation führen und eine neue Emotion auslösen. Gerhards nennt dies „Feed-back-Schleife“.Gerhards 1988, S. 190.
Sozialstruktur Dieses System ist von Kemper geprägt, für den das Soziale in Interaktionen durch die beiden Dimensionen Macht und Status definiert ist. Es entstehen bei den Interaktionspartnern (Ego und Alter) dann Emotionen, je nachdem, ob ihre Machtressourcen oder ihre Statusposition hoch oder niedrig sind. Es sei zudem entscheidend, ob man dies sich selbst zuschreibe (Selbstwirksamkeitserwartung) oder seinem Interaktionspartner. Beispielsweise, so Kemper, entstehe die Emotion Angst dadurch, dass der Interaktionspartner Ego zu wenige Machtressourcen hat, um seinen Willen gegen des anderen Interaktionspartners Alter und dessen Willen durchsetzen zu können. Gerhards betont allerdings, dass nicht die Status- und Machtposition an sich entscheidend sei für die Entstehung von Emotionen, sondern die Interpretation dieser mit Hilfe anderer Systeme. Zudem gäbe es viele Faktoren, die die Interpretation von „Macht“ und „Status“ beeinflussen und deshalb zu anderen Emotionen führen würden, als in Kempers Modell angegeben. Zum Beispiel führe eine hohe Statusposition in einer Intimbeziehung nicht zwangsläufig zu dem Gefühl Scham. Außerdem sei es noch wichtig, ob man von den Machtressourcen des anderen abhängig sei oder ob man durch eine andere Bezugsgruppe eine bestimmte Statusposition innehat, die man auch in der Interaktion mit anderen Interaktionspartnern beibehalte.Gerhards 1988, S. 191.
Kultur Die Kultur entscheide, wie das Individuum die Situationen interpretiere. Sie beeinflusse die Entstehung von Emotionen in mehrfacher Weise. Zum einen codiere sie die Persönlichkeit. Also je nachdem, welche kulturellen Einflüsse ein Individuum geprägt haben, habe dieses ein bestimmtes Bild von sich selbst. Gerhards verbindet mit diesem System die beiden Ansätze von Hochschild und Kemper, da die Kultur auch entscheidend sei für die Interpretation von „Macht“ und „Status“, also auf eine zweite Weise die Entstehung von Emotionen beeinflusse. Es sei also die Kultur, die einem Individuum vorgäbe, was es als wichtige Machtressource ansähe. Zum Beispiel könne Geld als eine solche gesehen werden. Des Weiteren beeinflusse die Kultur auch die Interpretation des Maßes an Macht und Status (Beispiel: Hoch sollte der Status sein, wenn die Person viel Geld habe – in Relation zum Interaktionspartner, der wenig Geld hat). „Emotionskultur“ ist dabei auch an den Begriff der Gefühlsregeln von Hochschild angelehnt. Es sei auch so, dass eine Person nach der Interpretation einer Machtstatus-Konstellation eine Emotion empfinde, die nicht mit dem kulturell Vorgegebenen übereinstimme. Ist dies der Fall, müsse Emotionsarbeit geleistet werden, um sich dem sozial Erwünschten anzupassen. An diesem Punkt verbindet Gerhards am deutlichsten die beiden Theorien von Hochschild und Kemper. Gerhards definiert die Kultur als das ausschlaggebende Moment, welches dafür verantwortlich ist, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen (z. B. im ästhetischen Sinne: Was sei schön und was sei hässlich). Daraus ergibt sich nach Gerhards auch, dass sie wissen, welche Emotionen angebracht seien und welche nicht.Gerhards 1988, S. 194.
Fazit Für die Entstehung von Emotionen spielen demzufolge alle vier Systeme eine Rolle. Keines der Systeme allein reicht als Bedingung für die Entstehung von Emotionen aus. Um festzustellen, ob dieses Modell Gültigkeit besitzt, muss es mit der sozialen Wirklichkeit konfrontiert werden, d. h. es sind Beispiele zu finden, die aufzeigen, dass dieses Modell sinnvoll ist. Gerhards macht dieses, indem er die Genesung bei einer Krankheit analysiert. Er geht von negativen Emotionen aus, die durch eine schwere Krankheit und einen langen Krankenhausaufenthalt entstehen. Hier verliere die Person Machtressourcen, z. B. seinen Arbeitsplatz und damit sein Einkommen, mit dem es den Lebensunterhalt bestreitet. Außerdem verkleinere sich die Statusposition, z. B. in der Familie, da man lange abwesend war. Nach Gerhards Modell müsste nun in jedes System eingegriffen werden können, um positivere Emotionen zu empfinden und damit den Genesungsprozess voranzutreiben. In die Persönlichkeit könne man durch eine Neuinterpretation des idiosynkratischen Moments eingreifen. Dies gelinge eventuell durch eine Psychotherapie, die dabei helfe, das individuelle Selbst neu zu interpretieren. In den Organismus könne man eingreifen, indem Mittel diffuse Erregungen verringern. Dies könnten zum Beispiel Alkohol oder Psychopharmaka sein. Die Sozialstruktur, also Macht und Status, können ebenfalls unterschiedlich beeinflusst werden. Zum Beispiel beschleunige sich der Genesungsprozess bei Menschen, die in einer Ehe leben, in der beide Partner Geld verdienen. Hier gibt es keine Furcht um die eigene Existenz. Die Statusposition könnte sich durch mehr Informationen über die Krankheit und den Heilungsprozess verbessern. Die Kultur sei am schwierigsten zu beeinflussen. Es wäre aber eine Möglichkeit, die Bezugsgruppe zu wechseln, die vorgibt, was richtig und was falsch sei. Dies wäre in einer Selbsthilfegruppe möglich. Durch dieses Beispiel verdeutlicht Gerhards, dass durch die Betrachtung einer realen Situation feststellen könne, welche Bedingungen beeinflusst werden können und müssen, um eine positivere Emotion nach einer Krankheit zu empfinden.Gerhards 1988, S. 212 ff.
Ein weiterer wichtiger Vertreter im Bereich der Emotionssoziologie ist Randall Collins.
Emotionskulturen Jürgen Gerhards Auf dem Gebiet der Emotionsforschung hat Jürgen Gerhards Emotionen und deren Entstehung definiert. Der innovative Aspekt seiner Darlegungen liegt in der Synthese von Emotionen und Kultur und der damit verbundenen Beschreibung verschiedener Emotionskulturen. Anhand dieser Grundlage führt er vier verschiedene Formen der Entwicklung von Emotionskulturen auf, welche auf Kommerzialisierung und Informalisierung von Emotionen begründet sind, andererseits auch neue Aspekte (wie die Transformation von Emotionen in Sprache und neue Identitätskonzeptionen).
Emotionskulturen Gerhards (1988b) beschreibt Emotionen als positive oder negative Erlebnisarten eines Subjekts, welche aus dem Zusammenspiel von vier Subsystemen entstehen: Organismus, Persönlichkeit, Sozialstruktur und Kultur. Emotionen entstehen durch eine Interpretation sozialstruktureller Bedingungen und kultureller Deutungsmuster, welche mit der Aktivierung physischer Systeme einhergehen können.
Bei der Beschreibung von Kultur lehnt sich Gerhards an die Definition von Lipp und Friedrich Tenbruck (1979), welche Kultur als System gemeinsamer Deutungs- und Interpretationsmuster oder -schemata beschreiben. Das bedeutet, die Kultur ermögliche es den Menschen, ihre Umwelt zu definieren und zu bewerten, was ihnen beispielsweise das Unterscheiden in „gut“ und „böse“, angemessen und nicht angemessen etc., ermöglicht. Gerhards entwickelt aufbauend auf diesen Definitionen den Begriff der Emotionskulturen, welcher die Interpretationsmuster von Emotionen, die eine Gesellschaft oder ein Teil einer Gesellschaft teilt, beschreibt. Des Weiteren stellt er die These auf, dass nur anhand bestehender Emotionskulturen in einer Gesellschaft, im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, Emotionen begründet werden können. Weiterführend werden von ihm drei Faktoren beschrieben, welche Einfluss auf die Kultur der Emotionen haben können: Kulturelle Interpretationen leiten das Verständnis von Sozialstrukturen und nehmen somit indirekt Einfluss auf Bildung von Emotionen.