mini|Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Kreidezeichnung von Wilhelmine Krug, geb. von Zenge, nach dem Miniaturbildnis von Peter Friedel, das der Dichter 1801 für seine Verlobte anfertigen ließ rahmenlos|klasse=skin-invert-image

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (* 10. [nach eigener Angabe]In einem Brief vom 10./11. Oktober 1800 an Wilhelmine von Zenge schrieb Kleist: „Ja, mein Geburtstag ist heute, […]“. oder 18. Oktober 1777 [laut Kirchenbuch] in Frankfurt (Oder), Brandenburg, Preußen; † 21. November 1811 am Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee) war ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist.

Heinrich von Kleist stand als „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit […] jenseits der etablierten Lager“Wolfgang Beutin, Klaus Ehlert, Wolfgang Emmerich, Helmut Hoffacker, Bernd Lutz, Volker Meid, Ralf Schnell, Peter Stein und Inge Stephan: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Fünfte, überarb. Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 1994. S. 188. und der Literaturepochen der Weimarer Klassik und der Romantik. Bekannt ist er vor allem für das „historische Ritterschauspiel“ Das Käthchen von Heilbronn, seine Lustspiele Der zerbrochne Krug und Amphitryon, das Trauerspiel Penthesilea sowie für seine Novellen Michael Kohlhaas und Die Marquise von O....

Biographie Familie, Ausbildung und Militärdienst (1777–1799) mini|hochkant|Wappen der Familie von Kleist Heinrich von Kleist, geboren am 10. oder 18., getauft am 27. Oktober 1777,Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist, auf heinrich-von-kleist.org entstammte einer Familie des pommerschen Uradels, dem in Preußen eine herausgehobene Stellung zukam. Er wurde als fünftes Kind und erster Sohn seines Vaters geboren. Seine Familie brachte zahlreiche Generäle und Feldmarschalle, viele Gutsbesitzer, aber auch etliche Gelehrte, hohe Diplomaten und Beamte hervor. Kleists Vater, der Offizier Joachim Friedrich von Kleist (1728–1788), diente als Stabskapitän beim Regiment zu Fuß Prinz Leopold von Braunschweig in der Garnisonsstadt Frankfurt an der Oder. Aus einer ersten Ehe mit Caroline Luise Kleist, geborene von Wulffen († 1774), gingen die beiden Halbschwestern Kleists, Wilhelmine, genannt Minette, und Ulrike Philippine hervor, der Kleist später sehr nahestand. Joachim Friedrich heiratete 1775 in zweiter Ehe Juliane Ulrike von Pannwitz (1746–1793). Sie gebar die Kinder Friederike, Auguste Katharina, HeinrichBild des Geburtshauses: https://www.kleist-museum.de/museum/heinrich-von-kleist und schließlich noch dessen jüngere Geschwister Leopold Friedrich und Juliane Kleist, genannt Julchen.

Nach dem Tod seines Vaters 1788 wurde Kleist in Berlin in der Pension des reformierten Predigers Samuel Heinrich Catel erzogen. Kleist wurde wahrscheinlich durch Catel, der zugleich Professor am Französischen Gymnasium war, auf die Werke der klassischen Dichter und der zeitgenössischen Philosophen der Aufklärung aufmerksam, mit denen er sich während seiner Militärzeit weiter auseinandersetzte. Vor dem Eintritt in die Preußische Armee brach er sein an der Brandenburgischen Universität Frankfurt begonnenes Studium ab, weil er der herkömmlichen Militärlaufbahn den Vorrang geben wollte. mini|Frankfurter Geschichten: Der rastlose Heinrich Im Juni 1792 trat der junge Kleist getreu seiner Familientradition in das 3. Bataillon des Garderegiments zu Potsdam als Gefreiter-Korporal ein. Unter Generalinspekteur Ernst von Rüchel nahm er am Rheinfeldzug gegen Frankreich sowie an der Belagerung der ersten bürgerlichen Republik auf deutschem Boden in Mainz teil. Trotz wachsender Zweifel am Soldatendasein verblieb Kleist im Militär und wurde 1795 zum Fähnrich und 1797 zum Leutnant befördert. Privat jedoch nahm er zusammen mit seinem Freund Rühle von Lilienstern mathematische und philosophische Studien in Potsdam auf und erwarb sich den Universitätszugang. 1797 verkauften er und seine Geschwister den ererbten väterlichen Besitz, das kleine Rittergut Guhrow im Spreewald, für 30.000 Taler, von dem er nach seiner Großjährigkeit im Oktober 1801 über ein Siebtel verfügte.mini|Heinrich von Kleist [ungewisse Zuschreibung], Gemälde von Anton Graff etwa 1808, Kügelgenhaus – Museum der Dresdner Romantik, Gemäldegalerie Alte Meister Im März 1799 äußerte er die Absicht, den als unerträglich empfundenen Militärdienst aufzugeben und seinen Lebensplan – auch gegen den zu erwartenden Widerstand der Familie – zu verwirklichen. Dieser sollte nicht auf Reichtum, Würden und Ehren gegründet sein, sondern auf die Ausbildung des Geistes und ein wissenschaftliches Studium.

Studium und erste Anstellung (1799–1801) mini|324x324px|Wilhelmine von Zenge, Kleists Verlobte, anonyme Miniatur (um 1800) Nach seiner erbetenen und gegen den Widerstand Ernst von Rüchels bewilligten Entlassung aus dem Militärdienst begann Kleist im April 1799 an der Universität Frankfurt an der Oder neben Mathematik als Hauptfach Physik, Kulturgeschichte, Naturrecht, Latein und – zur Beruhigung seiner Verwandten – Kameralwissenschaften zu studieren. Besonders interessierte er sich für den Physikunterricht bei dem als Professor tätigen Christian Ernst Wünsch, der ihm auch Privatunterricht in Experimentalphysik erteilte. Wie für nicht wenige andere Autoren der Zeit (beispielsweise Goethe, Achim von Arnim und Novalis) waren für ihn die Naturwissenschaften im Sinne der Aufklärung ein objektives Mittel, sich selbst, die Gesellschaft und die Welt zu erkennen – und zu verbessern. Die hoffnungsvoll begonnene wissenschaftliche Ausbildung vermochte Kleist jedoch schon bald nicht mehr voll zu befriedigen; das Buchwissen reichte ihm nicht aus. Mit dieser Haltung fand Kleist wenig Verständnis in seiner Umwelt. 1799 lernte er Wilhelmine von Zenge, die Tochter eines Garnisonskommandanten, kennen, mit der er sich Januar 1800 verlobte.

1800 brach er nach nur drei Semestern das Studium wieder ab und begann eine Tätigkeit als Volontär im preußischen Wirtschaftsministerium in Berlin, obwohl dies seinem Verständnis eines Lebensplanes „freier Geistesbildung“ nicht entsprach. Hintergrund der Entscheidung war seine Verlobung. Die Familie der Braut forderte, dass Kleist ein Staatsamt bekleide.

Nach Gesprächen mit hohen Beamten in Berlin am 28. August schrieb er sich am 1. September 1800 an der Universität Leipzig unter falschem Namen ein. Am 3. September desselben Jahres kam er nach Dresden, wo er sich bei dem englischen Botschafter Lord Elliot um ein Visum für das Habsburgerreich bemühte. In der Botschaft, so schrieb er seiner zu Hause gebliebenen Verlobten, habe er Dinge gehört, „die uns bewegen, nicht nach Wien zu gehen, sondern entweder nach Würzburg oder nach Straßburg“.Martin Droschke: Leipzig ist die erste Station einer der rätselhaftesten Reisen der Literaturgeschichte. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 1. September und Blatt 3. September.

Für das Ministerium war Kleist im Sommer 1800 in geheimer Mission, vielleicht politisch (im Hinblick auf eine möglicherweise angestrebte Anstellung in Berlin) als Industrie- bzw. Wirtschaftsspion (mit dem Decknamen KlingstedtSein ihn begleitender, zehn Jahre älterer Freund Ludwig von Brockes nannte sich Bernhoff) unterwegs (von 9. September bis 22. Oktober in Würzburg,Vgl. auch Max Morris: Heinrich von Kleists Reise nach Würzburg. Skopnik, Berlin 1899. wo er mit seinem Freund Ludwig von Brockes zunächst im Hotel Fränkischer Hof1848 umbenannt in Russischer Hof. in der heutigen Theaterstraße 1 unter falschem Namen Quartier nahm, eine Woche später bei dem Stadtchirurgen Joseph Wirth am Marktplatz (Schmalzmarkt 3), und sich möglicherweise auch einem chirurgischen oder urologischen Eingriff unterzog). Weitere Vermutungen zum Zweck des sechswöchigen Aufenthalts in Würzburg sind die Behandlung einer VorhautverengungMartin Droschke: Hat Heinrich von Kleist gestern das Würzburger Juliusspital aufgesucht, weil […]? und Heinrich von Kleist In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 14. September, Blatt 27. September und Blatt 22. Oktober. oder Impotenz (im Hinblick auf seine Verlobung bzw. anstehende Heirat) und der Kontakt zu einflussreichen Freimaurern. In Würzburg besuchte er wie andere SensationslustigeDas (auch gegen Entgelt erfolgende) „Begaffen der Geisteskranken“ am Juliusspital untersagte bald darauf erst Anton Müller, der Direktor der dortigen Irrenanstalt. das Krankenhaus der Stiftung Juliusspital.Konrad Rieger: Aus dem Julius-Spital und der ältesten psychiatrischen Klinik. In: Hundert Jahre bayerisch. Ein Festbuch, herausgegeben von der Stadt Würzburg. Würzburg 1914, S. 303–334, hier: S. 305. Seine Eindrücke vom Besuch des Juliusspitals im September 1800, die er in einem Brief an seine BrautVgl. Karl Biedermann (Hrsg.): Heinrich von Kleist: Briefe an seine Braut. Breslau/Leipzig 1884, S. 71–75. bzw. damalige Verlobte Wilhelmine von Zenge geschildert hat,Magdalena Frühinsfeld: Anton Müller. Erster Irrenarzt am Juliusspital zu Würzburg: Leben und Werk. Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie bis Anton Müller. Medizinische Dissertation Würzburg 1991, S. 9–80 (Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie) und 81–96 (Geschichte der Psychiatrie in Würzburg bis Anton Müller), S. 109–110 und 120. mögen Einfluss auf seine Schilderung des Irrenhauses seiner Erzählung Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik (1810) genommen haben. In diesem Sommer und Herbst geschriebene fünf Briefe an Wilhelmine von Zenge sowie an seine jüngere Schwester Ulrike zeigen erstmals die dichterische Begabung des damals noch unbekannten Kleist. Am 22. OktoberMartin Droschke: Heinrich von Kleist und Ludwick von Brockes – vielleicht ein Liebespaar, vielleicht Spione […]. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 22. Oktober. 1800 verließ Kleist die Stadt am Main wiederThomas Vogel: Krankheit und Dichtung. Heinrich von Kleist. In: Auf den Spuren der Dichter in Würzburg. Hrsg. von Kurt Illing. Eigenverlag (Druck: Max Schimmel Verlag), Würzburg 1992, S. 25–36, hier: S. 26–32.Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 320–326 (Exkurs: Die berühmte Schilderung der juliusspitälischen Geisteskranken in Kleists Brief an seine Verlobte von 1800 aus medizinhistorischer Sicht).Vgl. auch Diethelm Brüggemann: Die Würzburger Reise. In: Diethelm Brüggemann: Drei Mystifikationen Heinrich von Kleists. Lang, New York / Bern / Frankfurt am Main 1985 (= Germanic Studies in America. Band 51), S. 15 ff. und kehrte nach Preußen zurück. Zu einer Heirat mit seiner Verlobten kam es danach nicht.

Die berufliche, soziale und individuelle Problematik („das Leben ist ein schweres Spiel […], weil man beständig und immer von neuem eine Karte ziehen soll und doch nicht weiß, was Trumpf ist;“ – Brief an die Halbschwester Ulrike vom 5. Februar 1801)Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. von Ilse-Marie Barth, Klaus Müller-Salget, Stefan Ormanns und Hinrich C. Seeba. 4 Bände. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1987–1997. verdichtete sich vermutlich vor dem Hintergrund der Lektüre von Kants Kritik der Urteilskraft zur „Kant-Krise“ – so ein umstrittener Begriff der älteren Kleistforschung. Durch die Grenzen der Vernunfterkenntnis, die Kant aufgezeigt hatte, sah Kleist seinen geradlinigen, rein vernunftorientierten Lebensplan in Frage gestellt. In einem berühmten Brief an Wilhelmine vom 22. März 1801 notierte Kleist: