mini|275px|alt=Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt einen weißhaarigen, bärtigen Mann mit Krone, um den herum drei besorgt wirkende junge Frauen stehen.|König Lear und seine Töchter (dargestellt von Charles Hay Cameron sowie Lorina, Edith und Alice Liddell). Fotografie von Julia Margaret Cameron, 1872. König Lear (frühneuenglisch The Tragedie of King Lear) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Das Werk handelt vom Schicksal Lears und seiner Töchter, die in den gewaltsamen Wirren einer Reichsteilung zu Tode kommen. Shakespeares Quellen waren die Historia Regum Britanniae des Geoffrey von Monmouth aus dem Jahr 1136 und Holinsheds Chronicles of England von 1587. Das Schauspiel entstand vermutlich um das Jahr 1606. Die früheste belegte Aufführung datiert vom 26. Dezember 1606 am englischen Hof. Die erste Druckausgabe ist die Quarto von 1608. In der First Folio von 1623 erschien eine revidierte Version. Die erste deutsche Übersetzung ist Wielands 1762 erschienene Prosaversion; die deutsche Erstaufführung fand 1778 in Hamburg unter der Regie von Friedrich Ludwig Schröder statt. Die bekannteste moderne Adaption des Werkes ist Akira Kurosawas Verfilmung unter dem Titel Ran.

Übersicht Handlungsstränge König Lear ist ein sogenanntes Doppeldrama mit einer jeweils in struktureller Hinsicht parallel verlaufenden Konfliktentwicklung; es erzählt das Schicksal zweier Helden: das von König Lear und seinen drei Töchtern und das seines Ratgebers Graf Gloucester und seiner beiden Söhne. Zu Beginn des Stückes verbannt Lear seine Tochter Cordelia und seinen Gefolgsmann Kent. Edmund, der uneheliche Sohn von Gloucester, intrigiert gegen seinen Bruder Edgar, sodass dieser fliehen muss. Cordelia, Kent und Edgar bilden somit die Kerngruppe der rechtschaffenen Charaktere, jener Personen, die, wiewohl verfemt, loyal gegenüber den Vätern Lear und Gloucester sind. Die älteren Töchter Goneril und Regan planen, ihren unberechenbaren Vater zu entmachten. Gleichzeitig wiegelt der einzig auf seinen eigenen Vorteil bedachte Edmund mit kalter Berechnung seine Familie auf, um sich das gesamte Erbe seines Vaters anzueignen. Regan, Goneril und Edmund bilden somit die Kerngruppe der ehrlosen Charaktere, die gegen ihre Väter rebellieren und die Macht an sich reißen wollen. Regan kann sich dabei der Unterstützung ihres machtbesessenen, brutalen Ehemannes Cornwall sicher sein. Gonerils Gatte, der Herzog von Albany, lässt sich hingegen nicht in die Rebellion hineinziehen; er wechselt schließlich in das Lager der rechtschaffenen und ehrenhaften Charaktere. Der Katalysator der beiden Haupterzählungen ist die Nebenhandlung von der Invasion Britanniens durch die Franzosen. Mit der Landung des französischen Heeres in Dover erhält das Drama einen Impuls, der die Ereignisse auf extreme Weise vorantreibt und beschleunigt.

Hauptfiguren Die Bühnengesellschaft des Dramas besteht aus zwei Gruppen, der Familie von König Lear und der Familie seines Ratgebers Graf von Gloucester. Lear ist alt und dankt ab. Er teilt das Reich unter seinen Töchtern auf. Weil die jüngste, Cordelia, bei einer Liebesprobe versagt, enterbt er sie und verheiratet sie ohne Mitgift an den französischen König. Die bevorzugten älteren Töchter Goneril und Regan und ihre Gatten Herzog Albany und Herzog Cornwall erhalten jeweils eine Hälfte des Königreiches. Zur Gruppe der Charaktere um König Lear gehören noch Oswald, der gehorsame und rücksichtslose Haushofmeister Gonerils, und der Graf von Kent, Lears treuer Gefolgsmann, den der König verbannt, weil er Cordelia verteidigt. Der Graf von Gloucester ist der Vater von Edgar und Edmund. Letzterer ist ein illegitimer Sohn. Edmund intrigiert gegen Edgar, sodass dieser fliehen muss und sich zum Schutz vor Verfolgung als wahnsinniger Bettler Tom of Bedlam verstellt. Nach seiner Abdankung ist Lear zunächst in Begleitung seiner Ritter. Nachdem ihm seine Töchter die Bewirtung seines Gefolges verwehrt haben, halten nur noch sein Narr und der als Diener Caius verkleidete Graf von Kent zu ihm.

Erzählte Zeit und Orte der Handlung Das Werk spielt im antiken Britannien, üblicherweise wird als die Zeit der Handlung das 8. Jahrhundert v. Chr. angenommen. Mit dem ersten Akt beginnt die Handlung am Hof des Königs. Der größte Teil der Ereignisse in den Akten zwei, drei und der Beginn des vierten Aktes wechselt zwischen dem Schloss des Grafen Gloucester und Ereignissen in einer stürmischen Nacht auf der Heide. Ab dem zweiten Teil des vierten Aktes sind die Orte der Handlung die Umgebung der Stadt Dover, die dortigen Felsklippen und die Heerlager der Briten und Franzosen. Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegt eine nicht näher bezeichnete Zeitspanne, in der sich Cordelia mit ihrem Gatten, dem König von Frankreich, in ihre neue Heimat begibt und von dort eine Invasion der Insel vorbereitet. Nachdem die französischen Truppen in der Nähe von Dover gelandet sind, setzt die Handlung mit dem zweiten Akt wieder ein. Die folgende erzählte Zeit umfasst eine Nacht und den folgenden Tag.

Handlung Bibliographische Vorbemerkungen Da von dem Text des Werkes zwei deutlich verschiedene Versionen existieren – die Quarto-Version von 1608 („The History of King Lear“) und die Folio-Version von 1623 („The Tragedy of King Lear“) –, bieten die Herausgeber der Shakespeare-Ausgaben unterschiedliche Lösungen an.

Die Einzelausgabe des „The Oxford-Shakespeare“ von Stanley Wells gibt einen Quarto-basierten Text wieder.Stanley Wells (Hrsg.): William Shakespeare: King Lear. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2000. S. 3. Jay Halio („New-Cambridge-Shakespeare“), Jonathan Bate („RSC“) und Grace Ioppolo („Norton“) drucken einen Folio-basierten Text.Jay L. Halio (Hrsg.): William Shakespeare: The Tragedy of King Lear. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 2005, S. 95. Jonathan Bate, Eric Rasmussen (Hrsg.): William Shakespeare: King Lear. The RSC Shakespeare. MacMillan, London 2009, S. 25. Grace Ioppolo (Hrsg.): William Shakespeare. King Lear. Norton Critical Editions. W. W. Norton & Company, New York 2008, S. 116. Reginald Foakes, der Herausgeber der dritten Arden-Ausgabe, hat – genauso wie seine Vorgänger W. J. Craig und Kenneth Muir – eine sogenannte Kompilation, einen Hybrid-Text aus Quarto und Folio, hergestellt.Reginald A. Foakes (Hrsg.): William Shakespeare: King Lear. The Arden Shakespeare. Third Series. Methuen, London 1997. S. 148f. Kenneth Muir (Hrsg.): William Shakespeare: King Lear. The Arden Shakespeare. Second Series. Methuen, London 1952, Reprint 1961, S. XIX: "The present text of the play, therefor, is based on F; but since the F texts of other plays contain numerous errors and "sophistications" (i.e. unauthorized "improvements"), we shall accept Q readings not only where the F readings are manifestly corrupt, but also where Q seems palpably superior.". Die Herausgeber der Gesamtausgabe „The Oxford Shakespeare“ drucken die beiden frühen Textausgaben des Werkes als aus ihrer Sicht gleichermaßen autoritative Fassungen, die in unterschiedlichen Phasen der Werkgeschichte und Bühnenpraxis entstanden seien.John Jowett, William Montgomery, Gary Taylor, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Shakespeare. The Complete Works. 2. Auflage, Oxford University Press, Oxford 2005. S. 909: The History of King Lear (1605-06): The Quarto Text. S. 1153: The Tragedy of King Lear (1610): The Folio Text. Siehe auch Michael Dobson, Stanley Wells: The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2001. ISBN 978-0-19-280614-7. Second Edition 2015. ISBN 978-0-19-870873-5, S. 279–282, hier S. 279. Die hier wiedergegebene Darstellung der Handlung verwendet die zweisprachige Ausgabe von Frank Günther, deren Text auf der zweiten Arden-Ausgabe von Kenneth Muir basiert, der ebenso wie die dritte Arden-Ausgabe ein kollationierter Text ist.Frank Günther (Hrsg.): William Shakespeare: König Lear. Zweisprachige Ausgabe. dtv, München 2007. S. 289f: "Der Herausgeber der hier abgedruckten Arden-Ausgabe, Kenneth Muir, z. B. schrieb dazu im Vorwort: Ein moderner Herausgeber wird die fehlenden Zeilen selbstverständlich ersetzen, ganz gleich, ob der Text ansonsten auf der Quarto- oder der Folio-Ausgabe basiert. (zitiert nach Kenneth Muir Arden², S. xvi.) Das Ergebnis ist eine Art Hybrid-Text …" Auch der Herausgeber der englisch-deutschen Studienausgabe Werner Brönnimann bietet einen kollationierten Text, in dem (ähnlich wie in der Arden³-Ausgabe von Reginald Foakes) „Quarto-Only-Text“ durch ein hochgestelltes Q und „Folio-Only-Text“ analog durch ein hochgestelltes F gekennzeichnet werden.Werner Brönnimann (Hrsg.): William Shakespeare: King Lear – König Lear. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2020, Seite 13.

Die Unterteilung des Textes und folglich die Zählung in Akte und Szenen unterscheidet sich zwischen Quarto- und Foliotext. Die Quarto ist in 24 Szenen eingeteilt,John Jowett, William Montgomery, Gary Taylor, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Shakespeare. The Complete Works. 2. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2005, Seite 909–941. während der Foliotext eine durchgehende Einteilung nach Akten, die in Szenen unterteilt sind, bietet.John Jowett, William Montgomery, Gary Taylor, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Shakespeare. The Complete Works. 2. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2005, Seite 1153–1184.Der Text der Folio von King Lear auf den Seiten 283–309 im dritten Folio-Band (entsprechend den Seiten 791–817 nach der Zählung des Norton-Faksimile) gliedert die Szenen der Quarto in lateinischer Diktion: Actus Primus. Scoena Prima. etc. Da die Szene 17 der Quarto vollständig im Foliotext fehlt, verschiebt sich die Zählung der Szenen in Akt 4 in einem kollationierten Text ab der Szene 3. Es wird eine zusätzliche Szene eingeschoben, so dass der vierte Akt sieben statt sechs Szenen enthält. Je nach Herausgeber gibt es eine weitere Variante der Textaufteilung. In der First Folio hat der zweite Akt nur zwei Szenen. Diese wird aber, einer langen Tradition folgend, manchmal in drei kürzere Szenen aufgeteilt, sodass in einzelnen Ausgaben der zweite Akt zwei Szenen, in anderen vier Szenen hat.

Akt I Im ersten Akt werden alle Konflikte ausgebreitet, die das Drama antreiben: Lears Abdankung, die Reichsteilung, die Verbannung von Cordelia und Kent, die Pläne der älteren Schwestern, ihren Vater zu entmachten, und Edmunds Intrige gegen seinen Vater und seinen Stiefbruder.