mini|130px|Wappen von Tilsit im Plenarsaal des altstädtischen Rathauses in Danzig mini|Tilsit nordöstlich von Königsberg und nördlich von Insterburg (Insterbg.) auf einer Landkarte von 1908 mini|Stadtrat von Tilsit am 7. September 1914 unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Eldor Pohl (Mitte, sitzend) mini|Keimzelle Tilsits (W. Thalmann) mini|Tilsit zwischen Deutscher Straße und Memel (1910) mini|hochkant|Tilsit, Marktplatz mit Rathaus und Schenkendorf-Denkmal (1930) mini|Deutsche Kirche (1910) mini|Häuserzeile in der Stadt (Aufnahme 2008) mini|Das seit 2010 unter Denkmalschutz stehende Geburtshaus von Armin Mueller-Stahl (Aufnahme 2014) Sowetsk [] (, auch als Sowjetsk transkribiert), deutsch Tilsit (, polnisch Tylża), ist eine Stadt in der russischen Oblast Kaliningrad, direkt an der litauischen Grenze. Der 1920 von Tilsit abgetrennte Stadtteil Übermemel gehört unter dem Namen Panemunė zu Litauen. Sowetsk ist der Oblast administrativ direkt unterstellt (rajonunabhängig, d. h. kreisfrei) und bildet einen eigenen Stadtkreis. Sie hat Einwohner (Stand ).
Geographie Lage Die Stadt liegt in der historischen Region Ostpreußen, etwa 95 Kilometer nordöstlich von Kaliningrad (Königsberg), am Zusammenfluss der Tilse () mit der Memel (memelis, mimelis „stiller, langsamer“; russisch Neman, litauisch Nemunas) und ist Grenzstadt nach Litauen.
Geschichte
mini|Wappen von Tilsit (1905)
Früherer Ortsname Der frühere Ortsname Tilsit (ehemals auch Schalauerburg) stammt vom Flüsschen Tilse, dessen Name von prußisch-schalauisch tilse „sumpfig“ ( „unter Wasser stehen, quellen, weichen, sich mit Wasser vollsaugen“) abgeleitet ist. Durch ihren Aufstau entstand 1562 der Schloßmühlenteich.
Geschichte bis 1914
Aus einer Lischke entwickelte sich bis zum Ende des 15. Jahrhunderts das Handelszentrum der Region namens Tilsit. Herzog Albrecht verlieh ihm 1552 das Stadtrecht. Im Siebenjährigen Krieg war die Stadt von 1758 bis 1762 von russischen Truppen besetzt. Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte Tilsit im Vierten Koalitionskrieg, als 1807 Frankreich mit Russland und Preußen den Frieden von Tilsit schloss. Unbehelligt von kriegerischen Auseinandersetzungen konnte sich die Stadt bis 1914 wirtschaftlich weiterentwickeln. Sie wurde zu einem bedeutenden Standort der Holzindustrie, nachdem schon im Mittelalter die Flößerei die Stadt ernährt hatte. Weltbekannt wurde Tilsits Käse, der Tilsiter.
Im Jahr 1658, vielleicht schon 1313, entstand eine erste Schiffsbrücke über die Memel. An ihre Stelle trat 1767 eine Steinbrücke. Chausseeverbindungen nach Königsberg und Memel erhielt Tilsit 1832 und 1853. Auf Betreiben Heinrich Kleffels folgte 1865 der Anschluss an die Preußische Ostbahn. Die Bahnstrecke Tilsit–Memel ging 1875 nach dem Bau einer 536 m langen Eisenbahnbrücke über die Memel in den Betrieb. Bis 1945 bestand ein Bahnbetriebswerk der Deutschen Reichsbahn in Tilsit.Eisenbahnreise durch ein verbotenes Land. EK 10/85, EK-Verlag, Freiburg 1985. Im Jahr 1900 schuf Gustav Eberlein das berühmte Luisendenkmal. Die Luisenbrücke für den Straßenverkehr errichtete 1907 die Firma Beuchelt & Co. Bedeutende Arbeitgeber dieser Zeit waren die Molkerei, das ostdeutsche Hefewerk und eine der größten Zellstofffabriken Europas (mit eigener Werkbahn).Tilsit, Stadt ohne Gleichen. Kulturzentrum Ostpreußen, Ellingen 2019.
Von 1895 bis 1945 war Tilsit ein selbständiger Stadtkreis im Regierungsbezirk Gumbinnen in Ostpreußen. Die Verwaltung des Landkreises Tilsit, später Tilsit-Ragnit, befand sich ebenfalls in Tilsit.
1838 wurden das Stadtgericht Tilsit und das Landgericht Tilsit zum Land- und Stadtgericht Tilsit zusammengefasst. 1849 wurde in Preußen die Patrimonialgerichtsbarkeit abgeschafft und das Kreisgericht Tilsit gebildet. 1879 wurde das Amtsgericht Tilsit und das Landgericht Tilsit geschaffen. Ab 1927 bestand das Arbeitsgericht Tilsit.
Im 19. und 20. Jahrhundert war Tilsit Sitz zahlreicher litauischer Verbände, denn im Umland sprach damals etwa ein Viertel der Einwohner die litauische Sprache.Siehe Sprachenkarte von Ostpreußen (mit den Ergebnissen der Volkszählung von 1910). In: Ergänzungsband zu den früheren Auflagen von Andrees Handatlas. Velhagen & Klasing, Bielefeld, Leipzig 1922, S. 9.
Erster Weltkrieg Als zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Aufmarsch russischer Truppen gemeldet wurde, flohen viele Tilsiter nach Königsberg und Berlin. Oberbürgermeister Eldor Pohl verpflichtete die Stadträte und Stadtverordneten zu bleiben. Am 20. August wurden alle arbeitsfähigen Männer auf Schleppkähnen nach Königsberg gebracht, um sie vor einer drohenden Deportation nach Russland zu bewahren.Zur Verschleppung deutscher Zivilisten aus Ostpreußen nach Russland siehe: Michael Schwartz: „Ethnische Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. De Gruyter, Berlin / Boston 2013, ISBN 978-3-486-72142-3, S. 27. Ein Pionierkommando der preußischen Armee sollte die Königin-Luise-Brücke sprengen. Durch Telefongespräche mit dem Generalkommando des I. Armee-Korps wendete Pohl die Sprengung ab. Alle Militärpersonen verließen die Stadt. Am 25. August 1914 verhandelte eine Kosakenpatrouille mit dem Oberbürgermeister und seinem Vertreter auf der Straße. Am nächsten Tag rückten russische Infanterie und einige Schwadronen Kosaken mit ihrem Tross ein und bezogen Quartier in der leeren Dragonerkaserne. Die Soldaten gehörten zur Grenztruppe Tauroggen und kannten die Stadt. Es ergingen Alkoholverbot und Ausgangssperre. Pohl und Stadtrat Teschner mussten sich täglich beim Stadtkommandanten, Oberstleutnant Bogdanow, melden. Die städtische Polizei durfte weiter amtieren. Vollkommen abgeschlossen, erfuhr die Stadt von der Schlacht bei Tannenberg erst nach dem Abzug der Russen. Am 30. August rückte die russische 43. Infanterie-Division unter Generalleutnant von Holmsen in Tilsit ein. Der Stadt wurde eine Kontribution von 40.000 Mark auferlegt. Elf Stadtvertreter sollten als Geiseln ins Zarenreich verbracht werden. Der Weinhändler Paul Lesch schlug stattdessen die Einteilung der Stadt in zwölf Bezirke vor, für die jede Geisel mit Kopf und Vermögen haften sollte. Großfürst Nikolai Nikolajewitsch und General Paul von Rennenkampff waren einverstanden. Es blieb friedlich. Am 12. September 1914 von Königsberg und Memel angerückt, nahmen preußische Truppen alle 6000 Russen gefangen.Paul Lesch: Die Russen kommen. In: 8. Tilsiter Rundbrief. 1978/79, S. 14–21. PDF Der Artillerie-Hauptmann Fletcher verhinderte die Sprengung der Königin-Luise-Brücke. Nach ihm wurde der Platz vor der Deutschen Kirche benannt. Für den Wiederaufbau von Tilsit und Umgebung im Rahmen der Ostpreußenhilfe übernahm 1917 die Provinz Schleswig-Holstein die Patenschaft.
Zwischenkriegszeit Als im März 1919 bekannt wurde, dass Litauen auf der Versailler Friedenskonferenz den Nordteil Ostpreußens beanspruche, erhielt eine „Verwahrungskundgebung gegen die Abtrennung von Preußen und die Abtretung an den litauischen Staat“ in Tilsit 90 Prozent der Stimmen und im zu 53 Prozent litauischsprachigen Kreis Heydekrug 93 Prozent.Siehe Ernst-Albrecht Plieg: Das Memelland 1920–1939. Holzer, Würzburg 1962, S. 5 f. Die Friedenskonferenz berücksichtigte das Votum nur in Bezug auf Tilsit und das Gebiet westlich der Memel. Sie schuf das von Deutschland abgetrennte Memelgebiet, das Litauen 1923 annektierte. Nunmehr Grenzstadt, verlor Tilsit einen wichtigen Teil seines Umlands, worunter seine Wirtschaft litt. Im Jahr 1927 errichtete der bedeutende Architekt Peter Behrens den hochmodernen Tilsiter Hafenspeicher.
Zweiter Weltkrieg
Bereits am 22. und 23. Juni 1941 sowie im Juni 1942 wurde Tilsit durch sowjetische Fernfliegerkräfte attackiert. Den ersten schweren sowjetischen Bombenangriff während des Zweiten Weltkriegs musste die Stadt nachts am 20./21. April 1943 über sich ergehen lassen, dem im Juli und August 1944 weitere Großangriffe folgten. Ab Juli erfolgte die Evakuierung von Tilsit, zunächst von Frauen mit Kindern.
Die Tilsiter Kinderklinik, welche 1927 im städtischen Armenhaus gegründet wurde, musste im Jahr 1944 nach einem Bomben-Volltreffer evakuiert werden. Dabei wurde die ganze Klinik samt Personal, Patienten und Inventar auf Güterzüge verladen und nach mehreren kurzen Zwischenstationen im heutigen Polen und im westlichen Erzgebirge im Jahr 1946 als Kinderklinik des Klinikums Aue im Sächsischen Gemeinschafts-Diakonissenhaus ZION in Aue neu gegründet. Nach ihrem Umzug in einen Neubau am Hauptstandort des Klinikums Aue im Jahr 1996 feierte die einstige Tilsiter Kinderklinik im Jahr 2021 als Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Helios Klinikum Aue ihr 75-jähriges Bestehen.Geschichte der Kinderklinik Aue und ihren historischen Wurzeln in Tilsit. In: BLICK Erzgebirge, 9. September 2021; abgerufen am 21. Juni 2023Geschichte der Tilsiter Kinderklinik. ostpreussen.netGeschichte des Diakonissenhauses ZION in Aue, Erwähnung des Einzugs der aus Tilsit stammenden Kinderklinik. zion.deArtikel. In: Freie Presse, Lokalausgabe Aue, 9. September 2021; abgerufen am 21. Juni 2023
Im Oktober 1944 war die Front bis an die Memel vorgerückt. Tilsit wurde zur Frontstadt erklärt, die restliche Zivilbevölkerung weitgehend ausgeschleust. Die seit dem Jahr 1900 von dem Unternehmen E-Werk und Straßenbahn Tilsit AG betriebene Straßenbahn stellte ihren Betrieb ein. Nach einem heftigen Artilleriebombardement, das mit den Bombenabwürfen die Stadt zu 80 % zerstörte, eroberte die Rote Armee Tilsit am 20. Januar 1945 und nahm es zusammen mit der nördlichen Hälfte Ostpreußens unter Militärverwaltung.
Sowjetunion Im Juli 1946 annektierte die Sowjetunion das nördliche Ostpreußen. Tilsit wurde in Sowetsk (übersetzt etwa Rätestadt, von Sowet „Rat“) umbenannt und lag seither in der Oblast Kaliningrad der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), die aus militärischen Gründen bis 1982 abgeriegelt war. Die gesamte Bevölkerung der Oblast wurde bis 1947 infolge von Flucht und Vertreibung hauptsächlich durch Russen aus Zentralrussland und aus dem Gebiet des heutigen Föderationskreises Wolga sowie durch Belarussen ersetzt.
Russische Föderation Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Oblast Kaliningrad zu einer russischen Exklave zwischen Polen und Litauen und Sowetsk zur Grenzstadt an der durch die Memel gebildeten russisch-litauischen Grenze. Gleichzeitig wurde die Absperrung der Oblast Kaliningrad aufgehoben und damit auch Sowetsk für ausländische Besucher erreichbar. mini|hochkant|Denkmal des Friedens von Tilsit (Aufnahme 2011)
Demographie