mini|Große Kirche Emden, in der Melchior Hofmann taufte Täufer in Ostfriesland gibt es nachweislich seit 1528. Eine erste Täufergemeinde, die in der Folgezeit auch zur Keimzelle des niederländischen Täufertums wurde, konstituierte sich 1530 in Emden. Mit den Anfängen der ostfriesischen Täuferbewegung eng verbunden sind die Namen der täuferische Gründerpersönlichkeiten Melchior Hofmann und Menno Simons. Das historische Erbe der Täufer traten die Mennoniten an. Sie sind heute in Ostfriesland mit Gemeinden in Emden, Leer und Norden vertreten.

Politisch-religiöse Situation zur Zeit der Anfänge der ostfriesischen Täuferbewegung mini|Die Grafschaft Ostfriesland um 1500 Als täuferische Lehren erstmals in Ostfriesland Fuß fassten, regierte in Emden Graf Edzard I. (1461–1528) aus dem Adelsgeschlecht der Cirksena. Unter seiner Herrschaft erreichte die Grafschaft Ostfriesland ihre größte Ausdehnung und verzeichnete sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht einen bedeutenden Aufschwung. Edzard I. stellte die Weichen für die Einführung der Reformation. Da seine Hoheitsrechte jedoch durch die besonderen Freiheitsrechte der friesischen Stände eingegrenzt wurden, war es ihm nicht möglich, ein bestimmtes reformatorisches Bekenntnis obrigkeitlich durchzusetzen. So kam es in Ostfriesland zu einer konfessionellen Spaltung, die bis heute fortdauert. Während im Osten Ostfrieslands das Luthertum dominierte, wurde der Westen calvinistisch. In den Städten Ostfrieslands wurde über einen langen Zeitraum um die Dominanz des einen oder anderen Bekenntnisses gekämpft.

Einen wesentlichen Anteil an der Einführung der Reformation in Ostfriesland hatte auch Ulrich von Dornum (1465/66?–1536). Der Herr von Oldersum, Jarßum und Widdelswehr war Initiator des sogenannten Oldersumer Religionsgespräches, das im Juni 1526 stattfand. Er fertigte eine Niederschrift dieser Disputation an und ließ sie in Wittenberg drucken. Diese Schrift trug maßgeblich dazu bei, dass die ostfriesischen Lande der Reformation ihre Türen öffneten. Katholische Kirchengemeinden gab es nach der Einführung der Reformation in Ostfriesland nicht mehr und katholische Christen, die sogenannten Altgläubigen, kaum noch.

Die Nachfolge Edzards I. trat Graf Enno II. (1505–1540) an. Er war lutherischer Konfession, während an seinem Regierungssitz in Emden die Reformierten vorherrschten. In seine Zeit fiel die Gründung der Emder Täufergemeinde.

Anfänge mini|Ausbreitung der Täuferbewegung zwischen 1525 und 1550 mini|Melchior Hofmann mini|Stationen der Reisen Hofmanns mini|Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt Der zeitgenössische Historiker Eggerik Beninga berichtet in seiner Ostfriesischen Chronik, dass um das Jahr 1528 zum ersten Mal die wederdopers (Wiedertäufer) öffentlich aufgetreten seien.Eggerik Beninga: Volledige Chronyk van Oostfrieslant, Emden 1723, S. 652 Wahrscheinlich zielt diese Bemerkung auf Auseinandersetzungen im Zusammenhang der Tauflehre ab, die die theologische Landschaft Ostfrieslands in den 1520er-Jahren nicht unwesentlich bestimmten. In einem Brief vom 14. Februar 1529 informierte Ulrich von Dornum den Grafen Enno II. über einen Larrelter Prediger, der der Lehre der Wiedertäufer zugetan sei.Smid: Ostfriesische Kirchengeschichte. 1974, S. 138 Enno II. seinerseits klagte in einem um 1530 verfassten Schreiben an den Landgrafen Philipp von Hessen über die unterschiedlichen Taufansichten, die in seinem Herrschaftsgebiet propagiert würden. Eine genauere Analyse der in diesem Schreiben erwähnten Tauflehren lässt vermuten, dass es sich bei deren Vertretern sowohl um sogenannte Sakramentarier unterschiedlicher Prägung als auch um chiliastisch geprägte Theologen gehandelt haben muss. Es wurde auch vermutet, dass unter den evangelischen Glaubensflüchtlingen, die in den 1520er-Jahren nach Ostfriesland gekommen waren, auch „täuferische Elemente von der Partei der Denckschen Nachfolger Jesu“ gewesen sein müssen.So zum Beispiel Friedrich Otto zur Linden: Melchior Hofmann, ein Prophet der Wiedertäufer, Haarlem 1885 (Reprint), S. 229 Inwieweit aber vor 1530 täuferische Sendboten in Ostfriesland unterwegs waren, kann aufgrund der Quellenlage nicht eindeutig nachgewiesen werden. Auch eine Anwesenheit des hessischen Täuferführers Melchior Rinck in Emden, die in älteren Darstellungen berichtet wirdZum Beispiel bei Johannes Hast: Geschichte der Wiedertäufer von ihrem Entstehen zu Zwickau in Sachsen bis auf ihren Sturz zu Münster in Westfalen, Münster 1836, S. 255 (Google Books), gilt in der neueren Forschung nicht mehr als wahrscheinlich. Bezeugt ist jedoch, dass der Beginn der ostfriesischen und niederländischen Täuferbewegung mit dem Auftreten des aus Schwäbisch Hall stammenden Kürschners Melchior Hofmann eng verbunden ist.Klaas-Dieter Voß: Die Mennoniten in Ostfriesland, in: Die Mennoniten in Ostfriesland. Geschichte. Lebensläufe. Gemeinden (Hrsg. Ostfriesische Mennonitengemeinden der nordwestdeutschen Konferenz), Emden 2006, S. 4 Aber auch Andreas von Bodenstein von Karlstadt gehörte zu den Wegbereitern des Täufertums in Ostfriesland.

Hofmann und Karlstadt in Ostfriesland Melchior Hofmann Als Hofmann, der „erfolgreichste Laienprediger der Reformationszeit“Diether Götz Lichdi: Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart. Von der Täuferbewegung zur weltweiten Freikirche, Lage 2004 (2. Auflage), S. 66, 1529 erstmals ostfriesischen Boden betrat, hatte er bereits – sowohl äußerlich als auch innerlich – eine weite Wegstrecke hinter sich. Stationen seiner Reise waren unter anderem das Baltikum (Wolmar, Dorpat und Reval), Schweden (Stockholm), die damals dänischen Herzogtümer Schleswig und Holstein (Flensburg und Kiel) und Lübeck. Anfangs galt er als lutherischer Sendbote, ausgestattet mit einem von Martin Luther höchstpersönlich verfassten Zeugnis seiner Rechtgläubigkeit.Klaas-Dieter Voß: Die Mennoniten in Ostfriesland, in: Die Mennoniten in Ostfriesland. Geschichte. Lebensläufe. Gemeinden (Hrsg. Ostfriesische Mennonitengemeinden der nordwestdeutschen Konferenz), Emden 2006, S. 9 Ein – allerdings nicht von ihm provozierter – Bildersturm in Livland, seine zwinglianische Abendmahlsauffassung sowie seine spezielle apokalyptische Weltschau brachten ihn alsbald beim lutherischen Zweig der Reformation in Misskredit. Die sogenannte Flensburger Disputation, bei der sich Hofmann und Johannes Bugenhagen 1529 gegenüberstanden,Vergleiche dazu Heinrich Holze: Eine lutherische Stimme im Streit um das Abendmahl? Melchior Hoffman auf der Flensburger Disputation von 1529, in: Jahrbuch der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte Band 99, 2001, S. 31–49 geriet zum Eklat. Hofmann hatte angesichts der von ihm erwarteten Übermacht lutherischer Theologen Andreas Karlstadt, den Doktorvater Luthers, als seinen Beistand beantragt. Martin Luther intervenierte und setzte durch, dass Karlstadt, der in dieser Zeit seinen Wohnsitz in Ostfriesland hatte, keine Einreiseerlaubnis ins dänische Königreich erhielt.Klaas-Dieter Voß: Die Mennoniten in Ostfriesland, in: Die Mennoniten in Ostfriesland. Geschichte. Lebensläufe. Gemeinden (Hrsg. Ostfriesische Mennonitengemeinden der nordwestdeutschen Konferenz), Emden 2006, S. 9f Hofmann verlor die Disputation und wurde an deren Ende als Häretiker verurteilt. Der dänische König Friedrich I., der als überzeugter Sakramentarier Hofmann innerlich zugeneigt war, verhütete die für den „Irrlehrer“ vorgesehenen peinlichen Befragungen, indem er ihn des Landes verwies.Klaas-Dieter Voß: Die Mennoniten in Ostfriesland, in: Die Mennoniten in Ostfriesland. Geschichte. Lebensläufe. Gemeinden (Hrsg. Ostfriesische Mennonitengemeinden der nordwestdeutschen Konferenz). Emden 2006. S. 9f

Melchior Hofmann wandte sich noch im April 1529 nach Ostfriesland, wo er im Mai eintraf. Dort (oder schon vorher während der Reise?) nahm er Kontakt mit Andreas Karlstadt auf, der bei dem Junker Ulrich von Dornum Schutz vor den Nachstellungen der lutherischen Reformatoren gefunden hatte. Hofmann muss bei dieser Gelegenheit auch Ulrich von Dornum kennen und schätzen gelernt haben, denn er widmete ihm später zwei seiner Schriften.Klaas-Dieter Voß: Die Mennoniten in Ostfriesland, in: Die Mennoniten in Ostfriesland. Geschichte. Lebensläufe. Gemeinden (Hrsg. Ostfriesische Mennonitengemeinden der nordwestdeutschen Konferenz), Emden 2006, S. 10 - Es handelt sich dabei um die Schriften Weissagung usz heiliger göttlicher geschrifft und Prophecey oder weissagung usz heiliger göttlicher geschrifft. Beide erschienen 1530 in Straßburg. Für kurze Zeit waren Karlstadt und Hofmann gemeinsam im Ostfriesischen unterwegs.Götz Diether Lichdi: Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart. Von der Täuferbewegung zur weltweiten Freikirche, Lage 2004 (2. Auflage), S. 66

Andreas Bodenstein von Karlstadt Das Itinerar Karlstadts für die Monate zwischen Mai 1529 und Februar 1530 ist bekannt. Von Oldersum, wo er mit Hofmann Unterkunft auf der Burg gefunden hatte, reiste Karlstadt zu Hicko Houwerda, der in Uphusen seinen Adelssitz hatte und von dem später berichtet wurde, dass er Karlstadtianer gewesen sei. Danach war Andreas Karlstadt sieben Wochen Gast des Berumer Drosten Jeltco Iderhoff. Während er sowohl in Uphusen als auch in dem bei Berum gelegenen Hage Kanzelverbot erhielt, wurden ihm in Pilsum und Wirdum die Kirchen zur Verfügung gestellt. Die letzten Monate seines Ostfrieslandaufenthaltes verbrachte Karlstadt unter dem Decknamen Bauer Andrees auf einem Hof bei Schoonorth.Smid: Ostfriesische Kirchengeschichte. 1974, S. 139f. Bei welchen Begegnungen seiner Ostfriesland-Reise in den gemeinsamen zwei Monaten Hofmann dabei war, ist nicht bekannt. Auf der Burg Oldersum verfasste er seinen Bericht über die Flensburger Disputation und brach durch diese Schrift endgültig mit dem Luthertum.Es handelt sich um die Schrift Dialogus und grüntliche berichtung gehaltener disputation im land zu Holstein underm künig von Denmarck vom hochwirdigen sacrament oder nachtmal des Herren. In gagenwärtigkeit kü. ma. sun hertzog Kersten sampt kü. räten, vilen corn adel und grosser versamlung der priesterschaft. Jetzt kurtzlich geschehen den andern donderstag nach ostern im Jar Christi als man zalt 1529 Während Karlstadt noch bis Anfang 1530 zunächst in Berum und dann in der Krummhörn verblieb und anschließend aufgrund des Wiedertäufermandats von Graf Enno II. vertrieben wurde, reiste Hofmann nach Straßburg ab, dem „Treffpunkt vieler Abweichler“.

Intermezzo: Hofmann in Straßburg