mini|hochkant|Porträt Erma Bossi von Carlo Wostry (1902) Erma Bossi, geborene Erminia Bosich (* 9. Juni 1875 in Pola, Österreich-Ungarn, heute Kroatien; † 14. April 1952 in Cesano Boscone, Provinz MailandCarla Pellegrini Rocca: Eine Galeristin auf den Spuren einer schwer zu fassenden Künstlerin, Carla Pellegrini Rocca über ihre Recherchen zu Erma Bossi. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 59.), war eine Malerin, die in München den Aufbruch in die Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts mitgetragen hat. Ihr Werk wurde durch zwei Weltkriege und die Kulturpolitik der Nationalsozialisten in hohem Maße dezimiert. 2013 wurde dem bis dahin fast unerschlossenen Werk der Künstlerin im Schloßmuseum Murnau eine Einzelausstellung gewidmet. Sandra Uhrig (Hrsg.): Erma Bossi, Eine Spurensuche. In: Ausst. Kat.: Schloßmuseum Murnau, 25. Juli bis 3. November 2013. Bis zu diesem Zeitpunkt waren kaum zwei Dutzend Arbeiten von Bossi bekannt, so dass ihr Stellenwert in der Gesamtentwicklung der modernen Kunst lange Zeit unterschätzt wurde. Heute gewinnt man einen besseren Einblick in ihr Werk, nachdem bislang unentdeckte Originale und unbekanntes Abbildungsmaterial ihrer verschollenen Bilder zusammengetragen werden konnten. Carla Pellegrini Rocca: Eine Galeristin auf den Spuren einer schwer zu fassenden Künstlerin, Carla Pellegrini Rocca über ihre Recherchen zu Erma Bossi. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 56 ff.Ihr Geburtsdatum hatte sie erfunden. in FAZ vom 2. September 2013, Seite 27.
Leben und Werk Künstlerische Anfänge Nachrichten über Bossis Biographie waren seither überaus spärlich. Durch Recherchen im heute norditalienischen Triest, dem ehemals österreichischen Mittelmeerhafen, konnten wichtige exakte Daten zu Bossis Biographie nunmehr gefunden werden. Diesen zufolge absolvierte sie ihre Schulzeit erfolgreich am Städtischen Mädchengymnasium in Triest, das seine Schülerinnen auf den Lehrberuf vorbereitete.Nancy von Breka-Ficović: Erma Bossi – Eine Spurensuche von Kroatien und Italien über Deutschland nach Frankreich und zurück. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 24. 1889 nannte die lokale Presse erstmals den Namen Erminia Bosich im Zusammenhang von attraktiven Handarbeiten, die ihre Schule in einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentierte. Im Jahr darauf wurden Bossis Zeichnungen gelobt. 1892 wurden sie sogar mit dem Urteil „glänzend“ bedacht. Sergio Vatta: Triester Künstler in München. Die Ausbildung einer Malerin. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 34. Ab etwa 1900 nannte sie sich Erma Bossi.
Wenn 1912 über ihre künstlerischen Anfänge berichtet wurde: „Die Künstlerin hat ein reiches und bewegliches Talent unter manchen Schwierigkeiten entwickelt“, Fischer: Das neue Bild, Veröffentlichung der Neuen Künstlervereinigung München. 1912, S. 29. so begannen diese offensichtlich nach ihrer ersten Einzelausstellung 1897 in Triest. Die Presse ermutigte sie damals, „ihr Kunststudium, für das sie eine überdurchschnittliche Neigung zeigt, fortzusetzen.“ Am Ende des Jahres wurde Bossi als Mitglied in den „Künstlerzirkel von Triest“ aufgenommen. Sergio Vatta: Triester Künstler in München. Die Ausbildung einer Malerin. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 37 f. Dieser Vereinigung gehörte auch Carlo Wostry an, der von Bossi 1902 ein Porträt malte, das er mit einer bemerkenswerten Widmung versah: „Der ehrenwerten Kollegin“.Nancy von Breka-Ficović: Erma Bossi – Eine Spurensuche von Kroatien und Italien über Deutschland nach Frankreich und zurück. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 24.
Studium in München „Mitte 1904 ist Erma in München“ und studierte „nach eigenen Angaben bei den Professoren Anton Ažbe und Heinrich Knirr“.Carla Pellegrini Rocca: Eine Galeristin auf den Spuren einer schwer zu fassenden Künstlerin, Carla Pellegrini Rocca über ihre Recherchen zu Erma Bossi. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 60. Ihre Ankunft in der bayrischen Hauptstadt scheint zuverlässig bestimmt worden zu sein, denn Ažbe verstarb im Jahr darauf. Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. München 2004, S. 76. Demnach lernte Bossi den Slowenen noch persönlich kennen. Als weitere Studieneinrichtungen, die Bossi in München besuchte, werden auch die Damenakademie des Künstlerinnenvereins vermutet, aber auch die Phalanx-Schule von Wassily Kandinsky. Franziska Uhlig: Biographien. In: Ausst. Kat.: Der Blaue Reiter und das Neue Bild, Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1999, S. 369. Fraglich bleibt weiterhin, wann sich Bossi erstmals in Paris aufhielt, um sich dort weiterzubilden. Eines ihrer undatierten Gemälde, das sie nach Tizians „Madonna mit Kaninchen“ im Louvre kopierte, gibt diesbezüglich Rätsel auf. Sandra Uhrig (Hrsg.): Erma Bossi, Eine Spurensuche. In: Ausst. Kat.: Schloßmuseum Murnau, 25. Juli bis 3. November 2013. S. 116 f.
Mitglied der Neuen Künstlervereinigung München Kontakte zu den Malern, die 1909 die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) gründeten, bestanden nicht nur über Kandinsky und Gabriele Münter schon in den Jahren zuvor. Wenn Alexej Jawlensky in seinen Lebenserinnerungen glaubt, sagen zu können: „1909 gründete ich mit Kandinsky, Werefkin, Bossy [sic], Erbslöh und Dr. Fischer“Alexej Jawlensky: Lebenserinnerungen In: Clemens Weiler (Hrsg.), Alexej Jawlensky: Köpfe-Gesichte-Meditationen. Hanau 1970, S. 114. die N.K.V.M., so irrt er zwar, dennoch kann seiner Äußerung unschwer entnommen werden, dass er Bossi bereits früher kennenlernte. Dies wird umso wahrscheinlicher, weil nun nachgewiesen werden konnte, dass sich Bossi 1908 in derselben Pension in Murnau am Staffelsee aufhielt, in der auch Kandinsky, Münter, Werefkin und Jawlensky wohnten.Sandra Uhrig: Vorwort und Dank. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 15. Darüber hinaus bezeugte Erbslöhs Frau Adeline ein Kennenlernen vor 1909 mit Bossi.Sandra Uhrig: Vorwort und Dank. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 19, Anm. 6. Korrekt ist gewiss diesbezüglich auch der Bericht des Chronisten Otto Fischer: Die N.K.V.M. „wurde im Januar 1909 begründet. [...] Noch im Laufe desselben Jahres traten der Vereinigung bei: Paul Baum, Wladimir von Bechtejeff, Erma Bossi, Karl Hofer, Moissey Kogan und Alexander Sacharoff.“Otto Fischer: Das neue Bild. Veröffentlichung der Neuen Künstlervereinigung München, München 1912, S. 22.
1909, Beteiligung an der 1. Ausstellung der N.K.V.M. mini|Zirkus, 1909 An der ersten Ausstellung nahm Bossi mit sechs Gemälden teil.Ausst. Kat.: Der Blaue Reiter und das Neue Bild, Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. 1999, S. 356. Das damals gezeigte Gemälde „Zirkus“Gollek: Der Blaue Reiter und die Neue Künstlervereinigung München 1982, S. 24. hat sich erhalten und wird heute als Dauerleihgabe in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München ausgestellt. Dabei handelt es sich um ein für die Entwicklung der damaligen Münchner Kunstszene aufschlussreiches Gemälde. Es zählt zu ihren frühesten bekannten expressionistischen Bildern und zeigt deutliche Einflüsse von Henri de Toulouse-Lautrec, Georges Seurat und Henri-Gabriel Ibels.Bernd Fäthke: Bossi, ihre Münchner Kollegen und ihre Vorbilder. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 46 ff. Insbesondere für die Kunst von Paul Cézanne hatte Bossi ein Faible entwickelt,Bernd Fäthke: Bossi, ihre Münchner Kollegen und ihre Vorbilder. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 86 ff. das sie offensichtlich mit ihrem Triester Malerkollegen Pietro Marussig teilte.
Auch Bossis Bilder bestätigen, dass es nicht die Fauves waren oder Henri Matisse selbst, die Einfluss auf die plötzliche Entwicklung der expressionistischen und abstrakten Malerei in München seit 1908/09 genommen haben. Denn sie verweisen auf jene Quellen, aus denen auch die Fauves schöpften, nämlich die Malereien von Vincent van Gogh, Paul Gauguin und seinen Nachfolgern, den Nabis. Aber auch der in Frankreich geschulte und an Okumura MasanobuBernd Fäthke: Bossi, ihre Münchner Kollegen und ihre Vorbilder. In: Ausst. Kat.: Erma Bossi, Eine Spurensuche. Schloßmuseum Murnau 2013, S. 98 f. orientierte Edvard MunchBernd Fäthke: Munch, München und anderswo. Bildzitate, Weltkunst, Nr. 19, 1. Oktober 1997, S. 1986 ff. hatte entscheidenden Anteil an der Selbstfindung der meisten Maler, die in Schwabing Karriere machten. Bossi muss aus heutiger Sicht zu ihnen gezählt werden. Laut Ausstellungskatalog der N.K.V.M. war Bossi 1909 in München wohnhaft.
1910, Beteiligung an der 2. Ausstellung der N.K.V.M. mini|hochkant|Stilleben, 1910 An der zweiten Ausstellung der N.K.V.M. 1910 beteiligte sich Bossi wiederum mit sechs Arbeiten. Erhalten haben sich davon ein „Stilleben“Ausst. Kat.: Der Blaue Reiter und das Neue Bild, Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. 1999, Kat. 52; schon bei Fischer: Das neue Bild, Veröffentlichung der Neuen Künstlervereinigung München. 1912, Tafel VI. und ein Gemälde mit dem Titel „Mondnacht“.Ausst. Kat.: Der Blaue Reiter und das Neue Bild, Von der „Neuen Künstlervereinigung München“ zum „Blauen Reiter“. 1999, Kat. 51; schon bei Fischer: Das neue Bild, Veröffentlichung der Neuen Künstlervereinigung München. 1912, Tafel VIII. In letzterem Bild praktizierte sie die Ton-in-Ton-Malerei, einer Erfindung von Louis Anquetin, Bernd Fäthke: Louis Anquetin und die Ton-in-Ton-Malerei. Weltkunst, Nr. 22, 15. November 1996, S. 2977 ff. mit der er einst den Cloisonismus bereicherte. Zu Zeiten der N.K.V.M. war Anquetins Art, die Welt durch ein einfarbiges Glas zu betrachten, um den so gewonnenen Eindruck auf die Leinwand zu übertragen, sehr beliebt. Anquetins Art der Malerei stand auch bei Marianne von Werefkin, Alexej Jawlensky und insbesondere Münter hoch im Kurs.
mini|hochkant|Marianne von Werefkin, ca. 1910