Männlichkeit beschreibt die Summe der Eigenschaften, die für den Mann als charakteristisch gelten. In der Wissenschaft wird Männlichkeit vor allem aus der Perspektive der Soziologie, der Sozialpsychologie und der Klinischen Psychologie sowie in den interdisziplinären Gender Studies systematisch erforscht. In diesen Disziplinen wird Männlichkeit primär als soziales Konstrukt gesehen, das sich historisch wandelt und kulturell variiert. Auch die Evolutionspsychologie liefert Erklärungsansätze. Deren Prämissen spielen eine untergeordnete Rolle und werden in der konstruktivistisch geprägten Männlichkeitsforschung oft als „biologischer Essentialismus“ kritisiert. In der Biologie und Andrologie wird die Ausbildung männlicher Geschlechtsmerkmale auf komplexe Zusammenhänge von Genetik und den Einfluss von Hormonen, insbesondere Testosteron, zurückgeführt. Die moderne Medizin unterscheidet hierbei zwischen der rein biologischen Differenzierung und den gesellschaftlichen Konstrukten von Männlichkeit.

Was jeweils unter „Männlichkeit“ verstanden wird, hängt stark vom Kontext und der Perspektive derjenigen ab, die den Begriff gebrauchen. Die althergebrachte umgangssprachliche Bedeutung des Begriffs geht zumeist in Richtung Virilität (lateinisch virilis „männlich“) im Sinne von männlicher Stärke, männlich-erotischer Ausstrahlung, oder auch Zeugungsfähigkeit („Manneskraft“). Der verwandte und kaum noch gebrauchte Begriff Mannbarkeit aus der gehobenen Umgangssprache bezeichnet die Geschlechtsreife eines jungen Mannes, während Mannhaftigkeit synonym für Tapferkeit verwendet wurde. Im entsprechenden Kontext werden oft bestimmte Eigenschaften des männlichen Körpers als Sinnbild von Männlichkeit interpretiert. So gelten körperliche Größe, eine ausgeprägte Muskulatur, eine tiefe Stimme, breite Schultern, markante Gesichtszüge (insbesondere das Kinn) und eine starke Körperbehaarung (insbesondere der Brust) als typisch männliche Merkmale.

Forschung

Männlichkeit war lange kein Gegenstand der Forschung. Mit dem Beginn der Frauenforschung erschien es zunächst, als ob nur Frauen bzw. Weiblichkeit mithilfe der Forschungskategorie Geschlecht bzw. Gender untersuchbar seien (Geschlechterforschung) und nur sie Geschlecht bzw. Gender hätten.

Der amerikanische Männer- und Männlichkeitsforscher Michael Kimmel vertritt die These, dass die traditionelle Unsichtbarkeit von Männlichkeit lange eine bewusste oder unbewusste Strategie der Machtsicherung dargestellt habe: „Indem implizit oder explizit abgelehnt wurde, dass die Kategorie Gender überhaupt auch für Männer gilt, konnten diese sowohl einem prüfenden Blick als auch Kritik und Veränderung entgehen“. Laut Kimmel wissen die Männer meist nicht einmal, welche Fragen sie zu stellen hätten, um Männlichkeit jenseits der Körper, Ideale und Stereotype sichtbar und wissenschaftlich erforschbar zu machen.

Mittlerweile hat sich Männlichkeit in immer mehr Wissenschaftsdisziplinen zum Forschungsthema entwickelt. Diese Forschungsgebiete sind stark interdisziplinär und transnational vernetzt. Die USA waren ein früher Pionier. Die Männlichkeitsforschung etablierte sich seit den 1980er Jahren parallel auch in anderen Teilen der Welt, etwa in den Commonwealth-Staaten (insbesondere durch die wegweisende australische Forschergruppe um Raewyn Connell) sowie in Europa, wo beispielsweise Schweden auf eine über 40-jährige Forschungstradition zurückblickt. Die Literaturwissenschaftler Stefan Horlacher et al. äußern in einem Handbuch zum Thema Männlichkeit, das Verständnis in vielen Wissenschaftsdisziplinen basiere bis heute noch auf „vermeintlich eindeutigen Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die häufig noch immer voreilig auf augenscheinlich biologische oder gar genetisch determinierte Fakten reduziert werden“. Die moderne Männlichkeitsforschung verlangt nach dem Konzept der Intersektionalität und verknüpft zunehmend Ansätze aus der Soziologie, den Kulturwissenschaften, der Medizin (insbesondere Public Health und Andrologie) sowie der Psychologie. Ziel dieser Multidisziplinarität ist zu verstehen, wie gesellschaftliche Normen, Status, Ethnizität und Biologie gemeinsam auf Männer wirken.

Soziologie Innerhalb der binären Geschlechterordnung steht Männlichkeit dem Begriffspol Weiblichkeit gegenüber und ist wie diese ein kulturell-ideologisch verdichtetes Verständnis (im Gegensatz zum „Mannsein“, welches die tatsächlich gelebte Vielfalt repräsentiert). Die über Männlichkeit den Männern zugeschriebenen Eigenschaften unterliegen unter anderem dem kulturellen und sozialen Wandel (vgl. Weib und Frau); sie werden mit den biologisch männlichen Merkmalen als verbunden angesehen (vgl. Männchen). Inwieweit diese Zuschreibungen für sozialisiert oder angeboren (oder sogar „natürlich“ bzw. „göttlich gewollt“) erachtet werden, unterliegt ebenfalls dem sozialen Wandel. Unterschiedliche Religionen, Weltanschauungen und wissenschaftliche Positionen bieten dazu verschiedenste Modelle als Antworten an. Im wissenschaftlichen Bereich beschäftigen sich vor allem die Gender Studies und die Evolutionspsychologie mit diesen Fragen. „Männliches“ Handeln und Verhalten wird eingehender – auch im Kulturvergleich – in der soziologischen Rollentheorie behandelt.

Hegemoniale Männlichkeit

Die aktuelle Geschlechterforschung spricht seit den Publikationen der australischen Soziologin Raewyn Connell von Männlichkeit auch in der Mehrzahl, d. h. von „Männlichkeiten“. Connell beschreibt Männlichkeit als „eine Position im Geschlechterverhältnis; die Praktiken, durch die Männer und Frauen diese Position einnehmen, und die Auswirkungen dieser Praktiken auf die körperliche Erfahrung, auf Persönlichkeit und Kultur.“ Sie erarbeitete in historischen und kulturellen Analysen, dass es nicht nur eine, sondern viele Ausprägungen von Männlichkeit gebe, die auch in ein und derselben Kultur gleichzeitig existieren könnten. Jene, die in einer Kultur als vorherrschend akzeptiert wird, wird von ihr, in Anlehnung an Antonio Gramsci, Hegemoniale Männlichkeit genannt. Davon abweichende Männlichkeiten nennt Connell „marginalisierte Männlichkeiten“. Im deutschsprachigen Raum wurde das Konzept von Michael Meuser mithilfe des Konzepts des Habitus nach Pierre Bourdieu erweitert. Nach Meuser ist der „männliche Habitus“, also „das Gefüge männlicher Einstellungen, Haltungen und Praktiken - auch in der (Spät-)Moderne zutiefst von ‚vormodernen‘ Strukturen geprägt: von der Asymmetrie der Geschlechter in Arbeitswelt und Privatheit, von der Aufrechterhaltung einer hegemonialen Vormachtposition der Männer sowie der (Rück-)Vergewisserung männlicher Identität in einer durch männliche Dominanz charakterisierten Tradition.“

Petromaskulinität

Bei der Erforschung der Beweggründe hinter der Klimawandelleugnung beschreibt das Konzept der Petromaskulinität einen Zusammenhang zwischen Männlichkeit und dem Festhalten an fossilen Energien. Es geht auf die Politikwissenschaftlerin Cara Daggett zurück und bietet einen Erklärungsansatz dafür, dass vor allem weiße konservative Männer den menschengemachten Klimawandel leugnen und die Umwelt willentlich verschmutzen. Demnach sei das Familienernährermodell vor allem in den Vereinigten Staaten historisch immer mit der Verbrennung fossiler Brennstoffe einhergegangen. Das leidenschaftliche Festhalten an jenen ist laut Daggett daher als Reaktion auf eine sich stetig wandelnde Welt zu begreifen und resultiert aus dem Wunsch, die männliche Machtposition abzusichern.

Caring Masculinities

Caring Masculinities stellen einen positiven Bezug zwischen Männlichkeit und Care-Arbeit her. Das Konzept wird von verschiedenen Forschenden als Gegenentwurf zur hegemonialen Männlichkeit angesehen, welcher das Potenzial habe, patriarchale Geschlechterverhältnisse zu transformieren.

Archäologie In der Archäologie wird männliches Verhalten in beispielsweise der Steinzeit untersucht. Diese Untersuchungen erlangen auch dadurch eine Relevanz, dass geschlechtsspezifische Rollenverteilungen der Steinzeit mitunter als Erklärung für heute existierende Geschlechterunterschiede herangezogen werden. In früheren Untersuchungen wurden Männer als stärker, aggressiver, dominanter und aktiver dargestellt. Männer wurden hauptsächlich als für die Jagd großer Tiere und das Bearbeiten härterer Materialien zuständig gesehen. Linda R. Owen hält diese Darstellungen jedoch für zu einseitig und als Symptom einer Projektion moderner Annahmen über Geschlechterrollen auf die Vergangenheit. Durch die schlechte Datenlage, die Verallgemeinerung zeitgenössischer, teilweise verzerrter ethnographischer Untersuchungen zu Jägern und Sammlern und eurozentrische Vorstellungen über Geschlecht bei der Interpretation archäologischer Funde sei ein verzerrtes Bild über Geschlechterrollen entstanden. Neuere Forschungen anhand von Primärquellen zeigen ein differenziertes Bild männlichen Verhaltens in der Steinzeit und betonen die Rolle der Männer für die Kindererziehung, das Sammeln von Pflanzen und bei der Kleintierjagd. Gleichzeitig weist Owen (2016) auf die noch große Unsicherheit in den Daten hin, wodurch keine abschließenden Urteile über das männliche Verhalten in der Steinzeit gezogen werden könnten. (siehe auch: Jäger und Sammler #Arbeitsteilung)

Politikwissenschaft Seit 1991 gibt es in der DVPW einen Arbeitskreis Politik und Geschlecht. Im Jahr 2000 stellte Peter Döge allerdings fest, dass eine systematische Betrachtung von Männlichkeit und Geschlecht insbesondere in der deutschen Politikwissenschaft ausgeblieben sei. Innerhalb der Disziplin und aus einer feministischen Perspektive wird einerseits kritisiert, dass Teildisziplinen wie die Internationalen Beziehungen oder die Politische Theorie über lange Zeit männerdominiert und männerzentriert gewesen seien, aber auch die Politikwissenschaft insgesamt bezeichnet Bettina Lösch als androzentrisch, „d.h. an Männlichkeit orientiert (Mensch wird grundsätzlich als Mann vorausgesetzt)“. Die Ursache für die Nichtberücksichtigung von Gender innerhalb der Disziplin sieht Birgit Sauer in einer „männerbündischen Personalrekrutierung“ und einer „männlich-hegemonialen Themenselektion“. Insbesondere durch die feministische Politikwissenschaft und durch die Erkenntnisse der kritischen Männerforschung gerieten in den letzten Jahren allerdings auch Geschlecht und Männlichkeit in den Fokus politikwissenschaftlicher Analysen. Untersucht werden z. B. die Verwobenheit von Männlichkeiten und Konzepten wie dem Staat, Staatsbürgerschaft und Demokratie oder innerhalb der Internationalen Beziehungen Zusammenhänge zwischen Männlichkeiten und Gewalt. In diesem Kontext wird einerseits betont, dass Gewalt hauptsächlich von Männern ausgehe, andererseits aber auch darauf verwiesen, dass Gewalt durchaus auch von Frauen ausgehen kann und dass „Männer“ und „Frauen“ je nach Kontext unterschiedlich verstanden werden müssen.

Rechtsextremismusforschung Der Zusammenhang von Männlichkeit und Rechtsextremismus wird innerhalb der Disziplin kaum untersucht. Zwar sind mehr Männer als Frauen im Rechtsextremismus aktiv, Studien konzentrierten sich aber vor allem auf rechtsextreme Frauen und widerlegten eine verbreitete Annahme, Rechtsextremismus sei selbstverständlich männlich. Seit Beginn der 2000er-Jahre beschäftigten sich aber im deutschsprachigen Raum immer wieder einzelne Untersuchungen mit Männlichkeit im Rechtsextremismus und integrierten Ansätze der kritischen Männlichkeitsforschung. Die Kategorie Männlichkeit sehen Robert Claus et al. „als konstitutiv für rechtsextreme Phänomene, ihr ideologisches Gerüst, ihr Handeln, ihre Agitation und Mobilisierung“. Heribert Schiedel sieht den Rechtsextremismus als Versuch, „‚Männlichkeit‘ zu restitutieren und zu renaturalisieren“.