Watten. Ein Nachlaß ist eine 1969 veröffentlichte Erzählung des österreichischen Autors Thomas Bernhard, in der es um das Barackendasein eines ehemaligen Arztes geht. Sie ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

Inhalt Bei der Erzählung handelt es sich um einen Brief des Ich-Erzählers an den Juristen und Mathematiker F. Undt, der ihn darum bittet „über mehrere Stunden andauernde Wahrnehmungen“ vom Vortag (bezogen auf den Tag des Briefempfangs) zu berichten.Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 8. Aus der Rahmenerzählung, die den anfänglichen Briefwechsel des Erzählers mit dem Juristen enthält, erfährt der Leser, dass der Erzähler Undt eineinhalb Millionen (Schilling), die ihm durch den Verkauf einer Liegenschaft zugekommen sind, zu wohltätigen Zwecken überlässt. Undt, dessen Schriften „sich sämtliche mit der in jedem Falle immer auswegslosen Situation gerade entlassener Strafhäftlinge beschäftigen“ und der sich „unmittelbar durch den Einsatz seiner Person den Geächteten unter den Menschen […] zur Verfügung stellte“, erachtet die Schilderung der Wahrnehmungen des Erzählers als „ideal“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 7,8. für seine wissenschaftlichen Bestrebungen.

Der Erzähler ist ein ehemaliger Arzt,Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 13. der seine Zeit auch mit dem Verfassen wissenschaftlicher Schriften verbringt.z. B. die „Arbeit über die chronisch-subchronische Nephritis (morbus Brightii)“ oder die „Beschreibung der Toxoplasmose“: Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 9/61. Über seine Vorgeschichte, die fragmentarisch in den Brief eingestreut ist, erfährt der Leser, dass sich der Erzähler aus dem Schloss seines Vaters zunächst von der obersten in die unterste Etage und schließlich vollends zurückgezogen hat, um fortan in einer Baracke, die zur Barackensiedlung einer Papierfabrik gehört, zu hausen. Diese beschreibt er auch als vorübergehende „noch“ akzeptierte Unterkunft.Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 67, Vgl. S. 61. Seine Klientel bestand vor allem aus den Papierarbeitern der Fabrik, unter welchen er schon „an die drei Jahrzehnte“ gelebt hatte.Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 27. Diese behandelte der Arzt kostenlos, da er auf Grund seiner Herkunft aus dem Schloss immer wieder von einem Krankenkassenvertrag ausgeschlossen wurde.Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 72, 73. Die gut besuchte Praxis des Erzählers war Kollegen ein Ärgernis.Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 74., S. 73. Nachdem man ihn mit einer Morphiumampulle und zitternden Händen in einem Kaffeehaus gesehen hatte, kam es zur Anzeige durch einen Kollegen, die die Sperrung der Praxis nach sich zog.Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 74, S. 72, S. 13. Im Anschluss an das Berufsverbot fand der Erzähler eine Zuflucht im Watten (ein österreichisches Kartenspiel), zu dem sich eine feste „Wattenrunde“ erst dreimal aber später nur noch einmal in der Woche, am Mittwoch, im nahegelegenen Gasthaus im Wald, dem „Racher“, traf.Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 13, S. 14, S. 77. Am Kartenspiel beteiligt waren neben dem Ich-Erzähler der Lehrer, der Fuhrmann und der Papierarbeiter Siller. Als nun der Siller, der im Wald „die Orientierung verloren“ hat,Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 37. statt zum Watten zu gehen unerwartet Selbstmord begeht, indem er sich an einem Baum erhängt, gibt der Erzähler das zwanzig Jahre lang betriebene Kartenspiel auf. Genauso wie den im selben Zeitraum mit „erschreckender Regelmäßigkeit“ täglich unternommenen (Spazier-)Gang, der ihn aus der Baracke an der faulen Fichte vorbei zur Schottergrube und denselben Weg wieder zurückgeführt hat.Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 9. Im Zusammenhang mit dem sich am „geheimnisvollen Wettermittwoch“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 40. ereignenden Selbstmord ist von einem „Föhnexzeß“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 37. die Rede, der den vier Männern am Abend das Watten unmöglich machte. Alle Wattenspieler haben sich auf den Weg durch den Wald gemacht und in unterschiedlichem Schweregrad die Orientierung verloren.Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 37, S. 38. „Jetzt gehe ich nicht mehr in die Schottergrube. Nicht mehr zu faulen Fichte. Ueberhaupt nicht mehr aus der Baracke hinaus.“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 9. Dieser Zustand bildet den eigentlichen Ausgangspunkt der Schilderungen des Erzählers.

In der Baracke, in der der Protagonist in Isolation und AbgeschlossenheitVgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 8/10. lebt, herrscht ein „unvorstellbares Chaos“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 62. und auch der Geruch indiziert die praktizierte „totale Verwahrlosung“.Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 62/63. Der einzige Besucher ist der Fuhrmann. Dieser sucht den Ich-Erzähler immer wieder auf, um ihn mit wenigen zweifelhaften Argumenten dazu zu überreden das Kartenspiel wiederaufzunehmen. Dabei stellt er wiederholt dieselbe Frage: „[…] warum nicht mehr watten, Herr Doktor?“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 10. Dieser begegnet der Erzähler mit den unterschiedlichsten Rechtfertigungsversuchen. In Anwesenheit des Fuhrmanns versucht der Arzt erfolglos Ordnung in einen Papierhaufen zu bringen. Auch im Schloss sind überall Papierhaufen verstreut und in der Ordination befinden sich dutzende Mülltonnen mit Unmengen von Papieren, wobei es sich um seine über Jahrzehnte angehäuften „Beobachtungen“ handelt.Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 65. Über den Fuhrmann erreicht den Arzt die Erzählung des Reisenden. Dieser hat die Leiche des Selbstmörders Siller -nachdem man wochenlang erfolglos im Fluss Traun gesucht hatte-Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 50, vgl. S. 43/44. zufällig im Wald „auf einem Baum an der Schottergrube“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 36. entdeckt. Zwei Monate später kommt der Reisende wieder ins Gasthaus und erzählt dem Wirt und den anwesenden Papierarbeitern erneut was damals abgelaufen war.Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 37, 43. Der Fuhrmann konnte diese Erzählung vom Nebentisch aus verfolgen. Der Leser erfährt, dass auch der Reisende mehrmals im Wald die Orientierung verlor und schließlich auf die am Baum hängende, barfüßige, schon in Verwesung begriffene Leiche des Papierarbeiters stieß.

Interpretation Die Erzählung lässt sich als Beschreibung eines „totalen Rückzugs“ charakterisieren, auf dessen Ausgang durch den Untertitel verwiesen wird.Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Metzler, Stuttgart 1995, S. 59. Die Autobiographie des Erzählers „spiegelt die Geschichte eines sozialen Abstiegs [„zu den […] Randexistenzen der modernen Industriegesellschaft“]Hermann Helms-Derfert: Die Last der Geschichte. Interpretationen zur Prosa von Thomas Bernhard. Böhlau Verlag, Köln 1997, S. 86., einer zunehmenden Verwahrlosung, eines paranoiden Existenzzerfalls.“Gottfried Just: Reflexionen. Zur deutschen Literatur der sechziger Jahre. Neske, Pfullingen 1972, S. 229. Die KriseSie wird auch als Identitätskrise seiner, „einer sich selbst überlebt habenden Generation“ gedeutet. Josef König: „Nichts als ein Totenmaskenball“. Studien zum Verständnis der ästhetischen Intentionen im Werk Thomas Bernhards. Peter Lang, Frankfurt am Main 1982 ( =Europäische Hochschulschriften Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur = Langue et littérature allemandes = German language and literature 682), S. 68., in der sich der Protagonist befindet, deren letztes auslösendes Moment schließlich im Selbstmord des Papierarbeiters bestand, äußert sich zunächst im Aufgeben sämtlicher dem Leben Struktur und scheinbar Sinn verleihenden Gewohnheiten. Im Zentrum steht hierbei das wöchentliche Kartenspiel, das nach dem Berufsverbot und dem damit einhergehenden Bedürfnis dem Leben einen neuen Inhalt zu geben, dem Erzähler als Zufluchtsstätte und letzter Garant für „zwischenmenschlichen Kontakt“Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Metzler, Stuttgart 1995, S. 59. Zitiert nach Sorg. dienen konnte. Als Struktur gebendes Element im Leben des Protagonisten kann auch das regelmäßige Gehen, das sich an festen Fixpunkten orientiert, gedeutet werden. In der Erkenntnis, dass weder das Watten noch das Leben zu etwas führt,Vgl. Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 41/42. verharrt der Erzähler im „Zustand der Paralyse“Josef König: „Nichts als ein Totenmaskenball“. Studien zum Verständnis der ästhetischen Intentionen im Werk Thomas Bernhards. Peter Lang, Frankfurt am Main 1982 ( =Europäische Hochschulschriften Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur = Langue et littérature allemandes = German language and literature 682), S. 68. und setzt sich der „Monotonie“ und „Langeweile“ aus.

Einzelne Motive/Themen Der Wald/Die Natur Der Wald ist in der Erzählung der Ort, an dem der Orientierungsverlust das Subjekt bedroht. „Tatsächlich verlieren in dem Wald alle, die hineingehen, augenblicklich die Orientierung, geehrter Herr, ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der in dem Wald nicht die Orientierung verloren hätte.“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 53/54. Aus ihm ist „[…] das Herauskommen nicht mehr gestattet […], solange einem die Ursache der Verzweiflung nicht bekannt ist.“Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 87. Er birgt, wie die Philosophie die „ungeheuerlichsten Verletzungsmöglichkeiten“.Thomas Bernhard: Watten. Ein Nachlaß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998 (= suhrkamp taschenbuch 2820), S. 78.