mini|Orgel der Homberger Stadtkirche St. Marien von Johann Friedrich Schäffer (1732–1735) mit dem reich verzierten Prospekt von Josef Dietrich Göhring im Régencestil

Die Orgellandschaft Hessen weist einen Orgelbestand aus vier Jahrhunderten mit einigen bedeutenden Werken auf.Martin Balz: , abgerufen am 8. Mai 2019. Der Begriff Orgellandschaft allein nimmt Bezug auf die historisch bedingten regionalen Eigenheiten der Orgeln. Die Anfänge der Orgellandschaft Hessen reichen ins 13. Jahrhundert zurück. Seine Blütezeit erlebte der hessische Orgelbau im 18. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert ging er in der allgemeinen Entwicklung des deutschen Orgelbaus auf.Balz: Orgeln und Orgelbauer im Gebiet der ehemaligen hessischen Provinz Starkenburg. 1969, S. 62. Er war vielfältigen Einflüssen ausgesetzt und ist aufs Ganze gesehen wenig einheitlich geprägt. Dies ist vor allem auf die verschiedenen hessischen Herrschaften und die wechselnden Grenzverläufe in der Geschichte Hessens zurückzuführen. Die kulturelle Konkurrenz zwischen den Landgrafschaften führte zu einer Öffnung gegenüber Einflüssen aus den benachbarten Orgelregionen in Thüringen, Franken, dem Rheinland, der Pfalz und Westfalen.Bösken: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 1. 1967, S. 39, vergleicht das Gebiet des Mittelrheins mit einer Drehscheibe, der eine vermittelnde Funktion zukommt. Andererseits entstanden zahlreiche lokale Werkstätten mit teils langer Familientradition.Siegfried Neuber: Orgelbauer in Kurhessen-Waldeck. In: Quintett. Nr. 16, 2009, S. 26–28.

Geschichte des Orgelbaus Bis zur Spätgotik mini|Orgel in Kiedrich (Prospekt um 1500) in gotisch-neugotischer Gestalt

Die erste bezeugte Orgel des Abendlands war eine Hydraulis, die der oströmische Kaiser Konstantin V. im Jahr 757 Pippin am Mittelrhein als Diplomatengeschenk vermachte.Balz: Göttliche Musik. Orgeln in Deutschland. 2008, S. 12. Ab dem 9. Jahrhundert finden sich in einigen wenigen Klöstern Kirchenorgeln, ab dem 13. Jahrhundert vor allem in Kathedralen und Domen, ab dem 14./15. Jahrhundert sind sie über ganz Deutschland verbreitet.Balz: Göttliche Musik. Orgeln in Deutschland. 2008, S. 15. Über Jahrhunderte lag das Zentrum des europäischen Orgelbaus jedoch am Mittelrhein.Hemmerle: Orgelbau im Kreis Limburg – Weilburg. 2003, S. 251–260. Dank der günstigen Verkehrslage kam es im Taunus und Westerwald zu einer regen Orgelbautätigkeit. Von dort wurden die Regionen im Innenland mit Instrumenten versorgt und auch technische Neuerungen eingeführt. In Wetzlar ist im Jahr 1279 die erste Orgel bezeugt, im Kloster Arnstein und in Dietkirchen Ende des 13. Jahrhunderts, in Limburg 1331. Für den Frankfurter Dom (Bartholomäusstift) ist 1313 erstmals eine Orgel belegt, dessen genaue Erbauungszeit nicht bekannt ist. Im Jahr 1340 wurde dort bereits eine neue Orgel errichtet.Bösken: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 2, Teil 1 (A–K). 1975, S. 12f. Daniel von Hünhoff aus Hadamar ist im Jahr 1471 als erster regionaler Orgelbauer greifbar. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wirkte Leonhard Mertz ausgehend von Frankfurt am Main weit über Deutschland hinaus bis nach Barcelona. Er schuf zum Teil Großorgeln mit drei Teilwerken und einem 32-Fuß im Prospekt. Die Tätigkeit weiterer Frankfurter Orgelbauer wie Diedrich Krafft (1414–1436), Levinus Sweys (1440) und Günter Golt (1446–1475) bezeugt, dass Frankfurt seit spätgotischer Zeit ein europäisches Zentrum des Orgelbaus war.Bösken: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 2, Teil 1 (A–K). 1975, S. 14f. In Fulda hatte der Priester und Organist Laurentius Daum (um 1495–1543) seine Werkstatt und wirkte auch in Sachsen, Thüringen und Nassau. Um 1540 wandte Daum sich dem protestantischen Glauben zu und gründete eine Familie. Für die Fuldaer Stiftskirche (Dom) schuf er von 1535 bis 1537, für die Abteikirche des Klosters Schlüchtern von 1535 bis 1543 und von 1543 bis 1547 für die Stadtkirche Schlüchtern neue Orgeln, die alle spätestens in der Barockzeit verloren gingen.Gottfried Rehm: Die Orgeln der Stiftskirche bzw. des Domes zu Fulda, S. 2, abgerufen am 8. Mai 2019 (PDF).

Die Kiedricher Orgel ist die älteste Orgel in Hessen, die noch spielbar ist. In ihren ältesten Teilen geht sie auf spätgotische Zeit zurück. Ein unbekannter Meister errichtete um 1500 ein Instrument, das im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut wurde. Hinter dem Orgelprospekt mit Flügeltüren befinden sich Reste eines Werkes von Johannes Wendel Kirchner aus dem Jahr 1653, das im 18. Jahrhundert eine weitere barocke Umgestaltung erfuhr. Geldmangel war die Ursache, dass das Instrument anschließend lange Zeit vor Modernisierungen und einem Austausch verschont blieb. Eine erste Restaurierung wurde von 1858 bis 1860 auf Veranlassung und durch die Finanzierung des englischen Baronets John Sutton durchgeführt.Bösken: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 2, Teil 1 (A–K). 1975, S. 492–508. In diesem Zuge wurde der Prospekt entbarockisiert und im gotisch-neugotischen Stil gestaltet. Orgelbau Kuhn führte das Werk 1985–1987 auf den Zustand von 1860 zurück.Homepage Orgelbau Kuhn: Orgelportrait, abgerufen am 8. Mai 2019.

Renaissance und Frühbarock Der Brabanter Orgelbau dominierte in der Renaissance Deutschland weitgehend. Familie Graurock (Grorockh) aus Emmerich ließ sich in Frankfurt nieder und führte mit Werken in der Barfüßerkirche, in Darmstadt (1599) und Schotten (1614) die niederländisch-brabantische Orgelbaukunst in Hessen ein.Bösken: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 1. 1967, S. 27. Der Hamburger Meister Hans Scherer der Jüngere führte wie die Graurocks die Tradition von Hendrik Niehoff aus ’s-Hertogenbosch fort und prägte Kassel durch drei Orgelneubauten, die überregionale Bekanntheit erlangten, aber alle verloren gingen.

mini|Die Wagner-Orgel (vor 1600) in der Marburger Schlosskirche wartet auf eine Rekonstruktion. mini|Knauth-Orgel in Worfelden (1623) mit reichem Schnitzwerk und den flankierenden Engeln (1681), deren linker einen nachträglich ergänzten Pfeifenkasten verdeckt

Der führende hessische Orgelbauer des 17. Jahrhunderts war Georg Wagner aus Lich.Aumüller, Uppenkamp: Fakten und Fragen zur Herkunft der Marburger Schloss-Orgel. 2008, S. 138 (online, abgerufen am 8. Mai 2019, PDF-Datei; 630 kB). Wagner begründete eine Orgelbauerfamilie, der bis zum Tod von Georg Henrich Wagner im Jahr 1688 eine reiche Neubau- und Reparaturtätigkeit in Hessen nachgewiesen ist. Georg Wagner wird auch der Bau der berühmten Marburger Schloss-Orgel („Althefer-Positiv“) zugeschrieben, die zwischen 1590 und 1600 wahrscheinlich für die Landvögte Rudolph Wilhelm Rau von Holzhausen und seinen Schwiegersohn Johann von Bodenhausen aus Amönau auf höchstem handwerklichen Niveau angefertigt wurde.Aumüller, Uppenkamp: Fakten und Fragen zur Herkunft der Marburger Schloss-Orgel. 2008, S. 152–164 (online, abgerufen am 8. Mai 2019, PDF-Datei; 630 kB). Nach dem Tod der Besitzer gelangte die Kleinorgel 1620 in die Stiftskirche Wetter und wurde 1776 nach Friedlos verkauft. Nach einem unsachgemäßen Erweiterungsumbau im 18. Jahrhundert verschlechterte sich der Zustand des Instruments zunehmend. Als die Orgel schließlich unspielbar geworden war, wurde sie 1882 dem Hessischen Geschichtsverein geschenkt. Dieser veranlasste die Überführung ins Marburger Schloss, wo sie ihren heutigen Standort fand. Das Instrument verfügte ursprünglich über sechs Register, die noch teilweise original erhalten sind. Gegenwärtig sind die Eigentumsverhältnisse ungeklärt, sodass eine Rekonstruktion dieser Renaissance-Orgel ausgesetzt wurde (Stand: Mai 2011). Als Erbauer wurde auch Esaias Compenius der Ältere vorgeschlagen (S. 332). Die Wagner-Prospekte in der Butzbacher Markuskirche (1614) und in der Marienstiftskirche Lich (1624) gehören zu den ältesten in Hessen. Beide Orgeln besitzen ein Rückpositiv, sind mit geschnitztem Schleierwerk reich verziert und haben in den zweigeschossigen Flachfeldern zwischen den Pfeifentürmen des Hauptwerks einen Spiegelprinzipal (in Butzbach mit Originalpfeifen). Vermutlich geht auch das Werk in Rodenbach, das von 1621 datiert, auf Wagner zurück; noch vier Register stammen aus dem 17. Jahrhundert.Bösken, Fischer: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 3, Teil 2 (M–Z). 1988, S. 804–806.

Durchreisende Orgelbauer prägten Hessen im 17. Jahrhundert. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurden jedoch nur vereinzelt Orgeln gebaut. Zu den wenigen Instrumenten aus dieser Zeit gehört die Worfelder Orgel, die im Laufe ihrer Geschichte an verschiedenen Standorten aufgestellt war. Adam Knauth aus Bamberg schuf im Jahr 1623/1624 für die Darmstädter Schlosskirche ein kleines Instrument ohne Pedal mit sechs Registern, das 1709 nach Zwingenberg gelangte und sich seit 1831 in Worfelden befindet.Worfelder Kirche mit historischer Orgel (mit Klangbeispielen), abgerufen am 8. Mai 2019. Das bedeutende Werk aus dem Übergang von der Spätrenaissance zum Frühbarock ist ohne bauliche Veränderungen geblieben und damit eine der ältesten Orgeln Deutschlands. Die Orgel zeichnet sich durch die kurze Oktave, die mitteltönige Stimmung und den 1681 geschickt angebauten Engelkasten mit einer kleinen Zusatzwindlade für die ergänzten Basstöne Fis und Gis aus. Im Jahr 1648 ließ sich Jakob Knauff aus Rieneck in Hanau nieder und baute in Weilburg (1653) und Wetzlar (1654) Instrumente. Adam Öhninger aus Lohr am Main schuf 1686 die Orgel in der Stadtkirche Limburg. Von Jost Friedrich Schäffer aus Langensalza, der den thüringischen Orgelbau nach Hessen importierte,Aumüller: Westfälische Stilelemente barocker Orgeln in Waldeck und im Marburger Land. 1997, S. 17. stammt die Orgel in St. Dionys in Eschwege (1677–1679). Von beiden Werken ist nur noch das Gehäuse original.

Barock bis Klassizismus Im 18. Jahrhundert erlebte die hessische Orgelkultur eine Blütezeit, in der ansonsten schlicht gehaltene reformierte Kirchen Orgeln mit repräsentativen Prospekten und großzügigen Dispositionen erhielten. Allerdings blieben in den ärmeren Regionen kleine Orgeln mit einem Manual und einem kleinen Registerbestand auf Vier-Fuß-Prinzipal-Basis die Regel.Großmann: Orgeln und Orgelbauer in Hessen. 1998, S. 48. Im Gegensatz zum norddeutschen Orgelbau fand in Hessen ein Rückpositiv nur ausnahmsweise Verwendung. Das jüngste Beispiel findet sich in der St.-Marien-Kirche in Bad Sooden-Allendorf (1756). Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden in mittelrheinischer Tradition Unter- oder Echowerke die Regel, was eine Seitenspieligkeit nach sich zog.Balz: Göttliche Musik. Orgeln in Deutschland. 2008, S. 20. Das Pedal war meist selbstständig und nicht nur angehängt. Wie im norddeutschen Orgelbau wurde es in eigenen, symmetrischen Pedaltürmen und ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend in flachen und teils recht breiten Pedalflügeln untergebracht, was auf südlichen Einfluss zurückzuführen ist. Eigentümlich breit sind die Pedalflügel in der Liebfrauenkirche Witzenhausen, deren lange Schräggesimse weit in das Tonnengewölbe hineinragen.Großmann: Orgeln und Orgelbauer in Hessen. 1998, S. 54f. Die Pedaltürme in Nordhessen weisen im Allgemeinen geschwungene Gesimse (mit „Harfenfeldern“) auf, die weiter südlich bei allen Pfeifentürmen die Regel sind. Infolge der unterschiedlichen kulturellen Prägung der Orgellandschaft ist die Prospektgestaltung insgesamt wenig einheitlich. Bei kleinen Instrumenten fand der fünfteilige Prospekt des „mitteldeutschen Normaltyps“ mit einem hohen Rundturm in der Mitte, zwei seitlichen Spitztürmen und dazwischen niedrigeren eingeschossigen Flachfeldern im Barock seine klassische Gestalt.Großmann: Orgeln und Orgelbauer in Hessen. 1998, S. 75–77, 103.

mini|Von der Dahm-Orgel in der Weilburger Schlosskirche (1710) ist nur noch der Prospekt erhalten; das Pedalwerk steht hinter den seitlichen Harfenfeldern.