Lutz Eigendorf (* 16. Juli 1956 in Brandenburg an der Havel; † 7. März 1983 in Braunschweig) war ein deutscher Fußballspieler. Der Defensivspieler, der sechs Länderspiele für die DDR-Nationalmannschaft bestritten hatte, flüchtete im Frühjahr 1979 in die Bundesrepublik Deutschland. Vier Jahre später kam Eigendorf bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Obwohl Beweise hierfür fehlen, nährten die nicht restlos geklärten Umstände des Unfalls den Verdacht, Eigendorf sei vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ermordet worden.Vgl. Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur: Historischer Kalender, 7. März, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.
Kindheit und Jugend mini|Eigendorf (hinten, 1. v. l.) auf dem Mannschaftsfoto des BFC Dynamo (1978) Der 1956 als einziges Kind seiner Eltern Ingeburg und Jörg in Brandenburg an der Havel geborene Eigendorf war ab 1963 Mitglied des Deutschen Turn- und Sportbundes. Wie in der DDR üblich, gehörte Eigendorf zunächst der Pionierorganisation, später der Freien Deutschen Jugend (FDJ) sowie der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) an. Im Jahre 1973 trat er dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) bei, 1978 folgte der Antrag auf Aufnahme in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED).Vgl. Heribert Schwan: Tod dem Verräter! Der lange Arm der Stasi und der Fall Lutz Eigendorf. München 2000, S. 315–317.
Karriere im DDR-Fußball Mit dem Fußballspielen begann er 1964 bei der BSG Motor Süd Brandenburg.Vgl. Andreas Baingo, Michael Horn: Die Geschichte der DDR-Oberliga. 2. Auflage. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2004, ISBN 3-89533-428-6, S. 190ff. Seine ersten Übungsleiter dort waren Lothar Simon und Helmut Marx.Sie vertreten unsere Republik. In: fuwo – Die neue Fußballwoche. 21. Mai 1974, S. 8.
Von 1970 bis 1973 besuchte Lutz Eigendorf die Kinder- und Jugendsportschule „Werner Seelenbinder“ in Ost-Berlin und wechselte im August 1970 in die Nachwuchsabteilung des späteren DDR-Rekordmeisters BFC Dynamo. Eine 1973 begonnene Ausbildung zum Elektromonteur beim VEB Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“ Berlin brach er zugunsten seiner sportlichen Karriere ab. Stattdessen war er als Zivilbeschäftigter der Volkspolizei beim BFC tätig und leistete seinen Wehrdienst beim Wachregiment Feliks Dzierzynski des Ministeriums für Staatssicherheit ab.
Kurz nach dem Start der Saison 1974/75 gelang dem damals 18-jährigen Juniorenauswahlspieler der Sprung in die Oberligamannschaft des BFC. In dieser kam Eigendorf am 5. Spieltag gegen die BSG Sachsenring Zwickau zu seinem ersten EinsatzVgl. Berliner Zeitung vom 16. September 1974: 1. FCM ist Schrittmacher. S. 4. und fehlte ab diesem Zeitpunkt bis zum Saisonende nur in einer weiteren Partie.
Insgesamt bestritt Eigendorf, „kleiner Franz“Uwe Karte: Ein spezieller Fall. In: Club der Nationalspieler. 2023 (Ausgabe 52), Seite 26–29. genannt, für den Ost-Berliner Fußballclub 100 Oberligaspiele, in denen er sieben Tore erzielte. Seinen letzten Einsatz in der DDR-Oberliga hatte er am 17. März 1979 beim 10:0-Kantersieg des BFC, zu dem er ein Tor beisteuerte, gegen seinen damaligen Debütgegner aus Zwickau.Vgl. Weltfussball.de: Oberliga 1978/1979 – 17. Spieltag, zuletzt eingesehen am 4. Mai 2013.
International trat er viermal für den BFC im UEFA Cup an, schied aber 1976/77 und 1978/79 jeweils in der 1. Runde aus.Vgl. Klaus Querengässer: Fußball in der DDR 1945–1989. Teil 5: Der Europapokal (= AGON Sportverlag statistics. Band 23). AGON Sportverlag, Kassel 1995, ISBN 3-928562-74-6, S. 324–333. Besonders dramatisch war das Ausscheiden im September 1978, als der BFC das Hinspiel gegen den FK Roter Stern Belgrad in Ost-Berlin mit 5:2 gewann, sich im Rückspiel in Belgrad aber durch ein Eigentor von Reinhard Lauck in der 90. Minute mit 1:4 geschlagen geben musste.Vgl. Neues Deutschland vom 28. September 1978: . S. 5.
mini|Eigendorf (3. v. l.) beim 3:1-Sieg der DDR im EM-Qualifikationsspiel gegen Island (1978) Im Mai 1974 wurde er für den Kader der DDR-U-18 zum UEFA-Juniorenturnier, der inoffiziellen Europameisterschaft dieser Altersklasse, in Schweden nominiert.Vgl. Berliner Zeitung vom 27. März 1974: . S. 4. Mit der Nachwuchsauswahl der DDR nahm Eigendorf unter anderem an der ersten U-21-EM 1978 teil und gewann mit der DDR-Auswahl nach den verlorenen Finalspielen Silber hinter Jugoslawien.
Am 30. August 1978 debütierte er beim 2:2-Unentschieden gegen Bulgarien in der DDR-Nationalmannschaft und erzielte per Kopf beide Tore für die DDR-Auswahl. Auch in seinem zweiten Länderspiel am 6. September 1978 beim 2:1-Sieg gegen die Auswahl der ČSSR war Eigendorf mit einem Tor erfolgreich.Vgl. Neues Deutschland vom 7. September 1978: . S. 5. Insgesamt bestritt er sechs Länderspiele für die DDR, davon letztmals am 11. Februar 1979 beim 1:2 der DDR-Auswahl gegen den Irak in Bagdad.Vgl. Klaus Querengässer: Fußball in der DDR 1945–1989. Teil 2: Nationalmannschaft (= AGON Sportverlag statistics. Band 16). AGON Sportverlag, Kassel 1995, ISBN 3-928562-55-X, S. 168–175, 261 ff.
Flucht und Karriere in der Bundesrepublik Deutschland Am 20. März 1979 bestritt der BFC Dynamo ein Freundschaftsspiel beim 1. FC Kaiserslautern. Eigendorf nutzte am Folgetag einen Stadtbummel in Gießen (damals die erste Anlaufstelle für DDR-Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland), um sich von der Mannschaft abzusetzen. Er kehrte mit dem Taxi nach Kaiserslautern zurück, wo er sich als Spieler anwerben lassen wollte. Die ersten Tage verbrachte er unter falschem Namen in einer Pension in Trippstadt, ehe ihn der FCK-Geschäftsführer Norbert Thines in seine private Wohnung aufnahm.Vgl. Schwan: Tod dem Verräter! S. 31 f.
In den staatlich kontrollierten Medien der DDR wurde Eigendorfs Flucht kaum thematisiert. So berichtete das Neue Deutschland von seinem Verschwinden lediglich in einer Kurzmeldung unter dem Titel „Gekauft und verraten“.Vgl. Neues Deutschland vom 23. März 1979: . S. 5. Fotos und Souvenirartikel mit Eigendorfs Namen oder Konterfei wurden vernichtet.Vgl. Schwan: Tod dem Verräter! S. 150 f. Das Fehlen Eigendorfs blieb jedoch beim DDR-Publikum nicht unbemerkt. So provozierten Fußballfans bei Auswärtsspielen den wegen seiner Privilegierung unbeliebten Berliner Verein mehrfach mit der Frage „Wo ist denn der Eigendorf?“Vgl. MDR: DDR-Fußballer: Flucht als „Verrat“, zuletzt eingesehen am 3. Mai 2013. Die Flucht Eigendorfs, der als politisch zuverlässig gegolten hatte, traf die DDR-Sportfunktionäre unter Manfred Ewald und das Ministerium für Staatssicherheit überraschend.Vgl. Ingolf Pleil: Mielke, Macht und Meisterschaft – Die „Bearbeitung“ der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden durch das MfS 1978–1989. Ch. Links Verlag, Berlin 2001, S. 124 f. Aus Angst vor Nachahmern wurden die ideologische Überprüfung der Spieler intensiviert und vereinzelt Spiele im „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ abgesagt.Vgl. Pfeil: Mielke, Macht und Meisterschaft. S. 82, 240. Bei Auswärtsspielen des BFC Dynamo skandierten die gegnerischen Fans in Anwesenheit von Stasi-Chef Mielke: „Willst du in den Westen türmen, musst du bei Dynamo stürmen“.Reinhard Bingener: Land der Spione, Wie die Stasi Niedersachsen mit einem Netz von Agenten überzog. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. April 2016, S. 10. Infolge seiner Flucht geriet Eigendorf ins Visier der Stasi und wurde im Rahmen der Operativen Vorgänge „Rose“ und „Verräter“ von diversen Abteilungen des MfS mit bis zu 50 Hauptamtlichen und 20 Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des MfS bearbeitet.Vgl. Mitteldeutscher Rundfunk: DDR-Fußballer – Flucht als „Verrat“, eingesehen am 4. Juli 2011.Vgl. Braunschweiger Zeitung vom 20. Februar 2008: IM „Kroll“ kundschaftet Braunschweig aus, zuletzt eingesehen am 29. April 2013.Beteiligt waren unter anderem die Arbeitsgruppe des Ministers (AGM), die Zentrale Koordinierungsgruppe (ZKG) sowie die für die Ermittlungsarbeit zuständige Hauptabteilung IX (siehe Günter Förster: Die Juristische Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit, BStU, MfS-Handbuch) Auch seine in Ost-Berlin verbliebene Ehefrau Gabriele wurde mit der 1976 geborenen Tochter unter ständige Beobachtung der Stasi gestellt und von ihm isoliert, um eine „Einflussnahme des Verräters Eigendorf, Lutz auf seine Ehefrau hinsichtlich der Aufrechterhaltung der Ehe“BStU, MfS, AOP, Nr. 5185/83, (zit. n. Angela Schmole: Hauptabteilung VIII – Beobachtung, Ermittlung, Durchsuchung, Festnahme, BStU, MfS-Handbuch) zu verhindern. Zugleich drohte man, ihr die gemeinsame Tochter wegzunehmen. Anwälte, die ebenfalls für das MfS arbeiteten, leiteten ein schnelles Scheidungsverfahren ein, welches am 7. Juli 1979 vollzogen wurde. Gabriele Eigendorf heiratete erneut und bekam ein weiteres Kind.Vgl. Jutta Braun: „Sportfreund Mielke“ – Das Ministerium für Staatssicherheit und der Kalte Krieg im Sport. In: Carlos Collado Seidel (Hrsg.): Geheimdienste, Diplomatie und Krieg – Das Räderwerk der Internationalen Beziehungen. Berlin 2013, S. 103–116, hier S. 108. Wie sich später herausstellte, war der Mann ein „Romeo“-Agent des MfS, der ein Liebesverhältnis aufbauen, sie auf diese Weise bespitzeln und auf eine Trennung von Eigendorf hinwirken sollte.Vgl. Schwan: Tod dem Verräter! S. 63. Auch Eigendorf heiratete 1982 erneut; aus der Ehe mit seiner zweiten Frau Josephine ging 1983 ein Sohn hervor.
Nachdem Versuche gescheitert waren, Eigendorf mit Hilfe seiner Familie und dem Angebot einer AmnestieVgl. Werner Kalinka: Schicksal DDR – Zwanzig Porträts von Opfern und Tätern, Ullstein Verlag, Berlin 1997, S. 139. zu einer Rückkehr in die DDR zu überreden, erließ das Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte am 4. April 1979 Haftbefehl gegen Eigendorf wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“.Vgl. Schwan: Tod dem Verräter! S. 58 f. Noch am Tag seiner Flucht beantragte der DDR-Fußballverband zudem eine zweijährige Sperre Eigendorfs. Wegen des Vereinswechsels wurde Eigendorf vom Fußball-Weltverband FIFA jedoch nur für ein Jahr gesperrt. Ab April 1979 arbeitete er zunächst als Teilzeitkraft bei der Geschäftsstelle des FCK, ehe er im Juli 1979 den B-Trainerschein erwarb und fortan das Training der FCK-Jugendmannschaft leitete. Am 15. September 1979 unterschrieb er in Kaiserslautern einen bis Dezember 1982 gültigen Profivertrag mit einem Jahresgehalt von 100.000 D-Mark. Sein erstes Bundesligaspiel absolvierte er am 11. April 1980 beim 4:1 gegen den VfL Bochum; sein erstes Bundesligator erzielte er am 26. April beim 2:0-Erfolg des FCK gegen den 1. FC Köln.Vgl. Fußballdaten.de: Lutz Eigendorf, zuletzt eingesehen am 3. Mai 2013. Insgesamt bestritt er für Kaiserslautern 53 Liga- und vier Pokalspiele und erzielte hierbei sieben Tore. Zudem lief er zehnmal für den 1. FC Kaiserslautern im UEFA-Pokal auf und erreichte hier mit dem FCK in der Saison 1981/82 das Halbfinale. Zu den Auswärtsspielen bei Akademik Sofia und Spartak Moskau durfte Eigendorf aus Sicherheitsgründen nicht mitreisen.
Im Juni 1982 wechselte er für die Ablösesumme von 400.000 D-Mark zu Eintracht Braunschweig und zog hierfür von Kaiserslautern nach Grassel. Infolge einer Operation an der linken Achillessehne konnte er erstmals am 14. Spieltag für seinen neuen Verein auflaufen. Insgesamt bestritt er acht Liga- und ein Pokalspiel für Eintracht Braunschweig.Vgl. Weltfussball.de: Vereinsspiele Lutz Eigendorf, zuletzt eingesehen am 5. Mai 2013. Seine einzigen Tore für Eintracht Braunschweig schoss er beide per Foulelfmeter am 29. Januar 1983 im Spiel gegen Arminia Bielefeld. Kurz zuvor hatte Eigendorf, der in seiner Freizeit auch Tennis spielte, eine Fluglizenz für Motorflugzeuge erworben.
Tod alt=Die Unfallstelle im Braunschweiger Stadtteil Querum.|mini|Die Unfallstelle im Braunschweiger Stadtteil Querum.