mini|Vignette über dem Seiteneingang der Basilika von Kloster Ottobeuren mini|Wunderbare Auffindung der Leiche einer Heiligen
Heilig ist ein religiöser Ausdruck, der eine Person, einen Gegenstand oder einen Begriff einer Sphäre des Göttlichen, Vollkommenen oder Absoluten zuordnet: so etwa bei dem Heiligen Geist, heiligen Schriften, den Heiligen, heiligen Orten – zum Beispiel Bergen, Hainen oder Flüssen – oder heiligen Gegenständen, Tieren, Pflanzen – beispielsweise heilige Bäume – bis hin zu Begriffen wie Mantras oder heiligen Zahlen.
Heilig geht auf althochdeutsch heilag zurück, was möglicherweise einen Ursprung im altnordischen hei lagr mit der Ausgangsbedeutung „eigen“, „Eigentum“ hat oder von althochdeutsch heil „Zauber“, „Günstiges Vorzeichen“, „Glück“ oder heil „gesund“, „unversehrt“, „gerettet“ kommt.
In alter Zeit wurden auch manche Krankheiten als „heilig“ bezeichnet, etwa die EpilepsieEvert Dirk Baumann: Die Heilige Krankheit. In: Janus. Band 29, 1925, S. 7–32. oder (als heilec viur, „heiliges Feuer“) die Wundrose (das Erysipel).Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 388 (heilec) und 402 (viur). Teilweise gleichbedeutend zu dem stark christlich geprägten Begriff wird – unter anderem in wissenschaftlicher Literatur und im Duden – das Fremdwort sakral (von „heilig“, „göttlich“, „geweiht“) gebraucht, auch als Gegensatz zu profan (weltlich).Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Suhrkamp, Frankfurt, 3. Auflage 1987.
Allgemeines „Das Heilige“ wurde laut Rudolf Otto im 20. Jahrhundert zu einem Element, um den „wahren Gegenstand“ der Religionswissenschaft zu bestimmen. Die Erfahrung des Heiligen bezeichnet er als mysterium tremendum und mysterium fascinans. So sei es zum bestimmenden Element von Religion und zum zentralen Gegenstand der Religionswissenschaft geworden.R. Otto: Das Heilige. Die Methode, den Begriff des Heiligen der Gottesidee voranzustellen, hat Gladigow Schleiermacher in seinen Reden über die Religion entwickelt. Burkhard Gladigow zufolge orientiert sich dieser Begriff des Heiligen weitestgehend an jüdisch-christlichen Kategorien des Transzendenten. Er sei daher nicht geeignet, als universale Kategorie der Religionsgeschichte zu dienen, denn der latente monotheistische Hintergrund versperre den Zugang zu den polytheistischen Religionen.Gladigow S. 8. Sigmund Freud charakterisierte den Begriff als Oppositionswort, d. h. als einen der Zweideutigkeit bzw. der Ambivalenz von Affektivität unterliegenden BegriffSigmund Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion. (1939) Philipp Reclam jun., Stuttgart 2010; ISBN 978-3-15-018721-0; S. 149., da er in bestimmten Sinnverbindungen – wie etwa in „heilige Einfalt“ (herablassend für „weltfremde Leichtgläubigkeit“) – auch genau das Gegenteil bedeuten kann.
Manche Stätten, Gebäude, Bäume oder Berge werden als „heilige Orte“ bezeichnet, besonders in animistischen Religionen; aber auch im Christentum und im Islam sowie im Hinduismus und Buddhismus, etwa wenn ein „Heiliger“ (Vollkommener) dort gewirkt hat. Häufig wurden auch Tempel, Kirchen und Moscheen an der Stelle von ehemals heidnischen Heiligtümern errichtet. Schriftreligionen verehren Heilige Schriften – im Christentum die Bibel, im Islam den Koran, im Judentum die Tora.
Es lassen sich drei Arten religiöser Weltanschauungen unterscheiden, die den Gegensatz von heilig und profan je unterschiedlich auffassen:
Kosmische Weltanschauungen sehen die Welt als letzte Wirklichkeit an, somit gibt es nichts Heiliges außerhalb dieser Welt und keinen Unterschied zwischen heilig und profan (vgl. buddhistisch: saṃsāra ist nirvāṇa). Akosmische Weltanschauungen sehen das Göttliche außerhalb dieser Welt. Das diesseitig Heilige im profanen Bereich ist immer eine abgeleitete Heiligkeit, die das jeweilige Heilige repräsentiert. Die Profanität der Welt wird negativ als Schattenexistenz oder Unreinheit qualifiziert (vgl. Platonismus und Hindu-Schulen). Theistische Weltanschauungen akzentuieren die Heiligkeit des Schöpfers in Verbindung zum Anderssein und der Gerechtigkeit. Die Profanität der Welt deutet auf kreatürliche Kontingenz und unheiliges Streben der Mächte hin.
In den Heiligen Schriften Etwas Heiliges gilt als Eigentum Gottes und ist ihm geweiht.
Hebräische Bibel Gemäß priesterlichem System existieren vier mögliche Zustände für Personen und Gegenstände: heilig, profan, rein und unrein. Dabei kann Reines heilig oder profan sein und Profanes rein oder unrein. Lediglich das Heilige und das Unreine schließen einander aus. Beides sind dynamische Begriffe. Der Vorgang, etwas Profanes in den Bereich des Heiligen zu bringen, wird mit dem Begriff „Heiligung“ beschrieben. Er wird ausschließlich durch die Wurzel ausgedrückt, die vermutlich schon immer den Zustand oder die Eigenschaft der Heiligkeit zum Ausdruck brachte.
Für die Wuzel liegen im AT folgende Bildungen vor:
Qal: kultische Heiligkeit; Perfekt: Zustand des Heiligseins, Imperfekt: das Heiligwerden Pi'el: Herbeiführung des Heiligseins (faktitiv); seltener: ästimativ und deklarativ Pu'al: Heilig gemacht werden (Passiv zum Pi'el) Hitpa'el: sich als heilig erweisen Gottes (vgl. Niph'al) und sich heiligen von Menschen (reflexiv) Hiph'il: Weihe (Gott als Empfänger); weihen, als heilig anerkennen (faktitiv) Abstraktum : Heiliges, Heiligkeit, auch speziell das Heiligtum Adjektiv : heilig Nominalbildung : Heiligtum, Kultstätte
Auffällig ist, dass die LXX die Wurzel für gewöhnlich mit wiedergibt, während nur zweimal verwendet wird. Dies ist vermutlich auf die heidnisch-kultische Prägung der im hellenistischen Griechisch weitaus häufigeren Vokabel zurückzuführen.
Die Heiligkeit JHWHs lässt sich im AT nach verschiedenen Seiten hin umschreiben. Die ehrfurchtsgebietende Heiligkeit führt zur Frage, wer vor diesem heiligen Gott bestehen kann. In diesem Zusammenhang findet sich der vermutlich älteste Beleg für die Bezeichnung JHWHs als (, vgl. u. ö.). Insbesondere die Theologie Jesajas prägt die Heiligkeit als majestätische Übermacht und Reinheit. Diese Erfahrung führt zur Anerkennung der eigenen Fehlbarkeit. Den Namen „Heiliger Israels“ verbindet Jesaja vorwiegend mit dem Gerichtsgedanken, wohingegen Deutero- und Tritojesaja die Heiligkeit Gottes mit seinem Heilswillen verknüpfen. Bei Ezechiel wird die Heiligkeit Gottes durch seine Größe, Kraft und Macht bestimmt, mit der er sein Volk beschützt und rettet.
Auch die himmlischen Wesen werden als Heilige bezeichnet, da sie zur Sphäre Gottes gehören. Sie bilden den göttlichen Hofstaat und begleiten sein Erscheinen. Seltener werden auch Menschen als Heilige bezeichnet. Dies steht meistens in Zusammenhang mit einer besonderen Erwählung oder Weihe.
Wiederholt wird das Volk Israel heilig genannt. Die Erwählung Gottes ist dabei nicht in einer Leistung, sondern in Gottes Liebe begründet. Diese Aussagen kommen jedoch selten vor. Insbesondere im Heiligkeitsgesetz ergeht die Aufforderung an Israel, heilig zu werden. Der Grund dafür liegt in der Heiligkeit Gottes und der Erwählung zu seinem Eigentumsvolk. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass Israel durch sein Verhalten das Gegenteil bewirkt.
Es bestehen drei Formen der Heiligung:
Heiligung von Zeit: u. a. Sabbat, Jobeljahr (vgl. u. ö.) Heiligung von Raum: Land Kanaan, Orte der Theophanie (vgl. u. ö.) Heiligung von Personen: Priester, Nasiräer (vgl. u. ö.) Heiligung von Dingen: Heiligtum, Gaben (vgl. u. ö.)
Neues Testament Im Neuen Testament ist weder „Heiligkeit“ noch „Heiligung“ ein zentrales Thema. Der Begriff wahrt durch kultische und ethische Einflüsse eine gewisse Nähe zu den Themenkomplexen Frömmigkeit, Keuschheit/Lauterkeit und Reinheit, geht jedoch nicht in diesen auf. In Entsprechung zur Marginalität des Themas wird „heilig“ bis zur Synonymität an „fromm, gottgefällig“ und „rein“ herangerückt.
Im griechischen Text wird in der Regel die Vokabel (vereinzelt bzw. „Heiligkeit“) verwendet. Trotz der Nachwirkung alttestamentlicher und frühjüdischer Tradition lässt sich eine Neuakzentuierung erkennen: Obwohl Gott der Heilige ist, wird selten auf ihn bezogen. Vielmehr beschreibt es das, was von ihm ausgeht bzw. zu ihm gehört, in erster Linie den Heiligen Geist, auch Gottes Heilsgaben, die Christen und ihren angemessenen Wandel, gelegentlich Christus selbst. Auch „heiligen“ und „Heiligung“ weisen diese Zusammenhänge auf, stellen jedoch den paränetischen Aspekt in den Vordergrund. Heiligkeit und Heiligung sind dabei untrennbar verbunden.
Die Vokabel wird wie bereits in der LXX nur äußerst selten verwendet, die Kultwörter „Hohepriester“, „Priester“ und „Heiligtum“ jedoch häufiger. Vergleicht man den neutestamentlichen Befund mit Josephus, ist auch das Vorkommen der Kultbegriffe sehr gering. Außerdem erscheint ihre Bedeutung durch die Kultkritik und den metaphorischen Gebrauch doppelt gebrochen.
Im NT findet sich eine eschatologische Spannung zwischen verschiedenen Heiligkeitsbegriffen:
Die theologische, unweltliche Schöpfer-Heiligkeit. Wiederholt wird „heilig“ als religiöse Kategorie verwendet, die nur teilweise an das AT und jüdische Pseudepigrapha anknüpft. Ebenso werden antike, insb. jüdische Heiligkeitsaussagen und -vorstellungen unbefangen übernommen. Vor allem die Heiligkeit Gottes und seines Namens spielt eine große Rolle und wird auch dort vorausgesetzt, wo sie nicht explizit Erwähnung findet. Dies zeigt sich insbesondere in der Bezeichnung des Heiligen Geistes und der Übertragung der Heiligkeit JHWHs auf Christus. Wird Jesus als durch den Heiligen Geist geheiligter Gottessohn par excellence verkündet, kann er als Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung der Glaubenden bezeichnet werden. Die pneumatologisch bzw. christologisch geoffenbarte Heiligung als Indikativ anthropologischer Heiligkeit. Entscheidend für die pneumatologisch bzw. christologisch geoffenbarte Heiligung ist das neue Gottesverhältnis, das den Glaubenden zugutekommt. Es ist im Wirken des Heiligen Geistes erfahrbar und in Christus begründet ( u. ö.). Dadurch wird die Grenze zwischen heilig und profan relativiert. Glaubende werden als „berufene Heilige“ bezeichnet ( u. ö.), was sie inmitten des Profanen in ihrer eigentlichen Identität und vor jeder ethischen Entsprechung als von und für Gott ausgesondert umschreibt. Die soteriologische Gnaden-Heiligkeit als Imperativ geschöpflicher Heiligung im Glauben. Die in den Bereich des Profanen übergreifende Heiligkeit verpflichtet die Glaubenden, diese in der Welt und in Verbundenheit der Heiligen untereinander auszuleben. Das Paradox weltlicher Heiligkeit (simul sanctus et profanus) wird von der paulinischen Einsicht erfasst, dass die Rechtfertigung der Gottlosen gleichzeitig ihre Heiligung ist. Diese ist von größter theologischer Bedeutung, da durch sie indikativische Heiligkeit und imperativische Heiligung richtig erfasst werden.
Das NT offenbart die Heiligkeit als gegenwärtige Gabe, die kollektiv und individuell das Priestertum aller Gläubigen begründet. An die Stelle des Tempels tritt die ökumenische Kirche aus Heiden und Juden als heiliger Ort der anrufbaren Präsenz Gottes. Die Kirche ist durch den Geist Gottes heilig. In den sogenannten Mischehen heiligt der christliche Partner den heidnischen und auch ihre Kinder sind heilig, also auf Gott hingeordnet.
Die Heiligung ist kein Einzelgebot ntl. Ethik, sondern auch als Imperativ Wille und Berufung Gottes. Als unmittelbare Konsequenz der Rechtfertigung ist sie die Frucht der Befreiung von der Sünde. Somit zielt sie nicht moralisch oder kultisch auf eine selbstgemachte Absonderlichkeit. Stattdessen ist die Heiligung als evangelische Absonderung eine totale Bezogenheit auf Gott, ein profaner Gottesdienst der Alltäglichkeit und Leiblichkeit und dabei immer nonkonformistisch.